Ausgabe 
8.6.1926
 
Einzelbild herunterladen

- 184

Carl Maria von Webers Beziehungen zu Hessen.

Von Professor Dr: jur. et phil. Karl Esselborn. (Fortsetzung.;

Die Loffmn»g, die Weber auf die Lleberrelchung des Werkes setzte, verwirklichte sich. Am 2. Februar 1811 bescheinigte Abt Voglerdie Smmn« von vierhmtdertvierzlg für Lern» v. Weber von einer Großherzogl. Kabinetkasse erhaltet» zu haben".

Das lange beabsichtigte Konzert, worüber er am 8. Januar 1811 an Weber geschrieben hatte:Leute habe ich den ganzen Tag Visiten gemacht und werde nun bald ersehen, ob mein Konzert hier zustande kommt", fand am 6. Februar statt. In derGroßh. Les- sischeu Zeitung", die in der Darmstädter Zeitung heute noch fort­besteht, lud er durch folgendeEmrzert-Anzeige" (Nr. 6 vom 5. Februar S. 147) ein:Mit Allerhöchster Genehmigung wird Unterzeichneter die Ehre haben, künftigen Mittwoch den 6ten Fe­bruar in» Freh'schen Saale ein großes Voeal- und Instrumental- Eoneert zu geben, worin derselbe sich auf dem Pianoforte hören lassen und verschiedene seiner Compositione»» aufführen wird. Darm­stadt, den 4. Februar 1811. Earl Maria von Weber".

Vo»r den» Erfolg des Konzertes berichtete Weber feinem Freunde Gänzbacher am 27. Februar folgendes:Mein Konzert den 6. Fe­bruar war erstaunt brillant und unerhört voll für Darmstadt. Ich hatte für die Madame Schönberger^) m»d die Tochter von Man­golds die auch eine herrliche Altstimme hat, ein Duettchcn* 2 3 4) kom­poniert, was sehr gefiel und wiederholt werden mußte. Der Groß­herzog nahm 120 und machte mir außerdem vierzig Karolin für die Oper zum Präsent. Aber stelle Dir vor, am Konzerttage, eben da ich mich anziehen will, geht die Türe auf, und wer kommt herein? (Gottfried) Weber und Duscht), meine Freude bei dieser Aeber- raschrmg kannst Du dir denken, und erhöht wurde sie noch dadurch, daß die guten Jungen bis den 10. blieben, aber dann mußten wir uns trennen, und auch Beer reist am 12. nach Mannheim, dem Professors

Die während seines Aufenthaltes in Darmstadt gewonnenen künstlerischen Eindrücke faßte Weber noch im Februar 1811 in dem AufsatzeDarmstädter Kunstzustand" zusammen, der am 17. Mai 1911 imMorgenblatt für gebildete Stände" (5. Iahrg. Nr. 118 vom 17. Mai 1811 S. 472) erschien und in Georg Kaisers Ausgabe von WebersSämtlicher» Schriften" Berlin und Leipzig 1908) nach der Landschrift mitgeteilt ist.

Der Aufenthalt Webers in Darmstadt hat auch seinen poetischen Niederschlag gesunden. Zunächst in einer Erzählung Ernst Pasques (18211892)Ein Festdiner Karl Maria von Webers" (Must- kantenqeschichten, Dresden und Leipzig 1888 S. 205220). Die Lauptpersonen darin sind die drei Musikersreunde sowie die Tochter deö Ochsenmetzgers Leonhard Klein, in dessen Laus Weber wohnte, die am 28. August 1791 geborene Johanna Klein, nachmals unter den» .SpitznamenLanne-Tante" eine stadtbekannte Persönlichkeit und ledigen Standes am 18. Januar 1885 gestorben. Pasqus hatte sie noch im Juni vorher in ihrer Wohnung in der Schloßgasse 2 besucht und sie ihm eine Menge Einzelheiten und lustige Streiche aus dem Jugendleben Webers erzählt, der da»nals ihr und vielen andern Darmstädter Mädchen den Los gemacht habe; sie schilderte ihm, Vie Persönlichkeit des Meisters, der sich bald im grünen Frack mit goldnen, Knöpfen und Stulpenstiefeln fehen ließ und weit fröh­licher als gefunb gewesen fei, denn er fei meistens schief gegangen und habe oft gehustet. Das Festdiner, das in dieser Erzählung Weber seinen beiden Freunden austischt, besteht in kaschierten Eß­sachen aus dem Theater, die ihm der Buchbindermeister Ludwig Pfersdorff (gest. 19. Oktober 1845) geliehen hatte. Der Groß­herzog Ludewig I. erfährt dies und läßt die Theatergegenstände zurückholen, dafür aber den. jungen Musikern herrliche Speisen aus der Äofküche »md Champagner aus dem Lofkeller bringen. Pasques Erzählung lag einem gleichnamigen Festspiel zugrunde, das der Lofschauspieler Georg Leinrich Lacket (18551922) für die Weberfeier am 20. Dezember 1886 im Saalbau verfaßt hatte. Später wurde sie von den» Mainzer Wilhelm Iaeoby (18551925) im ersten Akt seines dreiaktigen SingspielsKommt ein schlanker Bursch gegangen..." (Mainz 1919) abermals in dramatische

