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ans Licht gezogen werden mutzte, denn niemand soll vergessen, daß sie die Geheimnisse des größten Organisators der modernen Gefell- ^^eine ^Fähigkeit Napoleons hat Balzac größeren Eindruck gemacht als diese Gabe, noch so spröde einander widerstrebende Elemente mit ehernem Griff zu packen, zu gliedern, zu willenlos fügsamen Werkzeugen seiner allmächtigen, das Ganze formenden und beherrschenden Bildnerkraft zu machen. „Organiser est un mot de 1’Emöke et qui contient Napoleon entier heißt es, Mit der pseudonymen Vorrede zu Napoleons Maximes et pens6es über» einstimmend, in einer Pariser Geschichte Balzacs. Dasselbe Wort ,Organisieren" erschöpft auch die Endabsicht der Com6die humaine: die Bändigung der Stosfmassen eines ganzen Volkslebens durch einen überlegenen Schöpfergeist nach einem für alle Stande und Stufen mit gleichem Scharfblick vorbauenden Grundriß.
Unaustilgbar, wie im Staatswesen Neufrankreichs, ist die Spur Napoleons in Balzacs enzyklopädischer Sittenschilderung dieser Epoche. Wie wenige kennt Balzac die Wunder und die Frevel des ersten Kaiserreiches. „Der Titan, der, umgeben von Halbgöttern, Europa aufwühlt", war ihm so vertraut, wie rsvuchä mit seinen Polizeihunden. Napoleon und seine Leute gehen durch die ganze Comedie humaine: Bonaparte begegnet UNS als Feldherr, Regent, Gesetzgeber, als Weltenbezwinger, der Throne stürzt und Königreiche verschenkt, als Abgott und Verderber seiner Soldaten. In „Vendetta gibt er korsischen Landsleuten als Konsul Gehör; in der „Femme de trennte ans" hält er seine letzte Pariser Heerschau. Die Fahnen und Adler seiner Legionen ziehen vorüber. Um die Wette mit den Malern und Bildhauern des Julikönigtums sorgt die Comedie humaine für Schlachtenbilder, Statuen, Büsten, Denkmünzen des Gewaltigen; wie die Vendsmessäule und die Gruftkuppel im Jn- validendom über zwerghafte Fußgänger ragt Napoleons literarisches Monument in Balzacs Lebenswerk hoch hinaus über die Stellen- und Geld- und Weiberjäger der Gesellschaft Louis Philippes. Und wie märchenhaft vergrößert Napoleons Taten unter den Bauern weiter getragen wurden, zeigt der „Napoleon du peuple im „Medecin de Campagne": die fabelhaft ausgefchmuckts Geschichte seines Lebenslaufes, wie sie ein Landbriefträger, ehedem em Soldat Napoleons, in einer Scheune hochaufhorchenden Dörflern >m Volkston erzählt. Götzendienst oder bewußte bonapartistische Propaganda hat Balzac mit diesen Erinnerungsmalen nicht getrieben. Mit derselben Unbefangenheit enthüllt er in der „TemSbreuse affaire" die teuflischen Anschläge der napoleonischen Geheimpolizei zur Vernichtung politischer Gegner, zeigt er im „Menage degarijon verabschiedete napoleonische Offiziere, Raubtternaturen, die im faulen Frieden ungestraft Ungeheuerlichheiten ausführen, deren Vorschule die Kriegs- und Beutezüge ihres Heerführers waren. Und angesichts der Verheerungen, die das Beispiel Napoleons in dem nachwachsmden Geschlechte, in den Gesinnungen junger Ehrgeiziger vom Schlage Rastignacs verschuldet, fragt Balzac:- „Wer wird jemals Napoleons malen oder begreifen können? Ein Mensch, den man mit verschränkten Armen darstellt, und der doch alles gemacht hat; der alles machen konnte, weil er alles gewollt hat; ein wunderbares Phänomen des Willens, der eine Krankheit durch eine Schlacht heilte und dennoch an einer Krankheit im Bett sterben sollte, nachdem er inmitten von Kugeln und Bomben gelebt hatte. Ein Mann, der ein Gesetzbuch und ein Schwert, Wort und Tat im Kopfe trug. Cm Mann, dem durch ein seltenes Privilegium die Natur ein Herz in seinem Leib von Erz gelassen, ein Mann, der um Mitternacht mit seiner Frau lachen und guter Dinge sein konnte und am Morgen mit Europa spielte, wie ein Mädchen mit dem Wasser im Bade plätschert. Casar mit fünfundzwanzig, Cromwell mit dreißig Jahren, dann, rote es in den Grabschriften der Gewürzkrämer auf dem Pere la Chaise heißt, braver Vater und Ehemann. Ein Mann, der gegen alle Gesetze der Schwerkraft, Frankreich als Uebergewicht auf der Erde lasten ließ und uns am Ende ärmer zurückgelaffen hat als am Tag, da er feine Hand auf uns gelegt. Und er, der ein Reich nur mit seinem Namen in Besitz genommen, verlor am Ende seines Reiches feinen Namen in einem Meer von Blut und Armeen."
