Ausgabe 
6.4.1926
 
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der Spiegelung des geöffneten Fensters erscheint, und schließlich als sicherlich schönstes jenes .Milchmädchen" in Amsterdam, wo das volle Safrangelb des Mieders in Brot, Geflechten, Mes­singkorb schon spielt und Antwort findet im Grün des Tischtuches und im satten Blau vom Schurz, während sie selbst die schwere Milch aus der dunklen Höhlung des irdenen Kruges so lautlos feierlich zur ziegelroten Schcke niederrinnen läßt, als ob es die kostbarste Flüssigkeit wäre. Sn diesen reifsten Schöpfungen Ver­meers ist jedes erzählerische Beiwerk ausgeschaltet, alles Zeitliche möglichst unfühlbar gemacht, der eine flüchtige Augenblick der Schönheit zwar erfaßt, aber sogleich zu beruhigtem Sein geklärt und entzeitlicht; es sind reine Monumente des Seins, nicht anders als bie besten Werke der Antike.

Auch rein malerisch betrachtet, behält Vermeers Werk den gleichen Sinn eines in sich vollbefriedigten schönen Seins, einer wahrhaft klassischenWind- und Meeresstille" der Seele. Denn seine Bilder verkörpern die vollkommenste Stillebenkunst, die sich denken läßt, jedes seiner reifen Werke ist ein Skstll-Leben in des Wortes eigentlicher Tiefenbedeutung; eine Suwelenmalevei, welche die Amwelt als ein Gewirk aus lauter Kostbarkeiten dar­stellt und selbst noch das Bild der freien Natur (Ansicht der Stadt Delft", Haag) stillebenhaft wie aus geschliffenen Edelsteinen aufbaut. Schon einmal hatte im Verlaufe der niederländischen Kunst, wenngleich aus völlig andersartigen Bedingungen heraus, eine ähnliche Stillebenkunst zauberhafte Blüten getrieben. Es war damals, als San van Ehck sichnicht scheute, in die Bische, welche dis äckerheil.gste Mutter ausnahm, eine blinkende Schale, einen Messing­leuchter und zwei goldschimmernde Aepfel zu legen. Nun ist die Madonna zwar aus der Nische entschwunden, aber unversehens hat Vermeer den Alltag hineingestellt, And siehe auch er ist voll Heiligkeit und Schönheit. (Benno Reifenberg.)

Sst das malerische Werk des Delfter Meisters in ziemlicher Reichhaltigkeit, wenn auch keineswegs vollständig auf uns ge­kommen, so ist von seinem Leben fast gar nichts überliefert und über seine Persönlichkeit schweigt die Geschichte ganz. Und auch in den Zügen der von ihm dargestellten Menschen forscht man vergebens nach dem Seelengeheimnis des Künstlers, denn seine Geschöpfe haben, lautlos in sich selbst versunken, ihr Snneres in ihr leibliches Dasein wie in einen kostbaren Schrein verschlossen Nur jener unvergleichliche Haager Mädchenkopf mit dem Turban und der milchigen Perle im Ohr schaut uns mit fragendem Her­ausblick voll stummer Wehmut an. Warum diese verhaltene Trauer grade über diesem Bilde, das zu den schönsten Schöpfungen des Delfters gehört und das manein Geschenk Griechenlands an den Norden" zu nennen vermocht hat? Vielleicht gibt die unbeschreiblich kostbare Malerei dieses Kopfes hierauf Antwort, die von einer Art ist, wie man sie eher einer geschliffenen Schale als wahrem Fleisch und Blut zukommen lassen würde. And die wehmütig fragenden Augen find genau gemalt wie das schim­mernde Ohrgehänge, wie Perlen, milchig verschleierte Perlen, die der Vvlksmund versteinerte Tränen nennt. Wie, wäre diese stumme Wehmut eines seiner Geschöpfe vielleicht als letztes Wissen in der Seele des Künstlers selbst gewesen, wehmütiges Wissen dessen, der als ein anderer Midas über der Liebe zum schönen Schein der Welt alles Leben schließlich zu toten Kostbarkeiten, zum seelenlosen Sphinxblick des Edelsteins erstarren sah? Wäre selbst das entwölkte Schweigen dieses Künstlertums nicht frei von jener unnennbaren Trauer, die um alle jeneklassisch" gesinnten Künst­ler ist, die ihre Seele zu unbedingter Schönheit verschrieben haben und zu spät erkennen, daß alles sinnlich Schöne nur das irdischeSpiegelfragment" der Herrlichkeit eines Reiches ist, das nicht von dieser Welt? Wir können nur fragen, aber wissen es nicht.

