„Langsam, langsam!" schrie ich! „wo ist mein Dragoman?"
Keuchend kam Abu-Sa auf seinem Esel übers Feld. Er hatte auch bei Howard hospitiert und erhielt eine Ohrfeige. Da er ein Christ und Schriftgelehrter war, kam dies selten vor und verstimmte ihn ein wenig. Doch blieb er jetzt an meiner Ferse hängen wie mein Schatten und schimpfte in meinem Namen mit löblicher Energie. Aber all unsere Bemühungen schienen keinen merklichen Einfluß auf das stürmische Tempo des Pflügens zu gewinnen. Stand ich auf dem Tender hinter Machmud, dem Führer der ersten Maschine, so jagte die zweite am entfernten Feldende, als wäre sie toll geworden. Eilte ich dorthin und riß Achmed den Steuerhebel aus der Hand, so schien Machmud entschlossen, die verlorenen Sekunden wieder einzubringen, auch tuenn alles in die Luft fliegen sollte. Erst nach zehn Minuten dieser nicht zu bändigenden Raserei wurde mir ihre Ursache von Abu-Sa erklärt. Während meines Besuchs bei Bridledrum war Halim Pascha auf den Fowlerschen Maschinen gewesen. Das Feuer des Wettkampfs hatte ihn gepackt. Er hatte beiden, Achmed und Machmud, einen Theresientaler in die Hand gedrückt und mit seinem verstohlenen Lächeln zu den Leuten gesagt: „O, ihr Gläubigen! Wenn ihr heute diese Engländer da drüben besiegt, so erhaltet ihr ein Backschisch! — ein Backschisch!! Ein englisches Pfund, jeder, der mitgearbeitet hat!"
„Jnschallah!" halten sie alle inbrünstig gerufen und waren bereit, mit den Maschinen in die Luft zu fliegen. Tut nicht Allah, was er will, auch mit Dampfmaschinen?
Ganz wie ein Mensch muß sich auch ein Pflug an seine Arbeit etwas gewöhnen, ehe er zeigen kann, was in ihm ist. Howards Gerät lief jetzt besser und stetig, wenn auch nur halb so schnell als das unsre, Ein stattlicher schwarzbrauner Streifen frisch gepflügten Landes lag schon hinter uns, schätzungsweise zweimal so breit als der am andern Feldende, und anzusehen, als ob ein Afrit die Erdklumpen umhergeschleudert Hütte. Hübsch gepflügt konnte man es nicht nennen. Aber wer weiß in Aegypten, oder wer will wissen, was hübsch gepflügt ist? Staunend und den Propheten anrufend, liefen die aufgeregten Türken des Vizekönigs den letzten Furchen entlang und sprangen, ihre Pluderhosen zusammenraffend, entsetzt zur Seite, wenn 'her Pflug in seiner Staubwolke knirschend und prasselnd an ihnen vorüberglitt. Beinhaus und Heuglin gingen ernst und schweigend auf und ab. O'Donald gestikulierte heftig mit Bridledrum, der sich vergebens bemühte, seinen Leuten ein anderes Tempo beizubringen. Beide wußten nicht, daß die Wackeren stumm und ingrimmig taten, was irgend möglich war.
Zweiundvierzig Minuten unserer Stunde waren abgelaufen. Ich stand auf Machmuds Maschine, als ein kleiner Fellahjunge, von Achmed kommend, atemlos über das Feld gelaufen tarn und zu mir heraufklettsrte. „O Bafchmahandt!" schrie er mir in die Ohren, „komme eiligst. Achmeds Bapor ist erkrankt."
Bapor ist neuarabisch für alles, was vom Dampf getrieben wird. — „Der Kuckuck! Dacht' ich mir's doch!" rief ich wütend, sprang von der Maschine und rannte über das Feld, Abu-Sa hinter mir her, die beiden Esel nachschleppend. Doch es rauschte und brauste noch alles in scheinbar bester Ordnung. Nur noch fünfzehn — nur nach zwölf Minuten!
