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Vrentano unö Johann Peter HebÄ — durch alle geht gleichsam derselbe Strom von heilerer, spiegelnder Klarheit und echter Liefe. Lind wie Frankfurt nicht nur Mainstadt ist, sondern durch feine Mhe dem Rhein unmittelbar und tausendfach verbunden, fe ist auch Goethe mehr von der rheinischen, niederfränki- Ichen Art als von der schwäbisch--oberfränkischen. Man nennt das rheinische Leben, und in ihm besonders das Wlnifche, ein Leben voll Sang und Klang. Aber nicht allein die gefühlsselige, sozusagen angewandte Musik ist am Rhein zu Hause. Bonn ist Ne Heimat des ernstgewaltigen Beethoven.
Das Rheintal, zu dem seit dem Entstehen der modernen, Großindustrie das Schwergewicht des deutschen Wirtschaftslebens zurückkebrt«, stellt eine der auffallendsten Häufungen Wirtschaftlicher und sozialer Kräfte im heutigen Europa dar. Reichtum und Massenarmut stehen einander schroff gegenüber. Vie Lösung der Siedlungsprobleme in den chaotischen Industriegebieten des heutigen Rheinlandes wird für die ganze künftige Sozialgeschichte Europas von Bedeutung sein.
Marx und Engel, Schweitzer und Bebel, diese großen Führer her Arbeiterklasse, wurden im Rheinland geboren, aber auch -ie kühnsten Führer der Industrie, die Krupp und Haniel, die Stinnes und Thyssen sind Rheinländer. Der Rhein unserer Tage « der Strom des Arbeiters, wie er nicht aufhörte, der Strom beS aufstrebenden, unternehmenden Dürgerstandes zu sein. Bei allen auf die Probleme unseres Tages gerichteten Dingen ruht ein entscheidender Teil Verantwortung und Zukunftshoffnung auf dem rheinischen Menschen. Er mag handeln oder überlegen: in chm drängt alles auf einen bewegten Ausgleich von Selbstgefühl und Hingabe an das Ganze.
Jan von Werth.
von Hans Müller-Schlösser.
Laßt uns ein Vivat geben Dem braven Reiterstand! Hurra fürs Kriegerleben! Mit Herz und Seel' und Hand Ihm bleiben wir konstant!
Der das in die Mittagssonnenglut hinaussang, war Ian, der Pferdeknecht. Er bürstete die weizengelbe Mähne des belgischen Wallachs und begann sie in kleine Zöpfchen zu flechten. Während dieser zierlichen Arbeit wurde der Ausdruck seiner großen, braunen Augen zärtlich Er seufzte und fuhr sich kratzend durch sein dunkles, wolliges Haar. Plötzlich umrampste er den Hals dös Pferdes.
»Oh, Griet, lecker ©riet!“
Das Pferd wendete den Kopf und sttetz ihm feine nasse Schnauze ins Gesicht.
Ian gab ihm einen leichten Schlag auf die Rüstern.
„Du bist nit gemeint, Krippenbeißer, du nit!"
Ian lachte in sich Hinein und flocht die Mähnenzöpfchen Weiler. Plötzlich horchte er. In den, Viehstall, der auf der anderen Seite des Hofss lag, glaubte er rohes Lachen und Gröhlen gehört zu haben. Er zog die Brauen zusammen und lauschte. Durch das Gelächter drang weinendes Schreien.
Verdammt mich! Jetzt hörte er's deutlich.
„Jan, Help!"
Griets Stimme.
Er rannte über den Hof, daß die Hühner und Enten aus- eimmderstoben. Gr ritz di« Stalltür auf. In der Dämmerung stolperte er.
In der Ecke, wo das Heu lag, sah er Griet, halb liegend, halb kniend. Zwei Dragoner hielten sie an den Armen gepackt. Ein anderer zerrte sie an der Schulter, ein Vierter wollte sie um 6en Leib fassen, und drei andere standen dabei, grinsten lüstern, lachten und gröhlten unter rohen Gebärden.
Jan rannte wie ein Stier wider sie, datz sie übeveinander- stelen.
Jan packte die anderen an der Halskrause und — eins, zwei, drei — flog einer nach dem andern durch die Stalltür draußen aus den Misthaufen.
Griet, blaß und zitternd, war aufgesprungen und wollte Jan festhalten.
Er sttetz sie zurück.
„Hunde!" brüllte er, „Hunde! Ich mach' sie kalt!" und rannte ihnen nach.
Die Drogener krabbelten aus dem Mist, die Lederkoller voll Jauche, fischten nach den Helmen und spuckten.
„Segne euch Gott das Schweinebad!" rief Jan und ergriff eine schwere Axt.
Zwei Dragoner zogen mit jauchenasfen Händen den Pallasch.
„Was ist das?"
Eine scharfe, heisere Stimme rief es.
Die Dragoner standen stramm.
„Hierher, Bursche!"
Jan trat langsam näher und blieb breitbeinig vor den, hageren Manne stehen, aus dessen gelben,, faltigen Gesichte zwei kleine schwarze Augen ihn anfunkelten. Er trug über einem reichen Svitzenkragen eine goldene Kette.
Er hörte Jans stockenden, von schwerem Atemholen unterbrochenen Bericht mit immer heiterer werdender QK-' ne an. Schließlich lachte er meckernd.
„Bleib', mein Junge! Und ihr, Schweine, raus! Meldet euch beim Profoß!"
Die Dragoner schlichen geduckt davon.
„Kannst du reiten?"
„Soll Wohl sein, Herr."
