Ausgabe 
9.11.1926
 
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- 358

Der Vogel Phönix.

Von Georg Engel.

Nee," sagte der alte lahme Obermaat Bob Vatge, der beständig an Bord des braunen Hollandfahrers auf einem dicken Knäuel Tau­werk hockte, um von da aus auszupassen, ob wir herumlungernden Jungen nicht etwa die schönen kirschroten Käsescheiben zu uns steckten denn diese Art Freibeuterei hielten wir für durchaus ehrenvoll und nachahmenswürdignee", sagte er, indem er mißbilligend das Haupt schüttelte,stehlen mußt du nid) gerade.'

I was, so ein Stück Käse, Bob. Kuck, bloß hier vom Rand weg. Das verbietet nid) mal die Bibel."

Drähn," widersprach er,die Bibel is mich ganz gleichgültig. Mich geht es bloß wegen den Vogel Phönix; daß der dich mch beißen tut." m

Was meinst du?" stotterte ich, legte schnell meinen Raub von mir, und während ich ihm meine Ellbogen aufs Knie stemmte, blickte ich ihn dringend an:Phönix? Das ist ja der Wundervogel aus Arabien." ,

Mag sein," versetzte Bob Vatge ganz ruhig,daß er früher da gewohnt hat. Jetzt aberst wohnt er hier in der Domstratze. Und is der Diebsvogel."

Oh," wagte ich noch einmal einzuwenden,das bildest du dir doch wohl nur ein? Nicht wahr?"

So?" warf Bob verächtlich hin,glaubst du das, mein Jünging? Na, denn kann ja aus dir nod) was Leckeres werden. Aberst damit id) nicht daran schuld bin, daß du in volle Ahnungslosigkeit in dein grünes Verderben läufst, so will ich dir lieber den Umstand aufklären. Da wirst du ja dann merken, wie der Voael Phönix hinter jede Siehlerei her is, wie der Hecht hinter dem Heringszug. Und nachher kannst du ja noch immer tun, was du Lust hast. Stehlen oder auch ehrlich bleiben. Es is beides sehr verdienstlich und nährt seinen Mann. Und nu paß auf!" *

Ante Dauch, die alte geizige Ante Saud) da draußen in Vörgel- sund, konnte nicht schlafen. Wie sehr sie sich auch in ihrer schmalen Bettlade, die in dem Durchgang hinter ihrem Kramladen an der Wand angeschraubt war, wie sehr sie sich auch in ihren blau und weiß gewürfelten Kissen herumwarf, es half nichts, ihre starren, grauen Augen blieben offen. Bald lief es ihr wie ein Feuer über die knochigen Glieder, denn sie ließ das Bettzeug alle Jahrs nur einmal waschen. Aus Bescheidenheit. Denn der Mensch durfte sich nicht der Seilerei hingeben. Und dann mußte sie sich wieder auf- richten, um zu lauschen.

Paß auf nee, nee, pah gut auf, Ante. Is das wirklich der olle Süd­südost, der so in den Ritzen und vor der Haustür winselt? Oder bricht und feilt da nicht jemand am Ladenfchloß? Gott im hohen Himmel, heute ist ja erst ein Faß Petroleum sowie eine neue Lage Salzheringe hereingekommen. Matjes." Ante weiß zwar sehr wohl, die Fische entstammten nicht dieser vornehmen Gattung, aber sie nennt sie doch so. Wenn nun jemand so gottlos wäre und schliche sich in den engen, kleinen Laden hinein? Das Heringsfaß voll Matjes steht dicht am Eingang. Und wenn man ihr bann fünf, sechs o du lieber, einziger Vater ober gar acht ober zehn von den schönen fetten Tieren wegnähme! Gewiß, dem Seiler Radvan von nebenan wäre das wohl zuzutrauen. Der elende Mensch hat ja all sechs Wochen nicht an seinem Stuhl gearbeitet. Denn dieses Geschäft hört man doch ganz deutlich. Und wenn er bannHuch!" fuhr sie in kaltem Schrecken auf,nebenan schleicht etwas."

Ihre Finger zittern.

