Gießener Zainilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag. Sen r. Dezember Nummer 98
Weihnachtslied.
Von Theodor Fontane.
Noch ist Herbst nicht ganz entflohn. Aber als Knecht Ruprecht schon Kommt der Winter hergeschritten, Und alsbald aus Schnees Mitten Klingt des Schlittengläckleins Ton Und was jüngst noch fern und nah, Bunt auf uns hernieder sah, Weiß sind Türme, Dächer, Zweige, Und das Jahr geht auf die Neige, Und das schönste Fest ist da.
Tag du der Geburt des Herrn, Heute bist du uns noch fern, Aber Tannen, Engel, Fahnen Lassen uns den Tag schon ahnen. Und wir sehen schon den Stern.
Weihnachtsgeschenk.
Von Charlotte Niese.
Um Weihnachten herum muß man in das kleine Dorf am Wasser gehen. Da liegen fast vor jedem Hause Tannenzweige und die Kinder iommen gegen Mittag aus der Schule und singen Weihnachtslieder. Manches von ihnen hat vielleicht schon einen Weihnachtsstern vom vorigen Jahr in der Hand, und läuft schreiend vor den Kameraden ^Peg, denn die anderen wollen ihn auch haben. In der Ferne kreischen und jubeln sie noch, dann wird's still wie vorher. Aus den Schornsteinen der kleinen sauberen Häuser steigt der Rauch des Mittagessens und eine blasse Sonne blinzelt über den großen grauen Strom. Langsam gleitet ein Dampfer hinaus oder ein Segler spannt seine Flügel und schifft der Mündung entgegen. Denn um die Weihnachtszeit auf die See zu fahren, bringt Glück; man darf nur nicht vergessen, einen kleinen Tannenbaum an den Mast zu binden und im Vorschiff eine Schüssel mit gekochtem Reis hinzusetzen. Kein Mensch glaubt mehr an den Klabautermann; das war vor hundert oder noch mehr Jahren, als der auf den Schiffen das Regiment führte. Aber es ist doch besser, eine Schüsse! mit Reis hinzustellen, damit der Klabautermann, falls er noch einmal kommen sollte, nicht erzürnt wird.
Nach Weihnacht gibt’s immer so große Stürme, und die Nordsee heißt nun einmal die Mordsee. Bei Helgoland jagt manchmal das Geisterschisf um die Insel herum — einige nennen es den fliegenden Holländer und sprechen vom Kap der-guten Hoffnung. Mag sein, daß es auch dort zu sehen ist — Geisterschiffe fliegen schnell. Ach, man soll nicht abergläubisch sein! Aber ist unser Gott und Herr nicht auch Herr über die Geisterwelt und merkt man nicht manchmal, daß es Dinge gibt, die wir nicht begreifen können? Ist es nicht wunderlich, daß es um Weihnachten meistens stilles Wasser ist, und daß man die Kirchenglocken von weit her läuten hört? Manch einer, der das ganze Jahr nicht darauf achtet, hebt doch den Kopf, wenn übers Wasser der Klang kommt, und wenn er auch nicht will, so denkt er doch an dis Zeit, da er neben seiner Mutter, in der Kirche saß und die alten schönen Lieder sang. Ganz gewiß, darum ist das Wasser so ruhig und der Wind schläft beinah ein, damit die Glockentöne auch zu den Menschen kommen, die sie beinahe vergessen haben.
Es ist der Krabbenmann, der mir dies alles erzählt. Der mit zwei Körben voll Nordseekrabben im Dorf von Haus zu Haus geht und dessen Stimme lange heiler von dem eintönigen Ruf geworden ist: „Purren, frische Purrenst' Wir kennen uns schon lange, und da wir zwei nicht immer Eile haben, setzen wir uns zusammen auf einen der langen Staats und erzählen uns etwas. Das heißt im ganzen ist er der Unterhalter. Er freut sich, daß er nicht immer [eine Purren aus- zuschreien hat, und daH er jemanden hat, der ihm zuhört. Die Leute im Dorf haben um die Mittagsstunde keine Zeit zum Schwatzen, die Suppe könnte anbrennen, und in diesen Tagen kochen und backen sie extra. Aber gerade um diese Zeit ist es schön, am Wasser zu fitzen und nachzudenken. Weihnachten kommt zwar alle Jahre wieder, aber man weiß doch nicht, ob man dann noch dabei ist. Der Kirchhof drüben wird jedes Jahr voller, einmal kommt man ja auch hin, und dann hat die Krabbenwirtschaft ein Ende.
Der kleine Manu wischt sich das Gesicht mit dem rottarrierten Tuch und nestelt an feiner silbernen Uhrkette. Er ist nicht schlecht gekleidet und der starke Fischgeruch, den er ausströmt, ist im Freien nicht schlimm. Er ist keiner von den Armen; er hat fein Häuschen drüben auf der Insel und könnte „fein Geld leben". Aber das ist so langweilig. Er ist noch kräftig und will nicht den ganzen Tag Kaffee trinken und am Priem saugen. Da holt- er sich lieber jeden Morgen
vom Fischmarkt die Krabben und trägt sie in die Häufer. Er kennt die Leute alle, die hier wohnen, und viele andere; man muß hier und dort guten Tag sagen und fragen, wie es geht. Und schließlich, ein paar Groschen Mehrverdienst schaden, auch nicht, besonders so um Weihnachten herum, wenn alle was von einem wollen. Er hat einen kleinen Beutel in der Kommode, da legt er schon von August her was hinein. So merkt er's nicht und bann hat sich bis Dezember was zufammengekrümelt. Nun ja. Erben hat er nicht weiter — bloß einen Kapitänbruder, der aber großartig geworden ist und sehr fein. Der hat ’ne ganze Stube voll von Plüschmöbeln und einen Sohn, b$f bei einer Bank ist, nein, die Verwandten sind ungemütlich; wenn er denen nichts hinterläßt, ist's einerlei. Die brauchen's doch nicht.