„Kannst Reiter werden bei mir. Ich merke, du bist Sieben wert!"
„Soll Wohl sein, Herr. Euer Voll ist mir das rechte Kraut! Ich passe nit zu den Halunken."
Jan machte kehrt und ging schlenkernd nach dem Stall zurück, in dessen Türe Griet stand.
Sie zog ihn herein.
„Weiht du, wer das ist, Jan? Spinola, der General!"
„Wenn er's ist, mag ers Meißen! Hör', G iet, ich mutz dir was sagen."
Mit großen Schritten und schnaufend ging Jan im Stall auf und ab, blieb vor Griet stehen und sagte:
„Griet, schlag' mich der Donner — hält' ich bald gesagt! Aber du muht meine Frau werden! Bald! Ich miag's nit mehr
länger so."
Griet sttetz ihn lachend mit der Schulter an.
„Du bist geck, Jan! Du bist nix, du hast nix, ich auch nix und, Jan, nee, einen Pferdeknecht will ich nit.“
Damit bückte sie sich, raffte Heu auf und warf es in di« Raufen.
Jan starrte ihr nach, biß auf di« Zähne, daß es knackte. Dann wischte er sich den Schweiß von der Stirne und schrie:
„Da hol' mich der S — — hätt' ich bald gesagt! Ist gut! Dann soll meine Braut Fortuna heißen!"
Lind rannte hinaus.
Die Wintersonne sinkt hinter die Türme von Jülich, rot wie das Blut, das den Schnee färbt, rot, wie die Flammen der brennenden Häuser. Die Kartaunen krachen und schützen den letzten Ausfall der Verteidiger. Geschrei und Gebrüll, Gestöhn und Geklirr. Me Stückkugeln reihen Fetzen. Spinolas^ wallonische Reiterei donnert dumpf über die verschneiten Aecker, Blutig« Spuren hinter sich lassend wie ein wundgeschossener Eber. Die Jülicher Schützen zielen gut!
Jan, auf seinem schnaubenden Brabanter Wallach, den Pallasch in der Faust, stirk auf die dunkle Schützenmasse, aus der ihm entgegen gelbe Flämmchen zucken. Um ihn herum wird Raum. Die Lücken füllen sich nicht mehr. Der Leutnant vor ihm reckt sich plötzlich im Sattel hoch und fällt mit zurückgebeugtem Kopfe schief aus dem Sattel. Keiner ist mehr vor ihm. Di« Kameraden weichen, führerlos. . ,
.Hundsfötter!" schreit Jan, hebt sich in den Stergbugel und brüllt: „Her! Alle her!" ±
Und brüllt es fünf-, sechmal und sammelt die Reste und treibt die Schützen auseinander.--
Die Stadt hat kapituliert.
Spinola, der General der wallonischen Reiterei, tritt aus seinem Zelte, humpelnd, die gichtigen Deine dick umwickelt, gestützt auf den Arm eines Pagen, das Gesicht quittengelb im flackernden Scheine der Fackeln. Er läßt sich ächzend in einen! Sessel fallen, um den herum sich seine Offiziere sammeln.
Jan, der Dragoner, muß in den Kreis treten. Sein Gesicht ist voll Schmutz und Blut, sein Koller verrissen. Aber er steht stramm vor dem General, strammer als damals auf dem Gutshofe.
Er ist «in braver Bursche!" sagt der General, verzieht das Gesicht und preßt seine Knie. „Er wird noch seine Forttin machen. Gottes Donner. Er reitet tote der Satan. Ich sagte es ja, er ist Sieben wert! Ich salutiere den Herrn Leutnant Jan von Werth!
Der Feldmarschall-Leutnant von Kurfürsten Gnaden und Reichsfreiherr von Kaisers Gnaden Jan von Werth hatte feinen großen Gegner Bernhard von Weimar bei Rhemfeldm geschlagen. Bayern war gerettet. Der Weimarer, Krieger und Hofmann zugleich, schickte seinem wilden Partner einen zierlichen! Brief, sparte darin nicht mit Schmeicheleien und Lob des gloriosen Feldherrn, der, Gott sei es geklagt, der falsche Partei diene, verblendet durch papistifche Künste. „Komm herüber, Jan, zu uns, und Deutschland hat den Frieden."
Jan lag in seinem Zelte mit geschwollenem Hals«. Erne Pistolenkugel hatte ihm einen Fetzen Speck aus dem Racken rissen Sein Generalwachtmeister und Freund Sporck sah bet ihm. Bernhards Brief in der Hand. , ..
„Was schreibt der Kerl? fragte Jan, denn der ehemalig« Pferdeknecht hatte nicht lesen gelernt. , r , ,
Sporck las ihm den Brief langfam und manchmal buchstabierend vor. Die schwarzen Teufelszeichen waren ihm em Gestrüpp, durch das er sich nur mühselig hindurchwand.
Jan hob sich mit einem Ruck empor, den Hals steif und schief, aber Blitze in den fiebrigen Augen.
Jan ritz den Brief mitten durch und spuckte auf die Jetzen.
„So, Sporck, schreib' darauf: An den deuffchen pursten, der sein Vaterland verrät! Und das Siegel, Sporck, das Siegel drückst du drauf mit Pferdemist!" ,, ,
Sporck ging lachend hinaus. Jan legte sich fluchend auf die Seite und schnarchte bald.
Jan pslegte sich ein paar Tage, seine Soldaten auch.
Aber am Abend des 3. März 1638 stürzte Sporck ins Zelt.
„Jan, auf!! Wir sind Überfällen! Der Weimaraner--1


