Ausgabe 
10.4.1926
 
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Deelhovens Büste.

Don Nicolaus Lenau.

Traurig kehrt ich eines Abends 3n mein einsam düstres Zimmer; Heberraschend drin entgegen Blinkte mir ein Freudenschimmer. Mit den, sichern Blick der Liede Hack' ein Freund den Spalt getroffen, Wo des Unmuts düstre Zette Blieb dem Strahl der Freude offen. Ha! ich fand des Mannes Büste, Den ich höchst als Meister ehre Nebst dem schroffen Urgebirge Und den, grenzenlosen Meere.

Ein Gewitter in den Alpen, Stürme auf dem Ozeane Und das große Herz Beethovens, Laut im heiligen Orkane, Sind Die Wecker mir des Mutes, Der das Schicksal wagt zu fordern, Der den letzten Baum des Edens Lächelnd sieht zu Asche lodern. Kämpfen lern' ich ohne Hassen, Glühend lieben und entsagen, Und des Todes Wonneschauer, Wenn Beethovens Lieder klagen; Wenn sie jubeln, Leben schmetternd, Daß die tiefsten Gräber Hüften, Und ein dionysisch Taumeln Rauschet über allen Grüften.

Beethovens Kindheit.

Don Prof. Dr. Ludwig Schiedermair*).

Wenn wir die glaubwürdigen Gewährsmänner darnach fragen, was ihnen an dem Jungen während der erstm zehn Jahre seines Lebens auffiel, was sie stutzig machte und sich ihrem Gedächtnis einprägte, so erhalten wir Antworten, die sich meist auf Alltäglichkeiten beschränken, wie sie damals im Dasein Der Donner Kinder überhaupt an der Tagesordnung waren. Nur vorübergehend erfahren wir von einzelnen Wesenszugen, welche die Mehrzahl der Donner Altersgenossen nicht teilte und die den jungen Beethoven einer besonderen Gruppe zugehörig er­scheinen ließen. Häufig lag er im Fenster, den Kopf auf beide Hände gestützt, träumerisch und mitschönen tiefen Gedanken be- schäftigt". starrte ..aus einen Fleck' und vergaß alles um sich her. Scheu und einsilbig, in sich gekehrt und ernsthaft lebte er verdrießlich unter anderen Menschen" dahin. Er vernachlässigte zuweilen das Aeirßere und wehrte Einwände mit den Worten ab. wenn er es zu einem großen Herrn gebracht habe, werde ihn niemand darnach fragen. Daneben hören wir aber auch daß er gerne mit Kameraden lustige Streiche plante und vollbrachte, daß er zum Beispiel Hähne fing und eine solche Handlung ohne viel DiO-enken mit dem Hinweis auf ein altes Naturrecht be« gründete Diese zeitgenössischen Beobachtungen, mögen sie auch mebr oder weniger zurechtgestutzt sein, verraten doch schon un­gefähr etwas von Beethovens ursprünglichen Eharaktereigei^ schäften, seinen älr-Anlagen und Hr-Jnhalteii, von seinem sich nach Jnnen-Zurückziehen, dem Wechsel seelischer Stimmungen, seinem Selbstgefühl, der Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Aeußerlichkeiten. Wenn der spätere Beethoven sich im persönlichen und brieflichen Verkehr über Kunst und Erlebnis meist völlig ausschweigt, so daß die Verleger über seine neuen Werke zu­nächst nur ein paar allgemeine, hingeworfene Worte vernehmen und die nächsten Freunde über dieunsterbliche Geliebte gar nichts wissen, wenn er den Leuten förmlich entgegenschreit: Laßt mich, wenn ich nur keinen Menschen mehr sähe" und, freilich auch unter dem zunehmenden Druck der Krankheiten, schließlich immer mehr in die Einsamkeit flüchtet, so wurzelt dieses Verhalten ebenso in diesen ursprünglichen Charaktereigen- tümlichkeften, wie wenn er später unbekümmert um seine Um­gebung zeitweise mit zerrissenen, ungepflegten Kleidern herum­läuft, Fürsten als gesellschaftlich Gleichgestellte behandelt und dein jungen Holz entgegnet:Auch ich bin ein König", oder in Freunden und Bekannten Lakaien sieht,bloße Instrumente, worauf ich. wen-''s mir gefällt spiele", und sie bald mit Zärtlich­keit anzieht, bald erbarmungslos abstößt. Diese Ureigenschaften bildete!, die innersten Triebkräfte mancher Handlimgen und Aeußerungen der sväteren Zeit, mochten sie dann auch durch die Verhältnisse und Erlebnisse eine besondere Färbung und Zu- spitzung erfahren haben; sie bedingen vor attem auch Charakter und Verlaus mancher Werke, stitter, weltabgewandter, verson­nener Adagios und Monologe, dionysisch und cktanisch dahin-