Achmed stand neben seiner Maschine, die im Augenblick nichts zu tun hatte, da die andere den Pflug zog. Er war mit der Speffe- pnmpe beschäftigt, immer ein schwacher ‘ Punkt des Ganzen, und schraubte an dem Ventilkasien herum, der zwischen der Pumpe und dem Kessel sitzt. Die Dichtung der Flansche desselben hatte nachgegeben, lmd ein dünner Wasserstrahl schoß aus der haarfeinen Oeffnung heraus, die sich durch kein Festschrauben schließen lassen wollte. Das Schlagen des Ventils war nicht mehr hörbar: die Pumpe versagte. Konnte dies nicht wieder in Ordnung gebracht werden, so muhten wir in einigen Minuten aufhören, wenn wir aus Wassermangel den Kessel nicht fünf Minuten später in die Luft sprengen wollten. Ich drückte mit einem Schraubenflügel einen Putzlappen aus die enistandene Spalte, so daß der Wasserstrahl, der immer größer und heftiger hervorschoß, zurückgehalten wurde, und sofort hörte man das tröstliche Schlagen des Ventils, welches bewies, daß so das Speifewasfer wieder seinen richtigen Weg in den Kessel fand. Rur dauerte es nicht lange. Der Wasserstrahl fand seinen Weg an dem Schlüssel vorbei, unter dem Schlüssel durch; das Ventil hörte wieder auf zu schlagen. Doch Achmeds Augen sunkeltsn. Er hatte einen Gedanken; nur war keine Zeit, darüber zu sprechen. Mit einem Riß hatte er beide Aermel seiner zerlumpten Bluse abgerissen, ließ sich von seinem Heizer Werg und Putzlappen, die reichlich vorhanden waren, um beide Hände ’unb Arme wickeln und mit den Fetzen seiner Bluse umbinden. Dann drückte er, eine Hand auf die andere gestützt, mit aller Kraft gegen die haarfeine Spalte unter der heißen Ventilflansche. So war der Wasserstrahl fast gänzlich gehemmt. Die Pumpe arbeitete mit lautem Schlagen. Der Vflug war am andern Ende angekvmmen. „Bravo, Achmed!" rief ich, „vorwärts da droben!" Der Heizer verstand die Handgriffe so weit, um die Maschine in Bewegung zu setzen, die jetzt rasselnd und klappernd den Pflug heranzog. Die augenblickliche Gefahr war vorüber. Man konnte weiterpflügen.
Achmed hielt fest. Die Pumpe arbeitete. Aber das Wasser fing an, ihm zwischen den Fingern durchzulaufen. Man sah in seinem Gesicht, daß es siedend war. Die Lumpen um seine Arme dampften. Zum Glück kam soeben ein voller Wasserwagen angefahren. Ich ließ emen Blecheimer füllen und schüttete selbst dem Helden des Augenblicks einen Strom kalten Wassers über Hände und Arme.
„Gut! Gut! sagte er und hielt fest. Dies Verfahren war rasch organisiert. Zwei Eimer waren zur Stelle; der eine wurde gefüllt, während ein Fellah mit dem andern fortwährend Achmeds Hände und Arme beschüttete. Zwei-, dreimal rief er aus dem Dampf heraus, m dem er fast verschwand, nach seinem Propheten: „ya nabbtl na fataam! Aber er hielt aus. Ich wagte nicht, ihn zu ermuntern. Dre Pumpe arbeitete; das Wasser im Kessel, das gefährlich nieder gestanden hatte, war schon um zwei Zentimeter gestiegen. Es war em wirkliches und wahrhaftiges kleines Heldenstück, von der Mucius. Scavola-Gattung. Schweißbsdeckt, selbst nah bis auf die Haut und halb betäubt sah ich endlich wieder nach Howards Maschine hinüber. Und mit einemmal — hallo, was war das?"
Ein kleiner dumpfer Knall, bis herüber hörbar, ein lautes, wütendes Zischen, eine ins Riesige wachsende Dampfwolke, welche die ganze Howardsche Maschine einhüllte, aus der ein halbes Dutzend Türken, sich überpurzelnd, herausstürzten! Ihr Pflug aber stand mitten im Feld plötzlich stockstill.
„Festhalten, Achmed! Nur noch drei Minuten festhalten!" rief ich. sprang auf meinen Esel und galoppierte der neuen Unglücks- statte zu. Was geschehen war, wußte ich im ersten Augenblick; es bedeutete nichts Gefährliches, aber doch das Ende der heutigen Prü- fung. Ich kannte den Knall. In jeder anständigen Feuerbüchse befindet sich ein sogenannter Sicherheitspfropfen aus Blei, der ausschmilzt, wenn das Wasser im Kessel zu niedrig steht. Durch das hierdurch entstehende Loch strömt der Dampf in den offenen Feuer- raum, löscht das Feuer aus und verhindert so eine wirkliche Explosion, die durch das Ueberhitzen der Kesselbleche bei niederem Wasserstand stattfinden würde. Aus irgendwelchen Ursachen — vielleicht war auch bei Freund Bridledrum die Speisepumpe des heftigen Arbeitens müde geworden — war das Wasser zu tief ge- funken,, so daß der Kessel seine eigne Rettungsvorrichtung in Tätigkeit gesetzt hatte. Cs muß in einem solchen Fall ein neuer Blet- pfropf eingeschraubt, der Kessel frisch mit Wasser gefüllt und aufs neue Feuer und Dampf gemacht werden, ehe man weiterarbeiten kann. Das heißt: der kleine Unfall kostet einen Stillstand von drei bis vier Stunden.
