Ausgabe 
6.7.1926
 
Einzelbild herunterladen

216

es aber wollte? . . und er hatte Furcht, der Teufel möchte ihm den Wunsch eingeben.

Drei Monate betete seine Mutter in Bangen und Aengsten um Kopfende seines Bettes, und fein Vater ging unaufhörlich und seufzend in den Hausfluren umher. Er entbot die'berühmtesten Aerzte, welche eine Menge Arzneien verschrieben. Das liebel Ju­lians, sagten sie, hätte einen verderblichen Wind zur Ursache oder eine Liebesfehnsucht. Aber der junge Mann schüttelte auf alle Fragen den Kopf.

Die Kräfte kamen ihm wieder, und man führte ihn im Hof spa­zieren, der alle Mönch und der mackere Burgherr stützten ihn jeder unter einem Arm.

Als er vollkommen wiederhergestellt war, weigerte er sich hart­näckig, zu jagen.

Sein Baker machte ihm, in der Absicht ihn zu erfreuen, einen großen sarazenischen Sabel zum Geschenk.

Er hing inmitten einer Waffensammlung oben an einem Pfeiler. Um ihn zu erreichen, bedurfte es einer Leiter. Julian stieg hinaus. Der zu schwere Säbel entglitt seinen Fingern und streifte nieder- fallend den guten Herrn so dicht, daß er seinen Ueberrrock zerschnitt. Julian glaubte seinen Baier getötet zu haben und siel in Ohnmacht.

Von da an scheute er die Waffen. Der Anblick eines bloßen Eifens ließ ihn erbleichen. Diese Schwäche wurde ein Kummer für feine Familie. Endlich befahl ihm der alte Mönch im Namen Gottes, im Namen der Ehre und im Namen feiner Vorfahren, feine ritter­lichen Hebungen wieder aufzunehmen.

Die Knappen vergnügten sich alle Tage mit der Handhabung des Wurfspießes. Julian zeichnete sich gar bald darin aus. Er sandte den seinen in die Hälfe von Flaschen, zerbrach die Zacken der Wet­terfahnen und traf auf hundert Schritte die Nägel in den Türen.

Sin einem Sommerabend, um die Stunde, wo der Nebel die Dinge undeutlich macht, war er unter dem Weingelander des Gar­tens und bemerkte ganz hinten zwei weihe Flügel, welche in der Höhe des Spaliers flatterten. Er glaubte, es fei ein Storch, und schleuderte seinen Speer.

Ein gellender Schrei ertönte.

Es mar seine Mutter, deren tnngbäübrige Haube an die Mauer genagelt blieb.

Julian floh aus dem Schloß und kam nicht wieder.

Er nahm Dienste in einer vorüberziehenden Abenteurertruvpe.

Er lernte Hunger, Durst, Seuchen und Ungeziefer kennen. Er gewöhnte sich an das Getöse der Handgemenge und an den Anblick der Sterbenden. Der Wind beizte seine Haut. Seine Glieder stählten sich unter bem Druck der Gemässen, und da er sehr stark, mutig, mäßig und verschlagen war, erhielt er ohne Mühe den Befehl über eine '«char.

Beim Beginn der Schlachten führte er feine Soldaten mit einer großen Gebärde seines Schwertes an. Vermittelst eines geknoteten Strickes erklomm er nachts, vom Sturm geschaukelt, die Mauern der Festen, mährend die Funken des griechischen Feuers auf feinen Panzer fielen und kochendes Pech und geschmolzenes Blei von den Sinnen floß. Oft zerschmetterte der Stoß eines Steines feinen Schild. Brücken, die zu überfüllt mit Menschen waren, brachen unter ihnen zusammen. Seinen Streitkolben schwingend, hielt er sich vier­zehn Ritter vom Leib. In den Schranken warf er alle nieder, die sich stellten. Mehr als zmanzigmal hielt inan ihn für tot. Dank der göttlichen Gnade kam er immer wieder davon, denn er beschützte die Geistlichen, die Waisen, die Witwen und hauptsächlich die Gre^e. Wenn er einen Kaufmann vor sich herziehen sah, rief er ihn an, um fein Gesicht gu sehen, wie als ob er Furcht gehabt hätte, ihn aus Versehen zu töten.

