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Franzos«: z» faßen, hatte sie zum erftenmat der Menschheit ganzen Sammer tarnen gelernt Damals trug sie in Äns ihrer Taschenbücher daS Lied des .Harfners aus Goethes Wilhelm Meister ein: »Wer nie sein Brot in Tränen atz"... Di« folgenden Jahre bis zu ihrem Tode waren fast nichts als eine Kette von Sorgen, Aufregungen, Demütigungen, enttäuschte» Hoffnungen, nur von wenigen' Lichtblicken durchbrochen. And doch war es selten, daß sie den Bürt verlor. Sie politische Schwenkung des Zaren Alexander, der ihr einst über der Gruft Friedrichs des Großen die Hand zum Bunde gereicht hatte, der voreilige FriedenSschluß Oesterreichs 1809, der Zusammenbruch des Som» bergschen und Schillschen Aufstandes, kurz, aller Hoffnungen auf Befreiung, brachen ihren Geist rächt. Für sich erhoffte sie nichts mehr, wohl aber für ihre Kinder und das junge Geschlecht, in dem felsenfesten Glauben an Gott und die sittliche Welt. And sie prophezeite Napoleons Untergang, weil er ohne Mähigung war, „und wer nicht Maß halten kann, verliert das Gleichgewicht und fällt". Wäre sie nur die liebreizende, gütige Königin geblieben, die leidenschaftliche Patriotin, die sie unter den Schlägen des Unglücks geworden war, ihr Eindruck wäre auf Mit- und Nachwelt nicht so unauslöschlich gewesen. Erst die Märthrerkrone des Leids, die sie in ihrer Schönheit und ihrer Vaterlandsliebe trug, hat sie zum Symbol ihres leidenden Vaterlandes gemacht und ihrem Wesen etwas Heiliges gegeben.
Alles, was sie erduldet hat, war zu viel für ihr Frauenherz. Seelisch ungebrochen, siechte sie körperlich dahin. Die Geburt ihres zehnten Kindes mitten in den krittschsten Tagen des Jahres 1809 legte den Keim des Todes in sie. Als si« im Sommer des folgenden Jahres ihre Angehörigen in Mecklenburg besuchte, erkrankte sie an einer Lungenentzündung, zu der sich ein qualvolles Herzleiden gesellte. An ihm starb sie, erst 35 Jahre alt, an: 19. Juli 1810 in den Armen der Ihren, in ihrer Familie, am Hofe und im Lande eine tief empfundene, unersetzliche Lücke zurücklassend, nur eine kurze Spanne Zeit vor dem Anbruch der Freiheit, zu dem sie selbst soviel beigetragen hatte.
Aus neuen Briefen der Königin Luise.
Ergreifende persönliche Zeugnisse aus jenen Jahren des tiefsten Leides, in denen di« Gestalt der Königin Luise den preußischen Patrioten wie ein „göttliches Bild" voranleuchtete, werden uns in den neuen Briefen der Herrscherin dargeboten, die Karl Griewank zum 150. Geburtstag der Königin zum erstenmal in der,, Deutschen Rundschau" veröffentlicht. Die Schreiben sind zum größten Teil in französischer Sprache gehalten; nur manchmal bricht das Deutsch aus dem tiefsten Empfinden des Herzens hervor .Gerade dadurch wird die Tonart der Briefe in ihrer vollen Ursprünglichkeit bewahrt: „Französisch in geschäftliche!: und gesellschaftlichen Angelegenheiten, deutsch in Herzenssachen und wenn die empfindsamen Gefühle und Gedanken die Schreiberin zu offenem und starkem Ausdruck drängen." Das Französische ist oft deutsch gedacht, das Deutsche fehlerhaft, aber infttnktischer gesetzt, oft unerwartet zwischen den fremden Satzgefügen hervorbrechend. Zur Erleichterung des Verständnisses geben wir die folgenden Stellen in deutscher Uebertragung, obwohl damit viel von dem ursprünglichen Reiz des Originals verloren geht. Der erste Brief, datiert aus Königsberg, 20. April 1807, schildert der Schwester Therese, Fürstin von Dhurn und Taxis, das Wiedersehen mit Alexander I. von Ruhland in Memel:
