Ausgabe 
6.7.1926
 
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Eichener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang $926 Dienstag, den 6. Juli Kummer 5<

Stunde vor dem Schlaf.

Von Anton Schnack.

Ein Geheimnis überall, Unerkenntlich rauschen Quellen.

Dunkel liegt im Tal.

Wie aus Schlafverlorenheit ruft Vogellaut, . kommt Hundebelten.

Bor des Hauses Tür

Geht ein Wind

Zaghaft, traumhaft: schier Wie ein Kind . . .

Dann ist reine Stille, 'Nichts stört ihren Hauch, Bis die Grille

Anfängt zag zu zirpen unterm Rosenstrauch.

Ich will einmal sehen,

Ob der Abendstern schon ganz am Himmel steht; O du schönes Kindheitsnachtgebet Mit dir will ich schlafen gehen . . .

MerkrsrÄrdiges von der Osterinsel.

Ueber die Osterinsel, die ein wahres Knäuel von Pro­blemen, vielleicht das verfchlungenste und verwirrteste der ozeanischen Vorgeschichte überhaupt darbietet, ist soeben im Änselverlag zu Leipzig ein Buch von F r i e d r i ch E ch u l z e- Maizier erschienen, das auf den vom März 1014 bis August 1915 angestellten Forschungen von Mrs. Katherine Scoresby Routledge beruht, aber durch Verwertung anderen von ihr nicht benutzten Materials als Fazit und synthetllche Verarbeitung der gesamten Osterinsel-Literatur über ihr nach Beendigung des Krieges veröffentlichtes Werk ..The mystery of Taster Island hinausführt.

In den Weiten des östlichen Pazifik, viertausend Kilometer west­lich Valparaiso, ragt eine kleine, kaum über drei deutsche Meilen sich ausdehnende Basaltinsel kahl und einsam aus tiefen Fluten, ein fern nach Osten versprengter, letzter Ausläufer der polynesischen Welt.Paasch-Eiland", Osterinsel, nannte siezum Gedächtnis der Auferstehung unseres Herrn" ihr europäischer Entdecker, der hol­ländische Admiral Jakob Roggeween, der Ostern 1722 als erster Weißer die steilen Küsten betrat. Dürftig ist Fauna und Flora, alles fließende Wasser fehlt auf dem porösen Boden, kein Baum be­lebt die steinerne Physiognomie der durchaus vulkanischen Landschaft. Doch etwas Seltsames, Rätselhaftes überraschte schon die ersten Europäer, die vor zweihundert Jahren dieses noch heute ganz ab­seits der großen Schiffahrtslinien liegende Eiland betraten: Hunderte von mächtigen Steinstatuen, meist mehrere Meter übern: Boden ragend, unter ihnen Kolosse von 23 Meter Gesamtlänge, sind über die Insel verstreut, liegen zu Dutzenden in Trümmern auf riesigen, halb verfallenen Terrassen, stehen einsam an öden Plätze», auf Strand und Hügel, und starren in ganzen Scharen an den Ab­hängen, ja selbst an den inneren Kraterwünden eines auf der Ost­hälfte sich erhebenden erloschenen Vulkans. Manche dieser Figuren, obwohl fast sämtlich nach demselben Typus gestaltet, zeigen eine urwüchsige, drohende Wucht des Ausdrucks und bei aller oft fast rohen Primitivität eine von verblüffendem Stilgefühl zeugende Sicherheit der Gestaltung. Noch liegen in den verlassenen Stein- hrüchen die steinernen Meißel und harten Obsidianspitzen, mit denen die Bildhauer entschwundener Zeiten diese Legion steinerner Gi­ganten aus dem weichen Laoatuff herausmeißelten, während aus dem grasigen Boden nach allen Richtungen hin die wunderlichen Riesenköpfe herausstarren, mit schmalen Stirnen, tiefen, dunklen Augenhöhlen, langen Ohre», großen konkaven Rasen und strengen, fest zusammengepreßten Lipvenwülsten, eine fremdartige, ver­wunschene Welt.

Um dem Problem der Steinfiguren näherzukommen, sollen zu­erst diejenigen Kultstätten betrachtet werden, bei denen die ältesten, am unverkennbarsten archaischen und prähistorischen Idole gefun­den werden. Die Steinplastiken der Insel zeigen nämlich, wie schon angedeutet, bei genauerer Betrachtung verschiedene Typen: einen älteren, massiveren, ungeschlachteren die mit riesigen Tuffstein­gylindem gekrönten Statuen auf den Bestattungsterrassen, den Ahu"; und einen unverkennbar jüngeren, besser erhaltenen, feiner gearbeiteten, wie er sich am eindrucksvollsten darbietet in den Scharen hutloser Figuren, welche die Abhänge und Steinbrüche des Rano Raraku so geisterhaft beleben.