Besuch bei Csrinih.
Von Rudolf Großmann.
Etwa ein Vierteljahr vor seinem Tode hatte ich Gelegenheit, Lovis Corinth anläßlich des Porträts, das er von Mir machte, öfters zu sehen und von ihm selbst eitre Bildniszeichnung zu machen. Ich schrieb damals meine Eindrücke nieder und gebe sie heute unverändert. wieder, obwohl er heute schon historisch und mit dem Nimbus eines der größten Heroen für manche in der Kunstgeschichte steht.
Am Telephon eine etwas zaghafte Stimme, in den Pausen wie aus einem Seufzer neuen Atem schöpfend — etwas ferne, gequält. In zehn Minuten klopfe ich ganz oben im vierten Stock an eine Tür ohne Klingel. Corinch öffnet.
Hier ist ein Abseitiger des Lebens, einer, der an seinem eigenen Ich fast zerborsten ist, ein vom Dämon Besessener, einer, der des Lebens ganze Lust und Fülle getrunken hat. Jetzt aber, nach den Wirbelstürmen der Krankheit, ein Rationierter — ein ungewollt Distanzierter.
Ein Drama, das langsam zur Tragödie wird, erfüllt diesen kalten, nur mangelhaft geheizten Raum. Es hat etwas Rührendes, diesen Mann zu sehen in dem alten, zerschlissenen Kittel, in dem staubigen Durcheinander von Skizzen und Zeichnungen. Eine
Menge Staffeleien stehen herum, auf ihnen fertige Bilder, in liefern Wust allein liebevoll zurechtgerückt — etwas verkaufsmößig —, so daß man alle gut übersehen kann.
Am Atelierfenster schichten sich wie zu einem Scheiterhaufen eingetrocknete Paletten. Corinth nahm zu jedem Bild eine neue Palette; diese wurde dann nicht mehr benutzt, erledigt in die Ecke geworfen. Er war kein technisch Disziplinierter, in diesem -sinn war er eigentlich ganz unmodern und unfranzösisch. Er war vom Objekt so ergriffen, daß er gar keine Zeit hatte zu irgendeiner Mal- difziplin. Eine teutonische Malerfaust packt zu, kein Gedanke an die Art des Vortrages, an das Wie des Entstehens. Es schaffte in ihm!
Er brauchte nicht wie Matisse, um die brillierende Reinheit eines „contraste de couleur“ zu halten, verschiedene Terpentin- Näpfchen, hatte keine Gummiringe anfertigen lassen, damit die verschiedenfarbigen Pinsel in der Palettenhand sich nicht berühren.
In der Ruhe hatte er oft was Müdes, wie eine kranke WiD- katze. Wenn er arbeitete, riß er die Augen weit auf, eine Wut faßtt ihn, wie er sagte, seine Züge spannten sich, die Nüstern weiteten sich — er ist so besessen vom Eindruck, daß alles andere um ihn herum versinkt.
Daß er meist motorisch gehemmt war, wußte er zu nutzen; nichts mehr vom leichtflüssigen Pinselstrich seiner früheren ost etwas ata* demifchen Bilder. Die Hand tappt in die Platte, färbt sich allmählich trapprot, während er mich malt.
Oft kommt wie ein Malstock die andere zitternd als Stütze zu Hilfe, um irgendeinen Ton genauer zu formen, oft läuft er hin und her, um aus dem Malkasten Zinkweiß zu holen.
Jin Freien malend, läuft er sogar xmal ins Haus zurück für jede Tube, die Arbeit sich selbst noch erschwerend. Niemand kann ihm helfen, niemand darf ihm helfen.