Nein, nein, diesmal vernimmt sie es ganz deutlich. Drinnen klappert was. Ganz erklärlich, Seiler Radvan trägt Holzpantoffel. Er ist also bereits eingeftiegen. Mit heiserem Röcheln entzündet Ante das Lichistümpfchen. Gott, Gott, so ein Stearinlicht ist jetzt so teuer. Wie kann man gegen eine arme Krämerswitwe, die sich kiimmer- lid) nährt, bloß derartig sündhaft handeln!

Im langen Hemd, bas um ihre ©lieber schlottert, und mit weit vorgehaltenem Licht schleicht die Bebende darauf zur Ladentür. Wunderliche Schatten wirft das Licht auf das braune Gebälk und springt und huscht seltsam über das lange, faltige Antlitz der Schlei­chenden. Jetzt lugt sie mit angehaltenem Atem durch das runde Glasfensterchen des Ladens.'

Nichts.--Alles leer. Die Heringstonne steht noch am Ein­

gang. Und von dem Pelxoleumfaß stürzt zuweilen ein Tropfen durch den Holzhahn in das Daruntergestellte Schaff.

Tick tick but but.

Man gut," meint Ante Dauch aufatmend,daß ich bloß ge­träumt hab'. Und die Leute fünd hier auch alle ehrlich." Damit will sie wieder in ihr Bett zurückfchlürfen. Aber da da--ach,

du himmlischer Vater, es ist also doch wahr da kratzt ja etwas wie mit spitzigen Nägeln über das Holz der Eingangspforte.

In dumpfer Angst räuspert sich Ante Dauch:Huch ' is da wer?"

Draußen kratzt es heftiger:Ja, ich bün es deine Schwester Rike. Mach fix auf, Ante, denn mir geht es schlimm!"

Was? Riksch, du? Is möglich? Ich denk', du wäschst bei Lehrer Kleppien?"

Ja, ja, allens später. Bei deiner Swesterlichkeit beschwör' ich dich, laß mirrein."

Ganz gut, aber ich hab' dich deine monatliche Unterstützung ach, das viele Geld doch erst gegeben. Willst du etwa, jetzt in der Nacht, wieder was von mir arme, kranke Frau?"

O Ante, ich bün ja viel kränker. Mir verzehrt der Satan bei lebendigem Leibe. Er sitzt auf meiner Seele und reitet da auf 'rum."

Was? was? kuck eins!" ruft Anie Dauch und rafft zier­lich ihr Hemde, als sie an dem Heringsfaß vorbeistreicht. Doch die außergewöhnliche Krankheit der Schwester erregt die Teilnahme der Krämerin mehr, als sie sich selbst eingesteht.

Wenn der Teufel auf dirrumreitet, denn komm' rein," gibt sie hustend nach,kommrein, Swester, was fehlt dir?"

Damit hat sie den großen Querbaum zurückgeschlagen und den rostigen Schlüssel herumgedreht. Kreischend öffnet sich die grüne Tür, ein Windstoß vom Meere fegt herein, und die Röcke der draußen Verharrenden wehen und rascheln.

O Gott o Gott, wie preßt er mich meine arme Seel!" wimmert die kleine vertrocknete und verdorrte Gestalt, die sich jetzt in den Laden hereindrückt, um sich sofort zitternd und klappernd auf die schmale Bank vor dem Verkaufstisch niederzulassen. Einen Korb hat sie dabei auf die roten Dielen gestellt.Je, je, er zer­schneidet mich mein Herz mit einem Brotmesser."

Wahrlich, es ist ein wunderlich Bild, das die beiden bejahrten Frauen jetzt bieten. Die eine, dürr und lang, im Hemde hinter dem Ladentisch, die andre davor, zusammengekrochen und durchnäßt, in haltloser Verzweiflung.

Zwischen beiden aber das flackernde Licht.

O Schwesting, Schwesting," jammert der Gast, indem das Weib die Tropfen von sich abfpritzt,gib mich rasch dein Hamburger Pflaster, damit ich es mich gegen Unruhe und Teuflifchkeit hinten auf den Hals klebe."

Hier verzieht Ante Dauch erschreckt ihr langes, faltiges Antlitz.

Meinst du umsonst?" möchte sie gern« ablehnen.

Jedoch der nächtliche Besuch wirft in jäher Hast, als wäre keine Minute mehr zu verlieren, ein Grofchenstück auf den Ladentisch. Und als die besorgte Schwester nun bas braune, freisrunbe Pflaster hervorgefucht hat, wirb es von Riksch Drewelow in roilber Eile hinten auf ben bünnen, ausgezehrten Hals geklebt.

