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Mer «S geht noch Wetter ht Seit großartigen Möglichkeiten deS Unglücks, im dieser majestätischen Schmerzenswelt, die den Menschern so elend macht und so groß. Es gibt den stummen Schmerz, der keine Worte, keine Klage mehr verträgt, dem jede Schinerzbewegung zu kleinlich ist, dem es frevelhaft erschiene, das ungeheure Leid in enge Worte zu sassen. In einem Fragment des Aeschylos ist Niob«, di« er Grabhüterin nennt, eine stumme Person. 'Wenn der Chor in noch so wildem Jammer, in ver­zweifelter Neugier sich bewegt, Niob« antwortet keine Silbe, sie ist nur Schweigen.

Der Rest ist Schweigen", ist das letzte Wort Hamlet-, eh« er tot zusammenbricht. Wenn der Mensch in seiner Qual ver­stummt, ist er am beredtesten und zeigt die höchste Majestät des Leidens. Und wenn er vor der Qual anderer verstummt, ohne banale Trostwort« zu finden, dann übt er die schönste Ehrfurcht. Und wenn er seine Göttin recht ehren will, so kann er vielleicht keine zartere Huldigung erdenken, als eins Zett heiligen Schweigens

Demetra.

Eine Erinnerung an Athen").

Von Alfred Bock.

Gegen elf Uhr vormittags erreichten wir das Kap Suniorr, «ine Stunde später liefen wir im Piräus ein. Bei der Landung empfing uns orientalisches Geschrei, aber das Bild des Orient- War völlig verschwunden. Alles mutete europäisch an. Ein Wagen brachte uns vom Piräus nach Athen. Die Staubwolken, die uns umwirbelten, waren so ungeheuerlich, daß wir Weib wie Tüncher in die Hauptstadt Griechenlands kamen. Ich wohnte nahe dem königlichen Schloß, dessen gänzlich schmucklos« Fassade enttäuschte. Mein erster Gang war aus die Akropolis: ein Trümmerfeld, das das Gepräge ewigen Lebens trägt. Ueberdies ist noch so viel erhalten, daß es 'keiner allzu groben Phantasie bedarf, zu er­gänzen, was dahingesunken ist. Der Anblick von der Akropolis auf Athen und Attika ist von ergreifender Majestät. Man sieht den Piräus, das Meer, das Gebirge in seiner vollen Ausdeh­nung. Der Parnaß grüßt herüber. Darüber in unendlicher Klar­heit ein wolkenloser, tiefblauer Himmel, äleberirdische Schönhett drang auf mich ein, die meine Seele erfüllte.

