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Als wir di« Hang« zum Torvenerjoch hinuntersprangen, verschwand der Feuerball Hinter dem Watzmann. Dunkel legte sich wieder auf die Erde.
Spiegel, das Kätzchen.
Gin Märchen von Gottfried Keller (Fortsetzung.)
Wie ein Hut ein Gehirn voller Nucken und Finten überschattet, solcher Hut ein Gehirn voller Rücken und Finten überschattet, so bedeckte dies Dach ein großes, dunkles und winkliges Harrs voll Hexenwerk und Tauserrdsgeschichten. Herr Pineih war em Kannalles welcher hundert Aemtchen versah. Leut« titrierte, Wanzen vertilgte, Zähne auszog und Geld auf Zinsen lieh, er war der Vormünder aller Waisen und Witwen, schnitt in fernen Mußestunden Federn, das Dutzend für einen Pfennig, und machte schone schwarze Tinte: er handelte mit Ingwer und Pfeffer, rnrt Wageirschmiere und Rosoli, mit Häftlein und Schuhnageln, er renovierte die Turmuhr und machte jährlich den Kalender mit der Witterung, den Bauernregeln, und dem Aderlahnmnnchsn; er verrichtete zehntausend rechtliche Dinge am Hellen Tag um mäßigen Lohn, und einige unrechtliche nur in der Finsternis und aus Privatleidenschaft, oder hing auch den rechtlichen, ehe er sie aus seiner Hand entließ, schnell noch ein unrechtliches Schwänzchen an, so klein wie die Schwänzchen der jungen ürosche, gleichsam nur der Dossierlichkeit wegen, äleberdies machte er kms Wetter in schwierigen Zeiten, überwachte mit seiner Kunst öre Hexen und wenn sie reif waren, lieh er sie verbrennen; für sich trieb er die Hexerei nur als wissenschaftlichen Versuch und zum Hausgebrauch, sowie er auch die Stadtgesetze, die er redigierte und ins reine schrieb, unter der Hand probierte und verdrehte, um ihre Dauerhaftigkeit zu ergründen. Da die Seldwhler stets einen solchen Bürger brauchten, der alle unlustigen kleinen und großen Dinge für sie tat, so war er zum Stadthexenmeister ernannt worden und bekleidete dies Amt schon seit vielen Jahren mit int- ermüdlicher Hingebung und Geschicklichkeit, früh und spät. Daher war sein Haus von unten bis oben vollgestopft mit allen erdenklichen Dingen, und Spiegel hatte viel Kurzweil, alles zu besehen und zu beriechen. e . r„
Doch im Anfang gewann er keine Aufmerksamkeit für andere Dinge, als für das EssM. Er schlang gierig alles hinunter, was Pineih ihm darreichte, und mochte kaum von einer Zeit zur andern warten Dabei überlud er sich den Wagen und mußte wirklich auf das Dach gehen, um dort von den grünen Gräsern abzubeißen und sich von allerhand Unwohlsein zu kurieren. Als der Meister diesen Heißhunger bemerkte, freute er sich und dachte, das Kätzchen würde solcherweise recht bald fett werden, und je besser er daran wende, desto klüger verfahre und spare er im ganzen. Er baute daher für Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube, indem er ein Wäldchen von Tannenbäumchen aüfstellte, kleine Hügel von Steinen und Moos errichtete und einen kleinen See anlegte. Auf die Däumchen setzte er duftige gebratene Lerchen, Finken. Meisen und Sperlinge, je nach der Jahreszeit, so daß da Spiegel immer etwas herunterzuholen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge versteckte er in künstlichen Mauslochern herrliche Mäuse, welche er sorgfältig mit Weizenmehl gemästet, dann ausgeweidet, mit zarten Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Einige dieser Mäuse konnte Spiegel mit der Hand hervor- holen, andere waren zur Erhöhung des Vergnügens tiefer verborgen, aber an einen Faden gebunden, an welchem Spiegel sie behutsam hervorziehen mußte, wenn er dies« Lustbarkeit einer nachgeahmten Jagd genießen wollte. Das Becken des Sees aber füllte Vineiß alle Tage mit frischer Milch, damit Spiegel in der süßen