Ausgabe 
10.4.1926
 
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Gietzener jamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926

Nummer 29

Samstag, den |v. April

Gebet.

Don Albert Sergel.

Wie Dusch und Daum in Blüte steht, steht meine Seele im Gebet: Sie blüht und lodert hell dir zu, du Großer, Anbegriffener du, der Dusch und Daum in Güte hält, die Liebste und die ganze Welt. And sie und ich und Dusch und Daum ein liebetiefer Gottestramn.

Der Liedchespferfer von Angersbach.

Eine Geschichte von Vogelsberger Finken und Menschen.

Von Franz Gros.

l.

Es war schon mancher ein großer Sänger in deutschen Landen oder sonstwo in der weiten Welt, sang vor Tausenden und Zehn- tausenden, errang und ersang sich Lorbeerkränze und Rosen, Ruhm, Wagen und Pferde und Landhäuser und er selbst, der groß« Tenor, tauschte wohl mit keinem König, der zu ihm zu Gaste ging.

Solcher Art sind die Großen im Reichs der Kunst.

Doch kennst du, lieber Freund und liebe Freundin, di« Stillen im Lande, die so zart sind im Herzen, so bescheiden in und mit sich selbst, die fern der großen Straße im kleinen Kreise wirken? Von solch' Stillen im Lande, im vberhessischen Lande, will ich euch erzählen, die auch nicht sangen, sondern nur pfiffen, wunderbar schön pfiffen, daß alle, die sich ihrer kleinen Kunst erfreuten, stille zuhörten und von ihrem freundlichen Pfeifen noch ihren Kindern und Kindeskindern sagten. Von solch' Stillen im Vogelsberge, dem lieblichen hessischen Waldgebirge, das sein« klaren Bäche zum Rhein und zur Weser schickt, will ich euch heute erzählen.

Von einem Vater und seinem Sohn. Gewiß sahen nur meine Gedanken die beiden dort. Deshalb haben sie doch gelebt.

Zu Angersbach war es.

Der Sohn ward geboren just am selben Tage, als die Leip­ziger Schlacht ihren Anfang nahm, also vor weit über hundert Jahren. Der Vater war mit dabei und ließ am Grimmaschen Tor sein Leben. Erst ein viertel Jahr später hörte feine junge Witwe von einem schwer blessiert heimgekehrten Lauterbacher, daß ihr Mann Philipp hieß er und nach ihm war auch in stiller Ein­samkeit sein Söhnchen getauft worden einer schlimmen Fran-- zvsenkugel zum Opfer gefallen war.

Die Lisbeth fing an zu greinen, daß man es in ganz Angers­bach hörte, und wollte schier nimmer damit aufhöven. Tag und Nacht hielt sie ihren kleinen Buben im Arm und ihre Tränen netzten oft des Bübleins zartes Gesicht.

Sie wohnte mitten im Dorf.

In einem schmalen, strohgedeckten, geschindelten, wackeligen Häuschen, dessen dünn« Mauern nur zwei Räum« bargen. Man hätte meinen können, fürchte sich und ducke sich vor feinen* größeren Nachbarn und bitte um Verzeihung, daß man es is dieses stolze Dorf hineingebaut habe. Drei alte, hohl ausgelaufene steinerne Stufen führten von der breiten Dorfgasse zur alters­schwachen Haustüre empor. Dor dieser Türe floß mitten durch die Ortsgasse das »Dorfwasser", das in die Lauter fließt. Das saubere Quellwasser, in dem man rotbunt gesprenkelte Forellen dahinschießen sah, nach deren junger Brut die Enten die Hälse reckten, floß hinab ins Schlitzerland und zmn breiten Fuldatal.

Oeffnete man die alt« Türe des besagten Häuschens, sie bestand, wie man es heutzutage noch da und dort auf dem Land« sehen wird, aus einem oberen und einem unteren Seite so kam man in einen schmalen, dunkelen Gang, an dessen Ende, nur wenige Schritte von der Haustüve entfernt, ein kleiner gemauerter Herd stand. Zwei Kochlöcher namrte er sein eigen und kemes von ihnen war entbehrlich, denn auf dem einen kochte Lisbeth das Gemüse und auf dem anderen die tägliche Haupt­mahlzeit. di« Erdäpfel. Arme Leute haben auf ihrem Herde mit zwei Kochlöchern genug. Eines für das Gemüse und eines für die Kartoffeln. And Fleisch bekommen solche Kochlöcher selten zu sehen. Höchstens am Sonntage.

Wovon Lisbeth lebte, nachdem ihr Philipp, der Knecht bei den Riedesels auf der Lauterbacher Burg gewesen war, den frühen Tod gefunden hatte? Ja, kurz sei'S gesagt: Bcm nichts. Es gibt Menschen, die solche» fertig bringen, auch heutzutage noch, und die auch mit ihrem irdischen Lose zufrieden sind. Weil

sie nie etwas anderes gekannt haben als die Armut, oder di«, die sich nach und nach daran gewöhnt haben, arm geworden zu sein.