) Aus dem umfassenden WerkeDer junge Beethoven", das auf Grund bisher gänzlich unbekannten Materials die Jugend des großen Tondichters schildert. Da in der Jugend bereits die Keime des Genies sich zeigen, treten in dieser Darstettung schon ftizzenhast die Züge hervor, die den Meister später in seiner Vollendung kennzeichnen sollten. (Verlag von Quelle u. Meyer. Ganzleinen 20 Mk.)

stürmender, mit göttlicher Vemvevänttät bte bisher gezogenen Grenzen überspülender Durchführungen und Finales. Ferner berichten Zeitgenossen auch von dem Vergnügen, das dem kleinen Jungen die Töne schwirrender Fensterhalter bereiteten, von seinem Herumsahren,Sprudeln" und Spielenaus dem Kopfe" auf dem Klavier und legen damit von einer weiteren angeborenen! Ureigenschast des jungen Beethoven Zeugnis ab, die von be­sonderem Interesse ist, da sie auf den künftigen Musiker hinweist. Freilich konnte diese frühe Kundgabe eines musikalischen Sinn« noch nicht viel über die Substanz und den Stärkegrad musikalischer Produktivität besagen. Es ist demnach das Bild eines musikalisch veranlagten, menschlich ost merkwürdigen Jungen, das aus den zeitgenössischen Mitteilungen hindurchschimmert, wobei selbstver- tändlich nicht außer acht gelassen werden darf, daß auch andere ursprünglich« Eigenschaften, die erst allmählich im späteren Leben Beethovens stärker in Erscheinung traten, schon bei dem kleinen Jungen sich offenbarten, aber in den Erinnerungen zeitgenössischer Gewährsmänner aus irgendeinem Grunde unberücksichtigt ge­blieben waren.

