Ausgabe 
6.11.1926
 
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Erschöpft brach er ab. Sein Atem pfiff. Wie zu Eis erstarrt hielt ihn die Mutter im Arm. Ihr flogen die Zähne im Fieberschauer, und in der Brust saß ihr ein fürchterlicher Druck, ein Berg, der aus ihr emporstieg und sie verschüttete.

In der Nacht lag das Kind im Fieber, und Nannette saß fröstelnd an seinem Bett. Aber als der Morgen einen roten Schimmer an die Wand malte, hob (Stiftete den Kopf und verlangte in die Schule.

Wo denkst du hin, du hast ja gestöhnt und gejämmerlet die halbe Nacht. Bleib unter der Decke!"

Nein, Mütterle, ich will nicht der Fürchtebutz sein. Sie meinen sonst, es sei wegen dem Gaston. Und der Herr Lehrer auch."

Und er trieb und drängte, bis ihm der, Wille gelassen wurde. Er hatte Schatten unter den Augen, und die Beule schmerzte heftig, als ihm die Mutter das Haar strählte. Auch eßen mochte er nicht recht, und kurz darauf eben griff er nach feiner Kappe überflog ihn ein Schauder, er wurde aschfarben.

Dann lag er regungslos wie schlafend. Nur die Falte zwischen den Brauen, die ihm eigentümlich war, zuckte und sandte unruhige Runzeln über die klare, langsam sich rötende Kinderftirn.

Und wieder saß Nannette neben ihm und legte Umschläge auf das Köpfchen, während ihr die Tränen über die Backen rollten. Als die Lehrtochter kam, sandte die Mutter sie zum Arzt. Aber der war über Land gefahren. Da blieb sie ergeben sitzen.

Gustete schlief, schlief wirklich.

Sie begann zu nähen. Es war so still, daß man die Fäden in der Leinwand zirpen hörte, wenn die Nadeln hindurchgezogen wurden.

Die Mittagsglocke läutete, das Mädchen war schon gegangen, als der kleine Herzog erwachte. Nannettes Gesicht war spitz geworden über Nacht, und als sie ihn anlächelte, zitterten ihre Lippen.

Ist dir besser, Stiftete?"

Er sah sie eine Weite an, als müßte er sich besinnen, dann sprach er, die Worte suchend und mühsam aneinanderreihend:Ja, Mama, und weißt du, wenn der Baier heimkommt aus Afrika, her­nach hilft er mir alle verdreschen."

Wenn er heimkommt!" stammelte das Nettele.

Ja freilich, wenn er kein Lump ist, kommt er doch heim, dann ist er doch nicht dem . . ."

Er verstummte.Dem Teufel zu" hatte er sagen wollen, das Wort aber, der neuen Lehre eingedenk, nicht über die Sippen gebracht.

Ja, dann kommt er vielleicht heim," murmelte dis Mutter, und über der Rede packte sie das Weh, und sie begann laut zu schluchzen. Der kam nicht mehr heim! Derdorben, gestorben oder Legionär oder wie und was er auch war, heim kam der nimmer. Ein Lump, der sie längst aus dem Gedächtnis gemischt hatte! Sie und den Buben, der mit fieberglänzenden Augen für ihn sprach und für ihn büßte.

Am Nachmittag stand Güstete auf, am Abend ging er auf den Markt hinunter, und. Nannette atmete leichter.

Zwei Tage daraus kam Madame Fleury, sie zu besuchen.

Voyons, Nannette, quest-ce que ca veut dire? Ihr seid ver­schwatzt im ganzen Städtle. 11 parait. qu'il a presque etrangle madame Tschiember notre petit Duc.

Nannette wehrte sich eine Weile, dann schüttelte sie der guten Frau, die ihr seit Anbeginn und trotz allem eine mütterliche Teil­nahme bewahrt hatte, ihr beladenes Herz aus.

Und wenn er größer wird und weiter fragt, warum er Herzog heißt, und roetra er lernt,, was ledig fein heißt!" schloß fier ver­zweifelt.

