Ausgabe 
8.5.1926
 
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3u!e verstand sich nicht darauf, den Untergebenen auf die Finger zu sehn; Jule war reichlich bequem. Des Großvaters Behaglichkeit hatte sich bei ihm beinah in Faulheit gewandelt.- Auch geheiratet hatte er eigentlich aus Bequemlichkeit das erstemal schon, das zweiter.^! erst recht. Früher bezwang er sich dem satt werden zuliebe, seit das Geld im Kasten lag, hatte er das nicht mehr nötig, gut, und nahm zu an Fett und Ge­mütsruhe.

Onkel Ede hätte denen in der Stadt auf die Finger sehen tonnen, er war klug und lebendig von Matur aber bei ihm verwandelte sich Großvaters Behaglichkeit in Lebenslust und Genußfreude, die sich nicht stören lassen wollten.

Deshalb bracht« er vor dem Gewinn das Geschäft in der Fleischergasfe nicht in die Höhe und wollte sich jetzt di« Große- losfreude nicht von der Streberei verderben lassen. Wurde das Geld alle, dann war's wie vorher übrigens würde es gar nicht alle werden hundertfünfzigtausend Mark!

Die Gasse kam häufig zu Besuch in das himmelblaue Haus. Frau Vierling buk allzeit mehr Kuchen als sie selber brauchten, das merkten sich die Nachbarn, aßen mit, und redeten hinterdrein über di« Verschwendung.

Frau Emmeline tat's wohl, wenn sich dasBettelvolk an ihrein Tische satt". Das gab ihr erst das rechte Gefühl von ihrem Geld, mit dem sie nichts weiter anzufangen wußte, als kaufen und verwüsten, prahlen und dicktun was alles ihr, je mehr fies gewohnt wurde, desto tveniger Vergnügen machte.

Wenn wir Leinwand kauften und eine Nähmaschine, um uns die Wirtschaft ordentlich herzurichten", sagte Lisbeth schüch­tern.Es fehlt überall auch mir fehlt alles wo Ihr doch immer vom Heiraten redet"

Aber da fuhr die Mutter los:Do? Ausstattung nähen? Für den Hungerleider etwa? Der heidi aus und davon ist, so wie er merkt, von uns kriegt er nichts. Das laß nur bleiben. Bist du eines noblen Mannes Braut, dann kaufen wir's fertig, man muß den Handelsstand unterstützen."

Erst wein!« Lisbeth, dann ging sie zum Großvater.

Großvater, wir find doch nun reiche Leute, da schickt sich's, daß wir ordentliches Zeug haben."

Er ließ sich's auseinander setzen und stimmte zu: nickte, lächelte und nickte wieder, und da er nie lange einen Zorn auf jemand behalten konnte, so blinzelte er schlau über die Gasse, «he er antwortete.

Freilich schickt sich's: aber für dich, Liesel, für mich reicht schon, was da ist, du hast's noch vor dir, km kannst noch viel zerreißen. Hol' dir eine Mädchennähmaschine und flicke drauf los. Das Geld nimm aus dem Körbchen, dann ist's alles dein, und keiner darf dir dreinreden."

Lisbeth lief und kaufte und nähte und hatte freudenrote BackenFür den Großvater", sagten di« Lippen.Für den Karl" sagte das Herz.

Allerweltskuchen buk Lisbeth keinen bei dieser Näherei, aber an Besuch fehlte es auch in der älnterstube nicht. Da kamen weinende Frauen, denen ein Taler für den Apotheker, und verschämte Männer, denen ein Goldfuchs zur Miete fehlte. Da kam Nachbar Hackftock, der gerade billig einen Ochsen kaufen tonnte wenn er könnte: und Nachbar Hinz sprach vom Haus über den Kopf kommen, wenn ihm keiner helfe, die blutsaugevischen Dachdecker zu bezahlen.