Gleich am ersten Abend besuchte ich das Nationaltheater, wo Qedipus aus Kolonos von Studenten gegeben wurde. Die Nolle der Jokaste hatte eine junge Griechin, Demetra A, über­nommen. Sie war Dilettantin, indes zeigte sie eine Kraft und Tiefe darstellerischer Kunst, daß sie sich zu wahrhafter Größe erhob. Ein feines durchgeistigtes Profil wurde durch lebhaftes Mienenspiel belebt. Ihr Auge flammte düsteres Feuer. Ihre ganze Wesenheit schien von der Tragik ihres Geschicks durch­zittert. So ward sie ihrer Aufgabe in höchstem Maße gerecht. Dasselbe Los mußte man dem Darsteller des Qedipus Nikolaus K. spenden. Ohne sonderliche körperliche Vorzüge wuchs er begabt und begeistert in se'ne Noll« hinein. Zuweilen war seine Rede von hinreißendem Schwung und fein Jammer, da er sein grau­sames Schicksal erfuhr, wahrhaft erschütternd. Auch die übrigen Rollen waren teilweise gut besetzt. Bei dem Ehor ward der Versuch gemacht, diesen singend vorzuführen. Ein Grieche hatte die im ganzen ansprechende Musik, komponiert. Die Vorstellung gab mir mannigfach« Anregung. Das Bewußtsein, Qedipus an der klassischen Stätte zu hören, wo Sophokles gewandelt, steigerte den künstlerischen Genuß. Die Zuhörerschaft war sehr beifalls­freudig. Auf den Galerien trieben allerlei junge Leute Allotria, ohne daß jemand Anstoß daran nahm. Das Theater begann um halb zehn älhr und währte bis Mitternacht. Am anderen Morgen erkundigte ich mich im Hotel nach der Wohnung des Fräulein Demetra A, die in so ausgezeichneter Weise die Jokaste dar­gestellt hatte. Ein halbes Stündchen später brachte mich ein Wagen zu ihr. Sie wohnte in einem zierlichen Häuschen, das von Olivenbäumen umgeben war. Sie empfing mich mit der größten Liebenswürdigkeit. Da sie ein wenig französisch und englisch, ich ein wenig neugriechisch sprach, stand einer regem älnterhaltung nichts im Wege. Wieder bewunderte ich ihr klassi­sches Profil. Sie erzählte, daß sie beabsichtigte, die Bühnenlauf­bahn zu ergreifen, daß sich jedoch in ihrer Familie Widerstand dagegen erhöbe. Sie hoffe ihn aber zu überwinden. Sie sei ver­lobt, ihr Bräutigam sei Philologe. Ich mußte ihr viel von Deutschland erzählen, das sie aus eigener Anschauung kennen zu lernen wünschte. Ein Stündchen war verflogen, ich verab­schiedete mich. Demetra sagte, sie werde mir ihren Gegenbesuch machen. Als ich mich in meinem Hotel beim Lunch eben zu Tisch sehen wollte, erschien der Portier und meldete, eine Dame wolle mich sprechen. Ich stand sogleich auf und begab mich ins Vestibül, wo mir Demetra entgegenkam. .Ich wollte Ihnen meinen Gegen­besuch machen," sprach sie mit ihrer klangvollen, tiefen Stimme. Hinter ihr gewahrte ich eine ganze Kolonne Menschen, Herren und Damen. Sie stellte vor:Mein Bräutigam, mein Vater, meine Mutter, meine Tante, mein Schwager, meine Basen, meine Vettern!" Der Direktor des Hotels erschien und flüsterte mir zu: Mein Herr, Sie müssen die Herrschaften zum Essen laden!" Mit einem etwas bänglichen Blick auf die Wenschenschar brachte ich sogleich meine Einladung vor, die in bereitwilligster Weise

*) AuS dar Autobiographie des Dichters.

angenommen wurde. Etliche von beit Herrschaften hatten jedenfalls selten Gelegenheit, ein so vortreffliches Frühstück zu sich zu nehmen. Sie hieben ein, als wären sie über Hungerkraut ge­gangen und ließen sich den guten Wein dazu munden. Die Rech­nung, die mir überreicht wurde, war beträchtlich Beim Abschied sagte mir Demetra:Ich bin eben als Jokaste ausgenommen worden. Sobald die Photographie fertiggestellt ist, werden Sie mein Bild erhalten. Geben Sie mir bitte Ihre Adresse!" Da ich befürchtete, wenn ich mein Heimatstädtchen in Deutschland nannte, daß die Sendung von Athen unter älmständen nicht befördert würde, gab ich Demetva die Anschrift meines in Berlin wohnenden Bruders. Dort traf das Bild denn auch ein. Ich war schon lange nach Deutschland zurückgekehrt, als ich von meinem Bruder einem Brief empfing, der die Mitteilung enthielt:Seit einigen Sonn­tagen ist bei mir Herr Nikolaus K. aus Athen, der Bräutigam des Fräulein Demetra A Mittagsgast. Er sieht mich immer sehr erstaunt an und meint, ich hätte mich außerordentlich ver­ändert! Wenn ich ihm sage, daß ich nie in Athen gewesen bin, lächelt er. Offenbar glaubt er mir nicht." Zwei Monate lang hat mein Bruder für bett Griechen di« Bratpfanne gescheuert. Der junge Mann wußte gute Bissen zu schätzen, entwickelte einen glänzenden Appetit. .......

Still und duldsam sah mein Bruder zu und übte die Pflicht Gastfreundschaft.

Die Hohenstaufen und ihr Erbe.

Don Johannes Bühler.