Küster Randers.

_ Bon Hans Blunck-Oldemaren.

Als der Organist zum ersten Male die Karte des Totge­glaubten in den Händen hatte, hatte er's nicht zu Ende lesen können, so sehr tanzten die Buchstaben nach der ersten Zeile. Kaum das Datum und die Aeberschrift hatte er gefunden und mühevoll entziffert, daß sein Sung irgendwo in Amerika war, und daß es ihm wohl ging. Dann hatte er zu dem jungen Weib laufen wollen, das um den Verschollenen trauerte, und erst auf dem Weg war ihm eingefallen, wie's zwischen ihnen beiden stand, daß Organist Randers und seine Schwiegertochter seit bald zwei Sahren nicht mehr miteinander sprachen.

Der Sung lebte! War's nicht, als hätte der Lenz für ihn eingesetzt, rein für ihn, Küster Randers, weil er wußte, daß solches Wetter zu solcher Neuigkeit gehörte. All der singende Lenz! Der Organist horchte, blieb stehen und sah sich verwundert um nach dem Klingen, das aus den jugenden Wolken kam. Oder war's von dem Gotteshaus? Er begann eifersüchtig den Weg zur Kirche hinaufzulaufen, aber die Töne blieben nicht vorn, sie kamen aus allen Bäumen und Winden. Ein feierliches Lied war's, das sie sangen, eins, das Randers seit Sahren nicht mehr gespielt hatte aus lauter Trotz. Ein altes Kirchenlied, das er einst zur Hochzeit seines Sungens umgeschaffen und vorgetrags« hatte, und dos er vergessen wollte, seit er Marie Randers nicht mehr sah, feit dem Tag, da der Streit über sie beide gekom­men war.

Der Organist blieb plötzlich stehen. Er wäre am liebsten inS Dorf hinabgegangen und hätte all seinen Zorn fahren lassem um's dem jungen Weib zu sagen. Ob's nicht seine Pflicht war? Was würde Ehler sagen, wenn er heimkam und hörte, daß fein Vater Marie seinen Brief voventhalten hatte.

Dann nahm der Trotz wieder überhand. Was wollte er den« hinabgehen? Hätte sie nicht hundertmal kommen können während all der Zeit, die der Sung weg war? Aber sie wollte ja nicht, wollte ihm nicht ein Wort geben und er, Randers, wollt« auch nicht.

Der Wind trug auf einmal eine Herbe, die er beim Atmen fühlte, fast kalt war der Frühling geworden, feucht und frostig. Dem Alten fiel ein, daß er Marie Randers ja doch noch nicht treffen würde. Gr tröstete sich, daß sie mit den anderen Frauen des Dorfes drübe'N auf dem Gut war. Würd' noch eine halbe Stunde dauern bis sie kam, oder nicht mehr so lange. Warum quälte er sich damit?

Randers wandte sich wieder und schritt langsam zur Kirche, er wußte kaum warum. Aber all feine Dankbarkeit und fein Glück zwangen ihn wie selbstverständlich zu dem altgewohnten Gang. Was wollte er da oben? Beten? Natürlich, das wollte er auch, aber spielen mußte er, das war's, was ihm auf dem Herzen lag. Srgend etwas spielen, was ihn entlastete und freier machte.

Einmal dachte er, daß er Marie treffen könnte; sie kam bald von der Arbeit, ungefähr um die gleiche Stunde täglich. Dann ging sie bei der Kirche vorbei.

