Ausgabe 
6.7.1926
 
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fulnner. In dieser Beziehung hatte der Missionar Eugene Eyraud, der 1864 gelandet war, um ganz allein die Missionsarbeit aus­zunehmen, richtig beobachtet.In der Tat", so schreibt er,haben die guten Leute während der zwölf Monate des Jahres nichts zu tun. Ein einziger Arbeitstag sichert ihnen eine überreiche Kartoffelernte für ein ganzes Jahr; während der übrigen 364 Tage geht man spazieren, schläft oder macht Besuche. Fortwährend gibt es Versamm- Ningen und Feste. Hören sie an einer stelle der Insel auf, so be­ginnen sie von neuem an einer anderen."

Psychologie und Verbrechertum.

Don Dr. O. K l e m in, Professor an der Universität Leipzig.

Don einem gehenimnisvollen Reize ist immer die Aufgabe umgeben gewesen, in die Seele eines anderen Menschen gegen dessen eigenen Willen einzudringen, und das Wissen um einen Tatbestand, das jener absichtlich verbirgt, ans Licht zu ziehen: Die Mitwirkung bei solchen Entlarvungen! ist, eines der frühesten Anwendungsgebiete geworden, auf das sich die im Laboratorium erstarke Methotik der experimentellen Psychologie hinausgewagt hat. Freilich hat sie hierbei an den angeblichen Leistungen der Gedankenleser und anderer okkulter Persönlichkeiten keinerlei Un­terstützung gefunden. Das beinahe völlige Versagen der Gedanken­leser bei kriminellen Ernstfällen sollte jedem zu denken geben, der sich leichtgläubig den Lockungen solcher okkulter Psychologie! in. die Arme werfen möchte! Vielmehr blieb die Psychologie streng und exak bei den erfahrungsmäßigen! Zusammenhängen; jeder seelisch!- Vorgang, also auch das.QSiffen uni einen Sach­verhalt", dieTäterschaft eines Verbrechens", das der Beschul- digte verheimlicht, ist von Ausdrucksbewegungen irgendwelcher Art begleitet. Wir kennen aus der alltäglichen Erfahrung solche Ausdrucksbewegungen, die den Ablauf starker Affekte begleiten; das Erröten und Erblassen, das uns den Wechsel in der Dluk- iülle der feinsten unsere Haut durchziehenden Blutgefäße anzeigt, die Veränderungen der Atmung, die Mitbewegung von Muskel­partien, besonders im Antlitz, die wechselnde Färbung unserer Stimme, die Schwankungen im Zeitablauf unserer Sprachlaute. Manche solcher Nusdrucksbewegungen sind unserer Willkür unter­tan, so die Bewegungen unserer Hände, manche sind ihr normaler­weise entzogen, so die Stgentümlichkeiten des Blutkreislaufes, andere wiederum sind halbwillkürlich, so die Atmungsbewegungen!.

