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Wenn Triftalhw Mondlichts Wunder Dilbert übers Gletscherfeld, Schlag dm Funken in den Zunder, Daß die Lohe aufwärts schwelt, Daß mit tausend Flackersternen Sich die Waldnacht übersät, Äeber der aus Weltallfernen Ewiger Hauch der Schöpfung weht.
Dämmert schauerüberronnen Frühes Morgenrot zu Tal, Alle Felsmwarten ftmnen Sich im ersten Zitterstrahl, ülnd auch du ins ülrlicht sauge Dich mit durstigen Blicken em, Daß aus deinem Menschenauge Sprühe Gottes Widerschein!
Beides, märchenhaft schöne, sternfunkelnde Rächte und svnnenglanzersüllte, lichtjubelnde Tage durftm mein Kamerad Sch und ich auf dem Torvenerjoch und dessen Umgebung, der Wasserscheide zwischen dem Dluntautal und der Senke des Königsees, acht volle Tage hintereinander erleben.
So war denn an einem dieser Tage wiederum nach einer unvergleichlichen,' unvergeßlichen Dergnacht sieghaft erstrahlend das Tagesgestirn heraufgezogen. Ein herrlicher Tag, so jung und morgenfrisch wie der erste Schöpfungstag, war angebrochen.
Freudig grüßten wir die Lebenerweckerin und rüsteten zu frohem Werke. Eilig wurde gefrühstückt und gepackt. Erwartungsvoll warfen wir die Rucksäcke um die Schultern. Damr klommen wir in schöner gleichmäßiger Steigung die Hänge nördlich des Joches hinan, von einem in stoischer Ruhe auf dem Grat stehenden Gemsbock längere Zeit beäugt. Wolken- lvser Himmel spannte sich über Tälern und Höhm. Das Wunder, eines unendlich klaren Herbstes erschloß sich unseren Augen.
Schon auf halbem Wege zum Jägerkreuz entfaltete sich das Dergbild zu gewaltiger Gröhe. Das Steinerne Meer wuchtete im Süden, immer mächtiger kam die ülebergossene Alm und der Hochkönig zum Vorschein, die Dolomitzacken der „Manndl- wand" stachen kühn und verwegen in den blauen Himmel, und dahinter grüßten wie aus unirdischen Höhen die Firne des Ankogels und der Hochalmspitze. Das Herz weitete sich unwillkürlich beim Anblick all dieser reinen und kühnen Pracht. Bald war der letzte Odem Großstadtluft aus den Lungen hinausgeblasen. Einzog die frische herbe Dergluft!
Schon früh am Tage — denn die Strahlen der Sonne warfen noch lange Schatten — erreichten wir das Hohe Brett, 2356 Meter, und wanderten nun als die einzigen Menschen weit und breit auf dem hohen Kamm über das Drettriedel, 2343 Meter, zum Großen Archenkopf, 2393 Meter.
Schwierig war dieser luftige Gang nicht zu nennen. Dennoch waren auf dem verschneiten Grate und namentlich auf der vereisten Nordfeite die Augen aufzumachen. Ein sorgloses Dahinwandeln hätte böse Folgen haben können, denn hier gab's hundert Möglichkeiten, fehlzutreten, besonders beim Abstieg zur Scharte zwischen dem Großen und Kleinen Archenkopf.
Unter dem Kleinen Archenkopf querten wir am Fuße seiner steilen, aber nicht sehr hohen Westwand über einen kleinen winzigen Ferner von etlichen hundert Quadratmetern Ausdeh- mmg. Eiszapfenbehangene Felsbänke im Schatten der Westwand zogen unseren Blick auf sich. In der Tiefe $ur Linken hielt tausendjährigen Schlaf ein weltentlegenes, einsames Kar, die .Umgänge". Die andachtsvolle Stille dieser verlassenen Felsmulde übte eine seltsame Anziehungskraft auf uns aus. Scheu, ehrfurchtsvoll und doch wieder neugierig wanderten unsere Blicke dorthin. Wir sollten später noch Bekanntschaft mit dieser herrlichen Felswüstenei machen. Doch vorerst hinauf! Der Gipfel winkte!