Der Krabbenmann ist hach dieser Mitteilung schweigsam geworden. Er hat ein wetterhartes, trotziges Gesicht, so eins, wie es die Maler lieben. Die Mütze hat er in den Nacken geschoben und sieht aufmerksam auf ein Ruderboot, das gemächlich über den Fluß paddelt. Ein Junge sitzt darin, ein Hund, und die grünen Zweige eines Tannenbaums wippen auf und nieder. So friedlich sieht alles aus, und der Junge singt mit schriller Stimme.
„Brumm!" tönt es da übers Wasser. „Brumm!" Ach, sie klingt noch viel drohender, als es beschrieben werden kann, die dumpfe Dampfpfeife, die dort von dem großen schwarzen Kohlendampfer murrt. Fast unmerklich ist der schwarze Kerl herangekommen und brummt noch einmal. Dabei geht er gerade auf das kleine Ruderboot los. Der Junge paddelt krampfhaft, er fchreit gellend, vom Dampfer schimpfen sie, und eine Trillerpfeife schrillt. Mein Krabbenmann hat seinen Rock abgerissen, die Stiefel ausgezogen, und der Bootsverleiher nebenan tut dasselbe. Ich lege ‘ die Hand über die Augen; weiß ich doch, was kommen wird: ein Knacken, ein Knirschen, ein zertrümmertes Boot, und gurgelndes Wasser, das vielleicht ein Menschenleben frißt. Aber da gleitet der schwarze Dampfer weiter, und hinter ihm schwimmt unversehrt das Boot. Der Junge ist still geworden, aber sein Hund bellt und die Tannenbaumzweige wippen freundlich auf und nieder.
Der Bootsverleiher von nebenan zieht feinen Rock wieder an, steckt einen Priem in den Mund und holt die Zeitung aus der Tasche. Er war bereit, sein Geben zu opfern, aber roenn’s diesmal nicht sein soll, dann ist es auch gut. Mein Krabbenmann trägt auch schon wieder Rock und Stiefel, aber er ist nicht so ruhig wie der andere. Sein Gesicht zuckt, und seine Mütze ist ihm vom Kopf gefallen.
„Der Jung hat diesmal Glück gehabt", sagt er. „Ist ja auch bald Weihnachten und vielleicht hat er ’ne Mutter. Damals ging sie ja unter und ich kriegte den kleinen Jungen." Einen Augenblick holte er tief Atem, dann beginnt er langsam vor sich hin zu sprechen. „So was passiert ja hier alle Tage. Die im Boot fahren, sind leichtsinnig, und die großen Dampfer passen nicht auf. Nun sind es wohl sechzehn Jahre her, da hab' ich hier auch gesessen, als ein Boot überfahren wurde. Eine Frau faß darin und ein Junge von ungefähr zwei Jahren. Die Frau haben wir nicht wieder gesehen, aber ich fischte den Jungen und er war springend lebendig. Niemand wußte feinen Namen, und der Strandvogt sagte, ich sollte ihn nur vorläufig behalten. „Ist ein Weihnachtsgeschenk, Klaas", sagte er. „Hast es dir selbst aus dem Wasser geholt!"
Denn es war vor Weihnachten und ich halte mich gerade ein bißchen einsam gefühlt. Mein Bruder war damals schon fein, und sonst hatte ich keine anderen Verwandte. Na, da nahm ich den Bengel mit, und eigentlich war es drollig, daß ich alter Kerl das kleine Kind kriegte. Da war aber niemand, der ihn haben wollte, und ich konnte es ja versuchen. Es war ein netter Jung; einer von den Stillen; er konnte schon etwas sprechen, und es war gelungen, wie er immer mehr Wörter lernte. Lausen lernte er auch, und wie er nun ein bißchen manierlich wurde, brachte ich ihn zu Mutter Rießen in unserem Dorf, die auf die kleinen Kinder paßte, wenn die Eltern auf Arbeit waren. Abends holte ich ihn mir dann ab und es war gemütlich, jemanden zu haben, der sich freute, wenn man nach Hause kam. Onkel Klaas sagte er zu mir, und manchmal konnte er mir mit seiner kleinen Hand über die Backen streichen. Ich durfte ihn auch behalten. Seine Mutter war ’ne arme Witfrau gewesen, die nach der anderen Seite gefahren war, um sich Arbeit zu suchen. Allmählich kam's heraus und auch, daß die Leute nicht recht wußten, in welches Armenhaus sie den kleinen Butt stecken sollten. Er nannte sich nämlich Bult. Als ich nachher seinen Taufschein zu sehen kriegte, da stand ein ganz anderer Name darin. Wie der war, weiß ich nicht mehr. Ich hatte den Jungen ja auch wie ’nen Butt aus dem Wasser gezogen; das war ein guter Name. .
In der Schule nannten sie ihn auch so, denn mit sechs Jahren tarn er natürlich zum Lehrer und lernte nicht schlechter als die anderen. Er lernte auch meine Stube -zu fegen und Kartoffeln zu kochen und zu schälen, zum Aufbraten, ehe ich heimkam. früher hatte ich mich nie gefreut, wenn ich nach Haus kam, nun war es wirklich ganz nett,