seinen Durch lösche imd ließ gebratene Gründlinge darin schwimmen, da er wußte, daß Katzen zuweilen auch die Fischerei lieben. Aber da nun Spiegel ein so herrliches Leben fiihrte, tun und lassen, essen und trinken konnte, was ihm beliebte und wann es ihm einfiel, so gedieh er allerdings zusehends an seinem Leibe; sein Pelz wurde wieder glatt und glänzend und sein Auge munter; aber zugleich nahm er, da sich seine Geisteskräfte in gleichem Maße wieder ansainmelten, bessere Sitten an; die wilde Gier legte sich, und weil er jetzt eine traurige Erfahrung hinter sich hatte, so wurde er nun klüger als zuvor. Er mäßigte sich in seinen Gelüsten und fraß nicht mehr als ihm zuträglich war, indem er zugleich wieder vernünfttgen und tiefsinnigen Betrachtungen nachhing und die Dinge wieder durchschaute. So holte er eines Tages einen hübschen Krammetsvogel von den Aesten herunter, und als er denselben nachdenklich zerlegte, fand er dessen kleinen Wagen ganz kugelrund angefüllt mit frischer unversehrter Speise. Grüne Kräutchen, artig zusammengerollt, schwarze und weiße Samenkörner und eine glänzend rote Beere waren da so niedlich und dicht ineinander gepfropft, als ob ein Mütterchen für ihren Sohn das Ränzchen zur Reise gepackt hätte. Als Spiegel &en Bogel langsam verzehrt und das so vergnüglich gefüllte Wägkein an seine Klaue hing und philosophisch betrachtete, rührte ihn daS Schicksal des armen Vogels, welcher nach so friedlich verbrachtem Geschäft so schnell sein Leben fassen gemußt, daß er nicht einmal die eingepackten Sachen verdauen konnte. „WaS hat er nun davon gehabt, der arme Kerl", sagte Sbiegel, ..daß er sich so fleißig und eifrig genährt hat, daß dies Keine Säckchen aussieht, wie ein
wohl vollbrachtes Tagewerk? Dies« rote Beere ist es, di« ihn aus dem freien Waide in die Schlinge des Vogelstellers gelockt hat. Aber er dachte doch, seine Sache noch besser zu machen und sein Leben an solchen Beeren zu fristen, während ich, der ich soeben den nnglücflichen Vogel gegessen, daran mich nur um einen Schritt näher zum Tode gegessen habe! Kann man einen elenderen und feigeren Vertrag abschließen, als sein Leben noch ein Weilchen fristen zu lassen, um es dann um diesen Preis doch zu verlieren? Wäre nicht ein freiwilliger und schneller Tod vorzuziehen gewesen für einen entschlossenen Kater? Aber ich habe keine Gedanken gehabt, und nun da ich wieder solche hab«, sehe ich nichts vor mir, als das Schicksal dieses KrammetsvogeiS; wenn ich rund genug bin, so muß ich von hinnen, aus keinem andern Grunde, als weil ich rund bin. Ein schöner Grund für einen lebenslustigen und gedankenreichen Katzmann! Ach, könnte ich aus dieser Schlinge kommen!"
Er vertiefte sich nun in vielfältige Grübeleien, wie das gelingen möchte; aber da die Zeit der Gefahr noch nicht da war, so wurde es ihm nicht klar und er fand keinen Ausweg; aber als ein kluger Mann ergab er sich bis dahin der Tugend der Selbstbeherrschung, welches immer die beste Vorschule und Zeitverwendung ist, bis sich etwas entscheiden soll. Gr verschmähte daS weiche Kiffen, welches ihm Pineih zurechtgelegt hatte, damit er fleißig darauf schlafen und fett werden sollte, und zog es vor, wieder auf schmalen Gesimsen und hohen gefährlichen Stellen zu liegen, wenn er ruhen wollte. Ebenso verschmähte er die gebratenen Vögel und die gespickten Mäuse und fing sich lieber auf den Dächern, da er nun wieder einen rechtmäßigen Jagdgrund hatte, mit List und Gewandtheit einen schlichten lebendigen Sperling, oder auf den Speichern eine flinke Waus, und solche Deute schmeckte ihm vortrefflicher, als das gebratene Wild in Pineihens künstlichem Gehege, während sie ihn nicht zu fett machte; auch die Bewegung und