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vor ihrem Bett sitzen, gerade auf ihrem roten schörlakenen Unterrock. Und der Deuwel nahm einen Priem, spuckte ein paarmal und gröhlte dann mit leise kochender Stimme, die wie Pech in ihren Ohren brannte:
„Jule, Jule, Jule,
Du büst ein dummes Vieh, Jule, Jule, Jule,
Du lernst das Leben nie."
„Oh, wieso?" sragte Ante Dauch, wobei sie bis über die Augen unter die Bettdecke kroch.
„Na, wieso?" stach der Deuwel weiter, während seine roten Kohlenaugen sie grimmig anfunkelten: „Wieso? Büst du nich eine arme, fleißige Frau?"
„Das is so — das is so."
„Und hast du all eins hundert Mark beisammen gesehn?"
„Nee, nee, wie soll ich? Wie soll ich bloß?"
„Aber du willst woll abwarten, bis deine Swester Riksch dir zuvorkommt? Die versteht sich auf solche Sachen."
„Ja, was wollt' sie nich? — Was wollt' sie nich? Aberst wenn der Lehrer nu was merkt?"
„I, deswegen kannst du ruhig sein, oll Antsch. Der hat noch nie was gemerkt. Und hat er nich morgen seinen Geburtstag? Und kommen da nich viele Leute? Und kannst du ihm nich auch gratulieren?"
„Ja, ja — aber nu doch", wandte Ante Dauch ein, sich schweißgebadet herumwälzend.
„Was?"
(Schluß folgt.)
Post von England.
Von Friedrich F r e k s a.
Es war in einer Juninacht des Jahres 1821, als im Ratskeller zu Bremen an einem großen, runden Tisch trotz später Stunde noch eine Gesellschaft von alten, würdigen Herren ausharrte, die ihre Blicke auf einen stattlichen Mann in langem, flaschengrünem Rock gerichtet hatten, dessen Worte sie andächtig einsogen wie edlen Wein.
Diese Bremer Herren mit durchgearbeiteten Gesichtszügen, harten Augen und Köpfen, die fest hn Nacken saßen, glichen einer Versammlung von kleinen Fürsten. Das Kinn und die Lippen trugen sie nach englischer Sitte rasiert, während die Backen von Favorits eingerahmt waren. Trotz der geröteten Wangen, die auf reichlichen Weingenuß schließen ließen, waren die Bewegungen gehalten und die Stimmen gedämpft, sie standen unter dem Banne des Herrn im grünen Rock. Der Kopf dieses Mannes war raumbezwingend. Eine mächtige Stirn lief über in einen kahlen Scheitel, aber die Seiten des Kopfes und das Hinterhaupt wurden von üppigen grauen Locken umrahmt. Große, blaue Augen schauten beherrschend und melancholisch zugleich auf die andern Gäste. Die große, gebogene Nase über dem schmalen spitzen Kinn war von Hautfalten umzogen, die Kummer und Verbitterung verrieten.
Zwei Herren hatten die Vorzüge der freiheitlichen republikanischen Staatsverfassung verteidigt, aber der Herr im flaschengrünen Rock hatte herrisch nachgewiesen, daß diese Verfassung der Griechen nur Geltung habe für kleine Gebilde, wo ein Mensch den anderen kenne und zu überwachen vermöge; denn große Staaten muß eine Konstitution strafen, die einen germanischen Gottesvertrag zwischen Volk und Herrscher darstellt.
Mitten in diese staatsrechtliche Unterhaltung hinein erschollen plötzlich draußen an der eichenen Pforte des Kellers laute Schläge eines Einlaßheifchenden.
„Der kann pochen soviel er will", erklärte einer der Herren am runden Tisch. „Einlaß findet der um diese Stunde nur noch auf der Stadtwache."
Da rief von außen der Einlaßbegehrende laut:
„Wichtige Botschaft! Wichtige Zeitung aus England für Herrn Senator Brunk er!"
