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Don alters her ist auch dem Trierer selber nur seine Porta Nigra vertraut, dazu sein „Kaiserpalast" — jene gewaltigen Ruinen, später Bestandteile der Stadtmauer, die die archäologische Forschung nunmehr als die Heberreste der Kaiserthermen, des (zweiten) Dadopalastes im römischen Trier erkannt hat, Schlich- lich war das Äinphitheater am Rande der jetzigen Stadt noch populär, Im übrigen war man gewohnt, bei der geringsten Ausschachtungsarbeit auf Trierer Boden oder im Lande draußen antike Münzen, Tongefäße, ja Statuen und andere Zeugen der Dorzeit zu finden, ohne sich sonderlich aufzuregen. 3n der Stille sind diese Heberreste einer fernen hochzivilisierten Dorzeit nun im Provinzialmuseum zusammengetragen worden, wo sich der deutsche emsige Forscherfleiß um die Erkundung dieser Borzeit aus den Resten und Triunmern bemühte. Heute finden wir in diesem Museum nach jahrzehntelanger Arbeit wahrhaft „lebende Bilder" des römischen Trier und seiner -Hingebung; die von Prof. Dr. Krüger geleiteten Sammlungen weisen nach der durch Prof. Dr. L ö s ch ck e besorgten Aeuordnung auhervrdentlich wirksame Zusammenstellungen von Trümmern, Statuen, Inschriften und Rekonstruktionen auf, die geschlossene, sinnfällige Bilder des Gewesenen vermitteln. Das ist vor allem in den neuen, von Prof. Dr. Steiner mitverwalteten Räumen gelungen, in denen man durch Zwischenwände und Konsolen aus steinähnlichem Matmtial den Eindruck des Zusammengehörigen noch verstärkt hat.
Hier kann man jetzt vor allem die prächtigen Grabmäler studieren, deren Reliefs uns mit aller wünschenswerten Deutlichkeit das Leben und Streben der römischen Trierer erzählen. Meist sind es Kaufleute, Tuchhändler und zugleich Latifundien- bescher, die sich Zins in Daturalien und Geld zahlen lassen. Gemünztes Geld ist regelmäßig in aufgehäuften Mengen auf diesen Grabmäler» zu sehen. Wer auch das häusliche Leben ist auf den Reliefs breit dargestellt, der Wohlstand, der sich in ausgedehnten Räumlichkeiten, in kunstvollem Gerät, in Gastfreiheit und Dienerschaft kund tat. „Trevis vestit et armat“ heißt es in den zeitgenössischen Nachrichten von der reichen Stadt an der Mosel. Es waren ursprünglich durchaus friedliche Absichten, die in Trier einen großen Wohlstand erzeugt hatten. Legionen waren hier niemals in Garnison, und so finden wir dann auch nur eine» einzigen Grabstein eines Soldaten in der Dkenge der Denkmäler. Hm so merkwürdiger berührt das überaus zahlreiche Auftreten der Bilder des Kriegsgottes Mars. In Steinarbeiten, Tsmpel- stutuen bis herab zu kleinen und kleinsten Dronzestatuetten. Meih- geschenken finden wir ihn hier dargestellt. Das Rätsel löst sich, wenn wir von den Forschern erfahren, daß es sich um den heimischen Gott Lenas handelt, einen Heilgott der Gallier, der Tre» derer. Da er wohl ursprünglich schon eine Lanze führte, haben ihn die, die heimischen Götter umbildenden Römer ihrem Mars verbunden, ihn zum „Mars Lenus" gemacht.
