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Hett der mittelalterlichem Weltanschauung. Kein Papst i$n& kein Kaiser rüttelte an dem Prinzip, datz Papsttum und Kaisertum in gemeinsamer und sich gegenseitig ergänzender Hirtensorge die Völler in den Schafstall Christi zu einer einzigen christlichen Familie zusammenführen und so das Gvttesreich den Gottesstaat auf dieser Welt zu verwirklichen hätten. In dieser gemeinsamen Arbeit wurde auch eine Fülle bleibender Werte geschaffen, was nicht oft und stark genug betont werden kann, da man über den Kampf zwischen den beiden Gewalten ihre Leistungen nur zu leicht Übersicht und vergißt.
Doch hatte das mittelalterliche System auch eine bedenkliche Kehrseite, di« Verkettung von Geistlichem itnb Weltlichem muhte zu mancherlei Änzuträglichkeiten und Mißständen führen. In dem Bestreben, sie zu beseitigen, verfiel die sogenannte hochkirchliche Bewegung in zwei verhängnisvolle Irrtümer. Einmal glaubte sie, das Papsttum müsse nicht bloß der Idee nach, sondern auch mit weltlichen Machtmitteln über dem Kaisertum stehen, damit sich das geistig-seelische Prinzip ungehemmt auswirken könne. Den feudalistischen Vorstellungen der Zeit gemäß betrachteten sich darum di« Päpste schließliche als «ine Art von Lehnsherren über die Kaiser. Dies brachte aber die Vikare Christi in di« schiefe Stellung, für äußere Macht, irdische Macht, irdische Reichtümer, _ Ghrereerweisungen, Dinge, die Christus selbst so verpönt hatte, kämpfen zu müssen. Das Voll empfand dergleichen sehr bald als innere Widersprüche, und schon vierhundert Jahre vor Luther weckten selbst so leidenschaftlich« Angriff« wie die des Arnold von Brescia auf den verweltlichten Papst und die verweltlicht« Kirche in den weitesten Kreisen begeisterten Widerhall.
Dieser erste Jrrium hatte den zweiten zur Folge, der Papst müsse einen von den Kaisern völlig unabhängigen Kirchenstaat Haben. Die Vertreter der hochkirchlichen Bewegung konnten es sich nicht denken, daß die Päpste als Richter über Könige und Kaiser nicht wie diese souveräne Herrscher über rin fest abgegrenztes Land sein sollten. Als Mittelpunkt dieses Kirchenstaates kam nach päpstlicher Auffassung einzig die Stadt des Heiligen Petrus, Rom, in Betracht. Run aber hatten die Kaiser lange Zeit unbestritten eine Reihe von Rechten in und über Rom, Ne kampflos aufzugebrn sie natürlich nicht gewillt waren. Mit Recht fragte Barbarossa, was Ne Bezeichnung römischer Kaiser für einen Sinn habe, wenn die Kaiser keine Gewalt über Rom Hätten.
Doch die Päpste erreichten schließlich alles, was sie sich wünschten. Das Geschlecht der Hohenstaufen wurde in den Kämpfen völlig aufgerieben, das Kaisertum sank während des Interregnums zu einem von den deutschen Fürsten an den Meistbietenden verkausten Titel herab! es gab keine Kaiser mehr, Ne den Päpsten Rom und ihren Kirchenstaat hätten streitig machen können. Man pflegt deshalb von einem Siege des Papsttums über das Kaisertum zu sprechen. Es war aber nur ein Scheinsieg, denn mit dem universalistischen Kaisertum siel auch Das universalistische Papsttum.