Der Einleitung zu dem soeben erschienenen neu«, Bande der SammlungDeutsche Vergangenheit", der die Hbhenstausen und ihre Zeit behandelt, ent­nehmen wir mit Genehmigung des 3nfet»er­lag 8 in Leidig folgenden Abschnitt:

Dom ersten deutschen Kaiser bis zurkaiserlofen. schrecklichen Zeit" des Interregnums waren über dreihundert Jahre ver­flossen, Jahre glänzenden Aufstteges, stolzer Höhe, dann deS Weckfels zwischen Kraft und Schwäche bis zum endgültigen Zu­sammenbruche des Kaisertums. Für die Würdigung _ 6e» ht diesem Zeitraum von den Deutschen Geleisteten sind auseinander« zühalten: die wesentliche Ausgabe jener Zeit, das von der abend­ländischen Menschheit erstrebte Ideal und die Bedeutung des Kaisertums für unsere Entwicklung zur Nation.

Das römisch-deutsche Kaiserreich war nach der Annke und dem Frankenreiche die dritte der Stufen, auf denen die abend­ländische Menschheit als kulturelle und in gewissem Sinne auch politisch« Einheit empvrsti-g, um auf der nun .erreichten Höhe sich in Nationen zu spalten und in der. kulturellen Entwicttmtg gesonderte -Wege zu gehen. Nicht als ob bis dahin keine .^inler- schiede zwischen den einzelnen Völkern bestanden und es zwischen ihnen keine Kämpfe und Streitigkeiten gegeben hätte: aber sie bildeten trotzdem eine große Familie, als deren Haupt auch die Bewohner von Frankreich und England den römischen deutscher Nation anerkannten. Man mag an diesem dritten und, von der napoleonischen Episode abgesehen, bisher letzten gemein- europäischen Reiche als Ganzem und im Einzelnen noch so viel zu tadeln wissen, eines hat es doch geleistet: es hat den Boden für alle europäischen Staaten und Kulturen geschaffen. In diesem Reiche wurzeln Deutschland, Frankreich, England, die slawischen Länder und mittelbar auch Amerika als Kulturstaaten.

Wenn dies der Menschheit so wenig zum Bewußtsein gekom­men ist, liegt dies einmal daran, daß jeder Nation ihre Sonderart mehr als daS mit allen Gemeinsame am Herzen liegt. Sodann hat die Erinnerung an dies gemeinsame Deich das Peinfiche an sich, daß dessen Träger die Deutschen waren, die Deutschen, die zum Teil eben wegen der für das ganze Abendland gebrachten Opfer von den Nationen, die bisher auf deutschen Schustern ge­standen hatten, überflügelt und darum auch verachtet za werde» begannen. Dor allem aber hat man die 'Bedeutung dieses Kaiser­tums sogar in Deutschland selbst vergessen, weil es in das 3ttier- regnurn einmünbete und das tatsächlich Erreichte weit hinter dem erstrebten Ideal zurückblieb. -

Dies Ideal aber war kein geringeres, als die ganze Mensch» heit in einer Religion, der christlichen, und in einem Reiche, dem römisch-deutschen Friedenskaisertum, zusammenzufasfen. Ei» Traumbild, gewiß, aber den damaligen Menschen erschien es doch nicht als ein unerreichbares Ziel. Was man von den Länder» und Böllern außerhalb deS eigenen abendländischen Kreises kannte, dachte man sich weder so groß noch so stark, daß man es nicht dem christlichen Kaisertum unterwerfen könne. Das ist der tiefste Grund der Begeisterung für die Kreuzzüge, aber auch der Erschütterung des Abendlandes bei deren Mißlingen. Die dem mittelalterlichen Menschen bisher fremde Kritik mid Skepsis stürmten nun auf seine Seele ein. And vielleicht stärker noch als das Dersagen seiner Waffen wirkte auf ihn die Erkenntnis der eigenen, gerade bei den Kreuzzügen besonders deutlich zutage getretenen moralischen Unzulänglichkeiten und mancher sittlichen Vorzüge der Mohammedaner. Die fast noch ausschließlich von Mönchen und Geistlichen verfaßten Jahrbücher und Chronik«! geben diesen Stimmungen meist nur versteckt oder sie bekämpfend, aber doch deutlich erkennbar Ausdruck.

Neben den Kreuzzugerlebnissen untergrub«, vor allem di« fortgesetzten Kämpf« zwischen Papsttum und Kaisertum die Ein-