Großvater leerte das Semmelkörbchen und füllte es wieder: es wurde zum Sprichwort in der Gasse. Wo einer sich heraus­machte aus Sorgen und Bedrängnissen, da hieß es:Der hat's Semmelkörbchen geleert."

Wenn aber der Hirschwirt kam, für den langte das Körbchen nicht, da mußte sich der Wandschrank austun, denn beim Hirsch- wirt war's schon lange Matthäi am letzten. Die Hypothek aufs Heus hatte ihm nur kurze Zeit geholfen: nun redete er so herum und so herum, wie wohl dem Geld« int Wandschrank beizu­kommen sei.

Geld macht doch Sorgen", begann er,wie haben Sie denn Ihr Geld angelegt, Großvater?"

Der Großvater nähte gerade «ine Tasche zu, die nicht von zu vielem Gelde zerrissen war. und machte ein schiefes Gesicht. Er hatte nichts dagegen, wenn der Hirschwirt eine Stunde in der Werkstatt verschwatzte, und falls er bitten kam, war's ihm sogar ein Vergnügen aber verwandt wollte er nicht mit ihm sein.

Seine Gutmütigkeit wurde nicht gern grob, aber sein Hand­werksstolz wehrte sich:Ihr Großvater bin ich aber doch »ich, soweit ich's K vchenbuch kenne."

Der Hirschwirt verstand, und ärgerte sich, ihm aber erlaubte die Habgier das Grobwerden nicht. Also lachte er ein wenig und redete schnell weiter.Freilich, wie kam denen vom Hirschen die Großelosverwandtfchaft. Ja, das Los! Wie hatten Sie Ihr Geld angelegt, Herr Vierling?"

In Papieren", antwortete der Alte zufrieden, und zog den Faden lang aus.

Soso? Jaja! Aber Papiere sind doch unsicher."

Meinen Sie?" fragte der Großvater,arm möchte ich nicht noch mal werden."

GS war zwar nicht abzusehen, daß dem Großvater die Armut einen großen LebenSuirterschied bringen würde, aber der Hirsch­wirt stimmte eifrig zu, für ihn konnte der alte Vierling gar nicht reich genug sein.

Alle Papiere sind unsicher, di« Banken brechen entzwei wie WirtshauStische zu Bockbierzeiten und der Staat? Wo bleibt der, wenn der große Kladdradatsch kommt? Nur Grund und Boden bestehen bis ans Ende der West; ich würde mein GÄd nur auf Grund und Boden anlegen."

And dann redete er dem Großvater di« allerletzte Hypothek seines Gemüsebergs auf, nach der der hungrigste Köter nicht ge­schnappt hätte, so schlecht war sie.

Auf dies« Art genoß der Flickschneider seinen Gewinn.

ImTailleurgeschäft", zu dem jeder der beiden Brüder die Hälft« zugeschossen hatte, gab's «ine andre Art Geldverbrauch

Zuerst wurden fertige Sachen angeschafst, den Laden z« füllen: dann bestellte der Geschäftsführer einen Schaufenster­künstler. von wegen dem Kundenfang. DaS Fenster wurde glän­zend, di« Vergütung desKünstlers" war auch glänzend, nur mit den Kunden blieb's mäßig.

Dann, gerade als die ersten Bestellungen einliefen, verlangten die Gesellen höheren Lohn.

Wie di« ihn hatten, zeigte sich der Geschäftsführer empfindlich über den geringen Abstand zwischen ihm und den Gesellen.

Sobald einer der beiden Herren in den Stadtladen M hieß es: Tu deinen Beutel auf.

- ~ P* hatten es ja dazu. Jule griff faul und gleichmütig

in den Geldschrank. Das war so: wer Geld hatte, gab welches aus.

Onkel Ede sah ein, daß ihr Geldaus geben einmal aufhören muffe, so oder so aber Einhalt tat er nicht er genoß lieber, solange es anging.