Um 11 Uhr waren wir auf dem höchsten Punkt. Wir beschlossen, wegen des schönen Tages uns hier zu mehrstündiger Rast niederzulassen. DaS ganze Derchtesgadner Land war von hier wie aus der Vogelschau zu sehen. Wahrlich, als die Engel das Paradies zum Himmel trugen, fiel ein Stückchen davon auf die Erde: unser Berchtesgadner Landl mit dem Königsee!
Der Blick umspannte einen Riesenbogen und reichte von den Loferer Und Ehiemgauer Bergen bis zum Totengebirge. Dachstein und Gesäuse, ja zu den Riederen Tauern und der Gegend deS Wienerwaldes. Ein großes Gebiet wird hier vom menschlichen Auge umfaßt, und dennoch ist es nur ein kleiner Ausschnitt des gesamten Alpenwalles! Wenn wir uns, vermöge unserer Vorstellungskraft, nun auch noch den Dogen der Westalpen bis hinunter zum Mont Blanc dazudenken, welch' ehre Welt! Eine Welt, feststehend in ihren Formen, und doch von unendlicher Bewegung. Immer neues Genügen findet des Menschen Sinn, wenn er sie schaut.
Eine Besonderheit der Hohen Göll ist, daß man von seinem Gipfel aus die hehre Pracht des Hochgebirges vereint findet mit der Lieblichkeit der Täler. Das Salzachtal liegt weithin offen da, Salzburg selbst, die Mozartstadt, grüßt aus der duftigen Ferne herauf und darüber hinaus glitzern zwei blaue Seen. Die welligen Hügel zwischen Berchtesgaden und Schellenberg auf dm ehren ©eite, und auf der anderen die Ramsau mit ihren
zahlreich verstreut liegenden Einzelgehöften, die wie Edelsitze ins Land schauem, lassen das Herz des Wanderers aufjubeln und geben ihm das innere Gleichgewicht der Seele wieder, so er es verloren haben sollte.
Leise tönten an jenem Tage die Glocken klänge weidenden Viehes herauf. Am Himmelszelt, flimmerte die mittäglich erwärmte Luft. Zwei Dergdohlen umkreisten mit majestätischem Fluge den Gipfel und schwebten minutenlang, ohne die Schwingen zu rühren, bald auf, bald nieder, um dann in der Richtung gegen das Tennengebirge über das Dluntautal zu verschwinden. Wenn die Menschen einmal leicht und mühelos wie diese Vögel die Luft durchmessen werden, werden sie dann auch noch den Hohen Göll besteigen?
Schön wie der Doppelgipfel des Hohen Göll sind auch seine Flanken. Zwischen dem Haupt- und Westgipfel lagerte sich ein kleines Firnfeld ein. Dom Schönen das Schönste war wohl die Felseinsamkeit der „Umgänge". Dieses Kar dehnte sich. 500 Meter tiefer als der Gipfel, zwischen dem Hohen Göll und den Wänden des Hohen Drettes und Drettriedels, des Großen und Kleinen Archenkopses. Rach seiner wilden Einsamkeit zog es uns auf einmal mächtig hin. Wir stiegen deshalb etwa 100 bis 200 Meter tief in die Südwestwand hinunter, um von oben einen Einblick in das wilde Kar und die noch undurchkletterts Wand zu gewinnen. -
Eine Weile saßen wir auf einem balkonartigen Vorsprung der Wand und maßen mit wägenden Blicken die Tiefe. Unser Beruf, die Verhältnisse, in denen wir lebten, ja sogar unser Aeuheres waren grundverschieden, und doch empfanden wir unausgesprochen, daß etwas Gemeinsames uns verbinde, etwas Gemeinsames vor vielen Menschen der Stadt. War es die Einsamkeit des fremden, abgelegenen Punktes in der unbekannten Wand, in der wir uns so wohl fühlten? Oder war es die Seele selber, die in dem gewaltigen Schweigen frei geworden von den mitztönigen Oberflächengeräuschen des Lebens nun wundersam klang und fang int wiedergefundenen Rhythmus des wahren, ewigen Seins?
