Ausgabe 
9.10.1926
 
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Gießener Zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Samstag, öen 9. Oktober Hummer 8l

Maschinen.

Bon Robert Hohlbaum.

Ihr habt das Lied der Lerchen übergrettt, jauchzende Farben würgte schwarzer Regen. Auf zeitverschonten deutschen Träumerwegen habt ihr den letzten Blütenbaum gefällt.

Singt euer Lied! Ich höreGeld" undGeld" undMacht" undMacht" durch eure Räder fegen. Dem einen tönt ihr Fluch, dem andern Segen durch starkes Wirrsal einer neuen Welt.

Traumsonne sank. Was nützt es, zu beweinen ben weichen Tag, wenn harte Sterne scheinen, ein Tor, wer seiner Zeit Gebot entflieht!

Singt, Räder, singt, Hämmer, schlagt dröhnend drein, woge zum Himmel, roter Essenschein!

Braust, Räder, braust! Doch braust ein deutsches Lied!

Friedrich Krupp.

5ji seinem hundertsten Todestage.

Von F. G. K r a f t, Essen.

Friedrich Krupp wurde als Sohn einerratsverwandten" und für die damalige Zeit sehr vermögenden Essener Patrizierfamilie am 17. Juli 1787 geboren. Zweihundert Jahre vor seiner Geburt, im Jahre 1587, erfolgte die Aufnahme Arnold Krupps, des Stamm­vaters der Essener Krupps, in die Kaufgilde zu Essen, lieber seine Herkunft geben die Essener Ratsakten keine Auskunft. Bon 1600 bis 1623 gehörte Arnold Krupp schon dem Rate der Stadt Essen an. Sein Enkel Matthias bekleidete von 1648 bis 1673 das Amt eines Essener Stadtsekretärs. Der Urenkel, Dr. jur. Arnold Krupp, der 1688 in Gießen studierte, leitete von 1703 bis 1734 als Bürgermeister die Geschicke der Stadt. Ihm folgte sein Sohn Friedrich Jodocus Krupp als Senator und Rentmeister der Stadt Essen, der sich im Jahre 1751 in zweiter Ehe mit der tatkräftigen Helene Amalie Ascherfeld ver­mählte. Schon mit 25 Jahren verwitwet, führte sie mehr als 50 Jahre lang mit eiserner Hand innerhalb der Familie die Zügel und be­stimmte den Lebensweg ihres Enkels Friedrich Krupp, da er fernen Vater Peter Friedrich Wilhelm Krupp schon im 9. Lebensjahr verlor.

Bereits im Jahre 1805 nahm der 18jührige Friedrich an den Ge­schäften der Gutehoffnungshütte in Sterkrade teil, die feiner Groß­mutter gehörte. Int Frühjahr 1807 verlobte er sich mit Therese Wilhelm!, die, am 28. August 1790 geboren, kaum dem Kindes­alter entwachsen war. Sie entstammte der begüterten Essener Kauf­mannsfamilie Wichelmi, die ein blühendes Handelsgeschäft betrieb. Am 10. August 1808 wurde die Hochzeit des jungen Paares voll­zogen. Die Heiratsanzeige erfolgte gleichzeitig von Esten und Sterk­rade aus. Mit dem Verkauf der Gutehoffnungshütte an Huysten im Jahre 1808 war Friedrich Krupps Tätigkeit in Sterkrade zu Ende. Er zog mit seiner jungen Frau in das Haus seiner Mutter am Flach- markt in Essen, wo er in den folgenden zwei Jahren im Ladengeschäft seiner Großmutter geb. Ascherfeld sich beschäftigte. Rach deren Tod im Mai 1810 betrieb Friedrich den Kolonialwaren-Jmporchandel, für die damalige Zeit der Napoleonischen Kontinentalsperre ein ein­trägliches Geschäft, das aber nicht von langer Dauer war, denn schon begann Deutschlands Erde unter dem Massentritt der gewal­tigen Kolonnen zu dröhnen, die der Franzosenkaiser Rußlands Schnee- und Eisfeldern entgegenführte. Eine ganze Welt hielt den Atem an in der dunklen Vorahnung, daß eine bedeutungsvolle Wen­dung bevorstehe. Napoleons Absperrungspolitik lastete noch wie ein Alp auf dem Festlande, weckte aber, wie Krupps Beispiel zeigt, auch wieder neues Leben. Der englische Gußstahl war ausgebliebem ^tjn benötigte die bergisch-märkische Eisenindustrie. Hier Ersatz zu schaffen und Gleichwertiges zu bieten, war das Ziel, das Friedrich Krupp sich gesteckt hatte. Zu diesem Zwecke gründete er im November 1811 die Firma Friedr. Krupp, als ihm der Zufall zwei Männer m den Weg führte, die nach ihrer Versicherung im Besitze der englischen Kunst des Gußstahlschmelzens waren.