O Schwesting, Schwesting, wo geht mich bas!" jammert babei bas kleine, bürre Geschöpf von neuem.

Na, benn sag' doch!" drängt die Nettere im Hemde, während sie sich ihre langen Finger an der Flamme des Lichtes zu wärmen versucht:Es ist spät und mich friert."

Woll woll, dich friert, oh, und in mich kocht der Deuwel wirkliches, glühendes Pech. Ach, mein liebes, gutes Schwesting, du weißt, mein seliger Mann pflegte all ümmer zu sagen, es süß' woll in mich der Böse, wenn ich so auf andre Leut' ihr Hab und Gut hinfchielen mußt. Und vor zwei Jahren, da haben sie mich doch auch auf sechs Wochen eingezogen, weil Kaufmann Guhlen feine silberne Schnupftabaksdos sich in meinem Kleiderschrank gefunden hatt'. Ganz zufällig. Ich könnt' da gar nichts dafür. Sie war eben da. Und fo geht es mir ümmer."

Ja, ja, aber was bringst du denn heute?" fuhr Ante Dauch ungeduldig dazwischen, indem sie ihren Oberkörper in dem schlot­ternden Hemde weit über den Ladentisch herüberschob:Fandst du heute wieder was?" fügte sie begierig hinzu.

Riksch nickte und rang aufschluchzend die Hände:Was wollt id) nidj?" jammerte sie tonlos,der Deuwel springt in meinen Cin- geweiden herum. Denk' dich, Schwesting, wo mich das geht. Da wasch' ich heute bei Lehrer Kleppien, der die reiche Wittfrau ge­heiratet hat, und der so vergeßlich ist. Ach Gott, warum is er bloß fo vergeßlich? Warum? Kuck, und da hat er morgen [einen Ge­burtstag, und nu bekommt er heute von eine alte Erbtante einen Hundertmarkschein dazu geschickt."

Einen Hundert mark--?" schleuderte Ante dazwischen,

und ihre knochigen Finger begannen auf der Tischplatte gierig zu zählen,hast du den selbst gesehn?"

Was wollt' ich nid)? Dahinter steckt ja eben der Deuwel, daß er mich ümmer so was zeigen muh. Sieh, ich war grab in die Stub', und weil die Frau Kleppien ihrem Mann gewöhnlich alles wegnimmt, da hat er wie er nu so mit mir allein war, den blauen Schein ach, so ein schöner blauer Schein war es in bas alte Bierseidel oben auf den Schrank gesteckt."

Na, und?" drängte Ante, deren stechende Augen im Wider­schein des Lichtes wie die einer Eule zu schimmern anhoben,hast du ihn etwa schon weggenommen?"

Da schüttelte Rik verzweifelt das Haupt.Nee, nee, das is es ja eben. So stark war der Deuwel noch nid). Aber ich muh nu ümmerfort daran denken. Uemmerzu an das alte Bierseidel aus gelbem Stein mit dem Nickeldeckel obenauf. O Swesting, und wenn das Hamburger Pflaster den Bösen nid) aus mir 'rauszieht, denn weih ich nich, was noch geschieht."

Es zieht ihm aberrausl" befahl Ante aufgebracht,ich werd dir noch eins schenken. Dann hilft es sicher. Und nu geh zu Bett, damit es wirken kann. Mach fix, denn ich will solche unheiligen Sachen nicht in meinem feinen und anständigen Geschäft beherbergen. Gut' Nacht!"

Mit diesen Worten schob sie ihren Besuch rücksichtslos und kräf­tig auf die Landstraße hinaus, und während sie den schweren Quer- bäum wieder vor die Tür legte, hörte sie noch, wie es draußen ferner und ferner wimmerte:Oh, wie das brennt, wie das reiht. Das kann ein Mensch nich lange aushalten. Nein, das kann er nich.

Welch ein Schrecken! Als Ante wieder in ihren blau und weihen Kissen tag, da merkte sie mit nagender Bestürzung, dah Rikes Deuwel zurückgeblieben war. Ja, ja, ganz deutlich sah sie ihn auf dem Stuhl

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