Als ich bei der verunglückten Maschine ankam, stand der englische Maschinenwärter vor seiner noch immer wild zischenden Dampfwolke, die Wasser und Feuer spie, stumm, grimmig einen Strohhalm kauend. Im Felde hatten sie schon das Seil vom Pfluge losgehakt. Bridledrum explizierte Halim Pascha mit feuriger Beredsamkeit die unbezahlbaren Vorteile eines Bleipfropfes in der Feuerbüchse. Die arabischen und türkischen Würdenträger hatten sich mit etwas unziemlicher Hast in ihre Wagen geflüchtet unb waren bereits in der Schubraallee und auf dem Wege nach Kairo. Fowlers Pflug lies noch immer über das Feld, als ob dort alles in schönster Ordnung wäre.
,fJch denke, wir können aufhören, Herrr Eyth", sagte der Prinz zu mir, um sich dem Redestrom Bridledrums zu entziehen. Er sah auf seinen Riesenchronometer, den er bisher gewissenhaft in der Hand gehalten hatte, und gab ihn Rames Bey, der das kostbar« Kunstwerk ohne Umstände in den bodenlosen Tascben seiner grünen Hosen versinken ließ.
„Siebemmdfllnfzig Minuten!" fuhr Halim fort, indem er die Zahl mit einer goldenen Bleifeder in ein vergoldetes Miniaturtaschenbuch eintrug. Er hatte nicht umsonst an der Ecole Centrale zu Paris zwei Jahre lang Technologie studiert. „Sieben — und — fünfzig — Minuten! Null — Komma — fünf — sieben Stunden! Das heißt, das ist wohl nicht ganz korrekt. Wie, Herr Cyth? — Messen Sie jetzt die gepflügten Flächen und legen Sie mir morgen das Ergebnis vor. Herr Bridledrum wird Ihnen Gesellschaft leisten. Sehr hübsch, Herr Bridledrum, sehr hübsch! Die Sache hat m*r wirkliches Vergnügen gemacht. Ihr Apparat hat einige Vorzüge, namentlich für englischen Boden, der ohne Zweifel leichter aufzubrechen ist als unser alter Nilschlamm. Adieu, meine Herren!" Er sprang in seinen Korbwagen, Rames Bey ihm nach, die Zigaretten hervorholend, und fort waren die Herrschaften. Auch Abu-Sa, der Dragoman, hatte, auf meinem vielgeprüften Esel querfeldein reitend, die ' Fowlerschen Maschinen erreicht und schon unterwegs mit Händen und Füßen und lauter Stimme „Stop! Stop!" telegraphiert. Der Pflug war am Ende seiner letzten Furche angelangt und hielt stille. Die Nrüfiing war zu Ende.
Als auch ich Achmeds Maschine erreichte, um nach dem Burschen zu sehen, lag er mit geschlossenen Augen auf einem Kohlenhaufen und rührte sich nicht. Er schien ohnmächtig geworden zu sein. Mein erster Pflüger Ibrahim, sein noch jugendlicher Schwieger- «ater, kniete vor ihm und sagt« von Zeit zu Zeit: „Malisch! malisch!" zu dem Dutzend Fellachin, die die Gruppe umstanden. Ich wollte nach Oel und Verbandzeug schicken. Ibrahim fchüttelte den Kopf und beschäftigte sich eifrig damit, in einem Wafsereimer aus einer aufgewekchten Erdscholle einen zähen Lehmbrei zu kneten, den er zolldick um die verbrühten Hände und Arme des Daliegenden klebte. „Gut! sehr gut!" rief das Fellahpublikum, sichtlich bestrebt, mich über die hervorragenden chirurgischen Erfahrungen Ibrahims aufzuklären. Achmed öffnete die Augen, richtete sich auf und sah nicht ohne Befriedigung die zwei Klumpen Erde, die ihm statt der Arme am Leib hingen. Dann stand er auf, sagte ebenfalls „Malisch" und ging nach der Maschine, um sich von seinem Heizer aus dem not dürftig gereinigten Eimer einen gewaltigen Truuk Waffer reichen zu lassen. (Fortsetzung fotgtj
Schristleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Llniv.-Buch- und Sieindruckersi, A. Sange, Gieße«,


