Ausgabe 
9.1.1926
 
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Gietzener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zvm Gietzener Anzeiger

ZahrgangM6°" Samstag, den9.Januar Nummer 5

Fischer.

Bo» Kams Stand.

So tote du sind tat gehöhlte» Baum.

als sie noch nicht toufjttm, dich fit warst, deine Bätet aus dem See gefahren.

Zeit dir ward sie nicht zu einem Raum.

der ein Hüben trennt von einem Drüben. Einstmals, heut - dit blieben sie verbunden durch Vein täglich Tun. Stab jene Wunden, deren uns auch wenn wir uns vergrüben in das Ehedem sich keine schließt, nie noch hat ihr Brennen dich versengt.

Völker kommen, blühen, welkem, gehen: man steht da, so wie die Väter stehen, in dem klobigen Kahn, man fährt, man fängt, was silberschuppig durch die Fluten schießt.

Seltsame Begebenheiten und Zufälle.

Bo» Dr. Fritz Adolf Hümich

Wir leben mitten im Geheimnis. Von dem Fallen und Schlin­gen des Schicksals umstellt, gleicht uns« Gang dem der Schlaf­wandler, di« sich mit traumhafter Sicherheit den tödlichsten Ge­fahren aussetzen; von tausendfachem Ltahetl bedroht, erkenn«! wir, wie der Reit« auf dem Bodensee, die Gröhe der Gefahr meist «st, wenn wir ihr glücklich entronnen sind. Blind vertrauend üb«lassen wir uns jeden Tag einem ungewissen Dasein, und ahnungslos geh« wir Ereignissen entgegen, die uns« Glück ober Änglück bedeuten. Tiefer in die Mystik des Geschehens versponnen, sehen wir in den Schnitt- oder Berührungspunkten des Gewirres 6er Menschenwege die Begebenheiten liegen, die wir Zufälle nennen. Dunkel bereiten sie sich und ihren Sögen oder ihr Verhängnis vor, um plötzlich, tote aus einem Versteck auS» brechend, aus der Bahn der Menschen unberschenbar, überraschend, schön oder grausam, auszustehen, Mächte, diegeheiminsvvll find wie der Trieb, der den Bogel auf seinem Fluge von Heimat zu Heimat steuert, lenken unsichtbar die Schritte bet Menschen. Uns« Dasein," sagt A. W. Schlegel, .ruhet auf dem Unbegreif­lichen."

In denGesta Romanorum", dem ältesten und berühmtestem Märchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters, befindet sich eine tiefsinnige Erzählung, die den Titel führt: De versutia diaboli et quomodo Dei judicia sunt occulta (Don des Teufels Arglist und wie Gottes Gericht« verborgen sind). Reben ber Höhle eines Einsiedlers, der Gott aus frommem Herzen dient, weidet ein Hirt seine Schafe. Sines Tages wird dies« vom Schlaf über­mannt und währenddem von einem Räub« sein« Sytetbe be­raubt. Dom Besitzer d« Schafe nach dem Verbleib befragt, schwört er, es nicht zu wissen. Darüb« gerät bet Herr in Wut und erschlägt ihn. Als der Einsiedl« solches sieht, hadert « mit Gott, daß « den Mord an einem -Unschuldigen zugelassen habe, und beschließt, in die Welt zu gehen, um tote die anderen zu Heben. Gott sendet, um ihn vorm Verderben zu bewahren, einen Engel zur Erde, d« sich zu ihm gesellt. Dies« Engel GotteS vollbringt nun eine Reih« von unfaßbaren, ja teuflich erschein«»» den .Untaten: Gr erwürgt in bet Wiege den einzigen, zärtlich geliebten Sohn des Kriegers, bet sie freundlich ausgenommen, bewirtet und beherb«gt hatte; « stiehlt dem Bürg«, ber ihnen auf das ehrenvollste Speise, Trank und Obdach geboten hatte, einen goldenen Becher, b« d« Stolz des Besitzers war; er stößt den armen Mann, bet, auf ein« Brücke nach dem Wege befragt, ihnen die Richtung zeigt, ins Wasser, so daß et ertrinkt; « schenkt ban gestohlenen Decher dem reichen Mann«, der ihnen ein Nachtlag« «st verweigert und sie dann in den Schweinestall gewiesen hatte. Dem Einsiedl«, der, durch solche Erlebnisse in Furcht imb Schrecken versetzt, von seinem Begleit« fort begehrt, «klärt b« Bote und Beauftragte Gottes den Grund sein« Handlungen: D« Krieg«, der, «He sein Knabe geboren ward, in reichem Maße Almosen gegeben und Werke der Barmherzig­keit ausgeübt hatte, danach ab« geizig und habsüchtig geworden war, um seinen Sohn reich zu machen, ist mm auf den rechten Weg zurückgekehrt; bet Bürger, der einst bet nüchternste Mensch auf der Erde, ab« dem Trünke verfallen, seit et bett Decher besah, ist durch besten Entwendung von seinem Last« gehellt; d« Arme, d« auf der zweiten Hälfte seines Weges einen anderen erschlagen hätte, ist durch seinen Tod vor ein« Todsünde bewahrt

worden; ben verderbenbringenden Becher ab« hat der «halten, d« den um eine Unterkunft Bittenden fein Haus verschlossen hatte. Wenn et auf gehört hat zu leben, wird « m ber Hölle thronen. .Wiste," so belehrt bet Engel den Einsiedler, .daß auf Erden nichts ohne Grund geschieht... Lege also künftig deinem Munde einen Zügel an, auf daß du Gott nicht tadelst, berat er werh alles."