Allons, allons, vous voyez töut en nöir, Nannette, das gibfs noch genug auf der Welt, und alle kommen davon."

Ja und wer weiß, ob ich ihn behalt'," murmelte die Näherin.

Ca, cest trop fort! Und das alles wegen der Kanonierwirtin!" zürnte Madame Fleury, und ihre Seidenröcke raschelten zornig, als sie sich erhob.Morgen nähet Ihr bei uns und am jeudi bei meiner Tochter. Und das (Stiftete kommt mit. Alors on verra, wenn.sie dann noch ihre Hemden und Jupons bei einer andern machen lassen als bei Euch, dann sind sie diffiziler als ich,"

Sprach's und rauschte hinaus, stieg in die Equipage, die auf dem Marktplatz gehalten hatte, und fuhr der Villa zu, die vor dem Städt­chen am Hügel lag, das vornehmste Gebäude weit und breit.

Waren die Wirkungen der Zunge der WirtinZum Kanonier" so schnell zu spüren gewesen, daß Nannette schon eine Reihe von Ab- sagen erhalten hatte, so drehte nach dem Besuch der Fabrikantin die Fahne sich mit einem Ruck in den neuen Wind.

Die Absagen wurden zurückgenommen, und(Stiftete, Güstete!" hieß es wieder auf allen Gassen.

Der aber brütete vor sich hin, blinzelte zuweilen vor scheu in die Sonne und blieb blaß und zerfahren.

Die Mutter litt darunter und wähnte, er trage ihr etwas nach. Eines Tages zog sie ihn an sich und sprach:Soll ich dir den Vater zeigen?"

Ihr Gesicht war von Purpur überströmt, und verlegen fuhr sie mit der Hand aus der Tasche und flüsterte:Schau, da ist er!1*

.Cs war eine alte Photographie, die sie aus dem heimlichsten Winkel ihrer Kommode hervorsuchte, wo sie die Jahre überdauert hatte.

Der Knabe sah stumm, mit glänzenden Augen auf das Bild. End­lich atmete er tief:Er hat krauslige Haar' und einen spitzigen Schnauz! Und luftige Augen! Und stark ist er!"

Das Bild zitierte in ihrer Hand.

»Kann er auch böse Augen machen?" fragte der Kleine.

Sie schwieg.

Gib mir den Baker, ich will ihn dem Herrn Lehrer zeigen", bettelte der Knabe plötzlich.

Was denkst du!" stieß die Mutter hervor und verbarg das Blatt.

Damit er sieht, damit alle sehen, daß der Vater ein rechter Mann ist."

Sie suchte ihn zu berrchigen. Als er danach verlangte, das Bild noch einmal zu sehen, gab sie es ihm, und er sah wohl eine Stunde darüber.

In der Nacht schlief er schlecht und knirschte mit den Zähnen.

Am andern Morgen um elf brachten sie ihn heim. Der Lehrer ging voran, um die Mutter vorzubereiten. Er war geneckt worden.

Le ptit Duc, Galgenstrick!" hatten sie hinter ihm drein gesungen, und bann hatte einer gefragt: Wie heißt dein Vater? Was ist dein Vater?" und da war er plötzlich wild aufgeschossen, jählings ober zufammengebrochen, und lag nun wie tot.

Diesmal kam der Arzt zur Zeit.

Als er ging, gab ihm Nannette das Geleite.

Und übersteht ers?" fragte sie und hielt den Aermel des Arztes krampfhaft fest.

Er ist kräftig, ein strammer gargon . . . On verra . . . Und jetzt werde ich Euch soeur Amelie schicken. Und das Eis. vergeßt mir's nicht!"

Die Krankenschwester'" stieß Netterle hervor.Und von Hoff­nung redet Ihr mir kein Wort, Herr Doktor! Ah, jetzt versteh' ich Euch, er kommt nimmer auf, er kommt nie, niemals wieder zum Aufstehen!"

