Ausgabe 
9.11.1926
 
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Gießener Zamilienbiatter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang |926 Dienstag, -en 9. November Nummer 90

Wiegenlied.

Von Detlev v. Liliencron.

Vor der Tür« schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Schlaf, mein Wulf. In später Stund küß ich deinen roten Mund.

Streck dein kleines, dickes Bein, steht noch nicht auf Weg und Stein. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Schlaf, mein Wulf. Es kommt die Zeit, Regen rauscht, es stürmt und schneit.

Lebst in atemloser Hast, hättest gerne Schlaf und Rast. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Vor der Türe schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf.

Georg Engel.

Von Fritz Droop.

Es war vor etwa zwanzig Jahren, als Liliencron mir zum ersten­mal in begeisterter Weise von Georg Engel und dessen RomanHann Klüth*) erzählte. Seit jener Zeit gehörte Engel auch zu meinen Freunden, und wenn ich meine Weihnachts- oder Geburtstagspakete besorgte, so war das ohne diesen kostbaren Roman, die wunderbare Geschichte vomReiter auf dem Regenbogen", die NovelleDas Hungerdorf" oder die den deutschen Müttern gewidmeteVerirrte Magd" schlechterdings nicht denkbar. In jedem dieser Werke hat deutscher Geist und deutsch« Heimat ihren berufenen Sanger ge­funden, und wie der Dichter im Weibe stets das hohe Bild der Reinheit ersehnte, so sah er auch in den ringenden Gestalten seiner deutschen Volksgenossen immer ein Stück der schöpferischen

ihre wachsende Auflageziffer hat bewiesen, daß erfreuhctjerroeqe auch das Lesepublikum an den Unterhaltungsstoff noch höhere Ansprüche stellt.

Engels Heimat ist die alte Ostseestadt Greifswalds Von dort führte ihn sein späterer Lebensweg über Breslau nach Berlin, dem er bis heute treu geblieben ist Aber immer wieder mb es ble Menschen von der Wasserkante, denen er seine Liebe schenkt, und das Meer singt im ewigen Rhythmus sein Lied dazu Aber wo und wie er seine Heimat auch preist, ob nn glücklichen Wechsel von Idyll und dramatischer Szene, ob ,n humorvoller Ep.sode oder m heißen Konflikt mit tragischem Ausgang; nie ist das Heimatliche um seiner selbst willen da, sondern immer nur als Rahmen für die Gestaltung deutschen Schicksals, deutschen Wesens. Die H-mptge- stalten seiner Werke sind immer Bannerträger deutscher Art und deutschen Geistes und so wird Engel zum Symboliker und Jdeen- dichter, auf den das Wort vom Heimatdichter nur noch m seinem weitesten Ausmaße paßt.

Gottheit.

Georg Engels literarische Sendung war die Verinnerli^ung und die stilistische Verfeinerung des sogenannten Unterhaltungs­romans. Mit diesem Wort wird leider sehr viel Unfug getrieben. Zuunterhalten" ist der Zweck jedes Romans, selbst wenn er der Forderung gerecht werden will, der Bildungs- und Fortschntts- bewegung der Zeit zu dienen. Mit der Unterhaltung im tieferen Sinne beginnt ja eigentlich jede Literatur. Allerdings muffen sehr viele und sehr wichtige Elemente hinzutreten, vor allen Dingen die allgemein gültige symbolische Idee, eine lichte, über uns selbst Hinauswestende Ethik und besonders die bildnerische Vollgültigkeck der geschaffenen Menschen. Indem Georg Engel sich diesen höchsten künstlerischen Maßstab vorhielt, hat er im Sinne lenes Größeren gewirkt, der uns mit seinemWerther" den ersten modernen Ro­man geschenkt hat. Engels Werke gehören seit Jahrzehnten zu un­serem nationalen Hausschatz gediegener Unterhaltungsliteratur und ihre wachsende Auflageziffer hat bewiesen, daß erfreulicherweise auch das Lesepublikum an den Unterhaltungsstoff noch hoher«

*\ Sämtliche hier genannten Werke sind in neuen Auflagen bei der Union Deutschen Verlagsgesellschast in Stuttgart erschienen.

ImReiter auf dem Regenbogen" schreitet (wie ich schon vor mehr als anderthalb Jahrzehnten geschrieben habe) ein neuer Par- fival durch den rauschenden Dichterwald und wieder leuchtet das Wunder des heiligen Gral dem Gottsucher Gust Petersen, weil er reinen Herzens und unberührten Sinnes ist, wie der tumbe Ritter der Artussage. "

Außer demReiter auf dem Regenbogen" folgten auf die ersten Arbeiten Engels der RomanUm des Nächsten Weib", die No- vellensamistlungDas Hungerdorf", der RomanDie Last", das Thema von dem unverstandenen Ehegatten, eine Seelenstudie von packender Psychologie und erschütternder dichterischer Wahrheit, und der herrlicheHann Klüth". Aus tiefster Herzensfreude hat Liliencron damals in derZukunft" über das Buch geschrieben:Es wird mir erlaubt sein, daß ich mich mit Klingklanggloria über dieses Buch freuen darf!" Wie eingangs erzählt, hat er mich selbst für Engel begeistert. Hann Klüth, der Brückenwärter, ist eine Ver­körperung des deutschen und niederdeutschen Menschen, die man nicht wieder vergißt. Mit 41 Auslagen steht das Buch an der Spitze aller Werke Engels, auch dem äußeren Erfolge nach.