„Am 2. April mittags kam der Kaiser von Rußland in Memel an. Du fühlst alles, was der König und ich empfinden! mußten, als wir einen solchen Freund wiedersahen. Unser Retter, Misere Stttze, unsere Hoffnung. Rein, das läßt sich nicht sagen, fühlte, als ich ihm unsere Dankbarkeit ausdrücken wollte. v)ch habe e8 nicht fertig gebracht, die Tränen erstickten jedes Wort, imd er selbst war so ergriffen, und dabei so groß, so edel, als er nnt einer Ueberzeugung, die aus der Tiefe des Herzens kam. sagte, daß er nur seine Pflicht getan habe." Am 15. Mai 1807 Ichrerbt Luise an ihren Gatten über das Wiedersehen mit B lü cher und erwähnt dabei eines Adjutanten, den sie als Kind in tugendckcher Frische gekannt und jetzt als Greis wiederge- funden habe. Daran knüpft sie traurige Betrachtungen an: „In ermgen Jahren wird man, wenn man sich sieht, auch sagen- „Ist das die Königin von Preußen, die einigen Auf der Schönheit hatte?' Das ist unweigerllch mein Schicksal, aber wenn ich das Unglück hätte, Ihre Liebe und Achtung zu verlleren, so wäre das mmn eigener Fehler, und nur das würde mich wahrhaft unglück- lich machen. Ich trete mit Freuden an meine Kinder die Vorzüge ab, die ich ihnen gab, als ich sie zur Welt brachte, und ich verliere sie gern, da ich das Glück habe, die Kinder hevanblühen zu sehen-; das ist kein wirklicher Verlust, denn der Lohn ist zu schön. Und wenn he gut werden und sagen: „Wir haben das von Papa und Mama gelernt," dann ist das alles, was wir uns an Glück wünschen können."
Ar ganzes Leid und die Furchtbarkett ihrer Lage enthüllt die Königin in einem Brief an die Schwester Therese, die sich damals in Paris befand und von deren Vermittlung bei Napoleon fle etwas erhofft. Am gleichen Tage schreibt sie an ihre Freundin Stau v. Berg: „Ich habe an Therese geschrieben und hoffe alles davon für unsere Zukunft." Dor allem sehnt sie sich nach der Rückkehr nach Berlin „als Königin, als Gattin und als Mutter". Zunächst leidet das Land, an dem ich so sehr hänge und dessen Gluck die Grundlage des meinen ist, frrrchtbar unter der An
wesescheft der Armeen. Es ist vernichtet, wenn das fortdauert In zweiter Linie kann die Erziehung meiner Kinder nicht gepflegt werden, meine Söhne, die älter werden, bleiben zurück, und ich fürchte, daß viele schöne und gute Eigenschaften sich nicht entwickeln, wenn man sie nicht zur rechten Zeit erweckt. Dann zu mir, das Klima bekommt mir gar nicht, meine Gesundheit ist geschwächt und mein gegenwärtiger Zustand doppelt peinllch Die Zeit meiner Riederkunst naht herum und die ganze Sorgfalt, die ich gewöhnt bin, könnte ich nur in Berlin finden. Die furchtbare Kälte, 6ie Rässe, alles verbindet sich mit den Deelenqualen, um mich niederzudrücken, und ich ersehne den Augenblick der Befreiung. Diese so erhoffte Reise nach Berlin kann aber nur stattfinöen nach der Zurückziehung der Heere aus dem Lande und der Hauptstadt, in die ich mich nur nach diesem Ereignis mit Anstand begeben 'Tamr. Es wäre also sehr zu wünschen, daß der Kaiser mit sich über gerechte Herabsetzungen der ungeheuren Kontributionen reden ließe und über die Art der Bezahlung." Die Schwester hat ihr von den Pariser Vergnügungen und Kunstgenüssen berichtet, und sie erwidert darauf: „Das wenige an Kunstschöpfungen, das wir haben, würde ich nicht mehr bewundern können; wenn ich noch' einmal meine glücklichen Freunde und die getrockneten Tränen der Familien leben könnte, so würde dies Schauspiel meinem 'Herzen Wohl tun und die gesunkenen Kräfte in mir wiedererwecken, denn Du weißt, daß ich in dem Glück der änderen lebte." Die Antwort der Schwester auf diesen Brief