Dahin und dorthin ging unsere Lisbeth zu den Dauern half waschen und arbeitete dort im Haus« oder auf dem Feld«, wo sie gerade verlangt wurde. Alles um di« Kost und um fünf Kreuzer für den Tag. So lang« ihr Philippchen noch nicht laufen konnte, legte sie es stets auf ein mitgebrachtes, rot und weih gewürfeltes Kissen, das mit Heu und Häcksel gefüllt war, in die Nähe ihrer Arbeitsstelle; doch immer so, daß sie ihren Buben nicht aus dem Auge verlor. And das geschah niemaü.

Dazu hatte sie auch noch geringere Sorge um ein andere» liebes Lebewesen, das sie aber stets daheim lassen muhte.

Ein Gimpel war's, ein Dlutfink, der in einem grünen Holz­käfig an der niederen, grau getünchten Wand ihres engen Wohn­raumes saß. Ihr Mann hatte ihn im Jahr« bevor er in den Krieg und in den Tod zog, int nahen Asbergwalde samt seinen Brüdern und Schwestern aus dem Neste gehoben und aufgezogen. Die kleinen befiederten sich und mauserten sich. Als man di« Männ­chen und di« Weibchen voneinander unterscheiden konnte, lieh er letztere in die Freiheit fliegen, die Männchen aber mit den roten Brüsten, dem bunten Gefieder und der schwarzen Kapp« auf deut Kopfe, verkaufte er bis mtf den besten, den er behielt, an einen umherziehenden Dogelaufkäufer aus der Fuldaer Gegend: Stück für Stück um etliche Heller.

Als der Händler sortgegangen war, begann Philipp alsbald den einsam Zurückgebliebenen zu unterrichten. Allmorgendlich bevor er zur Arbeit aulbrach, gab er feinem Lehrling frisches Wasser, einen Navf voll: und frisches Futter, ebenfalls einen Napf voll. Der Dompfaff machte sich über die Atzung her, während sich sein Herr draußen am Bache mit den hohlen Händen das kühle Wasser über Kops und Gesicht schüttete. Das tat ihm wohl und macht den teuren Schwamm entbehrlich. Trat sein Meister wieder in die Stube, so hüpfte der Schüler auf die obere, aus Schilfrohr geschnittene Käsigstanae feiner engen Be­hausung. Philipp hängte als kundiger Lehrmeister ein Tuch über den Käfig, damit der Schüler durch nichts gestört werde, setzt« sich behutsam aus einen Stuhl darunter und fffiff ihm gar oft die Weise des Liedes vor:

Blau blüht ein Blümelein, das heißt: Vergiß nicht mein! Hab dich von Herzen lieb, das glaube mir.

Philipp wußte stets den richtigen Anlaut zu treffen, auch ohne die Stimmgabel mit dem Pariser Kammerton. Nicht um einen achtel Ton zu hoch oder zu tief setzt« er ein. Anter dem Tuche aber faß das junge Dompsäfflein zuerst wohl unendlich schüchtern und verlassen. Ein junges Menscheirkind hätte in solcher Einsamkeit geweint. And es erschrack zunächst gewaltig, als fein Herr das Tuch über feine enge Behausung legte itrift zu pfeifen begann. Denn der Zweck solchen Tuns war ttnft blieb ihm gewiß gänzlich unverständlich. And trotz dieser Finsternis nach außen bin, wurde es doch immer heller in dem Vogelkövfchen selbst. Es hörte di« runden, seinen Laute seines Meisters Tag um Tag. And es ging ettvas vor in dem Köpfchen, etwas Wunderbares. Wenn Phisivv in der Frühe aufstanft, wachte auch Hans, der Vogel, auf. hüpfte auf der Stange Bin und her und konnte es kaum ermatten, bis er Wasser und Futter hatte, ttnft sein Herr wieder das dunkle Tuch über seine Behausung legte, um ihm dann die freundliche Weise vorzup^eifen. Ja. kaum war der erste Ton geflötet, so hatte das kluge Dompsäfflein bereits den zweiten im eigenen Köpfchen ersaßt und das geschah so weiter, bis fein Lehrmeister den letzten Ton gepfiffen hatte. Sange ging es so Tag um Sag. und im bisher so törichten Gimpelköpfchen entstand etwas, was di« neunmal klugen Menschen Gedächtnis. Gehör oder beides zugleich nennen, und worauf sie oft gar so stolz sind. Als ob der liebe Erftenschöpfer den allermeisten nicht dies« Gaben als ein besonderes Geschenk in ihre arme Menschenwiege gelegt hätte, und sonach ein Grund zum Stolzsein wahrlich nirgends zu finden ist.

Aber das begriff unser Dompsäfflein nicht, daß Philipp niemals, bevor er zur Arbeit ging, das Tuch von feinem Käfig entfernte. And nur so kam es doch, daß sich in unserem Schwarz» köpfe, ohne Störung durch di« in seiner Nähe fleißig schaffende Lisbeth immer wieder die alte Weis« wiederholte so lange, bis er eines Tages zögernd sein gerundetes Schnäbelchen auftat und von selbst di« Weis« zu pfeifen begann. Zuerst wenige Takte nur, und dann nach und nach die ganze Melodie.

(Fortsetzung folgt.)