Der Jüngste der Gesellschaft sprang auf und schüttelte den Küfer, der sich auf ein kleines Faß gesetzt, die nackten Arme über der Lederschürze unterschlagen hatte und sanft eingeschlummert war. Schwer- sällig taumelte der jäh Geweckte die Stufen hinauf, begab sich zur Pforte, öffnete das Schiebefenster und schaute hinaus.
„Kurier aus Bremerhaven", schrie er in den Keller mit lauter Stimme hinein.
„Soll eintreten", befahl am runden Tische der Senator Brunker, der sich zu voller Größe aufgerichtet hatte und nun dastand, weißhaarig, in langem, dunkelblauem Rock und hellgelben Lederhosen.
Rasselnd öffnete sich die Eichentür, in hohen Stiefeln, Mantel, Schlapphut, die vom Regen durchfeuchtet waren, stolperte der Kurier die Stufen hinab, grüßte den Senator, zog die große Ledertasche hervor und überreichte seinen Brief.
Brunker erbrach das Schreiben, er las es, fuhr sich über die Augen, las es wieder und sagte: „Küfer, bringe er zwölf Flaschen 1757er Johannesberger". Dann wandte er sich an den Herrn im grünen Rock. „Es ist mir eine Freude. Exzellenz vom Stein," sagte er, „daß Ihre Reise durch Deutschland Sie zu uns nach Bremen gerade zum jetzigen Zeitpunkt führte. Post aus London: Ihr großer Feind Napoleon Bonaparte ist am 5. Mai verschieden auf der Insel St. Helena. Gott wird ihm Richter sein, wie er es verdient hat!"
„Ist es wahr, ist es möglich?" ließen sich einige zaghafte Stimmen vernehmen. Dann bemerkte einer der Herren: „Wie kann man ihn
aus der Welt fortdenken", und ein anderer: „Wenn er auch gefangen saß, immer war die geheime Angst da, er würde wiederkommen." Endlich aber sagte eine leisere Stimme: „Ist es denn auch verbürgt?^ „Verbürgt durch unseren Residenten in London, erwiderte Senator Brunker.
Alle schwiegen. Aber alle Blicke hatten sich auf den Freiherrn vom Stein gerichtet, der dasah und die Stirne mit den Händen umklammert hielt.
Der 57er wurde gebracht, die Römer wurden gefüllt, selbst Küfer und Kurier erhielten ein Glas des kostbaren Getränks, und es wurde angestoßen auf die Befreiung Europas.
Aber es war kein Jubel; leise, gedämpfte Freude, die nicht allzu sehr von Traurigkeit unterschieden war, führte Wick und Gläser zusammen.
Aller Augen hafteten auf dem Gesichte des Herrn vom Stein; es war, als ob alle von ihm ein Wort über diese ungeheure Tatsache zu vernehmen wünschten. Endlich sagte der Freiherr: „Sehr wunderlich ist's, daß ich zu dieser Stunde an ein anderes, sehr fernes Erlebnis meines Lebens denken muß. Es war im Juli des Jahres 1779. Ich befand mich auf der Durchreise durch Berlin und gedachte mich in meiner Eigenschaft als westfälischer Bergrat meinem Herrn, dem König Friedrich von Preußen, in Potsdam vorzustellen. Da ich in Potsdam niemand kannte, gedachte ich einen mir befreundeten Offizier, der in Sanssouci Dienst hatte, aufzusuchen. So schritt im am Abend durchs Städtchen Am hinteren Eingang war ich in den Park gelangt, umstrich die Rückfront des Schlosses und bewegte mich von links durch die Bosketts, als mein Blick auf die einzige Gestalt fiel, die draußen auf der Terrasse im Mantel gehüllt saß.
Der Hut, das Profil, der Blick der Augen, die in die Ferne starrten, gehörten dem Manne, den ich von Jugend an mit der Liebe des Deutschen geliebt hatte, der in ihm allein den Retter von fremder Not sah.