Der kleine Ede dachte zwar nicht ans Ende, aber in bezug aufs Genießen hegte er ganz des lustigen Onkels Meinung, und er hätte sich dem noch eifriger hingegeben, wenn nicht Lisbech dazwischen getreten wäre, so wie sie etwas davon merkte.

,,Karl ist nicht da", sagte sie,ich muß Karln vertreten! äleberleg bloß, was der zu deinem Trinken und Dlaumachen sagen würde."

Einmal half's, einmal half's nicht.

Wenn der Kleine ein Gesicht zog bei ihrem Zureden, bannt schtckte sie auch noch den Großvater und Onkel Knüttchrn ins Feld.

Sich doch, wie vergnügt den «inen die Arbeit macht und wte der andere vorwärts kommt! Du sollst doch auch vorwärts kommen!"

lind der kleine Ede, der so gutmütig war wie die andern Vterangs, meinte:Nu, wenn dir's Spaß macht, dann (arm ich ja ohnehin wird's sowieso ledern und Großkopfs Greta kommt allemal auf den Hof, wenn ich da bin."

Lisbech aber war's, wenn sie Seit .Kleinen zur Vernunft geredet hatte, als spüre sie einen Händedruck ihres Karls.

Hören tat sie nicht viel von ihm. die Muhme Peterlein traf sre nur in der Kirche. Da waren ihre Plätze so. daß sie sich zumcken konnten, und wenn das alte Gesicht freundlich lachte dann wurde Lisbeth für die ganze Woche froh, denn das hieß: .Unferm geht's gut."

Ein einziges Mal. um den Oktober herum, drängte sich di« Muhme an das Mädchen und flüsterte:Gr kommt noch nicht, Grvßkopf schickt ihn auf den Holzkauf es geht vorwärts."

Und Lisbech antwortete mit strahlendem Blick und den ge­flüsterten Worten:Grüß ihn. Muhme, grüß ihn tausendmal."

Sie hätte ihm gerne sagen lassen, daß sie Ausstattung nähe, aus Großvaters Semmelkörbchen, aber das war ihr zu genierlich.

Ostern war das Glück über Bierlings gekommen, am Bit» bester feierten sie ein Fest, bei dem's hoch herging, mit Cham­pagner, Krrallbonbons und Toasten auf die schöne Frau Tall- jöhrin und das gute Jahr, dem immer noch bessere folgen sollten.

Die ganze Gass« war da, ausgenommen Frau Peterlein; und auch der Geschäftsführer aus der Stadt fehlte nicht. Frau Emme­line nannte ihn einen feingebildeten, jungen Mann, mit einer großen Zukunft, der ihr als Schwiegersohn sehr willkommen sei.

Da Lisbeth schnippisch war, machte er einstweilen Frau Emmelinen den Hof.

Alle waren lustig und des Lobes voll, je mehr sie tranken, desto mehr lobten fie. Nur Schwager Knüttchen machte sich un­angenehm. Er fang ein Lied mit dem Anfang: Es ist das Glück ein flüchtig Ding, und f i e prahlte mit guten Geschäften.

Am andern Morgen sagte Onkel Ede:Du, Jul«, ich glaube, wir haben uns mit dem Schwager verkracht: wie kam denn das?"

Anmaßend war er, fiel Frau Emmeline ein, ehe ihr Mann antworten konnte.Daß mir keins von euch gratulieren hingeht."

Adolf und Flora heulten.Die Tant« hat uns Spritzkuchen versprochen."

Spritzkuchen können wir uns selber kaufen hier ist Geld geht zum Diicker Tante Jettchen hat doch schlechte Butter genommen."

Die Kinder rannten getröstet fort, kauften sich Spritzkuchen und gingen dann doch noch heimlich zum Onkel Schuster.

lSchluß folgt.)

vchriiliettung: Dr. Jriedr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ>Buch» und Steindruckerei. A. Lange, Dietzen.