3n solch« Tiefe, eingebettet in die unergründlichen Pläne bet Vorsehung, gestalt«, sich vor ihrem Sichtbarwerden die Schicksale ber Menschen. Welcher geheimnisvolle Zusammenhang zwischen dem verzweifelten Verlangen des zerknirschten Herzens nach dem Befrei« aus ben Fesseln fleischlich« Begierden und dem magischen Auf, der Augustinus zu der erlösenden Dibel- stelle führte, die ausersehen war. die Richtung seines Lebens zu änbcBn und «s zu weltgeschichtlich« Gröhe überzuleiten! 5ta tiefst« Seelennot nach einem Ausweg aus dem Labyrinth bet Leidenschaften suchend, da angelangt, wo eS den bitteren Boden­satz zu schmecken gibt, griff Johann Georg Hamann, b« nachmals als Magus des Nordens gefeierte und verschriene Apostel und Apologet des Airtirationälismus. wiederum, doch mit zuvor nie gekannter Inbrunst, zur Bibel, um am Abend des 31. März 1758, durch das Gleichnis Abels erschüttert, von dem Gott zu Kain sagte: .Die Erde hat ihren Mund ausgetan, um das Blut deines Bruders zu empfangen", di« große Stunde feiner Bekehrung zu erleben. Nicht minder geheimnisvoll ist die Wagte, die StriMdberg in die Arms Swedenborgs trieb. Er «zählt von dies« mystischem Begegnung in seinem .Inferno": .Ich ev- wache an einem Sonntag vor Ostern, gehe in ben Luxemburg- garten, durchwandere ihn und überschreite di« Straße. AIS ich unter die Arkaden des Oderm komme, bleibe ich unbeweglich vor ben blauen Dalzacbänden stehen, und durch einen Zufall greise ich .Seraphita" heraus. Warum gerade diesen Band?

Sobald ich nach Hause kam, öffnete ich das Buch das mir beinahe unbekannt war, so viele Zcchre lagen zwischen d« «sten Lektüre und dies« zweiten.

ES war völlig neu für mich unb jetzt, da meta Geist be­reitet war, verschlang ich den dm)alt dieses außerordentlichen Buches. Ich hatte noch nie etwas von Swedenborg gelesen, bet in seinem und meinem Lande für einen Scharlatan, einen Narren, für unzüchtig galt, und wurde von Dewund«ung und Entzücken «griffen, als ich diesen himmlischen Riesen beS vorigen Jahr­hunderts durch ben Wund des tiefsten der französische Geister sprechen hörte.

Stabern ich mit religiös« Andacht lese, komme ich zu Seite 16, wo der 29. März als Swedenborgs Todestag angegeben ist 3djl «halte taste, benfe nach und schlage den Kalend« auf. Heute ist gerade bet 29. März, und außerdem ist es Palmsonntag.

Do offenbarte sich Swedenborg als Juchgeist in meinem Lebert,, ta dem « eine große Rolle spielen sollte, und brachte mir am Jahrestage feines Todes die Palmen des Siegers ob« des Märiyrers!

Leben wir nich mitten im Geheimnis? Auf dunkler Woge treiben Menschen und Dinge etaanöer zu, um durch ihr Zu­sammentreffen jene Entschidungeu herbeizuführen, die den Ver­lauf unseres Schicksals bestimmen. Merkivürdige Beispiele hier­für hat Ernst Bertram aus Nietzsches Geben ausgestellt.

Andere, seltsam erscheinende Vorgänge, die ben Wechsel von Höhen und Tiefen un?«es Lebensgefühls, den durch Daten und Termine sestgelegten Zusammenhang mit unseren Vorfahren be­treffen, stad durch die Periodizitätslehre von Wilhelm Metz ta ein System gebracht. Schm Goethe hatte dunkel das Gesetz im Wirken bet Kräfte uns«« Existenz empfunden, als « am 26. März 1780 in fein Tagebuch schrieb: ,2ch muh bat Slrfci, der sich ta mir umdreht von guten und bösen Tagest, näh« be- merken, Leidenschaften, Anhänglichkeit, Trieb, dteß ob« j«ns zu thun. Erfindung. At^führung, Ordnung, alles wechselt imb hält einen regelmäßigen Kreis. Heiterkeit, Trübe, Stärke, Elasts- cität, Schwäche, Gelassenheit, Begier eben so. Da ich sehr diät lebe, wird der Gang nicht gestört, und ich muß noch Henaus kriegen, in welch« Zeit und Ordnung ich mich um mich selbst bewege." Am 15. November 1790, bet ihm deshalb als bet wichtigste Tag feine« Lebens «schien, erfuhr 3ean Paul ta seinem Gefühl zum erstenmal di« dunkle Drohung des Todes, und fünfunddreißig Jahre spät«, das Ende geheimnisvoll mit bietet Ahnung verbindend, war mit dem 14. November dem Kreislauf feines Lebens daS Ziel gesetzt. Heinrich Döring «v- zählt, Goethe habe imm« den 22. März, jenen Tag. an dem im Jahre 1825 das Schauspielhaus ta Weimar abgebrannt wat,