)) Marianne Schönberger-Mareoni, geb. am 22. Oktober 1785 zu Mannheim als Tochter des kurpfälzischen Kammermusikus Aloisius Marconi (geb. 1745, gest. 30. Juni 1825 zu Darmstadt), verheiratet mit dem Maler Lorenz Schönberger (17701847), zog sich 1825 von der Bühne zurück und siedelte nach dem in Mainz erfolgten Tode ihres Mannes wieder nach Darmstadt über, wo sie am 9. Oktober 1882 starb.

2) Charlotte Mangold, geb. 25. April 1794 als Tochter des Lofmusikus und späteren Lofmusikdirektors Georg Mangold (17671835) zu Darmstadt, gest. ebd. 6. April 1876.

3) Für zwei Flöten in Es, komponiert am 27. Januar 1811, später in das Duett Nr. 3 in op. 31 Ä 2/4 verwandelt.

4) Alexander von Dusch, der Bruder von Gottfried Webers zweiter Frau, geb. 27. Januar 1789 zu Neustadt a. d. L., nachmals badischer Staatsminister, gest. zu Leidelberg 27. Oktober 1776.

°) Joseph Fröhlich, geb. 28. Mai 1780 zu Würzburg, daselbst Professor und am 5. Januar 1862 gestorben, veröffentlichte 1845 in derMnemosyne", einem Beiblatt der Würzburger Zeitung, eine Lebensbeschreibung des Abtes Vogler.

Schristleilung: Dr, vmeöc. Wich. Lange. Druck und Verlag der

Form gebracht mit der Aenderung jedoch, daß att die Stelle der Äanne-Tante" die Sänger»» Caroline Brandt, Webers spätere Gemahlin gesetzt ist und der Großherzog Ludewig in Webers Woh­nung bei dem Buchbindermeister selbst erscheint.

Von Darmstadt aus wandte sich Weber über Frankfurt «ach Gießen. Den 18. Februar reiste er von Frankfurt ab. Als er b« der Gießener Polizei um die Erlaubnis zu einem Konzerte nachsuchten hatte er mit ihrem Vorstände, dem Regierungsrat Johan» Andreas Philipp Schwabe ein drolliges Erlebnis, das er am 20. Februar 1811 in einem Briefe von Gießen aus an Gottfried Weber folgender­maßen berichtet:Ein komischer Streich ist mit hier passiert. Wie ich von der Polizeidirektion die Erlaubnis haben will, verlangte der Kerl meine Atteste, ob ich was könnte und ob ich einen Paß habe etc., kurz, er examiniert mich wie einen Vagabunden. Ich sagte ihm aber so derbe Sachen, daß er zuletzt ganz verlegen wurde, ut» dann ging ich zu dem General Wittgenstein3) und bekam von dem die Erlaubnis. Der Geheimerat von Stein') fragte mich angelegentlich nach Dir und den Deinen, er kennt Dich noch von Wetzlar her ... Ich glaube nicht, daß bei meinem hiesigen Konzert was zu holen sein wird. Denk Dir, das höchste Entree ist 36 Kreuzer, dabei wird man nicht fett; item wenn ich nur keinen Schaden dabei habe."

Doch die Befürchtungen waren unbegründet. Am 27. Februar konnte er an Gänsbacher von Würzburg aus schreiben:Ich wurde da erstaunt gut aufgenommen und wie ein Wundertier betrachtet, sehr gastfrei und freundschaftlich besonders. Den 22. gab ich mein Konzert, was so voll war, daß niemand in Gießen sich erinnert, so eines gesehen zu haben, und wo ich eirea 82 Gulden einnahm". Webers Sohn Max Maria, der vierzig Jahre später in Gießen war und bei den Freunden seines Vaters mit rührender Liebe empfangen wurde, ergänzt diese kurze»» Ausführungen in dem Lebens­bilde Webers (Bd. 1, Leipzig, 1864 S. 247) auf Grund damals erhaltener mündlicher Berichte: Weber fpielte zuerst in einigen Privatzirkeln wie bei dem Buchhändler Georg Friedrich Leher (17711847) und den Professoren Friedrich Wilhelm Snell (17611827) und Leinrich Karl Iaup (17811860), und dadurch verbreitete sich sein Ruf als Klavierkünstler in der kleinen Stadt so, daß niemand sein Konzert versäumen wollte. And wenn die Träger, die das Pianoforte in den Saal geschafft hatten, den Lohn aus­schlugen,weil sie Weber spielen gehört hatten, so war das eine finnige Anerkennung für Weber.

