Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, den 8. Mai Nummer 37
Letzte Fahrt.
Don Hans Bethg«.
Ich möchte heimlich still hinüberschreiten Sv wie der Abend in die Aacht verrinnt ®8 sollen süße Lieder mich begleiten. Zu meinen Inseln, di« beglückend find.
Ich möchte sterben schön und ohne Fehler, And noch im Tode reich an Sehnsucht sein. And möchte fühlen, wie die freie Seele, Mit Klingen zieht zu ihren Himmeln ein
Das Schweigen.
Don Alexander von Gleichen-Rußwurm.
In der lauten, überlauten, überaus geschwätzigen Welt möchte ich einmal das Schweigen loben. Die heilige Tugend des Schweigens. Wer sie zu üben versteht, verfügt über «ine ganz verkannte Möglichkeit, zu beglücken und glücklich zu fein. Die Zunge stört das Äug« und das Ohr. sie stört ost das Herz mehr, alS man einzuräumen liebt. Vor jedem Raturgenuß, vor jedem Kunstwerk, nach jeder musikalischen oder dichterischen Offenbarung unablässig Reden oder unablässig Worte hören zu müssen, niemals in andächtiges Schweigen versinken zu dürfen, beeinträchtigt das Entfalten der besten Seelenkräfte.
Wenn man sich lieb hat und nicht zusammen zu schweigen versteht, beraubt man sich selbst des seligsten Genusses, und wenn man hasst und nicht stumm bleiben kann, wird man nie dem Widersacher gegenüber stolz und gerecht bleiben. Große Worte sind uns als heldische Taten überliefert. Aber nicht nur große Wort«, auch großes Schweigen ist ost einer Heldentat gleich. Eine griechische Hetäre ließ sich die Zunge herausschneiden, um ihr Vaterland nicht zu verraten. Ich glaube, ihr Dame war Leontium und zu ihrem Andenken wurden Münzen geprägt. Von vielen großen Männern wird die Tugend des Schweigens gerühmt. Ich wüßte keinen, der geschwätzig gewesen, aber manchen, den der Ruhm, ein großer Schweiger zu sein, durch das Leben in der Geschichte begleitete.
Zwar gilt das Volk, dem wir herrlichste und reichste Kunst- schätze verdanken, für redselig: die Griechen sind bekannt dafür, mit vielen und schönen Worten gerne verschwenderisch umzugehen und ihre Philosophen preisen das Gespräch mit höchstem Lob. Aber sie ziehen eine Grenze, sie verstehen genau jenen Anterschied festzuhalten, den die Hetäre Leontium so gut verstand, den Anterschied zwischen Schweigen und Verschweigen. Die Denker von Althellas geboten jedem, der wirklich etwas zu sagen habe, daß er eS willig in schöner Form zum Ausdruck bringe: aber sie rieten allen, die nur Klatsch, falsche Alltäglichkeiten, unnützes Kritisieren von Dingen, die nicht zu ändern sind, auf den Lippen tragen, sie möglichst lange geschlossen zu halten. Hier begegnet sich griechische Philosophie mit altorienta- lifch er Weisheit. Den Anhängern eines Sokrates oder Platos mußte es vertraut Hingen, wenn sie das Sprichwort östlicher Weisheit vernahmen: „Am Baume des Schweigens hängt seine Frucht, der Friede."
Es ist etwas ganz anderes, ob jemand schweigsam oder verschwiegen ist. Jeder, der eine Angelegenheit betreibt, eine Sache durchzusetzen, für eine Idee Propaganda machen will, mutz reden, gut reden, manchmal auch viel reden. And der „Causeur , der eine ganze Gesellschaft geistreich zu unterhalten versteht, gehört seit aliersher zu den notwendigsten, beliebtesten Mrt- gstedern seines Kreises. Aber weil es leichter ist amüsant über Menschen als über Dinge zu erzählen, liegt für den Causeur die Derfivchung nahe, zum Vösmaul zu werden und auszuplaudern, was verschwiegen werden sollte, oder auch in Ermangelung eigener Gedanken über eigene Verhältnisse zu schwatzen, was entweder langweilig für die Hörer oder gefährlich für den Sprecher ist. 3n diesem Sünne lehrt der vorsichtige Schopenhauer: „Ansere sämtlichen persönlichen Angelegenheiten haben wir als Geheinmisse zu betrachten und unseren guten Bekannten müssen wir über das hinaus, was sie mit eigenen Augen sehen, völlig fremd bleiben." Denn ihr Wissen, selbst um unschuldige Dinge, kann durch Zeit und Amstänöe Aachteile bringen.
Verschweigen ist Takt, Anstand, Rotwendigkeit. Schweigen kann Tugend sein oder Angezogenheit, je nachdem, von wem und wann es geübt wird. Schweigsame Menschen find achtenswert tnü> können sogar zu den liebenswürdigsten Gesellschaftern gehören, wie es einem Moltke nachgerühmt wird, maul
faule Leute sind eine Strafe für ihre Umgebung. Reden ist gut, aber Schwätzen ist übel. „Was heißt Schwätzen?" fragt der Satiriker Lichtenberg und meint: „Es heißt mit einer unbeschreiblichen Geschäftigkeit von den gemeinsten Dingen, die entweder schon jedermann weih oder nicht wissen soll, so weitläufig zu sprechen, daß niemand darüber zum Wort kommen kann, und »jedermann Zeit und Weile lang wird."
