- 391 —
kommt der schwarze Schlotfeger und nimmt dich miti" Was folgt dann? Sowie der Doktor an das Bett des kleinen Patienten tritt, weint, brüllt, schreit dieser mörderisch. Wie soll man da die Temperatur prüfen, wie den Puls fühlen, wie den Leib betasten! Stundenlang dasitzen und abwarten, bis der Tumult sich gelegt hat und der Ermüdung gewichen ist, kann man auch nicht!
Da nahm ich rasch das Notizbuch aus der Tasche, ein Blatt wird herausgerissen, ein kleiner Bube mit dem Bleistift schnell hingezeichnet und nun erzählt, wie sich der Schlingel nicht die Haare, nicht die Nägel schneiden läßt; die Haare wachsen, die Nägel werden länger, aber immer läßt er sich dieselben nicht schneiden, und immer länger zeichne ich Haare und Nägel, bis zuletzt von der ganzen Figur nichts mehr zu sehen ist als Haarsträhne und Nägelklauen. Das frappiert den kleinen Desperanten derart, dah er schweigt, hinschaut, und mittlerweile weih ich, wie es mit dem Puls steht, wie seine Temperatur sich verhält, ob der Leib oder die Atmung schmerzhaft ist — und der Zweck ist erreicht.
Als -das Buch fertig war bis auf das letzte Blatt, da war auch mein Bilderschatz zu Ende. Was sollte ich nun aus dies letzte leere Blatt bringen? Ei nun, da setzen wir den Struwwelpeter hin! So geschah es, und deshalb stand dieser Bursche in der ersten Auflage des Buches auf der letzten Seite. Aber die Kinderweit traf das Rechte und forderte das Buch einfach: „Ich will ien Struwwelpeter!" Nun rückte das Blatt auf den Ehrenplatz vorn, und der frühere Titel machte dem jetzigen Platz. Also hieß es auch hier: „Die Letzten sollen die Ersten werden!"
Das Originalexemplar kam auf den Weihnachtstisch, mein Söhnchen hatte seine Helle Freude daran. Nach einigen Tagen fand die Taufe des Mädchens statt, und da bekamen auch die eingeladenen Familienglieder des Vaters Wunderwerk zu sehen. Nun hieß es hier: „Das mußt du drucken lassen; das darf der Junge nicht, wie zu erwarten ist, in ein paar Tagen zerreißen!"
Ich aber lachte und srug, ob man denn von mir erwarten könne, daß ich ein Kinderbilderbuchfabrikant werde. Aehnliche Anforderungen kamen noch in den nächsten Tagen.
Nun blühte damals gerade die von mir und meinem Freunde, dem Musiker Schnyder von Wartensee gegründete Gesellschaft der „Tutti Frutti mit ihren Bädern im Ganges". Hier zeigte ich meine Kinderei vor — derselbe Beifall. Unter den Versammelten war auch der Buchhändler Dr. Lüning, der mit seinem Freunde I. Rütten erst vor kurzem eine Buchhandlung unter der Firma „Literarische Anstalt" gegründet hatte. Lüning sagte sogleich, ich solle ihm das Buch geben, er wolle es drucken lassen. Nun, in heiterer Weinlaune vergaß ich die srühere Weigerung und erwiderte scherzend: . Meinetwegen! Geben Sie mir 80 Gulden und versuchen Sie Ihr Glück!" Das war gerade der Betrag, den ich meinem Verleger noch für die „Mand- zügler" schuldig war. Ich war froh, diese Schuld tilgen zu können. — Löning nahm das Heft, und so war ich nachts 11 Uhr, fast ohne recht zu wissen, was ich getan hatte, mit einem Male ein Jugendliterat geworden! Meinen kleinen Sohn daheim tröstete ich dann mit der Aussicht, daß er bald durch zwei neue Bücher, viel schönere, als das weggegebene, entschädigt werden sollte.
Nun aber kam die Ausführung. Meine Freunde, die Verleger, waren in solchen Dingen eben noch nicht sehr erfahren. Die Bilder wurden lithographiert; ich mußte aber den Zeichner täglich überwachen, daß er meine Dilettantengestalten nicht etwa künstlerisch verbesserte und in das Ideale hineingeriet, er mußte Strich für Strich genau kopieren, und ich revidierte jede Steinplatte. Dann gab ich den Herren noch einige praktische Ratschläge. Kinderbücher, sagte ich, müssen solid aussehen, aber nicht sein, sie sind nicht allein zum Betrachten und Lesen, sondern auch zum Zerreißen bestimmt. Das ist kindlicher Entwicklungsgang, und darin liegt ein Vorteil solcher Fabrikation, die Kinderbücher vererben sich nicht, sondern sie müssen neu angeschafft werden; dies zu fördern, gehören starke Pappdecken und schwache Rücken. Und dann muß das Buch billig fein, mehr als 59-Kreuzer darf es nicht kosten, dann heißt es: „Das kostet ja nicht einmal einen Gulden!" Kostet es aber 60 Kreuzer, so sagt man: „Das Ding ist zu teuer; es kostet ja einen Gulden!" Alles dies wurde beachtet und befolgt, und der Struwwelpeter betrat die Bühne der jugendlichen Welt. Es waren 1500 Exemplare hergestellt worden.