ist aber sehr enttäuscht. Sie macht gehässige Bemerkungen über den König, die Luise mit Entrüstung zurückweist. In einem deutschen Brief an ihre vertraute Freundin Frau v. Berg schreibt sie im November 1807: „Wie gerne wäre ich so, irdisch, tr enn ich nur könnte, allein seit meiner Nervenkrankheit bin ich nie wieder recht ordentlich gewesen. And nun gar schwanger und keine Hoffnung, wenn Berlin für mich nicht wieder zu ^erreichen ist. Ende Januar oder /Anfang Februar glaub' ich entbunden zu werden, und Gott weih, wenn wir reifen. Marschall Soult ist ein entsetzlicher Mann, und fährt er so fort, so hält er uns gefangen hier in Memel Jahre... Ich lese fleißig die Geschichte und lebe in der Vergangenheit, weil die Zukunft nichts mehr für mich ist. S tein kömmt und mit ihm gehet mir wieder ettvas Licht auf; doch keine Zukunft gibt es nicht ohne Selbständigkeit, wo ist die in der Welt jetzt? Ach Gott! Ach Gott!" Als sie dann endlich im Dezember 1809 nach dem von den Franzosen geräumten Berlin zurückkehrt, schreibt sie an Frau v. Berg: „Mir wird es alle Augenblick ganz miserabel für Seligkeit, und ich vergieße schon so viel Tränen hier, wenn ich daran denke, baß ich alles auf demselben Platz finde, und doch alles, alles so ganz anders, daß ich nicht begreife, wie es wird. Es ist eine Schwermut in mir, die ich beinahe nicht begreife. Schwarze Ahndungen, Beklommenheit, mit einem Worte: mehr traurig als froh."
An den König, der in Potsdam toeltte; ans Berlin am 17. April 1810 (französisch): „Wenn meine Gesundheit bleibt, wie sie ist, werde ich nicht in die Kirche gehen... denn ich habe dauernd Fieber und einen SterbenSdurst und der Gedanke verläßt mich nicht, daß ich mich noch so einige Tage hinschleppen werde und dann werde ich das türkische Fieber bekommen vom ersten Luftzug, der mich anweht... Ich, nehme an, daß dort alles wieder seinen gewohnten Gang geht, und daß du jetzt nach dem Mittag den Thee mit. Frau von Jagow und Dauentzien nimmst und dabei denkst (deutsch): Es ist doch besser, wenn meine Frau da ist..."
Auf luftigen Pfaden im Berchtesgadner Land. Von E. Gretschmann.
Wenn ich gefragt würde, was ich zmn Schönsten rechne von allem dem, was mir im Laufe meiner Dergsteigerlaufbahn be- schieden ward, würde ich weder einen bestimmten Namen, noch eine bestimmte Oertlichkeit nennen, fcmderir sagen: Das Licht, das auf den großen Höhen strahlt, und das wundersame Schweigen der Oktobernächte.
O, unendlich schön ist eine Herbstnacht in den Bergen! Was gibt es Weihevolleres, als wenn am Himmelszelt Taufende und Abertausende von fernen Welten leuchten, während tief unten in den Tälern ein weißes Nebelmeer unmerklich zwar und langsam, aber stetig flutend mit leisem Wellenschlag sich an den Wänden bricht?
Ich liebe diese Nächte. Wie viele hatte ich während meiner Studentenzeit im „Wilden Kaiser" verlebt, .find wie herrlich und befreiend ist dann das Wandern und Steigen nach solchen Nächten gewesen, hoch, oben auf den lichtumflossenen Graten und Zinnen!
Nun, wo der Ernst des Lebens und der Beruf mich in eine Stadt wett entfernt von den geliebten Bergen verbannten, wurde mir erst so recht bewußt, daß den Bergsteiger im Oktober die reinsten Und hehrsten Freuden erwarten. Eine Fahrt ins Berchtesgadner Land zu solcher Zeit war daher bald für mich eine ausgemachte Sache. Mit Arthur von Wällpach, dessen Gedichte in meinem Bücherschrank einen Ehrenplatz einnehmen, fang ich schon lange vorher:
Lieblichstes von allem Großen: Lichternacht im Gipfelglanz, Da purpurne Donnerrosen Salige schlingen sich zum Kranz!


