Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, -en 6. November Nummer 89
Der Schwan.
Von Anton S ch n a ck.
Unter ihm am diamant'nen Grund Spielen Fische schweigsam und blutkalt, Molch glüht Phosphor aus dem Perlenmund Und der Tang ist alt.
Auf dem Wasser schwimmt der weiße Schwan Still als ob er schliefe.
Dann verengt er seine Bahn Und träumt in die Tiefe . . .
Balzacs „NapoleonMs".
Von Anton B e t t e l h e k m.
Dem Wiener Literaturhistoriker Bettelheim verdanken wir schon eine Reihe wertvoller Biographien, denen sich nun ein umfassendes Werk über Honore de Balzac, den großen französischen Romanzier anreiht (bei C. S). Beck in München mit einer Reihe interessanter Bildbeilagen erschienen). Für Balzac hat unsere Zeit ein besonderes Faible, und die Verlage unterstützen dies bereitwilligst durch die verschiedensten Ausgaben seiner Werke Die bislang vermißte Biographie des Dichters hat uns nun Bettelheim geschenkt, sorgfältig gearbeitet auf Grund umfassendster Quellenforschung, nicht kongenial, nicht schwungvoll mitreißend, aber mit dem steten Bemühen einer Einfühlung in den Dichter, übersichtlich und aufschlußreich. Mit Erlaubnis des Verlages entnehmen wir dem Werk folgenden Abschnitt (246):
Balzac nimmt mit Recht für die französischen Wortführer der Literatur seiner Zeit andere Redesormen, andere Pflichtenkreise, andere Aufgaben in Anspruch als — Rousseau und Diderot ausgenommen — für die Meister des 18. Jahrhunderts. Töne von der Wucht seines Hymnus auf die Sendung des Schriftstellers finden sich bei Beaumarchais so wenig wie bei Voltaire. Ein solches Propheten- amt teilen, in den Hauptgedanken unbewußt eines Sinnes mit Balzac, erst im 19. Jahrhundert Carlyle und Emerson dem Mann der Feder zu.
Selbst dieses grenzenlose Gebiet geistiger Arbeit und Herrschaft genügte Balzac nicht immer. Wiederholt fühlte er dem Drang, als Mann der Tat einzugreifen, und nicht an ihm hat es gelegen, wenn er seine Straft nicht als Abgeordneter, Pair, Minister einsetzen durfte. Menschlicher Voraussicht nach hätte ihm die politische Laufbahn nicht mehr Segen gebracht als Victor Hugo und Lamartine. Leichter noch als unzählige andere unruhige Köpfe ihrer Zeit verfielen die Feuergeister der Dichter der weitverbreiteten Zeitkrankheit Napoleonitis, und es half auch Balzac wenig, daß ihm ein wohlmeinender Warner frühzeitig (1836) den Ausbruch und Verlauf dieses Uebels genau beschrieb: „Ein großes Beispiel hat das Jahrhundert zugrunde gerichtet. Seit ein kleiner Unterleutnant der Artillerie aus den Reihen getreten ist, um sich auf den Thron zu setzen, hat ein unglaublicher Rausch der Ehrfurcht aller Seelen sich bemächtigt. Jede Intelligenz, die einige Kraft in sich verspürt, will ihr Austerlitz gewinnen und ihre Siegessäule sich bauen. Sulla sah mehr als einen Marius in Cäsar. Es gibt wenige Menschen, die in sich nicht mehr als einen Napoleon erblicken. Wir alle, wie wir auch sind, sehen aus der Ferne unserer Geschicke eine Zepterspitze und einen Purpurzipfel auftauchen. Enzyklopädische Köpfe rennen in allen Straßen umher. Man begegnet nur Leuten, die morgens die Schlacht von Rocroy gewinnen, zum ersten Frühstück Athalie vollenden, nachmittags die Entdeckungen Newtons machen, zur Hauptmahlzeit, wenn man sie schön bäte, die Politik des Kardinals Richelieu improvisieren würden. Ein besonderer Glücksfall wäre es, wenn sie nicht noch in ihren freien Augenblicken Haydn und Mozart entthronen wollten/ Derselbe Spötter, Nettement, sonst ein Anwalt der ersten gelungenen Leistungen Balzacs, erspart auch ihm nicht die Neckerei, daß er, ohne sich lange nötigen zu lassen, Bos- suet über Theologie, Cuvier über Erdkunde, Napoleon über die Kriegskunst Privatissima halten würde.
Wie eine bedenkliche Bekräftigung dieser Parodie wirkt es, daß Balzac in seinem Zimmer eine Statuette Napoleons hatte, die aus der Degenscheide die Inschrift trug: „Was er mit dem Schwert nicht vollenden konnte, das will ich mit der Feder fertig bringen." Ein vermessenes Wort, doppelt vermessen angesichts der Stellung, die Napoleon in Balzacs Denken und Schaffen einnimmt. Sichtbar oder unsichtbar scheint er allgegenwärtig in feinem Lebenswerk, hört er zu, wo man ihn nicht selbst reden hört.