' Nach etwa vier Wochen kam Löning zu mir mit der Mitteilung, dah wir einen glücklichen Gedanken gehabt hätten, die Exemplare seien alle fort, sie seien verschwunden wie ein Tropfen Wasser auf einem heißen Steine. Nun machten wir einen förmlichen Vertrag; ich war in meinen Ansprüchen bescheiden, um den Preis des Büchleins nicht zu erhöhen. Niemand war, das kann ich ehrlich versichern, über- bas blitzähnliche Einschlagen der bunten Geschichten mehr überrascht als ich; das hätte ich mir im Traume nicht eingebildet. Später hat man auch sogenannte „unzerreißbare" Exemplare gefertigt; sie mögen wohl recht wetterhart fein, ich bezweifle aber, daß sie je die Dauer der ägyptischen Papyrusrollen erreichen werden, denn Kinderbücher gehen ja „reißend" ab. Der Absatz wuchs mit jedem Jahre und steht jetzt nach 47 Jahren auf einem jährlichen Verbrauch von etwa 30 000 Exemplaren der fünf Bilderbücher zusammen. Ja, ich kann mir mit Befriedigung sagen, der Schlingel hat sich die Welt erobert, ganz friedlich ohne Blutvergießen, und die bösen Buben sind weiter auf der Erde herumgekommen als ich; in ganz Europa sind sie heimisch geworden, ich habe oehört, daß man ihnen in Nord- und Südamerika, am Kap der guten Hoffnung, in Indien und Australien begegnet ist. Sie haben allerlei Sprachen gelernt, die ich selbst nicht verstehe, denn ich habe eine russische, schwedische, dänische, holländische, französische, italienische, spanische und portugiesische Uebersetzung in Händen; daß man sie in Nordamerika luftig nachdruckt, ist ganz selbstverständlich.
Die Herstellung des Buches ist nunmehr auch eine wesentlich andere geworden; statt in Lithographie sind die Bücher in Holzschnitt übertragen und die Holzschnitte galvanisch in Kupferplatten, um sie zu schonen; das Kolorieren durch Schablonen besorgt eine Schar von Mädchen in einem Ort im Rheingau und das Einbinden in großen Haufen ein Buchbinder in der Nähe meiner Vaterstadt. So ist eine Art Struwwelpeterfabrik entstanden, es lebt eine Anzahl fleißiger Menschen dadurch, und fo ist aus dem Scherz doch auch wohltätiger Emst geworden.
Eine geschichMche Wanderung durch den Harz.
Von Dr Carl Walbrach-Gießen.
Die ehemalige Reichsstadt Nordhausen, eine der drei harzischen Königstädte, war der Ausgangspunkt unserer Harzwanderung. Von dem durch seine Klosterschule bekannten Ilfeld führte unser Weg über die Harzer Hochebene in das landschaftlich schönste Gebiet, das Bode- tal, das wir bei Treseburg erreichten. In vielfachen Windungen fließt die Bode tosend und schäumend durch das enge, schluchtartige Tal, das sie sich durch die Granitberge gebahnt hat. Je mehr sie sich ihrem Ausfluß aus dem Gebirge bei Thale nähert, um so wilder und großartiger wird die Landschaft; die mit Mischwald bestandenen Abhänge ragen hoch hinauf, und die Verwitterung hat die seltsamsten Formen der Felsen bewirkt. Nur mit großer Muhe ist ein schmaler Pfad in dem Tal angelegt worden. Bald hinter den Äodekefsel, über den die Teufelsbrücke führt, steigt links der Weg zur Roßtrappe-und gegenüber zum Hexentanzplatz hinauf. Der Äiiek von diefem zweiten Pfeiler des Bodetores reicht hinüber bis zu dem blauen Brocken und hinaus in die Ebene nach Quedlinburg zu; von tief unten her aber tönt das verworrene Raufchen der Bode, die von Fels zu Fels fpringend und sich oft in Schaum auflöfend zu Tale eilt. Nur ein Dichter kann die Empfindungen einigermaßen echt wiedergeben, die das Herz bewegen, wenn man dort oben steht, während die letzten Strahlen der untergehenden Sonne die Baumwipfel vergolden und das Tal allmählich im Dunkel versinkt.