Allons, Nannette, du courage, redet ihn nicht um Leib und Leben! Der Güstete braucht Pfleg', und zwar Tag und Nacht. Und Ihr müßt doch noch schaffen! Aber nicht mit der Maschine!"

Schaffen! Die Mutter dachte nicht an Essen, nicht an Trinken, von Nähen wagte ihr auch die Schwester nicht zu sprechen. Und so hockte sie am Bett und sah ihr Bübchen hingehen in Fieber und Wahn.

Die Gehirnentzündung nahm ihren Lauf.

Es war in der siebenten Nacht. Die Schwester füllte in der Küche die Eisblase, Nannette war mit dem Kranken allein. Er bröselte vor sich hin, das Nachllicht tat zuweilen einen Puff im Del.

Da begann er, aus dem Dämmer aufwachend, zu suchen: Mtitterle!"

Güstete, was willst du, Güstete! Kennst du mich, Güstete?"

Ist weit nach Algier? Ich will nach Algier?"

Sie würgte die Tränen hinunter.Ja freilich darfft du. Und 's ist nicht weit, Gott behüt' uns, gar nicht weit."

Seine Hände zupften an der Decke.Kommst mit, ja, du auch, und ein' Schnauz hat er, und stark ist er . . ."

Die Stimme verklang, klang wie aus weiter Ferne, wurde plötz­lich laut und schrill, und bann rief er:Mütterle, und er ist fein Galgenstrick, er ist'-- nicht, nein, nein, nein, sag' nein, Mütterle, liebs Müterte!"

Nein, du hast recht, er ist ja dein Vater, er ist keiner. Woher mär er's denn? Still, (Stiftete, laß mir 's Handle, er ist's ja nicht."

Sie hatte taufend Messer in der Brust, und am liebsten hätte sie geschrien, daß es über den Markt bis in den Himmel gedrungen wäre, nur um den Schmerz auszuschreien, der in ihr tobte.

Die Schwester kam mit dem Eis.

Sie machte sich an seinem Kopf zu tun. Aus einmal sagte sie leise und mit seltsamer Hast:'s Campte, geschwind!"

Was ist, was fehlt ihm?" hastete die Mutter und fand die Lampe nicht in der Anst. Da holte die Schwester das Licht im Nebenzimmer.

Der Schein fiel auf das Kind. Es lag reglos, wächsern, aber jetzt flirrten die Lider und es murmelte:Wie heißt der Vater, Mütterle?"

Und da brach der Name von ihren Lippen, der zugleich ein Ge­ständnis war.Güstete heißt er, wie du!"

Wie ich!" hauchte er, und feine Hände zuckten.

Die Mutter nahm ihn in die Arme, still und ohne Tränen.Wie du, du lieber, wie mein Güstele, und so Krauselhaar hat er wie du, und so lieb war er wie du. Und er ist kein Lump, ist nie einer ge­wesen!"

Dann tiefe Stille. Die Schwester stand am Fuße des Bettes und hatte die Hände gefaltet, Nannette hielt das Güstete, bis der Morgen aufglomm und der Obern mit dem jungen Tag erlosch . . .

Ms bet kleine Herzog ins Grad gelegt wurde, wat ein Blumen­duft auf allen Gaffen. Er hatte keinen Vater gehabt, aber viele Kränze, und Nannette hing mit kalten Fingern zwei Photographien über ihrem Bett auf: sie hatten einander nicht gekannt, die da neben­einander hingen in der verwaisten Kammer, hatten beide krauses Haar und luftige Augen, der junge Bursch und der Knabe. Der Bub war heimgekehrt, der Vater kam nicht wieder.

Und wenn das hagere, müde Nannettele mit tränenblanken Augen von einem zum andern sah, klang's ihm im Ohr und folgte ihm in seinem Traum:

Le ptit Duc, Galgenstrick!"

Die Erzählung erschien in Stegemanns NovellensammlungHeim­kehr" bei der Deutschen Berlagsanstalt in Stuttgart in Buchform.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck der Brühl'schen Aniverfitäts-Buch- und Eteinbruckerei. R. Lange, Gießen.