Das WortAhu" behalten wir am besten bei, da uns Europäern für das Objekt, das es bezeichnen soll, kein Aeauivalent zur Verfügung steht. Die alten Osterinsulaner pflegten ihre Tote» lm allgemeinen weder zu begraben noch zu verbrennen, sondern folgendermaßen zu bestatten: Die Leiche, der man mitunter Meißel, Angelhaken und andere Geräte mitgab, wurde vom Kopf bis zu den Füßen vollständig in Tnpadecken und Schilfmatten eingewickelt und als ein fest verschnürtes längliches Bündel auf einem niedrigen Stabgerüst, das auf den, Ahu stand, der scharfen Seeluft aus­gesetzt, bis das Fleisch verwest war. Solange dec Tote aut dem Gerüst lag. war die Nachbarschaft des Ahu streng tabu- Pera" hieß dieses Toten-Tabu. Wir wissen jetzt, warum die Mannschaft des Spaniers Gonzalez von den Eingeborenen so dringend gebeten wurde, an bestimmten Stellen nicht zu rauchen; alles Feuermachen und Kochen, auch alles Fische» war innerhalb des Perabezirkes ver­boten, vier Verwandte des Toten hielten Wache, und jeder, der den Ort entweihte, müßte gewärtig sein, daß ihm der Schädel ein- geschlagsn wurde. Die Trauer dauerte oft mehrere Jahre. Waren Leiche und Gestell in Stücke zerfallen, dann wurden die Gebeine auf dem Ahu beigesetzt (mitunter wohl auch anderwärts begrabens und das Ende der Trauer durch eines jener großen Gedenkfeste ge­feiert, in deren Begehung man auf der Osterinsel allezeit wahr­haft virtuos gewesen zu sein scheint. Mit diesem Schmaus aber, so schloß ein Insulaner, von dem Mrs. Routledge, sich informieren lieh,war Papa erledigt".

Das Ahu selbst nun, auf dem die so zurechtqemachte Leiche aus­gesetzt wurde, konnte in ziemlich wechselreichen Formen gehalten sem. 2(n der Bucht von Tongariki im Südosten der Insel, einer dec ältesten und wichtigsten Kultstätten, erhob sich zu Füßen des Rano Raraku ein gewaltiges Ahu, vielleicht das imposanteste von alten - an seinem Beispiel läßt sich der Haupttypus dieser Bestattungs­stätten am eindrucksvollsten verdeutlichen. Parallel zur Strand- linie ragte dicht am Gestade eine schmale, aus derben Basaltqua­dern gefügte, mauerartige Terrasse, die nach der See zu senkrecht abfiel und fünfzig Meter lang und etwa drei Meter hoch war. Auf ihr standen in einer Reihe, durch regelmäßige Zwischenräume getrennt, nicht weniger als fiinszehn mächtige, mit rötlichen Stein« zylmdern gekrönte Figuren; sie wandten alle dem Meer ihren Rücken zu und starrten mit ihren schwarzen Augenhöhlen nach dem Toten, der weiter landeinwärts auf seinem Gerüst lag. Rechts und links schlossen sich an die Terrassenmauer flügelartige Fortsätze an, die etwas weiter rückwärts liefen; zusammen mit diesen Flügeln war die gesamte Anlage hundertsechzig Meter lang. Nach hinten zu fiel die Terrasse zunächst in steiler, dann aber in ganz sanfter Senkung ab, bis sie schließlich das Niveau des Erdbodens erreichte. Diese schiefe Ebene hatte offenbar den Zweck, den Transport der Statuen zu erleichtern.

Mit ein wenig Phantasie läßt sich der ursprüngliche Eindruck solch eines Ahu wohl ausdenken: der ganze Platz in der streng bewahrten Einsamkeit des Pera. Hoch oben über den Wächtern die Front der Steingiganten, deren dunkle Silhouetten sich scharf vom Himmel ab- heben. Im Hintergründe, unsichtbar den Trauernden, der Ozean uns der ewige Laut seiner Wellen.

Am besten unterrichtet sind wir über die Gebräuche, welche bei der Bestattung einesTangata-Jka", eines erschlagenen Mannes, ausgeübt wurden. Während die Nachbarn das Geschäft der Rache aufnahmen, hielten die Hinterbliebene» tags und nachts die Toten­wache. Noch heute steht auf einem Ahu der Nordküste ein aus Steinen roh gefügter Stuhl. Hier hatte der nackte Leichnam eines Mannes namens Kota-vari-vari der zu Akähanga an der Siidkiiste erschlagen worden war. Ein Mann hielt den toten Körper fest, während hinter ihm zwei andere saßen, welche Zaubersprüche fangen, nm der Arbeit der Rächer zum Erfolg zu verhelfen. Auch diese Wächter waren nackt, ihre Leiber hatten sie mit schwarzer Asche bestrichen, sie trugen Feder­hüte auf dem Kopf und Tanzruder in ihren Händen. Der Leiter der düsteren Zeremonie wurde derTimo" genannt. Gerade mit diesen Riten war offenbar eine Anzahl der Schrifttafeln verknüpft; für jedes Ahu wurde ein Kohau angelegt, welches die daselbst beigesetzten ermordeten Männer verzeichnete. Halfen die beim Ahu vollzogenen Rache-Riten nichts, so grub der Zauberer die Kleider des Ermordeten heimlich unterm Herde des Widersachers in die Erde; jener dann von der Speise, die auf einer derart verzauberten Feuerstelle zu­bereitet wurde, so starb er gewiß die Nacht darauf. Jede Bestattung endete in einer große» Schmauserei und war ein willkommener Anlaß zu einem Fest.

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Auf Rapanui feierte man eigentlich immer Feste, zu einer Be­stattung erschien oft die ganze Insel; dennwenn Ne sich nicht gerade die Schädel einschlngen, waren sie alle 'Settern7', meinte ein In-