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nach den ersten Stimmen und seinem Manuskript. Feurig rot glänzten die Zeichen.

WaS ist das für Tinte, Krüger?" fragte er den Leibhusaren.

Euer Majestät befahlen, ich sollte mir helfen. Da sammelte ich Blut imb goß Wein dazu, damit es dünner würde." Das freudig erregte Gesicht des Königs wurde ernst, fast schwermütig. Es ist gut", sagte er,uird Er, Kornett, laß Er das blasen, wenn der General remarquable ist."

Dor dem Torgauer Tore hatte der König mit Gefolge Posto gefaßt. Gegenüber stand das Regiment Garde aufmarschiert in Paradehaltung. Eine Reiterschar kam heran. An der Spitze Zielen, ein alter Mann mit eingezogenem Kopfe, grauem Gesicht und vorgeschobeneni, breitem Mund. Er hatte das Tigerfell umgelegt, das ihm als Husarengeneral zukam. Als die Musiker ihn erkannten, begannen sie den neuen Marsch zu blasen. Schwer, fast feierlich erklang die Musik. Der König sprang vom Pferde. Der General tat das gleiche. Da streckte der König feine beiden Arme aus, er umarmte den alten Husaren und küßte ihn.

Das Trio setzte ein. Hans Joachim von Zielen begann mit dem Handschuh die Augen zu reiben und brummte:

Was spielen die Kerle? Butterweich macht es!"

Schäm Er sich seiner Tränen nicht, Zieten", sagte der König. Der Marsch wurde mit Blut und Wein für ihn geschrieben, wie seine victoire."

Friede.

Der König war nach den Hubertusburger Verträgen wieder nach Potsdam zurückgekehrt. Die Musiker und Sänger des Dom- chores hatten Weisungen erhalten, zu einem Dankgottesdienst sich des Morgens um sieben Ähr in der Kirche einzufinden. Alle waren vollzählig zur Stelle, aber vom Hofe war kein Mensch zugegen.

Da öffnete sich die Pforte der Kirche, und herein kam der König, allein in abgetragener, blauer Felduniform mit roten Aufschlägen, den Stern des Schwarzen Adlerordens auf der Brust. Den Kopf hatte er entblößt, Hut und Krückstock hielt er auf dem Rücken.

Langsam ging er nach vorn, nahm in der Mitte einer Bank Platz, wandte sein Gesicht den Sängern zu und gab das Zeichen.

Das Dedeum begann. Voll und klar klangen die Töne durch den weiten, leeren Raum. Der König stützte seinen Kopf auf die Faust, die den Kriickstock umspannt hielt. Das Dedeum ward beendet. Friedrich gab das Zeichen zum zweiten Stück. Es war die Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs. Jene Steigerung kam, wo Trompeten und Bässe sich einigen in der Melodie beS Ein' feste Burg ist unser Gott! Da sahen die Sänger, daß der König die Hände faltete wie zum Gebet, Tränen drangen aus feinen Augen. Die Musiker vermochten nicht mehr weiterzuspielen, sie brachen ab, Mann um Mann. Da erhob sich der König und ging hinaus, still und einsam.

Das war der Gottesdienst nach dem großen Kriege, der Preußen erhielt und schuf.

Abschied von den Flöten.

Im Jahre 1776 brachen die Dämme der Oder beim Eisgang, und vieler Menschen Leben wurde vernichtet. Den König betraf diese Nachricht doppelt schwer, weil die Kultivierung des Oder­bruches eine seiner Lieblingsaufgaben war.

Wie es feine Gewohnheit war, suchte er seiner schweren Stimmung dadurch Herr zu werden, daß er auf der Flöte phan­tasierte. Aber er brach das Spiel bald ab und gab Befehl, daß die Flöten für immer in einem der Potsdamer Bibliothekschiränke verschlossen würden.

Ich werde zahnlos", klagte er,kann nicht mehr blasen. So beraubt mich das Alter meiner letzten Freude. Es ist Zeit, das abgenutzte Futteral dieses Leibes abzustreifen."

Ein Leutnant....

Don Hans Franck.

