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einen kleinen Jungen zu haben, der übers ganze Gesicht lachte, wenn ich in die Türe trat.
Aus Weihnachten hatte ich mir ehedem nichts gemacht: das war ein Fest für die Kinder und für die Leute, die viel Geld hatten und es durchaus los werden wollten. Aber mein Butt sprach schon mit vier Jahren von Weihnachten, datz er sich auf einen Lichterbaum freute, und daß er gern etwas geschenkt haben wollte. Aber er wollte nicht allein etwas geschenkt haben, er wollte auch anderen eine Freude madjen. Erst der Lehrerssrau, die ihm vom Jesuskind erzählt hatte, dann einem armen, verkrüppelten Kinde, das int Dorf herumkroch, und dann vor allem mir.
„Onkel Klaas, was wünschest du dir?" Wie oft hat er das gefragt, und ich wurde ganz verlegen. Früher hatte ich wohl mal ’ne Kleinigkeit von meiner Mutter gekriegt, aber die war lange tot. Seit der langen Zeit fragte niemand nach meinen Wünschen. Aber bei meinem kleinen Butt, da muhte ich den Kopf in die Weiche legen und mir etwas ausdenkeit. Zuerst wünschte ich mir ’ne Muschel, dann ’ne Streichholzschachtel und zuletzt einen Purrenkorb. Ich kriegte immer, was ich mir wünschte, und der Butt freute sich so über seine Geschenke, die er mir gab, dah ich mich auch freute. Und weil es ein nettes Gefühl ist, sich zu freuen, da hab ich auch dem kleinen Krüppel was gekauft und auch der Lehrersfrau, die so gut gegen meinen kleinen Butt war und ihn lieb hatte.
Weihnachtslieder lernte der Jung auch. Er konnte sie nie ganz genau, er war ein bißchen schwach vom Gedächtnis, aber ich mochte doch gern, wenn er sie mir aufsagte. Wahrhaftig, ich freute mich jetzt immer auf Weihnachten und weil Butt sv gern schenken mochte, da fing ich auch mit dem Schenken an. Man hat mehr Gelegenheit, als ich früher gedacht hab’, und eigentlich ist das Schenken das Beste bei der ganzen Geschichte."
Der Krabbenmann hielt inne, setzte sich die Mütze auf und rieb sein Knie. „Ja, ich hab' den kleinen Butt acht Jahre gehabt und gedacht, es wäre was für mein Alter. Wenn er groß war, sollte er ein Fischerboot haben und vielleicht kriegte er ’ne Frau, und ich könnte sozusagen Großvater spielen. Aber manchmal ist es doch nicht so, wie man sich das ausdenkt. Wie nun zum achtenmal Weihnachten wiederkam, quälte mich mein Butt schon lange damit, was ich mir von ihm wünschte. Ich hatte mir auch was ausgedacht, ich wollte einen kleinen Dreimaster haben, den man in die Stube unter den Baden hängen konnte, und Butt freute sich furchtbar über diesen Wunsch. Denn er mochte immer gern mit Schiffen zu tun haben, und der kleine Krüppel, mit dem er manchmal zusammen war, der war geschickt mit seinen Händen und konnte ihm helfen. Den ganzen November und Dezember sind die zwei fleißig gewesen, und wenn ich abends nach Hause kam, dann durste ich niemals sehen, daß hier ein kleines Segel lag ober auch ein Mastbaum. Butt wäre böse geworden, wenn ich mich nicht hätte überraschen lassen. Na, ich sah natürlich nichts. Ich besorgte allerlei Geschenke für meinen Jungen und auch für den kleinen Krüppel und war ganz vergnügt, weil Weihnachten kommen sollte.
Es war ein paar Tage vor Weihnachten, und ich kam naß nach Hause, denn es war abscheuliches Nebelwetter, als mein Jung mir ganz verstört entgegenkam. „Fite ist krank!" sagte er. Das war der kleine Krüppel, mit dem er zusammen das Schiff arbeitete. „Er wird wohl wieder gesund!" sagte ich. Denn Kinder sind oft krank und werden dann wieder gesund. „Ich hab' mein Weihnachtsgeschenk für dich bei ihm," fährt Butt fort, „und feine Mutter sagt, ich soll nicht mehr zu ihm hinein!" — Ich war schlechter Laune. Das Geschäft war flau gewesen, niemand hatte mir Purren abgekauft. „Geh’ hin und hole deine Sachen!" sagte ich. „Sag’ an Frau Thießen, ich hält' es gesagt!" Er läuft weg, kommt mit seinem Kasten wieder, ist aber still. Ich achte nicht darauf — ich hatte Reißen in den Beinen — und machte mir einen Grog, um bann halb zu Bett zu gehen. Mein Butt sitzt noch vor seinem Gesangbuch „Onkel, willst du mich mal überhören?" fragt er. „Ich kann heute so schlecht lernen!"