Fliehende Sklaven, aufständische Bauern, Bastarde ohne Ver- mögen, alle 2(rten Unerschrockener scharten sich unter seine Fahne, und so sammelte er ein Heer.

Es wuchs. Er wurde berühmt. Man bemühte sich um ihn.

Nacheinander leistete er dem Kronprinzen von Frankreich und dem Könige non Engfand Beistand, den Tempelrittern Jerusalems, dem Surena der Parther, dem Regus von Abyssinien und dem Kaiser von Kalkutta. Er kämpfte gegen Skandinavier, die mit Fisch- schuppen bedeckt waren, gegen Reger, welche Rundfchilde aus Nil- pferdhant hatten und auf roten Eseln ritten, und gegen goldfarbene Inder, welche über ihren Diadem breite Säbel schwangen, die Monter waren als Spiegel. Er besiegte die Troglobrsten und die Anthropophagen. Er durchzog so heiße Gegenden, daß die Haare in der Sonnenglut Feuer fingen wie Fackeln, und andere, die so kalt waren, daß die 2(rme, sich vom Körper lösend, zu Boden fielen, und Länder, wo es so viel Nebel gab, daß man wie von Ge­spenstern umgeben marschierte. Bedrängte Republiken befragten ihn um Rat. Bei den Unterhandlungen erlangte er ungehoffte Bedin­gungen. Wenn sich ein - Herrscher zu schlecht aufführte, erschien er plötzlich und machte ihm Vorstellungen. Er befreite Völker. Er er­löste Königinnen, die in Türmen gefangen waren. Er und kein an­derer hat die Mailänder Schlange und den Drachen von Oberbirbach erschlagen.

Nun hatte sich der Kaiser von Dccitanien, nachdem er die spa­nischen Muselmanen besiegt, mit der Schwester des Kalifen von Kordooa in ungesetzlicher Che verbunden und besaß von ihr eine Tochter, die christlich erzogen worden war. Aber der Kalif, welcher so lat, als ob er sich bekehren wolle, besuchte ihn mit einem zahl­reichen Geleit, metzelte feine ganze Besatzung nieder und warf ihn

in ein dunkles Burgverlies, wo er ihn hart behandelte, um Schütze von ihm zu erpressen.

Julian eilte ihm zur Hilfe, zerstreute das Heer der Ungläu­bigen, belagerte die Stadt, tötete den Kalifen, schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn wie eine Kegelkugel über die Wälle. Dann holte er den Kaiser aus seinem Gefängnis und fetzte ihn in Gegenwart des ganzen Hofes wieder auf feinen Thron.

Der Kaiser ließ als Belohnung für einen solchen Dienst in Kör», den viel Geld vor'ihn bringen, aber Julian wollte es nicht. In dem Glauben, daß er mehr verlange, bot er ihm drei Viertel feiner Reichtümer an,- neue Weigerung: bann die Hälfte feines Konigs- reiches, Julian dankte, und der Kaiser weinte darüber vor Kummer, da er nicht wußte, auf welche Weife er ihm seine Erkenntlichkeit bezeugen sollte. Plötzlich schlug er sich vor die Stirn, sagte einem Höflinge ein Wort ins Ohr, die Vorhänge einer Wandverkleidung gingen auseinander, und eine Jungfrau trat hervor.

Ähre großen schwarzen Singen glänzten wie zwei sehr milde Leuchten. Ein reizendes Lächeln bog ihre Lippen auseinander. Die Ringeln ihrer Haare verfingen sich an den Edelsteinen ihres halb­geöffneten Gewandes, und unter dem Schimmer ihrer Tunika erriet man die Jugend ihres Leibes Sie war ganz allerliebst und rundlich, trotz ihres schlanken Rumpfes.

Julian wurde von Liebe ergriffen und dies um jo mehr, als er bisher ein sehr keusches Leben geführt hatte. Er erhielt also die Tochter des Kaisers mit einem Schloß, das sie von ihrer Mutter her besaß, in die Che, und man schied nach vollzogener Hochzeit unter unendlichen Höflichkeitsbezeugungen auf beiden Seiten.

Das Schloß war in maurischem Stil aus weißem Marmor er­baut und stand auf einer Anhöhe in einem Apfelsinenwäldchen. Blumenterraffen führten bis an das Ufer einer Bucht hinunter, wo rofenfarbene Muscheln unter den Tritten flirrten. Hinter dem Palast breitete sich ein Wald, der die Form eines Fächers hatte Der Himmel war ewig blau, und die Bäume neigten sich abwechselnd unter der Brise des Meeres und dem Winde der Berge, welche im Fernen den Himmelsrand schlossen.