Ein Leutnant war in der Schlacht bei Leuthen auf den Tod verwundet. Albrecht von Köckritz hieß er. War der einzige Sohn seiner verwitweten Mutter. And zählte zweiundzwanzig Jahre.

Di« Generalin von Köckritz, der im Brandenburgischen mehr als ein Dutzend Güter erb- und eigentümlich gehörten, hatte alle Kräfte daran gesetzt, ihrem Jungen vor dem Geschick seiner Däter zu bewahren. Denn die Köckritzer hatten durch Jahrhunderte hin einer um den andern für ihr Land das Leben gelassen. Als letzter, bei Mollwih im ersten Schlesischen Kriege, ihr Gatte. Aber das unermeßliche Mühen des Mutterherzens war umsonst ge­wesen. Der Traum von Ruhm, das Gebot der Pflicht, das Blut der Däter. die Bewunderung des Königs erwiesen sich mächtiger als die Bande der Kindesliebe. Da Friedrich der Große die Trommel zum dritten der Schlesischen Kriege rühren ließ, eilte Albrecht von Köckritz alles Flehens, alles Händeringens, alles Weinens der Mutter ungeachtet zu den knatternden Fahnen seines Königs.

Der Flaumbärtige hielt sich gut. Früher als einer seiner Väter erkämpfte er das Leutnantspatent. DerGeneralfeld­marschall", den noch kein Köckritz sich ersiegt hatte ihm, Albrecht von Köckritz, war er gewiß! And nun lag er mit seinen zweiundzwanzig Jahren tödlich verwundet inmitten einer Schar Hingemähter auf einer Kuppe des Schlachtfeldes bei Leuthen.

Rur noch nach Minuten zählte sein Leben. Eine Kartätsche hatte ihm den Leib der Länge nach aufgerissen. So unsäglich waren seine Schmerzen, daß davor das Bewußffein um das eigene Selbst, um sein Fühlen und fein Tun, verlosch Aus der Macht des Richtwissens aber drang noch immer Gestöhn, Schreien, Rufen herauf. Wenn sich die wirren Schmerzlaute Bod) noch zwischenhin zu verständlichen Menschensilben ballten, dann war es Wied« und Wied« dasselbe Wort, das die ineinander verkrainpften Lippen des Leutnants hindurchließen:Mutt«!" Bald klang es wie wehmütiges Bedauern, wie ein Vorwurf gegen ihn selbst, wie ein:Warum habe ich dir nicht gehorcht?" dasMutter!" Bald war es unsinnig« Schrei; gleichviel, wem « rief, gleichviel, zu wem « schrie, nur rufen, nur schreien:Mutter!" Am häufigsten ab« war es wie das Bitten eines schlafenden Kindes aus tiefem Traum herauf, das von einem Alb gequält wird und dennoch weiß: nur den Mund auftun, dann kommt eine streichelnde Hand alle Angst ist mit dem Herumwerfen fort nicht nötig, die Augen zu öffn« nur Eines muh geschehen die Lippen auftun und dem Wort, dem einen, den Weg freigeben, welches das Herz schon lange ruft:Mutt«!" Rach und nach wurde das Schreien, das Stöhnen des Verwundeten schwächer, spärlich«. Mit letztem:Mutt«" fiel « in einen so tiefen, schwarzen Schacht hinab, daß nun kein Laut mehr zum Land d« Lebendigen empordrang. Es schien, als werde d« v«wundete Leutnant schmerzlos in das Jenseits hinüberfchlummern, wo seine Vät« b«eits mit anerkennendem Händedruck, ausgerichtet, auf den jüngsten Sproß ihres Geschlechtes warteten, der den gemeinsamen Ramen mit Ehren dem Tode entgegengetragen hatte, d« allein für einen Köckritz sich geziemte.

