Ausgabe 
9.2.1926
 
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Stktfi bfc Gegensätze (ich, mildern, baß daS deutsche Volk sich zu politischen Höchstleistungen zusammsnstnden werbe. Ein Sier deutscher Staat war für Europa zu allen Zeiten etne twendigkeit, ist es Heute noch und wirb es bleiben.

An den Rhein.

Von Herbert Sulenberg.*) Getvalt'ger Bruder, wag ich es, dein Bild, Das immerzu an mir vorüberfließt Und sich voll Majestät in mich ergießt, 2km Vers zu spiegeln als dein helles Schild: Ich diene dir getreu an meiner Statt. Mein Haus prangt fest an deinem Weichen Rand, Mit blanken Augen froh dir zugewandt, Sieht es, wie ich, sich niemals an dir satt. Am liebsten freilich bist du uns bei Nacht. Du schläfst nicht ein, ziehst deine große Dahn Gleich uns gewunden durch des Daseins Macht Dem Meer, dem Lode zu. Du fühlst ihn nah'n, Unö unter den Gestirnen wirr entfacht Singst du im Sterben leise tote ein Schwan.

Der rheinische Mensch.

Von Alfons Paquet.

Der rheinische Mensch ist der deutsche in einer ganz be­sonderen Lage. In dem breiten Stromtal, das er besiedelt, starken Kultureinflüssen von allen Seiten ausgesetzt, scheint es ihm schwer geworden zu sein, einen besonderen, eigenen Charakter auszu- bilden und ihn in staatlicher Form zu behaupten; würden sonst im Lauf von Jahrhunderten Paris und Rom, Berlin und London abwechselnd sich so viel Mühe gegeben haben, den rhei­nischen Menschen unter ihre mehr oder weniger milde und Wohl­genteint« Vormundschaft zu nehmen? Würde man sonst im inneren Deutschland so oft dieses leise Befremden oder gar Mißtrauen gegen eine Eigenschaft des rheinischen Menschen antreffen, die man seine Oberflächlichkeit, seine Unzuverlässigkeit nennt? Der rheinische Mensch mußte sich in feiner langen Ge­schichte manche nicht immer schmeichelhafte Deutung feines Wesens gefallen lassen. Wie komntt es dann, daß man ihn seiner Lebens- sreudigkeit wegen dennoch immer aufs neue liebt, bewundert und ßeneibet ? And daß man ifchließlich, tnach Jahren ärgster Prü- stmg, nicht mehr leugnen kann, daß er deutsch ist tote irgendeiner?

Der Mensch von der Wasserkante findet vielleicht in dem rheinischen Menschen noch am ersten einen Wesenszug, der ihn ihm verbindet, den Zug der Weltoffenheit und Welterfahrung. Das ist sicherlich eine Folge der Offenheit der rheinischen Land­schaft zur See hin. Sein Verständnis für Großverkehr und Groß- ttnternehmen, seine Genossenschaftlichkeit kommt doch irgendwie vont Wasser. Zwischen den Norddeutschen, der ja meist Nieder­sachse ist und dem fränkischen oder alemannischen Rheinländer, der sich jetzt Preuße oder Hesse, Pfälzer oder Badener nennt, mag es sonst genug Gemütsunterschiede geben. Wer in den Dingen, die man die praktischen nennt, verstehen sie sich besser als z. B. mit dem typischen,wasserlosen" Binnenländer. Denn auch Flußschiffahrt ist Schiffahrt, auch ein großer Strom ist immer ein wenig Wasserkante. Das Leben des Schiffers, des Ingenieurs und des Kaufmantts bedingen eine besondere Bildung unterbauen auch ein freieres Verhältnis zum Leben. In Köln am Ätzern wurde schließlich dieHansa gegründet. Das war zu einer Zeit, als die Stadt schon einmal nach allen Seiten die Metropole war. als sie, wie heute wieder, nach den Niederlanden, nach England Md Skandinavien offen stand. Der Hanseatengeist in seinem Inbegriff bürgerlicher Anabhängigkeit, kaufmännischer und fee« manntscher Redlichkeit und phrasenlosen genossenschaftlichem Wesen ist jenem alten rheinischen Geist nah verwandt, der im Mittelalter In Der vor Eifersucht gewiß nicht immer freien Freundschaft zwischen Städten wie Zurich, Basel und Straßburg lebte, und der sich im mittelrheinischen Städtebund, mit Mainz und Frank- furt an der Spitze, bis zu den Ansätzen eines selbständigen, republikanischen Biirgerwesens erhob. Dieser Bund verstand Ord-