Wie Voltaire jahrelang für sein „Siecke de Louis XIV." unauffällig alle ihm erreichbaren Gewährsmänner für die Geschichte jene» Zeitalters zu Rate zog, ließ Balzac im Verkehr keinen Zeugen der napoleonischen Tage unbemerkt oder unbefragt. Weniger wählerisch als Voltaire beschränkte er sich bei seinen Forschungen nicht auf Staatsmänner, Heerführer, Kirchensürsten. Ebenso willkommen, wenn nicht willkommener als Herzoginnen und Marschälle, waren ihm Kundschafter und Troßknechte, Armeelieferanten und Feldgeistliche, Krankenpfleger und fahrendes Volk. Er sammelte Musterproben der Uniformen aller Grade und Truppen. Kleine bezeichnende Anekdoten nahm er ebenso willig auf wie wichtige diplomatische Enthüllungen; unter dem ersten Eindruck war nicht vorauszusehen, was die Folge aus solchem Rohstoff formen würde, „Dieu, fable oü cuvette“.
Vor allem aber versenkte er sich in Napoleons Ideenwelt. Sieben Jahre lang lag auf seinem Arbeitstisch ein Einschreibebuch, in dem er jeden echten oder vermeinllichen 'Ausspruch Napoleons, den er las oder hörte, als Glücksfund verzeichnete. Als er eines Tages wieder einmal in Geldverlegenheit war, blätterte er dieses „Wirtschaftsbuch" auf, in dem er überdies die Stoffe und Urentwürfe seiner eigenen Arbeiten vormerkte. Er zählte seine Napoleonzitate: es waren über 500 Ihre Veröffentlichung konnte somit ein rundes Buch geben, nach Balzacs Urteil das belangreichste Buch der Zeit: „Maximes et Pensees de Napoleon“. Der Dichter, der für seine Publikation keine Anleihe bei fremden, noch so großen Geistern zu machen pflegte, verkaufte seine Kollektaneen einem früheren Hutmacher, der in seinem Bezirk als Armenvater eine Rolle spielte und nach der Ehrenlegion lüstern war, um 4000 Franken. Der Ordensjäger hoffte das Ziel feiner Sehnsucht zu erreichen, wenn er die Gabe dem Bürgerkönig widmete: Dedlkation und Vorrede des selten gewordenen — vom Napoleonforscher Fredönc Masion als halbe 'Mystifikation abgewiesenen — Buches rührt nach Balzacs fröhlicher Selbstverspcütung (in einem Brief an Eva Hanska-Rzewuska) von ihm her. Bittet er in seinem drolligen Berichk^tiber den kuriosen Handel an diese Vertraute auch den Schatten Napoleons um Gnade wegen der grotesk schmeichlerischen Zueignung an Louis Philippe — den Band selbst nennt er ihr gegenüber eines der schönsten Dinge der Welt; den Gedanken, die Seele des großen Mannes auf Grund seiner Selbstbekenntnisse erfaßt von Balzac. Die „Maximes et pensees de Napoleon recueillies par J. L. Gaudy jeune", Paris 1838, behandeln in vier Abteilungen L Napoleons Grundsätze und Gedanken vor dem 18. Brumaire, d h. die Zeiten, in denen er Republikaner oder Bürger, Untertan ober Untergebener einer vorgesetzten Staatsgewalt mar. 2. Alle seine Gedanken über die Kriegskunst, die das Geheimnis ferner Erhebung und der Nerv seiner Herrschaft mar. 3. Alle Iden des Souverains über die Ausübung der Macht und deren Organisation. 4. Alles, was ihm Erfahrung und Unglück eingegeben hat, der Schmerzensschrei des modernen Promechens.
In der von I. L. G... y Jeune unterschriebenen, gedruckten Vorrede macht sich anfangs der wirkliche Verfasser Balzac über den angeblichen Herausgeber lustig. Mit prahlerischem Selbstlob drückt sich I. L. G... y für fein Sammlerverdienst einen Strahlenkranz auf das Haupt: sein Werk fei für Napoleon, was das Evangelium für Jefus Christus. In den folgenden Gedankengängen kommt desto unverkennbarer Balzacs ernste Ueberzeugung zum Vorschein: Napoleon sei eine der gewalttätigsten unter allen in der Geschichte menschlicher Reiche bekannten Willenskräfte. Deshalb konnte nicht» für ihn bemerkenswerter fein als die Gesetze, nach denen er seine Macht aufgerichtet und aufrechterhalten hat. Von seinem Ausgangspunkt bis. zu seinem Gipfelpunkt, vom Thron bis zum Grab habe er zweimal in grundverschiedener Art die ganze Stufenleiter der Gesellschaft durchlaufen und verstanden, alles zu sehen und zu beobachten. Deshalb wird jeder Leser in Napoleons Maximen und Ideen irgend etwas zu seinem Vorteil finden, denn Napoleons Gedanke, scharf wie ein Schwert, sei in alle Tiefen gedrungen. Der Schreckensmann von 1793 und der kommandierende General sind hinter dem Kaiser verschwunden, der Herrscher hat den ehedem Beherrschten Lügen gestraft. Gerade diese Widersprüche zeigen am deutlichsten den Kampf, zu dem er verurteilt war. Vor allem wird die Sammlung seiner Grundsätze die Richtschnur bedrohter Regie- rungen fein. Niemand hat besseren Instinkt für Gefährdung von Staatslenkern gehabt als Napoleon. Man wird ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er offen gewesen und vor keiner Konsequenz zurückgeschreckt ist. Er hat die Tat verherrlicht und die Idee verdammt. Es steht niemanden zu, Napoleon zu verteidigen oder an- zuklaaen. Es heißt, ihn vor allem auftreten zu lassen. Der Inbegriff 'seiner Gedanken ist eine Gesetzgebung für sich, die verworfen ober angenommen werden mag, die aber in ihrer bündigsten tform