Tapferkeit, sowie der wiedeverlangte Gebrauch der Tugend und Philosophie verhinderten ein zu schnelles Fettwerden, so daß Spiegel zwar gesund und glänzend aussah, aber zu Pineih Verwunderung auf einer gewissen Stufe der Beleibtheit stehen blieb, welche lange nicht das erreichte, was der Hexenmeister mit seiner freundlichen Mästung bezweckte; denn dieser stellte sich darunter ein kugelrundes, schwer- fälliges Tier vor, welches sich nicht vom Ruhekissen bewegte und aus eitel Schmer bestand. Aber hierin hatte sich seine Hexeveii eben geirrt und er wußte bei aller Schlauheit nicht, daß, wenn! man einen Esel füttert, derselbe ein Esel bleibt, wenn man aber einen Fuchfen speiset, derselbe nichts anders wird als ein Fuchs; denn jede Kreatur wächst sich nach ihrer Weise aus. Als Herr Pineih entdeckte, wie Spiegel immer auf demselben Punkte einer wohlgenährten, aber geschmeidigen und rüstigen Schlankheit stehen blieb, ohne eine erkleMHe Fettigkeit anzusetzen, stellte er ihn eines Abends plötzlich zur Rede und sagte barsch: „Was ist das. Spiegel! Warum frtffeft du die guten Speisen nicht, die ich dir mit so viel Sorgfalt und Kunst präpariere und herstelle? Warum fängst du die gebratenen Vögel nicht auf den Bäumen, warum fuchst du die leckeren Mäuschen nicht in den Derghöhlen? Warum fischest du nicht mehr in dem See? Warum pflegst du dich nicht? Warum schläfst du nicht auf dem Kissen? Warum strapazierst du dich und wirst mir nicht fett?" — „Ei, Herr Pineih!" fagte Spiegel, „weil es mir Wohler ist auf diese Weise! Soll ich mein« kurze Frist nicht auf die Art verbringen, die mir am angenehmsten ist?" — „Wie!" rief Pineih, „du sollst so leben, daß du dick und rund wirst und nicht dich abjagen! Ich merke aber wohl, wo du hinauSwillst! Du denkst mich zu äffen und hinzu- halten, dah ich dich in Ewigkeit in diesem Mittelzustande herum- laufen lasse? Mitnichten soll dir das gelingen! Es ist dein« Pflicht, zu essen und zu trinken und dich zu pflegen, auf daß du dick werdest und Schmer bekommst! Auf der Stelle entsage daher dieser hinterlistigen und kontrattwidrigen Mäßigkeit, oder ich werde ein Wörtlein mtt dir sprechen!"
Spiegel unterbrach sein behagliches Spinnen, das er angefangen, um seine Fassung zu behaupten, und sagte: „Ich weih kein Sterbenswörtchen davon, dah in dem Kontrast steht, ich solle der Mäßigkeit und einem gesunden Lebenswandel entsagen! Wenn der Herr Stadthexenmeifter darauf gerechnet hat, daß ich ein fauler Schlemmer sei, so ist das nicht meine Schuld! Ihr tut tausend rechtliche Dinge des Tages, so lasset dieses auch noch hinzukommen und uns beide hübsch in der Ordnung bleiben; denn Ihr wißt ja Wohl, daß Euch mein Schmer nur nützlich ist, wenn er auf rechtliche Weise erwachsen!" — „Ei du Schwätzer!" rief Pineih erbost, „willst du mich belehren? Zeig' her. wieweit bist du denn eigentllch gediehen, du Müßiggänger? Vielleicht kann man dich doch bald abtun!" Gr griff dem Kätzchen an den Bauch; allein dieses fühlte sich dadurch unangenehm gekitzelt und hieb dem Hexenmeister einen scharfen Kratz über die Hand. Mesen betrachtete Pineih aufmerksam, dann sprach er: „Stehen wir so miteinander, du Bestie? Wohlan, so erkläre ich dich hiermit feierlich, kraft deS Vertrages, für fett genug! Ich begnüge mich mtt dem Ergebnis und werde mich desselben zu versichern wissen! Sa fünf Tagen ist der Mond voll, und bis dahin magst du dich noch deines Lebens erfreuen, wie eS geschrieben steht, und nicht eine Minute länger!" Damit kehrte er ihm den Rücken und überlieh ihn seinen Gedanken. lFortsetzung folgt.)
vchristtritung: Dr. Jriedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Aniv.-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