Da kam König Friedrich mit seinem Gefolge zu der Kuppe heeangesprengt. Er sah an ihrem Fuh hastig ab und begab sich auf ihre Spitze. Keiner wagte, ihm zu folgen. Denn niemand getraute sich, mit seinen Augen zu sehen, was jeder von ihnen! wußte: Es stand schlecht um die Schlacht! Es stand verzweifelt! Stand hoffnungslos! Neunzigtausend Mann mit dveihigtausend angreifen Wahnsinn! Auch wenn man mit Recht nicht einen Feind einem Preußen gleich achtete. Dazu von der ohnehin! zu geringen Schar noch! den linken Flügel eigensinnig im Nichts­tun zurückhalten Wahnsinn! Wahnsinn! Es muhte ein Anglück geben! Hatte ein Anglück gegeben! Anten bleiben! Nicht sehen! Nicht sehen!

König Friedrich stapfte die Kuppe hinan. Wenige Schritte vor dem verwundeten Albrecht von Köckritz den er für tot halten mußte stieß er, daß er ihn besser stütze, seinen Krückstock ttef in das blutzerweichte Erdreich. Dann übersah er das Kampf­gelände zu seinen Füßen und dachte an seine Schlacht. Es stand schlecht um die Sache d« Preußen! Stand verzweifelt! Der ver­stärkte rechte Flügel trug den Angriff zu langsam vorwärts. Erkannten die zwar verblüfften, aber nicht weichenden, Oester­reich« den Schlachtplan, schöpften sie aus solch« Erkenntnis Mut, schwenkten sie ein, lagen die Neunzigtausend mit den Dreißig­tausend der Länge nach Front an Front: dann war die Schlacht, war Schlesien, war der Krieg v«loren. Es stand schlecht! Stand verzweifelt! Aber nicht hoffnungslos. Der rechte Flügel muhte schneller vorgetrieben werden. Diel schnell«. Die Mitte die Fühlung nicht verlieren. Der linke Flügel, ob er auch! vor Kampf­begier brannte, sich weiter abgelöst vom Feinde halten. Bis zu der Minute, bis zu der Sekunde, in welcher er schrie:Drauf!" Befehle hetzten zu dem Gefolge hin, den Hügel abwärts: an­feuernde, zurückhaltende, mahnende, fluchende, zustimmende. Gin« nach dem andern d« Wartenden sprengte davon. Tausends rangen mit Tausenden um den Sieg. Aber nicht dort draußen entschied sich die Schlacht. Eine falsch!« Order, eine rechte Order zur falschen Zeit zu früh, zu spät: sie war trotz d« Dapfeickeit Tausender verloren! Nicht dort draußen auf den Feldern um Leuthen entschied sich die Schlacht! Sondern auf dem Kampffeld im Hirn des einen, von seinem Krückstock gestützten Menschen.

Durch die Befehle des Königs wurde der besinnungslose Leutnant Albrecht von Köckritz auf die Erde zurückgestoßen. Nein, nicht zum Festen hinauf! In die Brandung der Schmerzen hin­unter! Die rissen ihn, wohin es sie gelüstete. Ab« wo immer er sich auch in dem Auf und Ab, dem Hin und Her befand, allüberall war, was « durch sie erlitt, so unerträglich, daß « zu schreien, zu heulen anhub. And wieder gipfelten die Qualen des Zerfetzten in dem einen Wort:Mutter Mutt«!"

Friedrich von dem Geschrei des Halbbewußten im Denken sein« Schlacht gehindert Friedrich ruft wider Willen ge­zwungen, seine Blicke von dem Stand 6« Heere wegzuwenden ruft dem vor seinen Füßen sich Wälzenden zu:Stirb « anstän­dig, Junker!" Albrecht von Köckritz nun mit einem Wellen­wurf der Schmerzen wieder auf festem Erdboden weih : Diese Worte kann nur einer aller Sterblichen sprechen! Dieses Tones ist nur einer hienieden mächttg! Solches zu befehlen hat nur einer das Recht!

2m nächsten Nu steht er, strack aufgerichtet, hebt die Rechte falutterend und ruft:Es lebe der König!"

And rundum auf der Kuppe reißen die Verwundeten sich aus ihren Schmerzen empor. Einige wenige vermögen es, ihre Beine zu zwingen, sie noch einmal für Minuten zu tragen. Andere knieen vor dem König. Auf die Hände stützen sich die Deinl.sen. Mit den Armstümpfen wuchten sich die Handlvsen hoch. Die auch das nicht vermögen, erheben, wenden ihre Köpfe.