zu schaffen, als Bischöfe und Fürsten in ihrer Habsucht bcn Rhein durch Zollschranken abfperrten, Handel und Schiff- sahri behinderten und auf alle Felsenvorsprünge des Rheintales ihre Rautorester, ihre Heinen Festungen und Kontrollstationen htnsetzten.

Ein einheitlicher geschichtlicher Zug geht durch die Land­schaften, ine der Rhein miteinander verbindet, ein gemeinsames Interesse am Strom selbst, der Berkehrsstraße, Ärbeitsrnotor, Kulturband ist. Es gibt Ströme, die mehr Wasser führen als etn Strom von der mittleren Größe des Rheins, und doch viel wemger Schiffbarkeit haben, weil entweder ihr Lauf kürzer oder verwickelter ist, oder weil ihre Zuflüsse einander nicht fo vortreff- »H «Mnzen wie die Zuflüsse des Rheins, die ihn vom ersten <Auhjahr an Wasser geben bis in den trockenen Sommer hinein, der die Gletscher der Alpen zum Schmelzen bringt. Wie betont

*) eben bei Engelhorns Nachf. in Stuttgart erschienenen fünffainbigen AusgabeAusgewählte Werke" entnommen.

doch 6er Rhein als Graben die aut sich geringfügigen landschaft­lichen und volklichen Anterschiede zwischen den beiden -Ufern, liefert die getrennten Hälften ganz verschiedenartigen Einfluß auf und verbrüdert doch auch wieder die Ufer durch den gemein­samen Besitz dieses Bandes zur unauflöslichen Gemeinschaft aller, die vom Elsaß bis zu den Niederlanden an feinen Äsern wohnen i Diese Ganzheit und Zusammengesetztheit der rheinischen Land» ift ist. es mit allen den wirtschaftlichen, sozialen imd geistes­geschichtlichen Folgen, die den Charakter des rheinischen Menschen, aus doppelten, sozusagen rechts- und linksufrigen Bestandteilen zusammengesetzt und sich oft in das freudige Freiheitliche ge­steigert hat. An der nattirlichen fruchtbaren Schönheit des Landes hat sich auch der rheinische Mensch in seinen großen Zeiten zu Der Form gebildet, die an seinen Baudenkmälern, an feiner Pracht und Kunstliebe Ausdruck findet.

. ®on den sagenhaften Nibelungen bis zu den großen Kaiser» gcfgjlctßtern war am Rhein das Geburtsland deutscher Größe. 2wer dieses Land erlebte auch die volle Tragik ihres 3er« sattes. Born Rhein hat der staatliche Aufbau des ganzen zwischeir Mittelmeer und Nordsee gelegenen Europa, haben selbst aus rheinischem und holländischem Kolonistentume her die ersten formbildenden Keim« Preußens ihren Ausgang genommen. Die Lage zum Strom hat alle diese Staaten und ihre Bewegungen beeinflußt. Der Strom als Spender von Reichtum, Kultur- leben und städtischem Aufbau hat Fürstentümer, Provinzen, Kleinstaaten und größere Staatengebilde geschaffen, die wie der Strom selber niemals ganz fertig zu werden scheinen.