Die dämmerigen Gemächer wurden durch die Wandverkleidungen erhellt. Hohe Säulchen, schlant wie Schilfrohr, stützten die Wölbun­gen der Kuppeln, welche mit plastischen Verzierungen in Gestalt von Tropfsteinbildungen geschmückt waren.

In den Sälen waren Springbrunnen, in den Höfen Mosaiken, verzierte Wände, tausend baukünstlerische Feinheiten und überall eine solche Stille, daß man das Knistern eines Gewandes ober das Echo eines Seufzers vernahm.

Julian führte nicht mehr Krieg.' Er ruhte sich aus, umgeben von einem ruhigen Bolt, und täglich zog eine Menge mit Kniebeugungen und Handküßen auf morgenlänbische Weise an ihm vorüber. In Purpur gekleidet, lehnte er versonnen in einer Fensteröfstiunq und gedachte seiner Jagden von ehemals und sehnte sich, den Gazellen und den Straußen in der Wüste nachzuhetzen, hinter Bambus­rohren verborgen den Leoparden aufzulauern, Wälder voller Rino- zerosse zu durchstreifen, die Gipfel der unzulänglichsten Berge zu er­klimmen, um die Adler besser zu sehen, und auf den Eisschollen im Meere gegen weiße Bären zu kämpfen.

Manchmal im Traume sah er sich wie unser Vater Adam in­mitten des Paradieses zwischen allen Tieren: den Arm ausstreckend, gab er ihnen den Tod, ober sie zogen auch, der Große nach, von beit Elefanten unb ben Löwen bis zu den Hermelinen und Enten, paarweise wie an dem Tage, da sie in die Arche Noahs wanderten, an ihm vorüber. Er schleuderte aus dem Dunkel eine Höhle niemals fehlende Wurfspieße nach ihnen, und immer andere tarnen, es nahm kein Ende, und er erwachte mit wilden, rollenden Augen.

Befreundete Fürsten luden ihn zur Jagd. Er lehnte immer ab, in dem Glauben, durch diese 2lrt Buße fein Verhängnis zu wenden, denn es schien ihm, als hinge vom Mord der Tiere das Schicksal seiner Eltern ab. Aber er litt darunter, daß er sie nicht sah, und auch sein Jagdgelüst wurde schließlich unerträglich.

Um ihn zu erheitern, ließ seine Fran Spielleute unb Tänzerinnen kommen.

Sie durchstreifte mit ihm in offener Sänfte die Flur, und zu anderen Malen sahen sie, auf den Rand eines Kahns gelagert, bett Fischen zu, die sich im himmelsklaren Wasser tummelten. Ost warf sie mit Blumen nach seinem Gesicht, an seine Füße geschmiegt, spielte sie Weisen auf einer dreisaitigen Laute, unb bann legte sie ihm ihre gefalteten Hänbe auf bie Schulter unb fragte mit zager Stimme: Was hast du nur, lieber Herr?"

Er antwortete nicht aber brach in Schluchzen aus, unb eines Tages endlich gestand er seinen grauenhaften Gebauten.

Sie bekämpfte ihn, indem sie sehr vernünftig sprach: sein Vater und seine Mutier seien wahrscheinlich tot, wenn er sie aber jemals Wiedersehen würde, durch welchen Zufall unb zu welchem Zwecke sollte er bann biete Greuel begehen? Seine Furcht sei also grund- los, unb er müsse bie Jagb tuieber ausnehmen.

Julian lächelte, währenb er zuhörte, aber er konnte sich nicht entschließen, seine Sehnsucht zu befriebigen.

Eines Abenbs im Monat August, währenb sie in ihrem Zimmer waren, sie hatte sich gerabe zu Bett gelegt, unb er kniete zum Ge­bet nieder, vernahm er bas Bellen eines Fuchses, bann leise Tritte unter bem Fenster unb sah im Dunkeln etwas wie Tiergeftalten auftauchen. Die Versuchung war zu stark. Er nahm seinen Köcher von der Wand. (Fortsetzung fotzt.)

Hchristlettung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Bruhl'schen Univ.»Birch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.