Ausgabe 
7.9.1926
 
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Eichener Milienblatter

Unterhattungrbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (926 ~~ Dienstag, den 7. September Kummer 72

AbendLied.

Von Matthias Claudius.

Der Mond ist aufgegangen, Die qoldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar;

Der Wald steht schwarz und schweiget. Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille Und in der Dämm'rung Hülle So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt!

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen. Weil unsre Augen sie nicht felm Wir stolze Menschenkinder Sind eite! arme Sünder Und wissen gar nicht viel; i Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß uns dein Heil schauen. Auf nichts Vergänglichs trauen. Richt Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich fein. Wallst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod!

Und wenn du uns genommen. Laß uns in Himmel kommen, Du unser Herr und Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder,' Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen Und laß uns ruhig schlafen! Und unfern kranken Nachbar auch!

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Die Zerstörung Lrßbergs vor 130 Jahren.

Von Dr. August Roeschs n.

Am 8. September d. I. sind 130 Jahre feit der Verwüstung unserer Provinz durch das Heer Jourdans verflossen. Bor 30 Jahren habe ich das Ereignis in den Q u a r t a l b l. d. hist. V e r. f. d. Gr. H. N. F. II, Nr. 3 ausführlich behandelt. In folgendem wird diese Darstellung mit einigen Ergänzungen wiederholt.

Im Frühjahr 1796 stellte Frankreich auf dem nördlichen Kriegs­schauplatz« zwei Heere auf, die sog. Rhein- und Mosel-Armee unter Moreau am Oberrhein, die sog. Sambre- und Maas-Armee unter Jourdan am Niederrhein. Beide Heere beliefen sich auf 136 581 Mann Fußvolk und 17 515 Pferde, während das österreichische Heer am Rhein unter Wurmser und Erzherzog Karl 131912 Mann Fuß­volk und 42 642 Pferde betrug. Trotz seiner Ueberlegenheit glaubte Erzherzog Karl, der im April den Oberbefehl über die kaiserliche Armee am Rhein übernahm, sich nuf die Defensive beschränken zu müssen, da er die feindliche Stellung, durch eine Reihe der stärksten Festungen gesichert, für stärker als die (einige hielt. In Wien dagegen wurde auf das Betreiben der Kriegspartei und des Ministeriums Thuaut eine energische Offensive beschlossen, infolgedessen am 21. Mai der Waffenstillstand gekündigt wurde. Die Vorteile, die durch Bona­parte in Italien errungen wmden, insbesondere die Einschließung Mantuas, bestimmten jedoch den Wiener Hof, 25 000 Mann unter Wurmser von der Rheinarmee nach dem südlichen Kriegsschauplatz abzukommandieren. Hierauf rückte Jourdan, dessen Heer sich auf insgesamt 65 000 Mann Infanterie und 11000 Pferde belief, an die Lahn, wurde jedoch durch die Treffen bei Wetzlar und Uckerath (15. und 19. Juni) bis Düsseldorf zurückgedrängt. Mittlerweile war

Moreau bei Kehl über den Rhein gegangen und drang in Süd­deutschland ein, weshalb Erzherzog Karl mit dem größeren Teil seines Heeres an den Neckar eilte. Hierauf ergriff Jourdan nochmals die Offensive und drang wieder gegen die Lahn vor. Wartensleben, dem gegen Jourdans bedeutend verstärktes Heer nur 25 000 Mann zurückgelassen worden waren, wurde zurückgedrängl, nachdem am 2. Juli bei Neuwied und am 4. bei Altenkirchen seine Vortruppen ge- schlagen worden waren. Am 10. Juli wurde hierauf Wartensleben bei Friedberg (welche Stadt der österreichische General wegen der hier befindlichen Magazine behaupten wollte) von General Kleber mit den Divisionen Lefdbvre, Bonard und Collaud angegriffen und nach einem heftigen Gefechte bis in die Stellung von Bergen bei Frankfurt zurückgedrängt. Da mittlerweile auch Moreau gegen die Oesterreicher glücklich gekämpft hatte, so blieb Wartensleoen ohne Unterstützung. Er gab deshalb die Stellung bei Frankfurt aus und zog sich gegen Würzburg zurück, weiche Stadt er am 19. Juli er­reichte. Die gegenseitige Eifersucht der beiden französischen Ober­feldherrn hinderte eine erfolgreiche Kooperation der Franzosen und ermöglichte die glückliche Vereinigung der österreichischen Heere. Jourdan, der dem Heere Wartenslebens langsam gefolgt war, wurde am 24. August bei Amberg energisch angegriffen, geworfen und von seinen Verbindungslinien mit dem Rhein abgeschnitten. Als Jourdan diese Verbindungslinien wieder öffnen wollte, wurde er am 3. Sep­tember bet Würzburg empfindlich gefchlagen. Die Franzosen ver­loren gegen 6000 Mann an Toten und Verwundeten und 2000 Ge­fangene. Der Rückzug Jourdans, der bald in eine regellose Flucht ausartete, richtete sich durch die Rhön und den Spessart gegen die Lahn. Am 4. September wurde bei Hammelburg die fränkische Saale überschritten, von wo der Marsch nach Brückenau ging. Am 6. September wurde bei Schlüchtern die Kinzig überschritten. Wäh­rend nun ein Teil der französischen Truppen unter Bernadotte über Frankfurt zurückeilte, setzte Jourdan mit dem Hauptheere am 7. Sep­tember seinen Rückzug über Birstein, Nidda, Blitzbach nach Wetzlar fort, wo er am 11. September ankam. Unter fortgesetzten Gefechten, bei Gießen, Wetzlar, Weilburg, Limburg, Altenkirchen wurde Jourdan bis zum Rheine zurückgedrängt.