Am 6. Mai 1814 war Webers Lehrer Vogler, der die Be­ziehungen Webers zu Darmstadt vermittelt hatte, gestorben. Weber bewahrte ihm Zeitlebens eine Anhänglichkeit, diemehr von kind­licher Pietät als von der Liebe des Jüngers zum Meister an sich hatte" (Max Maria v. Weber). In einer im März 1818 niedergeschriebenen selbstbiographischen Skizze sagt Weber von Vogler, daß er ihn mit der Liebe, die jedem wirklich großen Geiste eigen sei, dem wahrhaft ernstgemeinten Streben freudig zu helfen, und mit der reinste»» Lingebung den Schatz seines Wissens vor ihm aufgeschlossen habe" und fährt dann fort:Wahrlich, nur wer so wie ich und einige wenige noch Gelegenheit hatte, diesen tieffühlenden starken Geist, diesen unerfchöpflichen Reichtum an Kenntnissen und die feurige Anerkennung alles Guten, aber auch die strenge Wägung desselben zu beachten, dem mußte er ehrwürdig und unvergeßlich sein, und er mußte die durch Erziehung, Sta»»d, Anfeindungen aller Art und Mißverstehen dem großen ganzen eingeschobenen, es um­gebenden und scheinbar verwirrenden Schlacken und seltsamen Eigen­heiten, als an sich minder merkwürdige Erscheinungen hinnehmen, übersehen und natürlich finden." Am 13. Mai 1814 schreibt er unter dem Eindruck der Nachricht von Voglers Tode aus Prag an Gansbacher:Ich schicke diese paar Zeilen aufs Geratewohl in die Welt hinaus, weil eine höchst traurige Notwendigkeit mich dazu treibt. Gestern meldete mir der Orgelbauer Reiner aus Darm­stadt, daß den 6. hujus früh um halb fünf Ahr unser teurer Lehrer Vogler schnell mit Tod abgegangen sei. Meinen Schmerz brauch ich Dir nicht erst zu beschreiben. Friede mit seiner Asche, ewig lebt er in unfern Letzen. Wenn nur feine Werke nicht verschleudert werden und er einen von uns zum Erben gemacht hat3). Aus jede» Fall schreibe ich sogleich an Reiner und bitte mir seine Büste aus, wo wir das Piedestal dazu machen ließen." Webet faßte in Darm­stadt den Plan, eine Lebensbeschreibung Voglers zu verfassen. Am 23. Juni 1810 schrieb er an Gottfried Weber:Ich werde vielleicht Voglers Biographie schreiben unter uns gesagt, wem» ich so viel Sihleder behalte." Et hielt auch an dieser Absicht fest, denn am 16. Mai 1814 schreibt er von Prag aus an den Gründet und Redakteur derLeipziger allgemeinen Musikzeitung" Friedrich Rochlitz (17691842):Abt Vogler ist nicht mehr ... ich behalte mir vor, später etwas Ausführliches über ihn und feine Werke zu fchreiben".

°) Generalleutnant Adolf Ludwig Wilhelm Graf von Sayn und Wittgenstem-Berleburg, geb. 1741 zu Berleburg, trat 1791 als Generalmajor aus holländifchen in hessische Dienste, war feit April 1797 Kommandant in Gießen, starb 12. November 1812.

7) Franz Joseph Freiherr von Stein, geb. 25. Februar 1772 zu Neudonau, war Kammergerichtsassessor in Wetzlar, ward 1808 Geh. Rat und Losgerichtsdirektor in Gießen, gest. 8. Januar 1854, vgl. 91Hg. deutsche Biographie, Bd. 35, Leipzig 1893, S. 607F.

8) Vögle»' vermachte seinen handschriftlichen Nachlaß dWn Großherzög Ludeivig I., mit dessen Musikbibliothek er in die Großh. Lofbibliothek, die heutige hessische Landesbibliothek, gelangte.

(Fortsetzung folgt.)

Btühl'fchen Aniv.-Boch- und Steindruckerei. R. Lange. Gietzen.