Ausgabe 
7.8.1926
 
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Zum Heiraten!" hals Annelies.

Er las nicht weiter. Das Papier lag unter seiner flachen Hand begraben. Regungslos stand die Tochter über ihn gebeugt.

Du bist vierundzwanzig, Annelies."

Ja, Vater."

Zwei Jahrs älter als"

Die Schultern des Mannes sanken nach vorn.

Auch dieser Gedanke war zu seinem Sohne abgeirrt unb saugte sich fest, als gab' es sonst nichts mehr zu sinnen und zu lösen auf dieser Welt.

Sechs Jahre jünger als Rokk und drei Jahre mit ihm verlobt , antwortete die Tochter fest imb klar.Als er vor einem Jahre sagte, daß es Zeit sei, Hochzeit zu machen, hab' ich Nein gesagt!"

Ich weih!"

Er fragt mich heute zum brittenmal, Vater."

Zuni zweiteninal."

Nein, vom zweitenmal hab' ich dir nichts gesagt. Das mar da­mals, als du"

Als ich da drinnen die Wand hämmerte und ihr glaubtet, der Meltzer wär' reif für den Narrenturm, weil sein Bub"

Lieber Vater!" mahnte sie sanft.

Gut, heirat', «nach' Hochzeit, nur mich, mich ladet nicht dazu!"

In grimmiger Verbitterung stieß er die Worte hervor und schnellte den Brief weit über den Tisch, daß die Forstakten durch­einander gerieten.

So schickt man keine Magd, Vater!" klang die Stimme des Mädchens in seine heftigen Atemzüge.

Ich schick' dich nicht, du gehst ungeschickt."

Ich bitte dich nur um mein Recht, Vater. Ich hab' auch ein Leben, ich will mein Herz nicht umsonst haben!"

Das mar ein Schrei der Leidenschaft, der ihn jäh emporriß aus seinem Brüten. Sie standen sich gegenüber. Die Annelies hatte die Stirn und die Augen des Vaters. Sie hörte das Herz, von dem sie gesprochen, wie einen Uhrhammer klopfen.

Gut, Annelies, gut, daß du's sagst. Hol dir dein Recht, mach' Hochzeit! Du erbst von deiner Mutter, und wenn ich den grünen Hut auf den Sarg gepflanzt bekomme, auch von mir. Du bist eine gute Tochter gewesen alles, was recht ist. Und sein Teil, das erbst du auch. So viel noch da ist von allem, Annelies, denn ich hab' für ihn zahlen müssen. Was nicht mit Geld abgemacht werden kann, das bin ich freilich schuldig geblieben. Ich hab' keinen Buben mehr."

Wie er so wieder/ immer wieder zu dem zurückkehrte, den er in einem Atemzug verleugnete und an sich riß, da vergaß Annelies alles, und in einem Anlauf/ als müßte sie ihn zu Boden rennen, warf sie die Arme um seinen Hals, drückte sein hageres, vergrämtes Antlitz an ihre junge Brust, in der das Herz so stark und voll schlug, und goß in scheuen, stammelnden Worten ihr Mitleid, ihre Liebe, ihr kindliches Empfinden und ihr weibliches Gefühl über den alten Mann aus, indem sie sagte:

Ich hab' ja nur ein wenig Liebe wollen, ich kann ja nicht von dir fort. Glaubst du, ich lasse dich im Stich? Der Hans kehrt heim, Vater! Er hat ja geschrieben, daß er ein ordentlicher Mensch werden will. Sie haben ihn in einem Wirtshause an der Schweizer Grenze betrunken gemacht, und als er wieder zu Verstand kam, saß er in Belfort im Cnchot. Er büßt ärger in der Fremdenlegion, als du ahnst."

Er hörte nur das heraus, was den Sohn anging.

Ich bin eine arme Haut, Mädchen, aber ich hab' ein Wort. Er ist in der Legion, er ist zu den Franzosen. Margen kann es pulvern und knallen, und dem Meltzer sein Bub steht auf der an­deren Seite!"