Die Papstkirche hatte ihre großen Erfolge, Ne Gewinnung ganzer Völler, im Rahmen der einander ablösenden und fort- setzenden ülniversalreiche des römischen Imperiums, des Franken- «fches und deS römisch-deutschen Kaiserreiches erzielt. Diese führte» Ne von ihnen, teeren auch oft mit Zwang bekehrten Stämme in ihre christliche Böllerfamilte ein und machten sie über kurz oder lang zu vollwertigen Mitgliedern in ihr. Als sich aber Ne Rationalstaaten durchsetzten, hörte Ne Christianisierung ganzer Völler auf. Ausbeutung, Verslladung, Ausrottung der „Wildere" und mühselige Missionierung, die immer nur einen geringen Bruchteil der eingeborenen Bevölkerung umfaßt, ist alles, was seit dem Zusammenbruch des mittelalterlichen Aniversalismus eus Nr einen Seite Ne christlichen Staaten, auf der anderen Ne Kirchen zu leisten vermochten und vermögen. Cs läßt sich heute natürlich nicht mehr sagen, wie weit sich der Rahmen eines christlichere Ureiversalstaates noch hätte spannen lassen, wenn Ne Päpste, statt mit dem Kaisertum um den Vorrang zu kämpfen, einzig auf Ne Wahrung ihrer rein geistig-geistlichen Interessen bedacht gewesen wären! jedenfalls hätte der christliche üiniversalismus einen längeren Bestand gehabt und ungleich reichere Früchte zeitigen können. .,
In diesem Kampfe wurde übrigens mit dem Kaisertum nicht nur die äußere Form des christlichen tlniversalismus zerschlagen, er wurde auch zum großen Teile seines Inhaltes entleert. Als Besitzer ihres Kirchenstaates waren Ne Päpste in gewisser Beziehung Staatshäupter wie andere geworden und sahen sich zu dessen Behauptung und Vergrößerung wie dies« zu politischen und diplomatischen Schachzügen gezwungen. Da hierbei das Geistige und Geistlich; vom Weltlichen nicht rein geschieden wurde, wuchten sich politische Gegnerschaften gegen das Papsttum zu kirchlichen aus. Verhängung des Kirchenbannes und Interdiktes um politisch«- Ziele willen, Sintreibung riesiger Summen tn allen Ländern für die Kurie und die Art der Verwendung dieser Gelder, die von der Kurie um ihrer kirchrn- und auch rein politischen Bestrebungen willen in Ne einzelnen Länder hireeinge- trageuere Zwistigkeiten, die Einmischung der Kirche in die Innen- und Außenpolitik der Länder, das darüber vergossene Blüh all das führte nicht bloß in Deutschland, sondern auch in Frantteich und England zu einem Hatz und zu einer Verachtung gegen Rom, gegen Kirche und Klerus, von denen N« herangezogenen Quell«.- texte nur eine geringe Vorstellung geben. Di« Folge war ein
ungeheures Anschwellen der Sektenbewegungen und stete Zunahme der Verweltlichung, der Säkularisation, in Staat und Privatleben. Langsam, wie sich N« Kräfte des Kaisertums im Ringen mit dem Papsttum aufzehrten, stieg eine neue Welt empor, in der die Papstkirche zwar immer eine hervorragende Stellung behauptete, aber doch nie wieder wie unter und mit den Kaisern das Abendland beherrschte, aus »er Vormacht toar st« eine Macht neben zahlreichen anderen geworden. Wären die. sogenannten großen Päpste wirklich Ne religiösen und auch politischen Genies gewesen, als die sie Ne Geschichtschreibung vielfach hinzustellen verswcht, dann hätten sie di« Bürgschaft für eine freie Kirche nicht in Länderbesitz und Waffengewalt sehen dürfen. Selbst zur Zeit des Faustrechtes ließ sich Geistiges sehr wohl mit geistigen Mitteln erreichen, hat ja Ne Kirche gerade durch st« ganz uber- teiegend auch ihre weltlich-politisch«» Erfolge errungen. Aber Gregor VII, Alexander III. und vor allem Jnnocenz lll. stellten nun einmal ihre Sache auf des Schwertes Schärfe und kamen darum auch durch das Schwert um.