Am Ende, nach zweieinhalbstündiger Arbeit ohne Pause, ich mutzte dabei stehen und ihn immer ansehen, sanken seine Hande blutrot, als hätte er in meinen Eingeweiden gewühlt.
Während ich ihn dann zeichne, wird viel erzählt, wie es gerade so während der Arbeit nebenher ?infcillt. Als Liebermann und er sich gegenseitig geschenkweise malen wollten und jeder dann doch das Selbstgemalte, er den Liebermann und Liebermann den Corinth, mitnahm, da jeder feine Malerei für die beste hielt, soll Liebermann zu ihm gesagt haben (damals sei er noch nicht so berühmt gewesen): „Wissen Se, Corinth, Sie kenn ick jetzt so gut, Sie mal >ck in den Schnee!"
Münchener Erinnerungen tauchen auf. — Er fragt nad; feinen Freunden von damals, nach Th. Th. Heine und dessen Freund Straht- mann, nach Pröls, erzählt reizende Anekdoten. „Gehen Sie noch in die Kneipe?" fragt er ganz unvermittelt wie ein Burschenschafter. Er hatte jahelang keine mehr gesehen und trank nicht mehr. Münchener Fasching fällt ihm ein, bei dem ihn das Los traf einen unliebsamen Kommilitonen zu verhauen — stürmischer Beifall! Das Los traf ja den stärksten! Er fühlte sich aber gar nicht so stark, und die Exekution war ihm höchst peinlich. Wie kam er zu diesem Ruf des starken Mannes? Womöglich täuschte sein künstlerisch expansiver Furor auch physisch einen Riesen vor. Nebensächliches äußere Wirkung kommt wohl hinzu. Schematisch gesehen, sah er, jo vor mir stehend, mit breiten Hüsten, zu denen kurze Arme kaum herunter reichen, nach oben zu hohem spitzen Schädel sich verjüngend, wie ein Mauerbrecher, ein Sturmback aus.
War der mal im Gange, elektrisierte er sich selbst; die Umgebung versinkt, ober wird vielmehr mit in [ein Ich hineingezogen.
Die Selbstfaszinierung verlangt nach psychischer Selbstkontrolle. Immer wieder griff er zum Selbstporträt. Oft gerät es ihm, ohne daß er es will, ins Ueberlebensgroße, der Kopf scheint wie geladen den Raum sprengen zu wollen, wird birnenförmig, pathologisch, im objektiven Sinn meistens unähnlich. Ein zweiter Corinth ist da, majt mehr der objektiv von uns gesehene, ein Gesicht, eine Interpretation feines momentanen Inneren, das ihm Wirklichkeit wird, das er auch uns aufzwingt. Wenn er andere zeichnet, geht es ähnlich.
Wir gehen unten zum Esten in die Wohnung; da ist es anders, neutraler. Ein Besuch im Atelier, mit dem er gewissermaßen verwachsen ist, hat bei einem so unbewußt, dem Instinkt ausgeheferten Künstler immer was von einer Ueberrumpehmg.
Brachte irgendein Kunsthändler — Corinch verkaufte meist selbst im Atelier — unangemeldet seine Frau mit, geriet er außer sich! „Zwei gegen einen!" Sie mußte oft stundenlang unten auf der Straße warten. .. . ,
Im Salon standen Louis-Seize-Möbel mit Bezügen, rote tarne» valeske, schmetternde Fanfaren — ein corinthisches Blumenbukett —, bunt und aufdringlich und eigentlich nur möglich, wenn Leute draus sitzen! In der Wohnung war er ruhiger, fast bürgerlich behäbig, wie einer, der von einer schweren Arbeit nach Hause kommt. Seine Frau redet. — Eine große Lassitude kommt über ihn, er sitzt da ""^Me^Wett, die er vorher aus Hell zu Dunkel zu einem Jenseits 'dramatisch zu ballen versuchte, erregte ihn jetzt anscheinend n K mehr sie, die seine Seele vorher bald verfinsterte, bald korybantijch erhellte, strahlte auf ihn jetzt eine große buddhistische Ruhe zurück, er laß unbewegt — — nur schauend. . .
Vielleicht liegt auf der einen Seite des Daseins ebensoviel Lust wie auf der anderen Leid, beide Wagschalen balancieren sich langsam ’ aus — erstarrend im Totenkopf. , .
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