Gegen seinen Willen, Vater!"

Gegen seinen Witten? Wenn er einen rechten Willen hätt', wär er nicht, was er geworden ist."

Er ist trotzdem dein Sohn."

Bist du seine Mutter, daß du mir die Predigt machst?"

Wein, Vater, aber die Sorge für euch, für dich und ihn, die hat mir die Mutter selig gelassen. Und damit ich mein Recht darauf bewahre, bleib' ich bei'dir, Vater. Und dem Berthold Nakk, dem Berthold, dem schreib' ich ab."

Die ersten Worte sprach sie groß und klar, die letzten fielen wie Blutstropfen schwer und schmerzlich von ihren Lippen, und als sie zu Ende gesprochen hatte, verschwamm ihr die Stube und mit dieser das Bild des Vaters in runden Tränen, und rasch verließ sie das Zimmer.

In der Nacht las sie den Brief aus Setif. Er mar diesmal mcht in Setif auf die Post gegeben, sondern in der schmierigen Tasche eines Handelsmannes versteckt nach Bougie getragen und dort dem Postschiff übergeben worden.

Ein Brief aus der Hölle von Setif! Zwei Seiten voll rasenden Heimverlangens und unsäglicher Verzweiflung. Von dem kecken Oberhinaus und dem leichtsinnigen Büblein, das jedem Schürzen- bändel nachgelaufen war, sprach keine Zeile mehr. Auch das trieb­hafte Vagantentum, das zuweilen wie ein Fieber über ihn ge­kommen und ihn in die Ferne gepeitscht hatte, war nicht mehr darin. Er war kein trotziger Gesell, der mit den harten Zähnen ins Geschirr biß und den Nacken steif hielt. Annelies kannte ihn besser als der Vaters er war ein schwacher, haltloser Mensch, der sein Schicksal mehr duldete als herausforderte. Aber aus diesem Brief schrie die nackte Verzweiflung, und selbst, wenn Annelies im voraus abzog, was die schwächliche,' zerfahrene Natur des Brudes hinein­

gelegt hatte, blieb noch genug übrig, um ihr zu sagen, daß seine Widerstandskraft verbraucht war.

Gestern ist der Bertschi Johann aus St. Georgen, der aus Mülhausen desertiert ist, weil er seinen Unteroffizier im Rausch mit dem Seitengewehr verhauen hat, im Delirium gestorben. Sie hatten ihn fünf Stunden an der Mauer in der Sonne liegen lassen, die Arme auf den Rücken gebunden und die Beine an die Hände ge­schnürt, daß er wie ein Skorpion aussah, der den Stachel in die Höhe stellt. Einer von den verdammten braunen Tirailleurs hat neben dem Menschenwurm Wache gestanden, damit wir ihm kein Wasser bringen. Das ist die Legion! Und eben jetzt brüllen sie wie die Wilden in dem ganzen Kasernement, denn wir marschieren. Wir marschieren, Annelies, nach Batna und Tugurt, in die Wüste. Bei Sidi Amman ist ein Posten massakriert worden. Jetzt sollen wir hin. Ich hab' den scharfen blauen Wein im Leib, den der Spaniole in der Rue de l'Armee uns heute zum Abschied doppelt mit Fusel versetzt hat. Oh, das macht wild und lustig, Annelies, zum Heulen lustig! Herrgott, wie sie brüllen, und wie von den gelben Lehm­mauern das Signal des Clairon zurückschlägtl Cs geht einem durch und durch! Wir marschieren! Sag's dem Alten, sag , daß der Hans ihn grüßen läßt, und daß er auf allen vieren bis ans Meer kriechen tat, wenn er könnte, und als eine Ratte ganz unten im Schiff hocken wollte, wenn er noch einmal den Weg heimfände. Wir marschieren, der Handelsmann steht am Tor, und sie werfen ihm die letzte Uhr und die letzte Hosenschnalle zu für ein Glas voll von dem hitzigen blauen Wein. Ich muß den Brief fertig machen, denn sie blasen schon, und ich hab' mein Lebet noch nicht geschmiert. Leb' wohl, Annelies. Sechzig Scharfe hat der Sergeant-Major aus­geteilt, wir marschieren, und ich will's versuchen: der Boll- mar von Augsburg aus meiner Eskuade und ich, wir haben es fest ausgemacht, zu desertieren. Dann hetzen uns die Goums, und wenn die sechzig Patronen alle sind, ist der Meltzer Hans um seinen letzten Schluck Wein gekommen, und die Wüste frißt seinen Leib. Adieu, Annelies, Herrgott, ist der Schwarzwald schön, und sag' dem Vater der Tambour on ferme Leb' wohl! Warum holt ihr mich nicht heim? .Marche ou creve* heißt's morgen! Lebt wohl! Lebt beide wohl!"

