Ausgabe 
7.9.1926
 
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dern nebst dein hierher geflüchteten Verlobten ihrer ältesten Tochter «eben jenem Heinrich Mann) befand. Hierbei wurde der Frau der kleine Finger abgeschossen. Darauf drangen die Soldaten ein. Da hielt die Mutter flehend die Hande entgegen, fiel auf die Knie und betete. Hierauf ließen die Feinde von ihr ab, mißhandelten dagegen den jungen Heinrich Mann entsetzlich. Mit Aufbietung aller Kräfte riß sich derselbe los und flüchtete. Von dem Postenstehen usw. wußte die alte Frau nichts. In dieser achtundachtzigjährigen Erzählerin^ die ich am 31. August 1896 in Gegenwart von Pfarrer Weber mit größter Vorsicht, ohne jede störende Einrede, ausforscht«, glaube ich also mit Bestimmtheit die Enkeltochter jener jungen Mutter fest­gestellt zu haben, von der uns Oeser erzählt. Bestätigt wird indessen meine Annahme, daß ein historischer Kern der Giaubrechtschen Er­zählung zugrunde liege, durch eine Notiz, die Pfarrer R u l l - man n) dem Sterbeprotokolle beifügte:So groß auch das Unglück ist, so kann man doch Gott nicht genug danken, daß er die Herzen einiger edlen Soldaten erweichte, welche nicht allein über die Men­schen absichtlich wegschossen, sondern auch ihre Kameraden möglichst abhielten und den unglücklichen Bewohnern zuriefen, sic sollten nur kn den Wald laufen."

Eine HnndvolL Anekdoten.

Nacherzählt von Hans T h y r i o t.

Las Bildnis mit dem großen Mund.

Zu einem berühmten Maler der Name tut nichts zur Sache kam ein reicher Mann, der seine Frau gemalt haben wollte. Der Künstler sah sich die Dame an, hatte keine große Lust, wollte sich aber das voraussichtlich bedeutende Honorar nicht entgehen laßen und sagte zu. Ein Kollege, dem er von der bestellten Arbeit erzählte, machte ihn darauf aufmerksam, daß die fragliche Dame, ohne ersicht­lichen Grund, auf ihren Mund, den sie für klein und zierlich hielt, lehr eitel sei. Der Maler dankte und merkte sich das. Als das Por­trät fertig war, kam der reiche Mann, es zu besehen, stand lange davor, wiegte den Kopf und sprach:Lieber Meister, das Bild ist sehr gut und ähnlich, bloß der Mund der ist viel zu groß geraten. Nichts für ungut." Oer Maler besann sich eine Weile und erwiderte freundlich:Lieber Gönner, ich habe den Mund schon bedeutend kleiner gemalt, als er ist. Aber wenn Sie es wünschen, kann ich ihn auch ganz wcglassen. Nichts für ungut." lieber den Rest des Ge­spräches ist nichts bekannt geworden.

Störtebecker.

Als es den Hamburgern im Jahre 1401 endlich nach mörderischer Seeschlacht bei Helgoland gelungen war, den mächtigen und gefürch­teten Seeräuber Klaus Störtebecker mit seinem Spießgesellen Gödeck« Michael und den überlebenden Vitalienbrüdcrn niederzuringen und auf Stört'ebeckers FlaggschiffDie bunte Kuh" gefangen nach Hamburg zu führen, da herrschte ein großer Jubel in der Stadt. Am folgenden Tage war die Hinrichtung, und viel Volks strömte vor die Tor«, den Kopf des großen Räubers fallen zu sehen. Der bat, mannhaft, nicht um sein Leben, aber um eine Gnade: man tolle ihm zuerst den Kopf abschlagen, seine Gesellen aber in einer Reihe aufstellen. Die ihm die liebsten waren, dem Richtblock zu­nächst. An welchen er, kopflos, vorübergehen werde, denen möge man das Leben schenken. Dies wurde dem Störtebecker gewährt; man schlug ihm das Haupt ab, der Rumpf erhob sich, ging an elf See­räubern vorüber, strauchelte beim zwölften, fiel und blieb liegen. Den Elfen wurde der Kopf gelassen, alle anderen mußten ans Schwert, und es soll so viel Blut dabei geflossen sein, daß der Scharfrichter bis an die Knöchel darin watete. Als man ihn später fragte, wie ihm dabei zu Mute gewesen sei, da soll der rohe Mensch geantwortet haben:0, liebe Herren, es ist mir so wohl dabc! gewesen, daß ich noch den ganzen hochweisen Senat dazu hätte abtun mögen."