In zwei großen WerkenClaus Störtebecker" undDie Mauer" hat Georg Engel sich später auch mit der Zeit nach dem Kriege näher auseinandergesetzt. Der Roman des berühmten Seehelden wirft be­sonders grelle Leuchtfeuer auf die weltumstürzlerischen Ideen, die nach dem Zusammenbruch der deutschen Front um die Herrschaft rangen. In dem Idealisten und Sünder Störtebecker, der schließlich an den schwankenden Pfeilern seiner Traumwelt zerbricht, erkennen wir das Bild Deutschlands, sehen wir das Symbol des Kampfes, den die Schöpfung ewig führen muß. InClaus Störtebecker" hat Georg Engel zugleich eine neue dichterische Form für den historischen Ro­man gefunden.

In derMauer" zeigt uns Engel die turmhohe Scheidewand zwischen Aristokratie und Volk. Zwei Angehörige eines kleinen Fürstengeschlechts versuchen, diese Mauer einzureißen und die Kluft zu überbrücken: eine abenteuerlüsterne Gräfin, die sich für die eroti­schen Seitensprünge ihres Gatten rächen und ihren demokratischen Rechtsanwalt heiraten will, dann aber resigniert zu dem Grafen zu­rückkehrt, und der durch den Kriegswahn verwirrte Bruder der Gräfin, den das Schicksal in die tiefste Niederung des Volkes wirft, wo er als Ignatius Michael die Liebe eines armen Mädchens ge­winnt, die ihn vom physischen Untergang rettet. Von der blinden Welle des Zufalls wieder hochgewirbelt, kehrt der junge Graf in das Schloß seiner Väter heim; aber er kann die parfümierte Luft nicht mehr ertragen und flieht in die Arme seines Mädchens zurück. Bei einem Straßenkampfe findet der Entwurzelte den Tod. Die Mauer ist leider stehen geblieben, trotz zahlloser Opfer; viele weichen ihr wie die Gräfin in kluger Berechnung aus; viele zerbrechen an ihr wie Ignatius Michael.

Weiter zurück liegen die WerkeDer verbotene Rausch , ein Strauß feinsinniger Novellen; die RomaneDie Herrin und ihr Knecht",Die Prinzessin und der Heilige". So verschieden sie auch stofflich im einzelnen sind, ob sie wie der erstgenannte Menschen un­serer Tage von dort, wo deutsches und russisches Wesen zusammen­stoßen, darstellen, oder wieDie Prinzessin und der Heilige" in die Zeiten der alten heidnischen Pommernherzöge des 13. Jahrhunderts in abenteuerlich-bunter, leidenschaftserfüllter Erzählung zuruckfuhren, immer stehen sie hoch über der landläufigen Romanliteratur unserer Zeit im Dienste einer ethischen Idee und immer wieder Horen wir das Wort: Seid menschlich, Menschen, werdet eurer wert, und haßt den Zwiespalt, der euch trennt. Seid Brüder! So sind die Heimat- liebe und der Glaube an die Zusammenhänge der engsten Volksge­meinschaft, der Familie, die ehernen Träger seiner Weltanschauung geworden; hier wachsen die Keimzellen der neuen Aufbausaat, die zu hüten unser Dichter nie müde geworden ist. Weil Georg Engel mcht nur Auae und Ohr, sondern auch sein Herz der Welt geöffnet hat, um ihr Innerstes zu erforschen, ist er zurErkenntms tiefster Zusam- menhänge gelangt; weil er bei aller lRücffttf>t aufbie 3ettftrDmung nur auf die Stimme seines Blutes hörte, wuchs m ihm der Wille, mitzuhelfen am großen Erziehungswerk der Kultur im Dienste der Kommenden, Ser Werdenden. Das ist fern unvergeßliches Verdienst. SaSerCim!Krieg gefallene Dichter Gorch Fock hat es einmal als die höchst» Stufe der Heimatkunst bezeichnet:Mit der Heimat im Herzen dis ' Welt umfassen, mit der Welt vor Augen die Heimat liebend und bauend durchdringen." In diesem Sinne hat Georg Engel dem deutschen Volke Heimatdichtung, deutsche Dichtung und Gegenwarw- kunst gegeben und ihm mit seinem Werk, das zwei volle Genern- tionen^umspannt, Werte geschenkt, für die ihm Dankbarkeit und Liebe gebührt. ______________