Das Auszeichnende der Tierer Römerfunde ist eben, daß wir es hier nicht nur mit den Heberresten ans der Militärzone, aus den Quartieren des römischen Grenzschutzes zu tun haben, sondern mit einer bürgerlichen Kultur unter starkem römischen Einfluß. Wenn Trier nun auch in zeitgenössischen Dachrichten des öfteren Colonia Augusta Trevirorum genannt wird, so ist daraus. doch nicht der Schluß zu ziehen, daß es sich dabei um eine römische Kolonie handelte. „Colonia" wird ein Ehrenname für die überaus wichtige Stadtsiedlung aus augusteischer Zeit gewesen fein, in der im Jahre 258 der römische Feldherr Postnmus von seinen Legionären in Gemeinschaft mit der Trierer Bevölkerung zum Soldatenkaiser von Gallien ausgerufen wird. Postnmus hatte die Stadt und bas Hinterland von dem Schrecken des Germaneneinfalls unter Galienus befreit. Damals wurde Trier zum ersten Male Kaiserresidenz. Damals wurde die mächtige Stadtmauer gebaut, der die heutige Porta Nigra als Stadttor eingegliedert war. Trier wurde eine „urps opui.en- tissima“, eine prächtige Stadt, mit Thermen aus Marmor, mit Tempeln und einem Kapitol, auf dem die kapitolinische Dreiheit Jupiter, Juno und Minerva verehrt wurde. Diocletian hebt zwar das gallische Sonderkaisertum wieder auf, aber zugleich setzt er seinen eigenen römischen Mitregenten Maximianus Her» ruleus zum Kaiser in Trier ein. lind von hier aus wurden zeitweise Gallien, Spanien und ^Britannien beherrscht — was die Bürger der Römerstadt Lyon den Herren der Welt sehr ver- übelten, da von ihrer Stadt ans bisher das westliche Aömerreich regiert worden war.
Trier wurde also eine römische Weltstadt. LnxuS breitete sich aus. und alle Bölkerschaften des Weltreichs gaben sich auf dem Forum der Augusta Treverorum ein Stelldichein. Spuren verschiedenster Religionen zeugen davon. Der Reichtum wuchs. Die Trierer konnten sich Thermenbauten leisten, die doppelt so groß waren wie die anderer provinzialer Hauptstädte des Reiches, etwa die letzthin ausgsgrabenen von Leptis magna in Afrika. Die Treverer, ein ursprünglich germanischer Volks» stamm mit starker gallischer Dluteinmischung nahmen völlig die Sitten der römischen Eroberer an. Sinnbildlich dafür ist das Leben im A m p h i t h e a t e r; die grausamen Freuden dec entarteten Römer wurden den Treverern zur neuen Gewohnheit. Sie jubelten den blonden Gladiatoren za, die vor dem Throne des großen Konstantin sich mit den kurzen Römerschwertern die Leiber zerrissen. Sie sahen aber auch die germanischen blutsverwandten Gefangenen des Eäsar sich unter den Tatzen der Naubtiere verbluten. — Die römische Zivilisation fand hier in
Gallien einen breiten Boden. Hatten doch die Treverer bereits mgene Längenmaße, als die Römer hier ankamen. Die römischen Meilensteine zeigen denn auch gallische Bezeichnungen.
Don der Derwandlung einheimischer Gottheiten in römische toar schon die Rede. Die Tempel dieser halbbar. ^irischen Gottheiten liegen ursprünglich außerhalb dec (Stabt So das Nationalheiligtum der Treverer, der Mars-Lenus-Tempel. unter dem heutigen Dalduinshäuschen jenseits der Niosel. Her wurde jener Heilgott Lenus verehrt in kleineren Tempeln, bevor ihn die Römer ihrem Mars verbanden und ihm dann hier den großen Marmortempel errichteten, mit dessen Ausgrabung man gegenwärtig in Trier beschäftigt ist. Dem Lenus war die Ancmma bergegeben von den Galliern, und er behielt sie auch als Mar» Lenus. Hier zeigt sich das Heberwiegen der heimischen Vorstellung berm späteren rvmanisierten Kult. In der Nähe de, groß« MarsherligtumS draußen vor der Stadt befand sich auch das Heiligtum der Quelliihmphen, nahe der noch heute „Heidenborn" genannten Quelle, der Tempel der Bulsigiae. An dieser Quelle fand später der Kurfürst-Bischof Balduin Heilung. So wächk hrer die heidnische Heberlieferung in die christliche hinüber — aus dem Heimatbvden im wahrsten Sinne des Wortes „quellend". Die ersten Heiligtümer der Christen lagen übrigens auch außerhalb der Römerstadt, bis sie die alten Dasilikabauten umgestalteten xu christlichen Kirchen.