Diese Männer, Krupps Teilhaber bei der Gründung der kleinen Fabrik, waren die Brüder v. Kechel, ehemalige Offiziere in vor­gerücktem Alter, die vielleicht wirklich eins der vielen zu jener Zeit veröffentlichten Rezepte für die Gußstahlerzeugung kannten und darauf vertrauten. Jedenfalls ließ sich Friedrich Kriipp durch ihre Versprechungen täuschen und traf alle Anstalten zur Fabrikation des englischen Gußstahls und aller daraiis resultierenden Fabrikate , während seine Teilhaber in einem Hause zil Essen ein Laboratorium einrichteten und darin ihre ersten Proben erschmolzen. Krupp hatte zur

Gründung der neuen Fabrik einen alten, eine Stunde nördlich von Essen gelegenen Kotten mit einer kleinen Wasserkraft bestimmt, den seine Großmutter früher erworben und der schon mehrfach indu­striellen Zwecken gedient hatte, in ältester Zeit als Walkmühle der Essener Tuchmacherinnung, woher das Grundstück noch immer den Namen derWalkmühle" trug. Hier entstanden im Winter und Frühjahr 1812 die bescheidenen Bauten eines Schmelz- und Hammer­werks, während sich die Brüder v. Kechel mit dem Versuch abmühten, in kleinen Passauer Ticgelchen aus zementierten Osemundeisen und mit den damals üblichenFlußmitteln" im Koksfeuer brauchbaren Gußstahl zu gewinnen. Ob ihnen dies im kleinen gelungen ist, scheint nicht sicher sestgestellt zu sein, doch brachten sie zweifellos keinen Guß von einer für praktische Zwecke genügenden Schwere hervor. Krupp hielt trotzdem lange treu an seinen Mitarbeitern fest. Bei der Taufe seines erstgeborenen Sohnes Alfred (geb. am 26. April 1812) wählte er die Herrn v. Kechel zu Paten, und während dieses ganzen Jahres baute er voll Zuversicht auf der Walkmühle weiter, um die Versuche endlich in größerem Umfange fortzusetzen. Die Tiegelfabrikation leitete er, unterstützt von dem Vorsteher einer benachbarten Glas­hütte, selbst, und darin brachte er es auch wirklich bald zu einer gewissen Meisterschaft.