Rhein hat ein Janusgesicht. Denen, di« ihn lieben, kostet er Mut und Tränen. Er bedeutet denen, die an seinen Ufern wohnen, auch die Gefahren ewigen Krieges, immer toieder- kehrender Bedrückung. Manchen Geschichtsschreibern löst sich das Rheintal in seiner ganzen Länge und Vielgestaltigkeit von den Alpen bis zur See in ein einziges Geflecht strategischer Linien auf. Der Kampf um den Rhein ist ihnen Hauptinhalt der europäischen Geschichte. Sie sehen die verbindenden Aeber- gänge und Begegnung schaffender Kräfte dieser Landschaft nicht. Aber gegenüber störenden und zerstörenden Kräften, die den Strom immer wieder zum Schauplatz ihrer Kriegszüge, ihrer auf Vorherrschaft gerichteten Aktionen machen, versucht sich die genossenschaftbildende, auf Zusammenarbeit angewiesene Kraft des rheinischen Menschen durchzusetzen. Die Launen der Natur haben immer wieder den ingenieurmäßigen Ausbau des Stro­mes in der verständigen, unablässigen Zusammenarbeit der Menschen des oberen und des unteren Stromlaufes aufgerufen. Heute wieder sind es die unzerstörbaren, technisch noch unaus­geschöpften Möglichkeiten des Stromes, die Nutzung feiner Wasserkräfte, der Ausbau seiner Nebenflüsse zu Kanalver­bindungen mit allen Hauptadern des festländischen (Strom» shstems und zu den Meeren, die die Küsten unseres Erd­teils bespülen, aus denen der rheinische Mensch den Mut schöpft, an seine Zukunft zu glauben. Die Verdunkelungen seines äußeren Schicksals können immer nur zeitweilige fein.

(Seit den großen Kaisern, seit dem berühmten Kanzler und Kölner Erzbischof Reinald von Dassel hat zwar das Rheinland 'nicht wieder den großen Staatsmann hervor­gebracht, der aus dem rheinischen Schicksal hervor zugleich das deutsche gestaltete. Aber ist es ein Zufall, daß in der kritischen Zeit, die die französische Revolution und das Genie Napoleons über Europa brachte, die drei größten, mächtigsten Gegner Napoleons Rheinländer waren? Der wuchtige Reichs­freiherr von Stein, der geschmeidige, diplomatisch Fluge und österreichisch reaktionäre Graf Metternich und der toortgewal- tige Rufer im Streit, Joseph Görres, waren Rheinländer und Zeitgenossen. Untereinander gründlich verschieden, trugen doch diese drei Männer jenes Element in sich, das unter allen Deutschen der Hanseate noch heute am besten kennt: Das Gefühl eines uralten Vorrechts, dem Gedanken des Reichs in Unmittelbarkeit und nach freier Wahl zu dienen. Von der Kulturblüte des mittelalterlichen Rheinlandes, das sich in den Universitäten von Köln, Heidelberg, Mainz und Basel so hoch erhob und von deren Denkmälern die Marschälle Ludwigs XIV. und die Armeen der Revolutton kaum mehr als die Ruinen übrig ließen, gingen doch drei große Erfindungen in den Weltbesih über: die Duchdruckerkunst, das Schießpulver und die Oelmalerei. Die Kunst des Rheinlandes findet nicht nur ihren Niederschlag in den stilgeschichtlich einander verwandten Domen von Schaffhausen und Basel, von Freiburg und Straßburg, von Speier, Worms, Mainz und Bonn, in den alten Kölner Kirchen bis hinab zu St. Viktor in Stauten und zu St. Walburg in Arnheim sie lebt auch als leuchtende Wirk­lichkeit noch immer in den Namen Meister Wilhelm und Stefan Lochner, Memling, Rubens, Rembrandt und van Gogh. Die in Köln geborenen Brüder Boisseree sind, an der Pforte der Neuzeit, noch einmal das rückwärts gewandte Gesicht des Rhein­landes: sie entdeckten das geistig Große in der Ausdruckskraft der alten rheinischen Baukunst, wiesen zusammenfassend auf die Seelenbedeutung der aus dem Rheinland in alle Welt ent­führten und verstreuten Kunstschätze hin. Und immer atmete am Ahein ein Dichtertum, typisch für eine zur Aeberfchau zum Kampf um Menschenrechte, aber auch zu mönchischen Versenkung neigende Gemütsart. Bon den Epikern der Frühzeit bis zu den Satirikern des Mittelalters und den Lyrikern der Neuzeit von Fischart bis zu Heine, von Thomas von Kempen bis zu