Kälte nicht leide.
Der Wald nahm sie
Verantwortlich: Dr. Hans Lhhrivt- - Druck der Brühl'schen Universitäks-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
hin verlor er sich! Hätte sie seine Gedanken erraten, er Wäre schamrot vor ihr geworden. Bei Gott im Himmel, er war noch krank!--
Acht Tage vor dem Weihnachtssest traf Weckerlings Bruder aus der Reichshauptstadt ein. Er hatte sich mit Mühe und Not freige- macht, ein paar Wochen auf dem Freihof zu verbringen.
„Gott sei Dank, Hans, daß du wieder auf Deck bist", begrüßte er den Gutsherrn. „Du siehst noch ein bißchen spitz aus, aber das ist das Geringste. Die Rundung wird schon wieder kommen, und die frische Farbe auch!"
Frau Dick setzte zum Willkomm eine Flasche alten Burgunder auf den Tisch. Den ließen sich die Brüder munden. Auch Schwester Luise mußte davon kosten.
Zwei Jahre hatten die Brüder sich nicht gesehen. Briefe waren zwischen ihnen hin und hergegangen, zuweilen recht ausführliche. Jetzt, da sie sich gegenüber sahen, fiel ihnen doch noch vielerlei ein, was sie auf dem Herzen und einander zu sagen hatten. Dietrich war mit seiner Stellung zufrieden. Wenn seine Gesellschaft in diesem Jahr ihren Aktionären einen großen Gewinnanteil zahlte, war das nicht am wenigsten sein Verdienst. Er hatte in Holland und Schweden wertvolle Berbindungen angekniipft, hatte der Fabrik über eine schlechte Konjunktur hinweggeholfen. Aufträge liefen so zahlreich ein, daß die Produktion für das neue Jahr bereits ausverkauft war. Nun hatte sine Handelsgesellschaft unter der Hand bei ihm anfragen lassen, ob er geneigt sei, im Sauerland ein Unternehmen ins Leben zu rufen das mit seinem Geschäftshaus in Wettbewerb treten sollte. Er war an Ort und Stelle gewesen, hatte sich zwei Tage in dem Städtchen aufgehalten, das für die Fabrik in Aussicht genommen war. Im Gasthof hatte man ihn aiifgefordert, am Stammtisch Platz zu nehmen. Die Standespersonen waren erschienen. Schreckliches Pfahlbürgertum machte sich breit. Kein Zweifel, die Menschen hier glaubten, sie könnten dem lieben Gott Brillen verkaufen. Ihn, Dietrich, fiel ein Grauen an. Lieber zehn Klafter tief in der Erde, als in dem gräßlichen Nest sich festzusetzen. So glänzend die Stellung war, die man ihm einräumen wollte, er brach die Verhandlungen kurzerhand ab.
Wenn du dich einmal damit abgefunden hattest, daß du deiner Gesellschaft untreu würdest," sagte der Gutsherr, war es doch wohl übereilt, ein so hohes Einkommen von dir zu weisen.
„Ich gehöre in die Großstdat wie der Fisch ms Wasser, erwiderte Dietrich. „Ich kann mich in kleine Verhältnisse nicht mehr JAirfon I **
Hans Weckerling, der seinen Bruder kannte, mochte ihm nicht "^Der ^Berliner brachte Leben ins Haus. Er ließ den Flügel in der blauen Stube stimmen. Die musikalische Begabung des Vaters lebte wenn auch in bescheidenem Maße, wieder in ihm auf. Er spielte leidlich Klavier. Ein prickelnder Walzer löste den andern ab. Die alte Frau Dick war wie elektrisiert.
„Er ist «in Schwerenöter," sagte sie zur Schwester Luise, „und lustig wie eine Amsel! Das letzte Mal, das er hier war, ging er Sonntags ins Dorf, erwischte eine Harmonika und spielte den Burschen und Mädchen zum Tanz auf. Das ließen sie sich gefallen. Auf einmal warf er unserem Oberknecht die Harmonika zu und sagte: „Jetzt spiel' du!" Und nahm ein Mädchen nach dem andern. Und tanzte, 's war ein Pläsier, ihm zuzugucken. Sie waren alle wie behext. Und sie schwätzen noch heut davon.