Rach geraumer Weile stiegen wir wieder ostwärts gegen ben „Heiteren 2ueg“. Dabei mußten wir zweimal eine sehr steile und beinharte Firnzunge queren. Bei dieser Gelegenheit taten wir recht gut daran, die Sache sehr genau zu nehmen. Ein Bremsen auf deut 70 Grad geneigten, glatten Schneefeld hätte wohl sehr schwer gehalten, und es war nicht unsere Absicht, mit unheimlich zunehmender Geschwindigkett der Tiefe zuzuschießen, um dort sich blutige Schrammen zu holen.
Wir fanden in dem maßlos zerhackten und zerborstenen, manchmal messerscharfen, manchmal mit Strudellöchern ausge- höhlten Gestein zu unserer freudigen ileberrafchung mehrere Versteinerungen, die wie Radeln von Fichten und Lärchen aus urweltlicher Zeit aussahen. Dies alles zusammengenommen bewirkte, daß wir uns bei unserer Ankunft am Heiteren Lueg mit großem Wohlgefallen den Alien Herrn nochmals ansahen. dessen Falten und Westentaschen wir sozusagen auSgekunbschaftet hatten, den wir aber auf dem gewöhnlichen Wege durchaus nicht so genau hätten kennen lernen können. Es ist keine hohle Redensart, wenn von dem Pulsschlag der Ratur gesprochen wird, dem der Dergsteiger manchmal zu lauschen vermag. Freilich muh er sich abseits der begangenen Wege begeben, muh sich abbalgen mit bett' Tücken des Berges, muß große Umwege machen, aber gerade dadurch lernt er den oft unerhörten Reichtum eines Berges kennen, an dem ein anderer mit ahnungslosem Auge vvrübergeht.
Run waren wir auf dem „Heiteren Lueg". Bon diesem Sattel aus genießt man einen herzerfreuenden Tiefblick auf das grüne Salzachtal. Es ist ein reizender Ausschnitt inmitten all der steinigen und pflanzenlosen, trümmerbesäten und nackten Fels- wildnis. Wie treffliche Bezeichnungen doch manchmal die Bauern und Jäger einer Oertlichkeit zugeben wissen!
Hurtig lenkten wir jetzt unsere Schritte der Scharte zwischen dem (Stoffen und Kleinen Archenkopf zu. Gar reizend ist dort unter weit sich vorwölbenden Felsen ein ülnterstandshütterl hingekuschelt. Seine Einfachheit isst rührend. Es ist uns an diesem und dem folgenden Tage ein lieber Bekannter geworden. Seine schlichte Bauart sollte eigentlich Vorbild sein für die Hütten im Hochgebirge. Es besteht aus vier Wänden und einem Dach, der Boden ist Fels, Dretterbelag ist keiner vorhanden, auf einer Seite ist eine schmale Bank. Das genügt für den Schutz gegen Schneesturm und Unwetter. Bescheiden fügt es sich der Landschaft ein und bietet einen willkommenen Anblick.
Ziemlich schräg fielen schon die Sonnenstrahlen ein, als wir über Drettriedel und Hohes Brett wieder dem „Jägerkreuz" zustrebten. In beinahe undurchsichtigen Schleier war das Dergland im Westen eingehüllt, ein bläulicher Ton, vermischt mit Grau, umfing alles. Das war die Feierstunde der Berge. Hubert Mumelter hat einst in seinen Erinnerungen an drei Dolomitensommer unübertreffliche Worte für die Schönheit eines solchen ausklingenden Bergtages gefunben. „Sie ist wie ein schlichtes Lied, das die Seele ausgleicht: das die Sorgen leicht macht und das Allzuleichte in wundersame Schwermut wiegt, bas den Haß erlischt und bie Liebe still macht wie eine Wolke im Abend. Also groß ist bie Schönheit der Berge, daß 'wir in der Erinnerung an Höhenstunden alles vergessen, was an Erdenmühe und Menschenleid bie Wege geleitete."