Aber ich war müde. „Heute mag ich nicht, Jung!" sag' ich. „Morgen ist auch noch ein Tag!" Und ich gehe in die Kombüse.
Der Purrenmann sah starr vor sich hin. „Ja, morgen war auch noch ein Tag, bloß, daß ich meinen kleinen Butt nicht mehr überhören konnte. Er lag im Bett und war so rot im Gesicht, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Er hatte Scharlachsieber und war nach zwei Tagen tot. Und Tags vorher war der kleine Krüppel gestorben."
Langsam rieb der Purrenmann seine Hände ineinander. „Am Weihnachtsabend ist mein Junge unter die Erde gekommen, und den Dreimaster habe ich ihm mitgegeben. Der war beinahe fertig, und am Sarg hat der Pastor bas Weihnachtslieb gesprochen, das ich den Jungen nicht mehr überhören wollte. Gott, ich hab' es nicht bös gemeint, und man glaubt nicht immer, daß bas, woran man sein Herz gehängt hat, mit einemmal nicht mehr da ist, und daß alles zu spät fein kann. Ich hab' es zuerst nicht begreifen können. Halt' ich darum den Jungen aus dem Wasser geholt, daß ich ibn nun wieder hergeben muhte?
Aber der Pastor hat gesagt, ich sollte mich freuen, daß ich einmal ein Weihnachtsgeschenk gekriegt hätte und es acht Jahre behalten durfte. Der Mann sagte es anders, wie ich es nun tue; wie ich ruhiger geworben war, hab' ich eingesehen, baß er recht hatte. Ich hatte ja keinen Anspruch daraus, so ’n kleinen netten Jungen immer und ewig zu behalten. Der kleine Butt mußte seine eigenen Wege gehen, und ich mußte mich freuen, ihn so lange gehabt zu haben. Wenn er groß geworden wäre, hätte er vielleicht über den alten drolligen Purrenmann gelacht ober er wäre vor die Hunde gegangen wie so mancher seine Kerl. Nun weiß ich, daß er mich immer lieb hatte, und daß er gewiß eingesehen hat, datz ich bloß aus Unbedacht
in das Scharlachhaus schickte, und ihn seinen Vers nicht überhören wollte. Bös habe ich es nicht gemeint, er wirb das schon wissen, und wenn Weihnachten kommt, dann schenk’ ich, was ich schenken kann.
Ich bin nicht traurig, daß er tot ist. Die Leute schnacken heutzutage so viel. Keiner glaubt an ein ewiges Leben, und der andere sagt, bas ist eine Unverschämtheit. Ich trau’ mir darüber fein Urteil zu, aber ich denke immer, daß ich den kleinen Butt noch einmal zu sehen kriege, und wenn ich Weihnachten mein bißchen Geld weg- gegeben höbe, bann meine ich immer, ich höre aus der Ferne sein« Stimme. Eigentlich hab' ich ihn ja noch — er ist bloß voran aus die große Reise gegangen, und ich muh bald hinterher kommen. So freue ich mich immer mehr an Weihnachten und an dem kleinen Butt, den ich ganz für mich allein hab'!"
Der Purrenmann schwieg. Er war noch heiserer als sonst geworden, und in seinem harten Gesicht zuckte es, aber er nickte mir sreundlich zu, während er auftanb. „Fröhlich Fest!" sagte er im Davongehen, und halb hörte ich ihn wieder rufen: „Purren! Frische Purren!"
lieber das leise ebbende Wasser glitt ein Heller Strahl. Die Wintersonne sandte ihn und lächelte in ihrer heimlichen Art.
Wie der „StruwWelpeter" entstand.
Aus den Lebenserinnerungen Dr, Heinrich H ofsman ns.