Geschwätzigkeit ist ein Hauptgrund der Entfremdung zwischen den Geschlechtern und bei den Frauen vielfach eine Folge verkehrter Erziehung, da eine gewisse Redseligkeit oft mit liebenswürdigem Wesen verwechselt und deshalb von Jugend an gepflegt wird. Vor dem Schwätzer Hilst nur die Flucht, behauptet Theophrast in den Charakteren und meint, daß die törichte Lust, mit jedem ein Gespräch anzufangen, nur der Gewohnheit entspringe, auch zu Haus viel und ohne Aeberlegung zu reden.
Freilich kann mürrisches Schweigen geradezu qualvoll wirken und selbst für ein Strafmittel gelten. Kinder und primitiv fühlende Leute empfinden fortgesetzes Schweigen ihnen gegenüber härter als manche eigentlich strengere Maßregel. Ein geistvoller Freund behauptet, es sei das einzige Mittel, da humane Fortschritte anderen Kinderstubengewohnheiten ein Ziel gesetzt hätten, um unbotmäßige Dienerschaft für Einkehr und Reue zu bestimmen. Hier zeigt sich der satirische Sinn, der dem Äolkswort unterlegt werden kann: „Schweigen und Denken kann niemand kränken." Es kann verletzen, tief, tiefer als Tadel, wenn es ohne Zorn, mit Aeberlegung geschieht. Welche Kritik ist schärfer, eindringlicher, unvergeßlicher, als ein gut abgemessenes Schweigen. — Es ist auch die einzige Rüge für gewisse Geschmacklosigkeiten, Bosheiten oder ©emeinbeiten im gesellschaftlichen Leben. Gegenrede verdienen sie nicht, hochtrabende Entrüstung gegen solche Dinge wirkt ebenso komisch, als wehrte man sich gegen einen Schwarm Mücken mit dem Schwert.
Aber derartige gesellschaftliche Riederträchtigkeiten sollen in eine tiefe Stille fallen, kein verlegenes Lächeln, kein konventionelles Zustimmen dürfte sie begrühen, nichts als ein feierliches, kühles Schweigen, Es gehört Selbstüberwindung dazu, denn mit Geschick stille zu fein, ist fast eine größere Kunst, als wohl zu reden.
And wie intensives Mißvergnügen am besten durch Verstummung ausgedrückt wird, so kann es auch dem intensiven freudigen Zustimmen bei einer Sache geschehen. Viele Worte geben in solchem Fall weniger kund als ein Kopfnicken, ein Aufleuchten der Augen, ein stummer Händedruck.
Viele Geschwätzige verstehen nicht einmal zu schweigen, so lange ihre Lippen zum Schweigen gezwungen find: sie fetzten in Gedanken unablässig Gespräche fort, erzählen mit stummbewegtem Mund, bis der erlösende Zuhörer kommt, und überfallen jeden Beliebigen, den das Anglück in ihre Rähe führt, mit dem längst vorbereiteten Redeschwall. Ich glaube, dah nicht sehr viele Menschen objeftiv und allgemein denken können, sondern sie sprechen nur in Gedanken, und zwar ausschließlich über sich selbst. Darum können fte auch nur von sich erzählen. Durch diese verfehlte psychische Disziplin wird die Selbstüberhebung, der Wahn eigener Wichtigkeit, unglaublich- gefördert.
Erst schweige, dann rede, sonst wird deine Rede nie der Rede wert, dein Wort nie ein gewichtiges Wort. Der Apostel gab seinen berühmten Befehl: mülier taceat in ecclasia, das Weib schweige in der Versammlung, weil er die zeitgenössischen Frauen nicht für schweigefähig, daher auch nicht für redefähig hielt. Denn nur die stille Einkehr, die vorausgeht, daS überlegene Schweigen macht es möglich, Herrschaft über Gedanken und Form zu gewinne, sich zu erinnern, was die Worte in ihrem tiefsten Sinn bedeuten und sie dadurch richtig anzuwenden. Die Mode, zu malen, ohne zeichnen zu können, stimmt genau mit der Mode überein, zu schreiben und zu reden, ehe man denken und zu schweigen gelernt hat. „ „„„„ , , , ...
Wenn Geschwätzigkeit aus Selbstuberhebmrg. Dummheit, schlechter Gewohnheit, schlechter Erziehung, schlechtem Beispiel entsteht, so hat sie manchmal auch einen tiefen, einen allerdings erbarmungswüchigen Grund. Sie stammt sodann aus Airrast, Unfrieden unheilbarer Kümmernis des Herzens, aus dem Verlangen, sich durchaus zu betäuben. Richts ist in solchem Fall schrecklicher als Schweigennrüssen. Es heißt im Gegenteil, lachen, scherzen, schreien, singen, irgendeinen Lärm machen, um sich nicht allzusehr im verfinsterten Haus zu fürchten, wo gewaltsam ermordetes©luck, frevelhaft erwürgte Hoffnung geistert. Rur Lärm nur Morte, was -es auch immer für Worte sein mögen! Armes Herz, dem dl« Seligkeft des Schweigens genommen tf«