Das nächste Ziel war Quedlinburg. In einer Urkunde Komg Heinrichs I. vom 22. April 922 erscheint die Stadt zum erstenmal in der Geschichte. Auf einem Sandsteinfelsen, der die Stadt hoch überragt, hat König Otto I. die von feinem Vater Heinrichs I. geplante Abtei, eine Familienstistung für die Töchter des Adels, 936 gegründet. Die Geschichte des Stiftes und der Stadt sind aufs engste miteinander verknüpft. Von den weltlichen Bauten, die in Quedlinburg besondere Beachtung verdienen, ist in erster Linie das Rathaus zu erwähnen. Es wird zuerst 1310 genannt. Der Roland—das Zeichen der Marktfreiheit — steht beute wieder an feinem alten Platz. Den Sitzungssaal schmückt ein Glasfenster, auf dem die Aeberreichung der Königskrone an den Sachsenherzog Heinrich auf dem Quedlinburger Finkenherd bargeftellt ist. Die letzte Ruhestätte diefes eigentlichen Gründers des Deutschen Reiches vor 1001 Jahr war seinem Wunsch gemäß die neben der Burg auf dem Schloßberg errichtete Kapelle aus dem Jahre 935. lieber den Resten dieser kleinen Kapelle ist nach verschiedenen Lin- und Umbauten ein mächtiges Gotteshaus errichtet worden, das noch manche kostbare Erinnerung an die mittelalterliche Kaiserzeit enthält, während das Schloß durch Jerome Napoleon feiner wertvollen Einrichtung beraubt worden ist. Das Gestell, das König Heinrichs zerfallenen Holzsarg getragen hat, steht in der Kirche, daneben der Steiufarg feiner Gemahlin Mathilde; im Kirchenschatz wird der Religuienkasten Heinrich I. und Otto I. neben anderen Kostbarkeiten gezeigt. Unterhalb des Schloßberges steht das Ge- burtshaus Klopstocks. Außer einem schmucklosen Fachwerkhaus aus dem 14. Jahrhundert — dem ältesten der Stadt — ist mancher schöne Holz- und Steinbau aus der Zeit der Gotik und des Barock erhalten.
Nordwestlich von Quedlinburg liegt der alte Bischofssitz Halberstadt, dessen Gründung in die Zeit zurückreicht, da Karl der Große seine blutigen Kämpfe mit den heidnischen Sachsen ausfockt und zur Festigung seiner Macht und der der Kirche geistliche Herrschaften errichtete. Die alte Stadt — ehemals der Standort der Bismarck- Kürassiere — weist noch eine Menge ehrwürdiger Bauten des Mittelalters auf, so der aus dem 15. Iahrhimdert stammende Ratskeller am Fischmarkt, das Rathaus aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit dem Roland, die Kommisse — von Heinrich Julins, Bischof von Halberstadt und Herzog von Braunschweig, der um 1600 die evangelische Lehre einführte, als Gasthaus für vornehme Reisende erbaut — und von kirchlifcheu Gebäuden die 900 Jahre alte £teb- frauenkirche und vor allem der majestätische Dom, „das herrlichste, großartigste Gotteshaus der Larzlande". Der Dom ist der fünfte während elf Jahrhunderten errichtete Bau an derselben Stelle. Schon zu Beginn des 9. Jahrhunderts hatte man den Bau eines Münsters angefangen, von dem aber wie von den späteren Kirchen kaum etwas erhalten ist. Der heutige Dom wurde 1220 begonnen. Macht schon der äußere Bau durch seine Größe und künstlerische Ausführung einen überwältigenden Eindruck, so kann man das Innere nur mit bem, Gefühl der Bewunderung und ehrfürchtigen Scheu betreten. Mächtige Pfeilerbündel, mit Statuen von Bischöfen, Luthers, Melanchthons und einiger Heiligen geschmückt, fragen das hochragende Mittelschiff. Der hohe Chor wächst ivie ein Dom im Dom aus dem Mittelschiff empor, von diesem durch den Lettner getrennt. Die Fenster des Chor- Umgangs, der in die Bischofkapelle übergeht,.sind unschätzbare Kunst- werke. Der Domschatz weist ttotz so vieler Kriegsstürme, die über die Stadt hingezogen sind, wertvollste Kostbarkeiten auf. An dem Dom- platz steht die Propstei, die ehemals das Dom-Kapitel beherbergte,