Er kam auf die Höhe und sah die Frauen vom Kirchhügel von der Arbeit unten im Grunde kommen. Langsam und müde sckegen sie den Berg hinan.

Randers schlug mit dem Arm durch die Luft. Was ging'- ihn an? Mochte Marie zu ihm kommen, wenn sie's hören wollte. Sonst war's immer noch früh genug, wenn sie's oben im Dorf erfuhr.

Er stapfte langsam in die hallenden Gewölbe und begann! über die knarrenden Stiegen zu steigen. Die schwere eiserne Tür hatte er offen gelassen. Als er daran dachte, wollte er zurück, aber dann war's ihm recht, daß der Frühlingswind eine Weile in die Kirche führ und sein Spiel in den Lenz hinaus.

*

Die Kirche war voll von dem brausenden jubelnden Wider­hall der alten Orgelstimmen. So stark und gewaltig hatte sie'S selten gehört. All die Bilder und geschnitzten Gestalten um den Altar lauschten und schienen sich zu bewegen zu dem rauschende« starken Spiel. And die alten Bogen und Pfeiler, die seit Sahr» hunderten in ihren Fugen ruhten, zitterten leise und die Domren» strahlen, die gläsern in die Gewölbe fielen, wirbelten und drehten den Staub wunderlich

Ein alter Hochzeitsmarsch war's, den der Alte spielte, fest­lich und getragen, so wie die alten niederländischen Melodie« schwellen und steigen. Gr hatte den grauen Kopf dicht über di« Tasten gebeugt, sein Leib arbeitete mit dem Spiel, aber sein« feenen Ohren fingen alle Töne und einten sie im Herzen zu einem einzigen glückseligen Subel.

Die Frauen waren vor der Kirche stehen geblieben und horchten. Sie waren müde und verstaubt, taten, als wollten sie nur Atem holen nach dem langen Steigen auf den Berg. 2Cbee sie lauschten alle noch eine Weile weiter. Es geschah nicht oft. daß sie etwas anderes hörten, als eines der Lieder, die sie von Kind auf kannten.

Einzelne Frauen gingen weiter. Marie Randers blieb noch, trat ein paar Schritt in die Kirche und lauschte mit eigentüm­lichen Widerstreben. Sie suchte nach einer Erinnerung, ohne sie finden zu können. Shre Hochzeit stand wie ein großes buntes Bild vor ihr, die Menschen lachten und die Orgel brauste. Shv« Augen wurden wieder feucht, fie dachte an ben Verschollenen, wollte gehen und blieb doch noch und lehnte sich lauschend <nt die Treppe. So sonderbar schien ihr das Spiel. Wenn fie aus den übertränten Augen sah, war's, als stände sie mit Ehler oben neben der Orgel. Schleppend ging sie die Stufen. hinauf und horchte.

Oben aber stieg des Lied zu einer gewaltigen Subelhymne der Menschheit über Gott, Zeugung und Erlösung, und der Alte fühlte eine Kraft in seinen Armen, in feiner Brust und in feinem Spiel, als hätte der Frühling und die Freude alles Weh und Ereisentum von ihm genommen. Eine Kraft, die die Menschen zu sich zwang, wie er sie wollte, die wie etwas Körperliches wett über seine Hände hinausreichte und lenkte.

Ein paar Schritte kamen langsam zögernd über den Orgel­boden. Er hörte sie, wußte, wen sie trugen, schlug brausender über die Tasten und hätte doch am liebsten die Arme sinken lasse« und aufgeschrien:Der Sung lebt, Marie!" Aber er wartete noch und zwang mit feinen Melodien, und die Schritte käme« näher, noch näher, bis sie an seiner Dank stehen blieben.

Vater, Vater, was ist?"

Der Alte ließ plötzlich die Hände sinken, lachte wie ein Kirch und schluchzte zugleich tief auf.

Er lebt ja, Marie, mein Sung lebt!"

vchriftleitung: Dr. 3riebt. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'fchen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,