Ein milder Wind lief ums Haus herum und drückte der Annelies an den Laden, als sie diesen Brief zu Ende las. Und es schüttelte sie wie Fieberschauer, zerriß ihr das Herz, daß der Bub dort i« der Verzweiflung raste, während nebenan in der Stube der alte Mann unaufhörlich auf und nieder ging, von seinen Aengsten und Gedanken innerlich so mürb und wund wie äußerlich trotzig und stark.

Und dann dachte sie an den, der sie in der Süghütte geküßt hatte, und dem sie die letzte Antwort schuldete. Dachte an sich, an ihr eigenes Glückverlangen und hörte den wilden Wind rauh ums Haus toben und den grauen, körnigen Hagel an die Läden schmettern.

Zweimal ging sie bis zur Tür, um dem Vater den Bries zu zeigen. Dann fand sie den Weg.

Was willst du noch, Mädle?" fragte er unwirsch und blinzelte mit den Augen, als wäre ihm der Tabakrauch hineingeraten, der grau in der Stube stand.

Der Hans muß heim, Vater!"

Ich weiß von keinem, der heim muß. und hier daheim ist."

Er ist unser Bub, Later!"

Ich hab' keinen Bub!"

Sie haben ihn gepreßt zur Legion, er ist im Elend, ein Häuflein Elend ist der Hans, und auf allen vieren frört)' er heim, wenn er den Weg sand'."

Er hat geschrieben? Ja, er hat geschrieben! Du lügst, du belügst mich! Also hab' ich doch recht gesehen!"

Ja, Vater! Hier ist der Brief."

Frei hielt sie ihm den offenen Bogen, hin. Sie war nicht rot geworden, keine Wimper hatte gezuckt, als er sie der Lüge über­führte.

Zweimal ging er an ihr vorüber, die kurze Pfeife in der zittern­den Hand, geradeaus starrend, als sähe er sie nicht.

Unbeweglich stand die Tochter und hielt ihm den Brief hin.

.Auf allen Bieren1, Vater, schreibt er, und vor vierzehn Tagen sind sie ausmarschiert. Er läßt dich grüßen. Wer weiß, ob er noch lebt."

So macht er mir und dir keine Schande mehr, und du kannst ruhig Hochzeit machen."

Auf allen vieren. Later, und an den Schwarzwald hat er gedacht."

Da stockte der schwere, schlürfende Schritt. Vom Fenster her. vor dem die dunklen Wolken liefen und der Wald geheimnisvoll im Winde klang, kam die gebrochene, plötzlich sanft gewordene Stimm« des Forstmeisters Meltzer.

Als kleiner Bub, da war er gern im Wald. Ich hab' ihn mit­genommen zum Schlagholzzeichnen. Er hat den Dachs gruben helfen, und die Mutter ist in Angst gewesen um den Bub, wenn sie di^ Stämme die Schneisen hernntergesagt haben. Glaub' wohl, daß er ihm fehlt, der hohe, schwarze Wald."

Und als er verstummt war, hob Annelies das schlechte graue Papier vor die Augen und las laut den verzweifelten Brief be# Hans, und der Mann am Fenster hörte zu und tat keinen Einspruch mehr.

(Fortsetzung folgt.)

Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.