Gießener zamilienblatter
Unlerhattmgrbeilage zum Siehener Anzeiger
Jahrgang s926 Dienstag, den 8. Juni Rümmer <6
Alte Landsknechte.
Bon iWrries Frhrn. von Münchhausen.
3m Himmel droben, in einer Ecken, Wo die alten Soldaten die Beine strecken, Wett weg von Heiligen und Propheten, Bon Märtyrern und Anachoveten, Ätzen an eines Kamtnes Flammen Die seligen alten Landsknecht beisammen. Manchmal greift einer in die Tasche, Sucht nach den Knöcheln, sucht nach der Flasche, — — Aber im Himmel gibt's nichts dergleichen, 's Höchstens daß mal ein Englein kommt, Ihnen ein Schälchen Dau zu reichen, •' %
Das den seligen Seelen frommt.
Lind wenn gar einer mal fluchen will:
„Potz Tod und Teufel und Frundsberger Drill!" Geht's ihm nicht aus dem Maul heraus, Wird gleich ein Halleluja daraus, So daß der Reuter, vom Wunder benommen Gar ein einfältiges Lächeln bekommen, Den Kn-ebelbart zur Seite drückt llnb ein wenig auf die Seite rückt. — Sind ja selig und freuen sich ja, Sind ihrer aber zu wenige da! Alle Kameraden und Kumpane, Hauptleute, Obristen und Feldkaplane, Alle Brüder vom Schwert sitzen drunten zusammen Änd- brennen in den höllischen Flammen.
Aber manchmal in ihren Ohren es klingt, Lind mit leisem Gebrumm geht ein Tönen um. Wie vom Schlegel, der über das Kalbfell springt: „Terum tum tum, terum tum tum." Da laufen sie alle zur Himmels tür. Lauschen alle ganz verzückt herfür, Herunter zur Erde und ihren Tönen.
Da donnern die Trommeln und schüttevn und dröhnen, Da rasseln die Trommeln, die fellgespannten, Da blasen die welschen Kriegsmusikanten, Da wandern die Freunde mit Karren und Kind, Da flackern die großen Fahnen im Wind, Da brennen die Dörfer, — der Rauch bricht vor Lieber Wolken und Winde zum Himmekstor. Lind die alten Landsknechte atmen beklommen Den Rauch-, der von fündiger Erde gekommen, Sie lauschen und spähn, ihnen zittern die Hände, Wie sich das Glück der Feldschlacht wende. _ Da kommt Sankt Peter und treibt sie zurück. Roch ein letzter wehmütiger Blick, — — An des himmlischen Kammes Flammen Sitzen wieder die alten Landsknechte beisammen. Sagt keiner ein Wort, denn mit leisem Gebrumm Roch- immer das Lied ihres Lebens klingt, Lind ein Tönen geht um, Wie vom Schlegel, der über das Kalbfell springt: „Terum tum tum, terum tum tum."
Herzog Christian von Braunschweig.
Zu seinem 300. Todestage. Don Dr. C. Wal brach, Gießen.
Auf dem halberstädtischen Schloß Gröningen a. d. Bode wurde Christian am 20. September 1599 als dritter Sohn des Herzogs Heinrich von Draunschweig-Wolfembüttel geboren. Sein Vater war eine tatkräftige Natur, politisch befähigt und national gesinnt: daneben besaß er eine ausgezeichnete humanistische Bildung. Aber da ihn die Politik stark beanspruchte — er ist trotz seines evangelischen Bekenntnisses allezeit für das Kaisertum eingetreten — fiel die Hauptlast der Erziehung bald der Mutter zu einer Schwester des dänischem Königs. Nach dem Besuch der Helmstadter Liniversität wurde Christian schon Ende des Jahres 1611 zu seiner weiteren Ausbildung an den Hof der Oranier und dann zu seinem Onkel nach Dänemark geschickt. So wurde der gute Einfluß der Herzogin auf den hochbegabten lerdenschcht- lichen und eigenwilligen Knaben zu früh aufgehoben, und der Prinz ganz in die Hande feiner Erzieher gegeben. Zwar sah die Instruktion für den Informator neben dem Hinwels aus die
Pflege der fürstlichen Tugenden Mittel und Wege vor, um aus Christians Charakteremtwicklung einzuwirken, aber die Erzieher scheinen leider nicht die rechten Männer gewesen zu sein, di« guten Anlagen des Prinzen in wünschenswerter Weise zu förderns
Noch vor seiner Rückkehr in die Heimat war Christian, der nur geringe Aussichten auf eine selbständige Wirksamkeit hatte, am 6. August 1616 zum Bischof (Administrator) von Halberstadt gewählt worden. Offenbar versprach sich das Domkapitel viel von Hm. „Das ist der Wann," sagte der Hofprediger bei seiner Einführung. „den Gott zu einem Regenten in diesem Lande gesetzt hat." Christians Wahl zeugt übrigens von dem friedlichen Nebeneinanderleben der beiden Konfessionen wenige Jahre vor dem großen Krieg, der angeblich um die Religion geführt wurde. Seine Mutter, die eine besondere Vorliebe für ihn hatte, bemühte sich, zwischen ihm und dem Domkapitel ein erträgliches Verhältnis herzustellen. Dessen Mitregentschaft empfand der junge Bischof als lästige Fessel: das dürste mit ein Grund dafür sein, daß er sich als Landesherr des Bistums keine besondere Verdienste erworben hat.