Können wir von den, späteren Beethoven auf den kleinen Jungen zurückschliehen und dadurch int Zusammenhang mit zeit­genössischen äleberli-eferungen den Versuch wagen, ursprüngliche Eigentümlichkeiten herauszuschälen, so stößt die Bemühung, den Erlebnissen nachzuspüren, welche die Seele des Knaben auf­wühlten und sich in ihr eingruben, meist auf versperrte, unzu­gängliche Wege. Es ist kaum anzunehmen, daß der Tod des Groß­vaters in dem Dreijährigen einen tieferen Eindruck hinterließ, vielleicht schon eher, daß ihn das Verlöschen der unglücklichen Großmutter etwas stärker berührte. Der Großmütter wird er aber kaum einmal näher gekommen sein, die Persönlichkeit des Großvaters lebte in seiner Phantasie erst einige Jahre später auf, als er im Familienzimmer das vom Hofmaler Radoux ge­schaffene Bild aufmerksam studierte, verlor sich jedoch seitdem, wie wir aus seinen späteren Aussprüchen wissen, nicht mehr aus seinem Gedächtnis, da sie sein ethisches Grundgefühl zur Be­wunderung zwang. Erst in den Jünglingsjahren durchrieselten ihn angesichts der eigenen Todesnähe und des Hinscheidens der Mutter alle Schauer des Rätselhaften und Aeberirdischen. Da­gegen packte wohl schon den kleinen Knaben, sobald er ordentlich laufen und mit den Augen bewußt in die Welt blicken konnte, das Walten der schöpferischen und niederreißenden Nakurmächte. Die Wanderfahrten in die sieben Berae. in das Ahrtal, das Herumstreifen in Feldern und Wäldern der näheren und wei­teren Hingebung wurden ihtn zum unauslöschlichen Naturerlebnis, das auch zu Hause in ihm nachzitterte und ihn auf den Speicher trieb um von dort sinnend auf Strom und Berg zu schauen.Da konnte man sieben Stund weit sehen. Das war Ludwig van Beethovens sein Wohlgefallen." Nicht die gigantischen Riesen­ketten der Alpen, für deren Erhabenheit und wilde Großartigkeit sich damals erst alttnählich bei wenigen die Augen zu öffnen be­gannen, taten sich vor ihm auf, sondern von der Natur geradezu verschwenderisch beschenkte Landschaften, auf die gelieferte und vulkanische Berge ihre Ausläufer Herabfenken, die der im Sonnen­glanze strahlende Strom durchfließt und ein Kranz von Tälern umsäumt Wenn Fischer in seine Erinnerungen den Satz nieder­schreibt: , Beethovens liebten den Rhein", so trifft das den Nagel auf den Kops. .Und wie dem Jungen die unbeschreibliche Lieb­lichkeit und Anmut der rheinischen Gegend entgegenleuchtete, so wurde er auch schon früh Zeuge der Schrecken der entfesselten Naturmächte. Der schaurige, das umliegende Stadtviertel be­drohende Schloßbrand, den die Beechovenschen Kinder, mit den Worten begleitet haben sotten:Das ist gut, daß wir wieder hier (in der Rheingasse) sind, am Rhein ist Wasser genug für zu löschen", wird seinem Gedächtnis ebenso wenig jemals ent­schwunden sein, wie sieben Jahre später die furchtbare Heber« schwemmung, bei der die Beethovensche Familie auf einer Leiter die Wohnung verlassen und vorübergehend in die Stockenstraße übersiedeln mußte. Bei diesen frühen Naturerlebnissen der rhei­nischen Heimat stoßen wir auf die Basis, aus der sich Beethovens Naturgefühl entf altete und jene Wandlungen, Verfeinerungen und Verästelungen durchmachte, die wir in seiner späteren Zett beobachten. Mit diesen frühen Naiurerlebnissen hängt es zu­sammen, daß Beethoven später in ähnlichen Gegenden der Wiener Umgebung sich besonders wohl fühlte und in ihnen ein an einen anderen Ort verzaubertes Stück rheinischer Heimat sah; auf sie gehen letzten Endes alle die Aeußerungen zurück, die wir von ihm über seine Beziehungen zur Natur besitzen. Dor attem aber gewannen diese Naturerlebnisse eine besondere Bedeutung für Beethovens Werk. Wer sich später nicht so sehr Rousseaus, als Sturms Naturauffassung näherte und in der Pastoralsymphonie, die bezeichnenderweise keine Alpensymphonie. sondern eher eine Symphonie der Mittelgebirgslandschaft darstellt, nicht mit äußer­licher Naturausdeutung, mit Tonmalerei und Illustration, be­gnügte dessen Seele hatte das Naturerlebnis schon in der Jugend nickt nur oberflächlich berührt, sondern aufs tiefste getroffen und nicht mehr frei gelaßen. Und diese frühen Naturerlebnisse, das gewaltige Format von Feuersbrunst und Heberschwemmung, die sich dabei offenbarende menschliche Hilfslosigkeit gegenüber der sich plötzlich auftormenben Allmacht befruchteten auch Beethovens religiöses Empfinden, aus dem sich nach Schindlers Mitteilung später die prinzipiellen Worte loslösten:Religion und General­baß sind für sich abgeschlossene Dinge, über die man nicht weiter