Der Tod der Penthesilea.

Heinrich von Kleist arbeitet an seinem Amazonen-Drama, Tag und Nacht, ohne Pause, mit zusammengebissenen Zähnen gleichsam, im Bett hockend, die Pfeife im Munde; er kämpft, Szene um Szene, einen schweren, fast körperlichen Kampf mit dem Stoff und schmiedet am gehämmerten, geballten Stil seiner Verse. Er wühlt sich hinein in die ferne klirrende Welt mit allem Großen und ©raufigen und auch mit all der blütenzarten Lieblichkeit des Rosenfestes, er lebt sich ganz in die Seele seiner jungen Kriegsfürstin hinein ohne noch die eisige Ablehnung des Olympiers in Weimar zu ahnen, dem er fein Werkauf den Knien seines Herzens" darreichen wollte.

Er hat sich ganz eingefponnen in die Dichtung; niemand sieht ihn, niemand hört etwas von ihm. Endlich, eines Abends, tritt er zu Ernst von Pfuel, einem feiner wenigen Freunde, in die Stube. Pfuel springt aus, überrascht, den Gefährten wiederzusehen, erschreckt, wie er geisterbleich und verstört, mit Tränen in den großen, blauen Augen aus ihn zukommt, entsetzt und erschüttert, in aufblitzendem Erinnern an Ulrike, die tapfere, treue Schwester des unseligen Kame­raden, als Kleist, tränenerfttät, die Worte hervorstöht:Sie ist ist sie ist eben gestorben." Erst langsam begreift Ernst von Pfuel (aber die Erschütterung des Herzens läßt ihn nicht los), daß Ulrike lebe, daß aber diePenthesilea", ein grausam dichterisches Spiel von Liebe und Tod, soeben vollendet sei.

7) Pfarrer Ru11mann von Schwickartshausen, der nach Kochs Tod die Pfarrei Litzberg verwaltet«, hat ein genaues Verzeichnis der Getöteten aufgestellt nebst Angabe ihrer Personalien. Am Schlüsse dieses Verzeichnisses findet sich dl« betreffenbe Notiz.

Haake von Stülpe.

Im Anfang des 16. Jahrhunderts, bevor der Kurfürst Joachim II. Hektor die Reformation eingeführt hatte, zog der Ablahhändler Jo­hann Tetzel auch durch die Mark Brandenburg und hatte großen Zulauf unter dem Volke.Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegfeuer springt." Aber eines Tages kam der Tetzel an den Unrechten. Das war der märkische Ritter Haake von Stülpe, dessen Name heute sicher nicht mehr bekannt märe, wenn er nicht eben den Ablaßhändler jo gröblich genasführt hätte. Stülpe wandte sich an Tetzel und kaufte von ihm um ein gutes Stück Geld Ablaß und Vergebung für eine noch zu begehende, schwere Sünde. Als aber Tetzel, der schmunzelnd seinen Säckel gefüllt hatte, unweit Jüterbog in den Trebbiner Sandbergen unterwegs war, in einer Gegend, wo sich Fuchs und Hase Gutenacht sagen, da brach plötzlich der edle Ritter Haake von Stülpe mit etlichen Buschkleppern aus dem Gehölz, warf den Tetzel nieder, wies lachend den Ablaßschein vor, enthob den armen Mann seiner dicken Geldkatze, schlug sich seitwärts in die Büsche und ward nicht mehr gesehen.

Der Dachdecker und die Würzkrämer von Hamburg.

In Hamburg lebte vor langen Jahren ein Dachdecker. Das war ein gottesfürchtiger Mann, der jedesmal ein Stotzgebetlein sprach, ehe er sich an fein gefährliches Handwerk machte.

Eines Tages mutz er auf den sehr hohen Turm von St. Michael steigen, ein Wahrzeichen der Stadt, um die Kreuzblume auszu- bessern. Ms er beinahe oben ist, schaut er einen Augenblick ins Blau«, tritt fehl, läßt los und stürzt hinunter. Jeder denkt, der steht nicht mehr auf. Aber im selben Augenblick geht ein Würzkrämer über den Kirchhof, der Dachdecker fällt so glücklich auf den Krämer, daß er sich nichts tut, ganz fänstiglich auf die Füße kommt und Gott für so sichtbares Wunder dankt. Der andere aber wird vom jähen Schreck und Sturz so unglücklich befallen, daß er tot liegen bleibt.