Je mehr aber seine eigene Erfahrung wuchs und sich auch aus den Schmelzprozeß erstreckte, um so mehr mutzte er sich von der Un­fähigkeit seiner Teilhaber überzeugen. Sie probierten hin und her, erzielten keine Erfolge, und nachdem im Jahre 1813 die Arbeiten auf der Walkmühle begonnen hatten, mißlang die Herstellung noch mehr als vorher im kleinen. Die Brüder o. Kechel gaben den größeren Tiegeln die Schuld, die Krupp jetzt anwandte, und die unbedingt nötig waren, wenn man nennenswerte Mengen Stahl herstellen wollte. Jedenfalls gelang es nicht, Abhilfe zu schaffen; zudem begann sich jetzt die politische Lage, die zum Teil den Anlaß zu dem Unter­nehmen gegeben hatte, in bedenklicher Weise für dieses zu verschieben. Das Jahr 1813 sah den Sturz Napoleons und gleichzeitig das Ende der Kontinentalsperre; der englische Gußstahl fand wieder ungehindert Zutritt aus dem deutschen Markt, und nur ein billigeres und mindestens gleich gutes heimisches Produkt hätte ihm noch Abbruch tun können. Dazu war aber nach den bisherigen Erfolgen wenig Aussicht. Der erschmolzene Gußstahl mißriet andauernd, und ein Umsatz in ge­ringem Umfang wurde nur mit Feilen erzielt, die Krupp aus dem in größeren Mengen als Einsatzmaterial für die Tiegel gefertigten Zementstahl schmieden ließ. Aber auch dies Geschäft war von kurzer Dauer, da sich die Feilen nicht gegen diejenigen aus englischem Gußstahl halten konnten, die in vollendeter Güte von der Rem­scheider Industrie geliefert wurden. So schlug auch diese, Hoffnung fehl, und nach zwei äußerst verlustreichen Jahren sah sich Krupp vom Ziel seiner Wünsche weiter entfernt als zu Anfang. Er trennte sich von seinen Teilhabern und setzte die Versuche einige Zeit auf eigene Faust fort; der Anfang des Jahres 1814 brachte den ersten Verkauf von Gußstahl, wenn auch in kleinen Posten. Leider ließ sich Friedrich Krupp, gedrängt durch die Umstände,, in diesem Jahre noch einmal bewegen, einen gewissen Nicolai, der ein preußisches Patent auf die Gußstahlbereitung und ein Monopol auf dessen Verkauf in den westlichen Provinzen erhalten hatte, als Teilhaber aufzunehmen. Diese zweite Verbindung schädigte ihn noch mehr als die erste. Er begann auf Nicolais Anordnung kostspielige Umbauten in der Fabrik, müßte diesem den Schmelzprozeß allein überlassen und abermals die Erfahrung machen, daß er an einen unfähigen Menschen geraten mar. Nicolai förderte ebensowenig wie seine Vorgänger ein Pfund reinen Stahl, und der Ausgang dieser Verbindung war, nachdem Nicolais Unfähigkeit auch durch eine behördliche Kommission bestätigt worden, ein abermaliger Bruch, ein jahrelanger Prozeß, und die Einbuße des letzten Restes von Vermögen, den Krupp ausbringen konnte. Fortan blieb er auf die Hilfe seiner Verwandten angewiesen, die seine fruchtlosen Versuche längst mit Abneigung betrachteten und je länger je weniger geneigt waren, ihm zu helfen. Nur seine Mutter, ein leuchtendes Beispiel der auch vor- und nachher in der Familie Krupp bemerkbaren Frauentreue und -tüchkigkeit, hielt bis zum Ende an ihm fest und opferte auch den Rest ihrer Habe für den immer mehr in Sorgen und Verpflichtungen sich verzehrenden Sohn.

Nach der Entfernung Nicolais van der Fabrik ging, es einige Jahre langsam aufwärts. Krupp war in Wahrheit längst auf dem richtigen Wege. Im Herbst 1816, also nach fünfjähriger, fruchtloser Arbeit, gingen die ersten regelmäßigen Lieferungen aus der Fabrik, und nun trat Krupp auch seinem alten Gedanken näher, die Her­stellung fertiger Erzeugnisse aus Gußstahl aufzunehmen. Den Anfang bildeten Werkzeuge, und zwar beosnders Gerbergerate, die aus Stahl angefertigt, aber nicht gehärtet wurden und sich bald einen sicheren Absatz erwarben. Bohrer, Abdrehstähle, Schuhmacher- und päter Papiermesser traten hinzu, und Mitte 1817 trat Krupp mit