Für Deutschland war die Folge MefeS Kampfes Ne völlige Auflösung der Zentralgewalt. Bei der großen Bedeutung, bi« st« unter Otto I. und Friedrich l„ um nur Nese beiden Kaiser zu nennen, erreicht hatte, war Nes oh.« Zweifel ein furchtbarer Rückschlag, der jedoch nicht Ne Entwicklung Deutschlands zum Ration alstaat traf. Das Kaisertum hatte zu Nefer mittelbar außerordentlich viel beigetragen, die Voraussetzungen hierfür erst eigentlich geschaffen; aber es war allmählich in Bahnen hinuder- aeglitten, welche das werdende Deutschland ernstlich bedrohten. Bei all dem Großartigen und Fortschrittlichen, wovonNePlän« Heinrichs VI. und Friedrichs II. getragen waren, hätte sich bei ihrem Gelingen das Schwergewicht des Reiches immer mehr nach Starten verschoben, und Deutschland wäre zu einer Art von Provinz, ja schlimmer noch zu einer Vielheit von Provinzen herab- aebriicft worden, von denen kein Mensch zu sagen vermag, was aus ihnen bei einem so ganz anderen Gange der Geschichte g«^- worden wäre. Art und Größ« der Gefahren, denen Deutschland in diesem Fall« ausgesetzt gewesen wäre, mag man k^raus er- kennen und ermessen, daß auch so schon, noch eh- N« Verlegung des Aeicksmittelpunktes nach Italien durchgefuhrt war. nach bem Zusammenbruch des stausischen Kaisertums das Deutschland des Interregnums folgte. , . ,
Für den Deutschen, der Ne Entwicklung seines Vaterlandes von dem Beginn des zehnten Jahrhunderts. 6en Anfängen erneS selbständigen deutschen Staates und damit auch S er ^utscher Kub hir und des deutschen Mensch-en, bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, bis zu dem Untergang des ersten von den Deutschen geschaffenen S'aates. überblickt, wäre «S ein schwacher ^rost wenn'von jenem ersten Kaisertum nichts ^blieben Ware, als N« stolze Erinnerung an eine einst groß« und starke Zeit mit tra gifchem Ausgang. Aber das eigentliche Ergebnis dieses Kaiser tums toar nickt ein wie alle Staaten und Staatsformen dem Werden und Vergehen unterworfenes Reich, sondern ein Bott von. unerschöpflicher Lebenskraft. Man hat im Laufe der Jahrhunderte große Telle von ihm toeggertfTen: Ne Dchw-tt, N« Riederlande. Oesterreich man hat feinen Staatsbau wiederholt völlig zerschlagen: aber allen feindlichen Gewalten «um hat das deutsche Voll immer wieder neues Leben aus 6«raa8 geboren, wie der allaewaltigen Ratur ist diesem Volle Welken und Blühen nur ein Aus- und Einatmen.
Der Glücksfall.
Von Luise Glaß.
(Fortsevung >
Die Fleischergafs« hatte sich an Vierlings Glückfall gttoöhnt: auch an das Doppelhaus, das sie, weil das Gluck vom Himmel gefallen war, himmelblau anstreichsn ließen; und an ®ront>ater3 DerS oben an der Tür, über den anfangs gelacht und gescholten wurde. Jetzt sah keiner mehr hin. „ . ,
Auch die drinnen im Hause waren bi« Veränderung gewohnt. Familie Julius bewohnte das obere Stockwerk der bet Öen Häuschen. die Fußböden waren glatt Poliert, dl«
Rot und Blau beklebt und Ne Stuben mtt neuem Hm^rat-Muttt.
Rur unten beim Großvater blieben die alten Möbel und Ne alten Gewohnheiten. Auch Lisbeth blieb unten. Als der alte Mann sich gegen den plüschbezogenen Oberstock wehrte dachte ße^ Das ist dein Glücksfall, da kannst du Hausfrau lernen! und erbot
Der 'butter toar's recht, dem Großvater toar’3 mehr als recht. Run erhielten sie untere zusammen alles, wie es am Tag« des Gewinnes gewesen war: den wackligen, runden Tisch nut der Wachs tuchdecke' unb den Heinen, festen an der Wand, mit dem Kasten, in dem das Semmelkörbchsn stand. Auch. dies Seinmel- körbchen wurde frisch mit Großemlossegen gefüllt, sobald es leer geworden war, weil sich's am ersten Tag so gemacht hatte.
Großvater aber sah kreuzbeinig auf seinem Tritt und stickt« Ne Invaliden der Fleischergasse aus, soweit di« alten Augen das zuließen.
Jule und Ede waren jetzt dazu zu vornehm; sie gingen. Tag um Tag wechselnd, in den seinen Laden in der Stadt, wo sie Gesellen und einen Geschäftsführer sitzen hatten, di« nicht viel mehr taten als Ne Herten selber, aber mit großer Redegewandtheit vom glänzenden Stand des Geschäfts berichteten.