Die Hamburger Würzkrämer, erbittert über den seltsamen Ver­lust ihres Genossen, brachten die Sache vor den Rat und forderten eine gerechte Buße. Der Rat erwog den Fall und tat diesen Spruch: der Dachdecker sollte an der nämlichen Stelle, wo er, herabstürzend, den Mann erschlagen hatte, aufgestellt werden. Die Würzkrämer sollten durchs Los einen ans ihrer Mitte bestimmen, der sich von der gleichen Stelle des Turmes hinunterstürzen, und dem es frei- gestellt fein sollte, den glücklich-unglücklichen Dachdecker mit seinem Fall zu erschlagen. Auge um Auge, Zahn um Zahn . . ., welches ein fast salomonisches Urteil genannt werden kann. Die Würzkrämer haben, gleichwohl, auf feine Vollstreckung Verzicht geleistet.

Der Schneider von Peking.

Ein Europäer war bei einem vornehmen Chinesen zum Gast- mahl geladen und zog dazu seinen Staatsrock an, der ein wertvolles und in Ehren gehaltenes Erbstück seines verstorbenen Vaters war. Beim Aufbruch von der Tafel bemerkte der Gast mit Schrecken, daß er sich mit der Zigarre ein kreisrundes Loch in feinen Rock gebrannt hatte; aber der Gastgeber tröstete ihn und wies ihn an einen Schneider, von dessen hoher Kunst man Wunderdinge er­zählt«. Der Europäer ging zu diesem Manne, zeigte ihm das beschä­digte Kleidungsstück und trug ihm auf, einen neuen Rock zu machen, dem alten völlig gleich in Stoff, Verarbeitung und Schnitt, der­gestalt, daß beide nicht zu unterfck)eiden wären. Der Meister ver­sprach das und forderte einen ziemlich hohen Preis. Nach zehn Tagen brachte der Schneider den neuen Rock. Der weiße Mann besah ihn von allen Seiten, verglich ihn mit dem alten, schien sehr befriedigt, erstarrte aber, als er an eben der gleichen Stelle, wie am alten Rock, genau dasselbe, kleine, kreisrunde Loch entdeckte. Die beiden Röcke waren in der Tat nicht mehr zu unterscheiden.

Das brauchbare Manuskript.

Ein heute längst berühmter deutscher Dichter, dessen Dramen und Romane um die Jahrhundertwende bedeutendes Aufsehen er­regten, erzählt aus der Zeit, da er noch,verkannt und sehr gering", ein blutjunger Wanderer auf der steinigen Landstraße der Künstler, einen ansehnlichen Stoß Manuskripte aufs Geratewohl an irgend­einen Verleger schickte. Er hatte alles fein säuberlich auf bluten- weißes Papier geschrieben und einen hoffnungsvollen, obzwar be­scheidenen Brief beigefügt, in dem er den Verleger bat, das, was ihm brauchbar schiene, zu behalten, das Uebrige aber zurückzuschicken. Es verstrich eine unglaublich lange Zeit, und der junge Dichter schwankte schmerzlich zwischen Glück und Trauer. Eines Tages aber kam ein ansehnliches Paket mit der Post. Das war offenbardas Uebrige". Der Dichter öffnete bebend, zählte, und steh', ihm fehlt kein teures Werk. Was fehlte, war der schöne, blütenweihe, unbeschriebene Rand, den der tüchllge Verleger von den Manuskripten abgeschnitten und zurückbehalten hatte. Das wardas Brauchbare".

Blut und Eisen.

Von Max C y t h.

s Fortsetzung.)

Langsam, ya jalaam, langsam!" rief ich Achmed schon aus weiter Ferne zu. Cs half nichts. Er konnte mich in dem Lärm nicht hören. Seine Maschine brauste und klapperte weiter, schwankend und bebend. Beide Sicherheitsventile sandten senkrechte Dampfstrahlen gen Himmel. Die Heizer schaufelten die Kohlen in die Feuerbüchse, als waren sie besessen.