Unter dem verheißungsvollen Titel „Struwwelpeter- Hoffmann erzählt aus seinem Leben" hat Eduard Hessenberg bei. Englert 8- Schlosser in Frankfurt a. M. die Lebenserinnerungen des bekannten Frankfurter Arztes und Kinberfreunbes in einem stattlichen, mit einer Reihe interessanter Bilder geschmückten Bande veröffentlicht (677). Frisch und lebendig zieht ein Leben an uns vorüber, das an Reizvollem und Interessantem mehr als Alltägliches aufzuweisen hat. Hoffmann war seinen Zeitgenossen als bahnbrechender Irrenarzt viel mehr bekannt, wie als Verfasser des berühmt geworbenen Struwwelpeterbuches, das noch heute bas Entzücken unserer Kleinen bildet, und über dessen Entstehungsgeschichte der Verfasser in seinen Erinnerungen folgendes mitteilt:
Wir hatten im Jahre 1843 die Wohnung an der Brücke verlassen und waren in das neuerbaute Haus des Ratsmitgliedes Herrn Ohlen- fchlager in der Nähe am neuen Mainkai gezogen. Anfangs bewohnten wir den ersten und dritten Stock des Hauses, später den zweiten und dritten Stock; es waren im ganzen sieben Stuben und Küche. Am 11. Dezember des Jahres 1844 nun schenkte mir meine Frau das zweite Kind, unsere Tochter Lina. Um diese Zeit wollte ich unserem Sohne Carl die Weihnachtsbescherung vorhereiten und suchte in den Buchläden nach einem Bilderbuch, wie es für einen solchen kleinen Weltbürger sich schicken mochte; aber alles, was ich da zu sehen bekam, sagte mir wenig zu. Endlich tarn ich heim und brachte ein Heft mit, welches ich meiner Frau mit den Worten überreichte: „Hier habe ich, was wir brauchen." Verwundert öffnete sie die Blätter und sagte: „Das ist ja ein leeres Schreibheft!", worauf sie die Antwort erhielt: „Jawohl, aber ich will dem Jungen schon selbst ein Bilderbuch Herstellen!"
Ich hatte in den Buchläden allerlei Zeug gesehen, trefflich gezeichnet, glänzend bemalt, Märchen, Geschichten, Indianer- und Räuberszenen; als ich nun gar einen Folioband entdeckte mit den Abbildungen von Pferden, Hunden, Vögeln, von Tischen, Bänken, Töpfen und Kesseln, alle mit der Bemerkung ein Drittel, ein Achtel, ein Zehntel der Lebensgröße, da hatte ich genug. Was soll damit ein Kind, dem man einen Tisch und einen Stuhl abbildet? Was es in dem Buche sieht, das ist ihm ein Stuhl und ein Tisch, größer oder kleiner, es ist ihm nun einmal ein Tisch, ob es daran oder daraus sitzen kann oder nicht, und von Original oder Kopie ist nicht die Rede, von größer ober kleiner vollends gar nicht.
Das Kind lernt einfach nur durch das Auge, und nur das, was es sieht, begreift es. Mit moralischen Vorschriften zumal weiß es gar nichts anzufangen. Die Mahnung: fei1 reinlich, sei vorsichtig mit dem Feuerzeug und laß es liegen, sei folgsam! — das alles sind leere Worte für das Kind. Aber das Abbild des Schmutzfinken, des brennenden Kleides, des verunglückten Unvorsichtigen, das Anschauen allein erklärt sich selbst und belehrt. Nicht umsonst sagt das Sprichwort: „Gebrannter Finger scheut das Feuer!"
Ich machte mich nun in freien Stunden ohne viel Vorbereitungen ans Werk, hatte aber leider nicht bedacht, daß die Arbeit viel Zeit unb Mühe erforderte, und mehrmals verwünschte ich es, die Geschichte angefangen zu haben. Ich hatte zu den Versen und zu den Zeichnungen dieselbe Feber unb dieselbe gewöhnliche Tinte benutzt; als ich nun an bas Kolorieren ging, flössen bie Konturen In die Farben. Nun, was tat es! Es muhte fortgesahren werden! Damals hielt ich fest an dem Grundsatz: Begonnenes muh fertig gemacht werden! Ich hatte schon öfters im Leben unangenehme Folgen des Gegenteils an mir selbst erlebt. Die Bilder zeichnete ich leicht in flüchtiger Weise, und die kindlichen Verse fügten sich folgsam in kecken Reimen einer an den anderen, unb so warb das Ganze fertig.
So ganz aus der Luft gegriffen war die Geschichte übrigens doch nicht, ein unb das andere war doch auf praktischem Boden auf- gewachsen, so namentlich der Hauptheld. Als Arzt bin ich oft einem störenden Hindernis bei der Behandlung kleiner Kinder begegnet. Der Doktor und der Schornsteinfeger sind bei Müttern und Pflegerinkien zwei Popanze, um unfolgsame Sprösslinge zu schrecken und zu bändigen. „Wenn du zu viel issest, kommt der Doktor unb gibt dir bittere Arznei ober setzt dir Blutegel an!" Oder: „Menn du unartig bist, so