„In meiner Heimat heißt's: „Wer nicht schon tanzt, der soll gar nicht tanzen!" sagte Schwester Luise. Sie mußte an ihren Vater denken, der noch mit fünfzig Jahren auf den Kasinobällen die sungen Leute in Schatten stellte. Wenn er tanzte, sprühte er von Lebenslust. Auf den Wellen der Musik sich wiegend, schien er den Boden kaum zu berühren. Jede Bewegung war vollendete Anmut, ganz der Ausdruck seiner selbst. Alles floß in Harmonie zusammen. Trat er mit ihr in die Reihe, war sie glücklich und stolz. Den Blick wie in die Fern« gerichtet, stand Schwester Luise und lauschte den Melodien, die droben in der blauen Stube erklangen. .
Wenn das Wetter es irgend erlaubte, tummelte Dietrich sich draußen herum. Der Bürgermeister im Dorf und der Ortsdiener waren seine Speziale. Beide waren durstige Seelen und ließen die Schoppen sich schmecken, die der Herr Direktor ihnen spendierte. Der alte Braubach hatte sich noch nicht blicken lassen. Aber er hatte einen Boten geschickt, jetzt bei dem Schneetreiben sei ihm der Weg zu beschwerlich. Man mußte ihn auf der Felsenburg besuchen. Die Falben wurden vor den Schlitten gespannt. Schwester Luise trat
„Gelt, bas ist herrlich", sagte er. Er trug einen kostbaren Pelz. Seine Begleiterin hüllte er sorgsam in Decken ein, daß sie von der
ans Fenster.
„Schwester Luise," ries Dietrich ihr zu, „Sie sitzen hier..all die Wochen in der Klause. Ein bißchen frische Luft könnte Ihnen nichts schaden. Kommen Sie doch mit!"
Auch der Gutsherr redete ihr zu, sie solle den schönen Tag benutzen, solle den Ausflug sich nicht entgehen lassen.
'Rasch entschlossen fuhr sie mit.
Die Pferde, die allzu lang schon im Stall gestanden, zogen an. Unter Schellengeläute flog der Schlitten über die glitzernde Schneedecke hin. Der Schwester Wangen röteten sich. Die Freude blitzte ihr aus den Augen. Dietrichs Blick glitt über ihr feines Profil.
sagte er. Er trug einen kostbaren Pelz.
i ;a>uiu iiuym auf, den der Reif mit schimmerndem Schmuckwerk bestreute, daß die Aiigen sich wie geblendet schlossen. (Fortsetzung folgt..
«einer Arbeiter kostspielige Neuerungen eingeführt, habe die Gutsbesitzer des Kreises dadurch in die Zwangslage versetzt, über kurz oder lang seinem Beispiel zu folgen. Er hatte seine Einrichtungen als notwendig, ja unabweisbar, verteidigt, war aber überstgnen worden. Er hatte daraufhin die Versammlung mit dem festen Vorsatz verlassen, ztikünstig an den Vereinssitzungen nicht mehr teuzu- nehmen.
„Im allgemeinen." gab Schwester Luise ihre Meinung kund, „scheint es mir richtig zu sein, daß der Arbeitgeber keine Sonderstellung eiunimmt, daß er im Gegenteil engen Anschluß an seine Kollegen sucht. Die Arbeiter tun ja dasselbe. In Ihrem Fall konnten Sie wohl nicht anders handeln. Wenn sich die Besitzer den Forderungen der Zeit entgegenstellen, dürfen sie sich über die Landfntcht nicht wundern. Das Ende vom Lied ist, daß die Arbeitskräfte immer rarer und die Löhne unerschwinglich werden."
Das Gespräch lief noch eine Weile in derselben Richtung weiter. Weckerling konnte sich nicht genug wundern, wie klar Schwester Luise die Dinge erfaßte und wie sie auf einem ihr fremden Gebiet, von ihrem gesunden Verstand geleitet, sich schnell zurechtzufinden tüuhtc
Nachdem der Arzt sich damit einverstanden erklärt hatte, daß Haus Weckerling Besuche empfing, stellte sich als einer der ersten der alte Braubach ein. All die Zeit her hatte ihn die Haushälterin abweisen müssen; bekümmert war er davongegangen. Nun druckte er dem Gutsherrn seine große Freude aus, ihn auf dem Wege der Genesung zu sehen.