Atemlos blieb ich stehen. Lange hatte ich den König nicht gesehen. Er war alt, die Haut faltig und zerrissen, die Sippen blaß und trotzdem, der Blick dieses Greises hatte feine Gewalt nicht verloren. Unter dem dreieckigen Hut hervor schaute er über die Terrassen, über den Park hinaus in die Lande.
Ich erbebte bei dem Gedanken, was ihn wohl bewege. Da gewahrte ich von ungefähr, daß er den Blick senkte und leise mit dem Krückstock im Staube schrieb.
Eine Glocke meldete die neunte Stunde. Ein Husar kam und geleitete den alten König ins Schloß.
Ich aber eilte zu der Stelle und schaute die Zeichen an, die er geschrieben. Ein Wort war es, ein einziges französisches Wort, es lautete:
„Rien — nichts."
Sas überwältigte mich. Ich war jung, ich wußte noch nicht, was dies Wörtchen alles sagt. Doch blieb es mir im Sinne hasten und um so stärker, als ich den Freund verfehlte und keine Worte oder Gedanken verblassend vor die kleine Siwe traten.
Geängstigt und gequält begab ich mich in meinen Gasthof und meldete die Audienz am nächsten Tage nicht an. Ich schämte mich, als hätte ich beim König gehorcht, meinen Herrn um etwas betrogen.
Aber je älter ich ward, um so tiefer begriff ich den Sinn des Wortes. Jena und Auerstädt gaben ihm Klang. Die kleine Silbe ward ein Weiser in die Zukunft. Aber erst als mich Bonaparte ächtete, klang es mir voll und gewaltig in die Ohren. Wie oft las ich noch später dies Zeichen im Staube wieder. Nach Moskaus Brand, nach dem Tage von Leipzig, zu den Zeiten des Wiener Kongresses und bei Waterloo: „Rien — nichts! bleibt, was wir als Geschichte in den Staub vergangener Menschenleiber schreiben. Nur Völker sind ewig als Werkleute des Schicksals, als Vollender ihrer Gottes- bestimmung. — Fühlen wir als Deutsche unsere Berufung wie Anno 13, die Jahre der Erleuchtung, bann werden wir bleiben trotz solcher Kolosse, wie der Korse, den nun der Tod geholt hat."
Leuchtende Farben.
Von Ingenieur Karl Trott.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts lebte in Bologna ein Schuhmacher Vincenz Cascearalo, nach einer anderen Lesart Cascia- rotus, der sich neben seinem Gewerbe auch mit der Alchimie befaßte. Auf der Suche nach dem Stein der Weisen sUtd er am Berge Paterno ein Stück Schwerspat. Er nahm es mit nach Hause, glühte es mit Kohlensauer und erfand auf diese Weise die Leuchtsteine, deren bekanntester der hellblau leuchtende Bologneserstein ist. Heute verwendet man dieses Leuchten zu verschiedenen Zwecken. Ma« stellt sich selbstleuchtende elektrische Druckknopse her, um sie in der Dunkelheit zu finden, macht Hausnummern, Straßenbezeichnung«! und andere wichtige Bezeichnungen aus gleichem Grunde selbst- leuchtend oder legt sich als Geschäftsmann eine selbstleuchtende Reklame zu. Zwischen diesen Gegenständen und dem Bologneserstein besteht aber ein wesentlicher Unterschied. Die Farben, mit denen matt z. B. die Hausnummern versteht, sind radioaktiv, d. h. sie leuchten wie das Radium bauernb- ober wenigstens ohne eine vorherige Belichtung. Der Bologneserstein muß dagegen künstliches Licht in fich aussaugen, bevor er es tm Dunkeln ausstrahlen kann. Er stellt also gewissermaßen einen Lichtspeicher dar. Von dieser Tatsache ausgehend, hat man schon seit einiger Zeit Leuchtfarben mit der gleichen Eigenschaft hergestellt, die aber zunächst alle den Fehler hatten, bei Tage weihlichgelv auszufehen. Erst jungst ist es nach tiefem Ein-