Seine Hauptbeschäftigung in diesen Jahren war entsprechend seinen Neigungen seine militärische Ausbildung. Seine ganze Individualität trieb ihn zum Soldatenberuf, was auch seine eigene Worte an die Mutier, die Lust zum Kriege sei ihm angeboren, beweisen. Die Gründe für seinen bald beginnenden Kampf gegen den Kaiser waren wohl im wesentlichen seine in den Niederlanden noch verstärkte Abneigung gegen den vordringenden Katholizismus, die Tatsache, daß der Kaiser ihm als Nicht-Katholiken die Bestätigung seiner Bischofs-Wahl versagt hatte, ferner die Hoffnung, sich, wenn nötig, mit Gewalt, zum wirNichen Herrn des Halberstädter Landes zu machen, und das ritterliche, etwas romantisch anmutende Eintreten für die Gemahlin des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, des sog.
Winterkönigs. „ ,
Schon am böhmischen Aufstand- hatte er teilnehmen wollen; aber die Verhandlungen hatten sich, zerschlagen. Nun zog er 1620 mit dem Prinzen von Ora-nien nach der Kurpfalz, kehrt« aber ohne mit dem Feind in Berührung gekommen zu seur. zurück.' Im nächsten Jahr traf er mit Friedrich V. und seiner Gemahlin zusammen und warb nach feiner Rückkehr Truppe>r, um für die böhmische Krone zu kämpfen. Trotz aller Abmahnungen hielt er an seinem Plan fest, sich mit Ernst von Mansfeld zum Schutz der Kurpfalz zu vereinigen. Schrecken verbreitend, zog er im November 1621 nach Süden. Dem Landgrafen von Hessen- Darmstadt drohte er, wenn er angegriffen werde, wolle er so „Haustieren, daß es demselbenn gerheuen vnnd Kinds Kinder darvber sich sollen zu beklagen» habenn". Als Kind seiner rohen Zeit sah er, dem es an Geld für den Sold der Truppen fehlte, in seinen Mitteln — dem Plündern und Rauben — nichts besonders Schlimmes: der Krieg mußte den Krieg ernähren.
Er eroberte Amöneburg und lieferte Tillys General Anholt bei Asten-Buseck ein Gefecht, dessen Ausgang chn aber zum Rückzug zwang. In Gießchi hatten die Studenten, getreu ihrem Wahlspruch- „literis et armis ad utrumque parati“ bereits zu den Waffen gegriffen, da Christians Streifabteilu-ngen schon bis zum Kloster Arnsburg gekommen waren. Den Winter verbracht« er in Westfalen, kam aber im Mai 1622 wieder nach Oberhessen. Er plünderte Alsfeld und zog über Schotten und Nidda nach dem Süden, um sich mit Mansfeld zu vereinigen. Am 11. Juni ging er bei Höchst über den Main, wurde aber von dem erfahreneren Tilly vollständig geschlagen. „
Christian selbst rettete sich, zu dem m der Nahe von Manu- heim stehenden Ernst von Mansfeld. Aber Friedrich V., der seinen Frieden mit dem Kaiser machen wollte, entließ seine beiden Syeerführer, die dadurch in eine unangenehme Lage kamen, und ihre Dienste — allerdings erfolglos — dem Kaiser und dem französischen König anboten. So war auch Christian durch dee Berhältnisse — er war vom Kaiser geachtet — allmählich dahM gekommen, den Krieg um des Krieges willen zu führen.
Auf dem Weg in die Niederlande, mit denen sie Verbindung angeknüpst hatten, wurden Mansfeld und Christian bei Fleurus von dem spanischem Heer zur Schlacht gezwungen. Des Herzogs Heldenmut errang den Sieg; er verlor zwar den Unten Arm, schaute aber nach diesem Erfolg mit neuem Mui. rn die Zukunft; er wollte auch fernerhin „Gottes Freund, des Pfaffen Feind fein.
Nach seiner Wiederherstellung trat er als General in die Dienste seines BruderS, des regierenden Herzogs, bzw. des niedersächsischen Kreises. Er wollte sichbamalsdemKai>erunter° werfen mußte aber aus Tillys Veryalten schließen, daß man