,So eine Krankheit," meinte er, „kommt zu Pferd geritten und geht mit Schneckechchritten fort. Ein paar Wochen weiter, und tote fühlen sich wie neugeboren. Ich kann aus eigener > Erfahrung sprechen. Ich war ein Mann von etlichen dreißig, da hat s mich auch an der Ltmge gepackt. Ich dacht', bis mein Doktor auf die Felsenburg heraufgekrabbelt kommt, probier ich's und kurier mich selber. Nun werden Sie lachen. Eines Nachmittags sitzt meine Frau an meinem Bett und lieft Heidelbeeren aus. Ich krieg eine Lust drauf, ich kann's Ihnen nicht beschreiben. Und nehm die Schussel. Und eß' so viel, als in mich geht. Meine Frau meint, der Schlag müßt'' sie rühren. Abends war mein Fieber weg. Allen Respekt vor den Herren Medizinern, aber ein gutes Hausmittel ist mir lieber als ein teures Rezept."
Er nahm die Brille ab und begann, die Gläser zu putzen.
Ich höre, Sie haben eine vortreffliche Pflegerin gehabt. Bei allem Unglück noch ein Glück. Es hätte auch anders kommen können. Wer auf dem Lande wohnt, lernt sich beicheiden. Ich hab mir Gedanken über Sie gemacht und hab' mir eigentlich vorgenommen, Ihnen heut einmal den Text zu lesen. Mit Ihrer Einsiedelei, das muß ein Ende nehmen. Das Nest ist da, worauf warten Sie denni> Der Heiratswind weht Sommer und Winter. Sie kommen nun in die Jahre, wo die Herren der Schöpfung anfangen, ängstlich zu werden, und denken, sie kriegen Essig für Wein. Das taugt nichts, Herr Weckerling. Eine tüchtige Frau macht einen glücklichen Mann."
Er fetzte die Brille wieder auf und schlug mit der Hand auf die SR ritit •
„Wirklich, Herr Weckerling, 's wird jetzt Zeit. Die Krankenstube ist der rechte Bekehrungsort!"
Der Gutsherr ließ den Wortschwall des alten Freundes über sich ergehen und sagte lächelnd:
„Ich werde mir Mühe geben, Ihrem Rat zu folgen!
Draußen wirbelten die Flocken. Sie fielen auf die Häuser der Reichen und auf die Hütten der Armen, auf die Felder der Gerechten und Ungerechten, alles in Helle und Reinheit hüllend. Wenn der Wind durch die Bäume fuhr, stäubten sie wie von Blütenregen. Schnee, nichts als Schnee! Der Freihof in feiner weißen Pracht tag' wie verzaubert da. Wege und Stege waren verweht. Der Postbote, der fönst des morgens Zeitungen und Briefe brachte, stapfte erst gegen Mittag wie ein Schneemann herein. Fran Dick verabreichte ihm einen Kümmel.
„Der Schnaps ist ein Spitzbub," scherzte er, „er schleicht sich ein, man weiß nicht wie, aber so einen Spitzbub läßt man sich gefallen!"
Der Gutsherr hatte in den letzten Tagen über sein Befinden geklagt, hatte' vorübergehend wieder das Bett hüten müssen. Der Doktor, der einen Rückfall befürchtete, bat die Schwester im Einver- siändnis mit ihrer Oberin, noch eine Zeitlang auf dem Freihof zu bleiben. Er kam bamit den Wünschen des Patienten entgegen. Der hakte sich an die Gesellschaft feiner Pflegerin gewöhnt, fühlte sich ihr kameradschaftlich verbunden, daß er an ihren Weggang nicht denken möchte. Seltsam! All die Jahre hatte er an feinem Alleinsein nicht schwer getragen. Im Gegenteil! Wer allein war, dünkte ihm, war auch frei. Nun war dies Mädchen in feinen Gesichtskreis getreten und hatte sich ihm unentbehrlich gemacht. Oder war's nur feine körperliche Schwäche, daß er sich fo abhängig fühlte? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Schon war's ihm zum Bedürfnis geworden, mancherlei mit ihr zu beraten, was nicht nur fein äußeres, sondern auch fein inneres Leben berührte. Lauschte er ihrem klugen Wort, war's ihm, als sei sie im Grunde ihres Wesens eine glückliche Ergänzung [einer selbst. Und all die Schönheit, die von ihr strahlte!'Er wär nicht so kalt, daß er dagegen unempfänglich blieb! Er war entzückt, berückt von ihr. Er zitterte in sehnsüchtigem Verlangen. Schloß die Augen. Preßte die Hände an die Schläfen. Wo-