Die Psychologie hat mit besonderen Methoden, den_ sog. Ausdrucksmethoden, diese körperlichen Veränderungen, in ihrer Zuordnung zu bestimmten Arten von Bewuhtseinsvorgängen bis in ihre seinsten Verzweigungen hinein verfolgt, sie hat auch solche Symptome kennengelernt, die sich der außerexperimentellen Er­fahrung gänzlich entziehen, wie die Veränderung in dem elektri­schen Leitungswiderstand des Körpers, oder in den zartesten elektromotorischen Erregungen, die jederzeit den lebendigen^ Or­ganismus umspielen, und besonders von der Tätigkeit des Herz­muskels ausgehen. Darüber hinaus hat sie es gelernt, die, Spuren früherer Erlebnisse, die jemand verheimlichen möchte, in ihrer rein psychischen Wirkung auf den augenblicklichen Bewußtseins- znstaird zu erfassen; man stellt in dem sog.Assoziationsversuch" die Ausgabe, auf ein zugerufenes Reizwort hin mit dem, ersten einfallenden Worte zu antworten; die Art und die Zeitdauer solcher Assoziationen unterscheidet sich, je nachdem, ob das Reiz­wort ein gleichgültiges ist, oder ob es ein kritisches ist, d. h., ob es zu einem Sachverhalt gehört, den die Versuchsperson erlebt hat, und von dem interessenbetonte Spuren in ihr hinterlassen! worden sind. Bei einer Entwendung von Geld aus einem Geld­beutel aus einem offenen Küchenschrank betrug im Durchschnitt die Dauer der Assoziation bei den kritischen Wörtern (Geld", Köchin",Schrank" uff.) 5,1 Sekunden, während sie im 'Durch­schnitt aller Versuche, einschließlich der gleichgültigen Reizwörter (Himmel",grün",spazieren" usf.) nur 3,9 Sekunden betrug. Der genauerem Zusehen zeigen sich mancherlei Verwickelungen, und es bedarf der ganzen Kunst des erfahrenen ^Psychologen, um aus einer solchen Reihe von Assoziationsversuchen mit Mischung kritischer und gleichgültiger Reizwörter ein Urteil darüber ab­zugeben, ob die Versuchsperson durch eigenes Erleben mit dem Tatbestand zusammenhängt. Die Ausarbeitung solcher Methoden! muh sich vor ihrer Erprobung int 'Ernstfall mit künstlich herbei­geführten Versuchssituationen bescheiden. Man richtet einen Labo­ratoriumsversuch ein, in dem die eine Gruppe von Teilnehmern, dieschuldig" einen Tatbestand erlebt hat, der als der ver­brecherische gilt, während eine andere ihn nicht kennt; dann lassen sich auf alle Teilnehmer in vergleichbarer Weise die au- gedeuteten Methoden anwenden. Die Ergebnisse werden durch einen Dritten ausgewertet, der die -Unterscheidung inTäter" undRichttäter" nicht kennt, und nun läßt sich der Aussall seiner Diagnose aus Grund der psychologischen Methoden sehr scharf an dem wirklichen Verhalten der Versuchspersonen prüfen. 'Oder man kann in anderen Fällen eine Versuchsperson einem zu­sammenhängenden Verhör unterwerfen, das sie zum Teil mit aufrichtigen, zum Teil mit lügnerischen Anworten begleitet und wiederum versuchen, an der Hand der 'Ausdruckssymptome die einzelnen Antworten nach Wahrheit und Lüge zu trennen.

Mögen sich hierbei noch so große Sicherheiten in der Trag­weite einzelner Methoden ergeben, die Uebertragung auf den Ernstfall stiftet doch eine wesentlich veränderte Situation. Zu­nächst sind alle solche Methoden, die eine willkürliche Teilnahme

der Versuchspersonen verlangen, wie die angedeutete Assv- ziationsmethode, jederzeit der Möglichkeit ausgesetzt, daß sich der Beschuldigte ihr entzieht, indem er eben den Anweisungen des pintersuchenden einfach ausweicht. Vor allem aber haben wir im Ernstfälle mit einer so gewaltigen Ilmstellung des Gesamt­erlebens zu rechnen, daß manche der Symptome, die wir im Laboratoriumsversuch sauber zu trennen vermögen, sich über­decken, und so die Diagnose vieldeutig machen. Die bloße Ver­dächtigung, und erst recht die Beschuldigung, vermag das Ge­fühlsleben so zu erschüttern, daß auch die unbeteiligten! Vor-, stellungen in die allgemeine Aufregung hineiitgerisfen werdens Etwa die Veränderung in der elektrischen Leitfähigkeit des Kör­pers tritt dann bei allen Vorstellungen auf und greift weit über die kritische hinaus. Es scheint, daß Noch am ehesten solche Gnt- larvungsmet'hoden zum Ziele führen, die sich entweder auf das kritische Verhalten stützen, noch auf das _ ganz re­flektorische, sondern auf die halbwillkürlichen , Funk­tionen, wie die Atmung. Tatsächlich kennt die Psychologie schon seit Jahren aus sorgsältigen Laboratoriumsversuchen die At­mungssymptome der Lüge. Freilich sind diese nicht mit dem bloßen Auge sichtbar. Man muß die Atmung registrieren, und dann die erhaltenen Kurvenbilder ausmessen. Hierbei ergeben sich Veränderungen in der Atmung, die der Lüge und der Nus­richtigkeit in der Aussage einer Versuchsperson so sicher zu- geordnet sind, daß der Kundige mit einer ziemlichen Wahrschem- lichkeit aus dem Kurveribild den Eharakter der Aussagen diag­nostizieren kann. Selbstverständlich hat die, Psychologie den schwierigen 'Versuch gemacht, die'se Verfahren 'in der kriminellen Praxis zu erproben. Oft genug scheiterte es an dem Wider­stände der Beschuldigten. Die Meinung, daß der zu Unrecht Beschuldigte besonders willig eine solche Methode über sich ergehen lassen werde, um sich zu rechtfertigen, erwies sich als allzu einfach gegenüber den wirklichen Verwickelungen, die sich bei dem Verhör innerhalb der Gefängnismauern ereignen. Viel­mehr fand sich in den meisten Fällen eine ablehnende Haltung gegen das Verfahren, die sich oft zu Abwehrfällen steigerte, und nicht nur die Beobachtung jener Symptome, sondern über­haupt die Fortsetzung eines Verhörs unmöglich machte.