2kun ist aber Prof. Siegfried Löschcke, angeregt durch me Hntersuchung der alten Funde bei der Neuordnung des Museums, zu überraschenden Entdeckungen bei den daraufhin totgenommenen Grabungen in einem Wiesental südwestlich der Kaiserthermen gekommen. Der Verfasser hatte GelegenhÄt, sich ton dem Forscher selbst an Ort und Stelle die großartigen Resultate der mit außerordentlichem Scharfsinn unternommenen Grabungen erklären zu lassen. In dem sanft gegen die Stadt hin abfallenden Altbachtale, eingerahmt von der Bahnlinie und modernen Gebäuden, da wo eben eine großangelegte Rampen» praße das Straßenniveau der heutigen Stadt durch Ausschüttungen erreichen sollte, findet man jetzt mehrere Meter tiefe Ausschachtungen. _ In verschiedenen Schichten tritt das antik Niveau zutage: eine mit mächtigen Sandsteinblöcken gepflasterte römische Straße führt in der obersten Schicht dahin. Dann folgen unregelmäßig und teilweise sehr beschädigt die Grundmauern von Tempelanlagen.
Diese Kultbauten — bis jetzt sind etwa 20 ermittelt — stellen in der Tat ein nordisches Delphi dar, so weiträumig und reichhaltig ist ihre in verschiedene nachchristliche Jahrhunderte fallende Anlage. Dieser Tempslbezirk liegt außerhalb des augusteischen Trier, aber innerhalb der späteren Kaiserresidenz. Die besondere Bedeutung dieser Funde liegt nun darin, daß hier in noch höherem Maße als bei den Funden jenseits der Mosel in dem Marsheiligtum die heimischen Gottheiten in geringer römischer Verhüllung an der Stätte ihrer Anbetung zu finden sind. Auswärtige Funde sind mit diesem gewiß noch längst nicht in seinem ganzen Hmfang aufgedeckten Tempelbezirk in nähere Verbindung zu bringen. Neben einem Heiligtum des Jupiter Tarrants (Donar) und dem des Handelsgottes Esus, des Wegebauers uniö Baumfällers, fand man hier einen Altar des altetruskischen Gottes der Jahreszeiten Bertumnius, der hier auch als Pisuntto bezeichnet wird mit dem einheimischen Namen. Der Mar ist mit Widder- und Menschenköpfen verziert, was mit Sicherheit darauf schließen läßt, daß darauf Menschenopfer gebracht worden find. Ferner gehört zu den Merkwürdigkeiten dieses Teinpelbezirks das innerhalb einer Tempelummau?rung gefundene Steinbild eines Stiers, der ebe-nals von :>>■ f- gewandeten Frau geleitet wurde. Zweifellos handelt es sich um einen Wasser- und Fruchtbarkeitsgott — man wir- nun greifen, wenn man das Götterbild als eine Maske des Dionysos bezeichnet. Ein Stück weiter finden wir eine FruchtbarkeitsgöttW (Avesta) mit dem Spankorb auf dem Schoß, sitzend vor dem zweizelligen Heiligtum. Die Tempel zweigen in den aufgedecktea Grundmauern meist nur den Hmfang etwa späterer, christlicher Feldkapellen. An einer Stelle liegt das Viereck deS sväteren Baues direft über dem früheren Rundbau.
Die Methode der Grabungen ist eine vorbildliche Leistung deutschen Forschergeistes. In Siegfried Loefchcke, dem Sohne des bedeutenden Donner Archäologen, vereinigt stch der Archäologe mit dem Geologen, und so wird es ihm möglich, an- den geringsten Spuren noch Schlüsse zu ziehen. Seine Grabungen erstrecken sich immer bis aufs gewachsene Erdreich. Selbst das in den Grabbereich eingedrungene letzte Hochwasser der Mosel, bat seinen sicheren Finderweg durch die brüchigen Spuren nicht beirren können. Die Regierung hat ihm in verständnisvoller Weift größere Mittel zur Verfügung gestellt.
Es ist sehr zu wünschen, daß die Bevölkerung, die Behörde« und die Staatsregierung diesem großartigen Werke weiter ihr Wohlwollen beweist, damit hier eine nationale Aufgabe von größter wissenschaftlicher und kultureller Tragweite gelöst werde« ann. Denn die Erschließung der römischen Kaiserresidenz in d« deutschen Westmark und ihrer Tempelbauten heimischer Gottheiten ist für die Sicherung der Erkenntnis unserer eigenste« Wesenheit ein Werk ton höchster nationaler Bedeutung! Trier ist einer der Angelpunkte der europäischen Kultur und Geschichte gewesen — es kann uns wie kaum eine andere Stadt Aufschluß geben über die Kraftlinien unserer Entwicklung.
Schristleitung: Dr. Friede. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'jchrn Hniv.-Btrch- und Steindruckerei, A. Lang«, Gießen,