Durch diesen Rückzug Jourdans wurde nun auch Hessen hart betroffen. Ein Feind hatte sich gegen die Franzosen erhoben, der noch fürchterlicher lind gefährlicher war als die Oefterreicher, das durch die unerhörten Mißhandlungen zum Aeußersten auf­gebrachte Landvolk. Trotz aller feierlichen Proklamationen Jourdans, trotz der eifrigen Bemühungen einzelner Generale und Offiziere gelang es nicht, den Truppen Disziplin und Zucht beizubringen. Die französischen Soldaten erhietten bei der bestehenden Finanznot des französischen Staates oft monatelang feinen Sstd und wurden da­durch darauf angewiefen, sich den Unterhalt durch Plünderung zu verschaffen. Diese Verhältniffe veranlaßten die schlimmsten Aus­schreitungen. Wit Gewalt und List wurde der Bevölkerung der letzt« Pfennig abgepreßt. Was sich sortschleppen ließ, wurde mitgenommen, das klebrige zerschlagen und unbrauchbar gemacht. In unsinniger Zerstörungswut wurden die Fässer mit Wein zertrümmert, das Weh, das man nicht mit sich führen konnte, getötet, die Bewohner auf Herausgabe angeblich versteckter Gelder gequält, die Frauen, Mäd­chen, selbst Kinder geschändet. Von feiten der französischen Generale selbst wurde nach Paris gemeldet, die Räubereien seien allgemein, die Soldaten jede Zucht, und wenn die Offiziere den Unmensch­lichkeiten entgegentreten wollten, werd« auf sie gefchoffen. Ueberall wurden von den französischen Korps die größten Kontributionen und Brandschatzungen ausgeschrieben, lind, wen» solche nicht gezahlt werden konnten, Geiseln mit fortgeschleppt. So ist es erklärlich, daß in den Gegenden, wo die Franzosen so entsetzlich hausten, das Land­volk sich erhob und Rach« an seinen Peinigern übte. Zu Tausenden erhoben sich die Bauern, machten gemeinschaftliche Sache mit dem verfolgenden kaiserlichen Heere und fügten, aller Wege und Schliche kundig, den flüchtenden Feinden bedeutenden Schaden zu. SieKleine Vendöe" benannten deshalb die Franzosen Rhön und Spessart, übten aber auch hier die entsetzlichsten Repressalien.

Besonders hart wurde das Amt Ridda betroffen, wie wir einem Berichte des Amtmanns Hofmann von NiddaH:Den

*) Die Hauptquelle über diese Ereignisse des Jahres 1796 bildet außer diesem Berichte des Amtmannes Hofmann von Nidda ein Be­richt des Amtskellers Reiber von Lißberg (Archiv des Ober« hessischen Geschichtsvereins). Bgl. Kriegsgeschichte der Stadt und Vestung Gießen und derer umliegenden Gegenden vom 7. July bis zum 1'9. September 1796. Von einem Augenzeugen. Gießen 1796. Neugedruckt Gießen bei Eduard Ottmann 1896; Landkalender für das Großherzogtum Hessen 1842: Mitteilungen des Oberheffifchen Geschichtsvereins, Bd. I (Gießen 1888) und Bd. VI (Gießen 1896), M. Diehl, Hess. Chron. VIII, 59.