Immerhin sind in meiner Beobachtung einige Fälle zutage getreten, die ein Weitergehen auf diesem Wege nicht ganz, aus­sichtslos erscheinen 'lassen. Es ist ja kein Zufall, daß die im Laboratorium entdeckten Symptome der Lüge gerade Atmungs­symptome waren. Denn die Atmung hat sich in zahlreichen Unter­suchungen als ein besonders feines Reagenz für Verlängerungen im Gefühlslauf und darüber hinaus in der inneren Haltung einer Versuchsperson überhaupt erwiesen. Wir kennen auch den Einfluß, den die Beobachtung der Atmungsbewegungen Bei man­chen Leistungen der Gedankenleser spielt, und kein geringerer, äks Wilhelm Wundt, der zuerst die ällgemÄn psychologische Bedeutung der Ausdrucksbewegungen erkannte, hat immer wie­der die 'Atmung als einen Träger von besonders vielen und femgegileüerten solcher Ausdrucksbewegungen kn 'Anspruch ge­nommen. Die Psychologie vermag der Kriminalistik nicht eine fertige Methode in die Hand zu geben, aber sie steht zur Mit­arbeit bereit, wenn es gilt, dem Rechtsbrecher die Larve her­unterzureihen, und kann kein Zweifel darüber bestehen, daß aus den bisherigen Ansätzen sich wichtige Hilfsmittel für den Unter« suchungsrichter ergeben werden.

Der Flugmotor der Zukunft.

Von Diplom-Ingenieur Walter Fischer.

Vor kurzem brachten die Tageszeitungen die Nachricht, daß der vom deutschen Rundflug 1925 her bekannte Flugzeugführer Billik beim Einfliegen einer neuen Maschine auf dem Flugplatz Staaken bei Berlin tätlich verunglückt sei. Der Anfall hatte sich dadurch er­eignet, daß das Flugzeug beim Beschreiben einer scharfen Kurve in geringer Löhe abrutschte, und beim Aufschlagen auf den Boden infolge Erplosion des Benzintanks Feuer fing. Billik, der im Führersitz festgeschnallt war, und sich nicht schnell genug zu befreien vermochte, konnte nur als verkohlte Leiche unter den Trümmern hervorgezogen werden. c

Dieser Anfall beweist aufs neue, welche Gefahren die Verwendung des leichtexplosiblen, hoch feuergefährlichen Benzins im Flugbetriebe mit sich bringt. Billik wäre in Anbetracht der relativ geringen Höhe, aus welcher der Sturz erfolgte, sehr wahrscheinlich mit dem Leben, wenn auch nicht ohne mehr oder minder schweren Verletzungen davongekommen, wenn nicht die Explosion des Benzintanks jede Hoffnung auf Rettung vereitelt hätte. Aehuliche Fälle ließen sich aus der Geschichte der Fliegerei zu Dutzenden anführen.

Die Gefährlichkeit des Benzins beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Gefahr einer Tankexplosion bei event. Bruchlandungen oder Stürzen. Größer noch ist die Zahl der Fälle, in denen Flug­zeuge hoch in der Lust plötzlich in Brand gerieten und brennend zu Boden stürzten. Auch hier ist die leichte Entflammbarkeit des Benzins fast immer der Anlaß für die Katastrophe gewesen. Be­sonders die berüchtigtenVergaserbrände", ans deren Arsachen hier nicht näher eingegangen werden kann, die jedoch selbst beim best- konstruierten Flugmotor sich nicht mit absoluter Sicherheit ver- meiden lassen, haben zum Tode so manches tüchtigen Piloten geführt. Es fei hier nur an die beiden bedauerlichen Anfälle während des deutschen Rundflugs 1925 erinnert, bei denen die Flugzeugführer Heck und von der Linde infolge Vergaserbrandes mit brennende^