Gießener jamilienblätter
Unlerhaltungrbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang ^926 " vienslag, -en 6. April Nummer 28
Ein preußischer Husar.
(Fliegendes Blatt anno 1757.)
Ein preußischer Husar siel in Franzosenhände, Prinz Clermont sah ihn kaum, so fragt er ihn behende: Sag an, mein Freund, wie stark ist deines Königs Macht? Wie Stahl und Eisen! sprach der Preuße mit Bedacht, Der Prinz war ganz bestürzt, was dieser Preuße sagte, und unter anderm mehr mit diesen Worten fragte: Freund, hat der König mehr dergleichen Leut wie du? Jawohl! sprach der Husar, viel bessere noch dazu!
Ich bin der schlechteste von seinen Leuten allen, sonst wär ich euch gewiß nicht in die Händ' gefallen!... Darauf reicht ihm der Prinz wohl einen Louis blank, der Preuße nahm ihn an, und ging dann seinen Gang! Da sieht er ungefähr
> ein' Schildwach, die ganz mager und im Gesichte fast als wie der Tod so hager, derselben gab er flugs den blanken Taler hin und sprach: mein guter Freund, so wahr ich Preuße bin:
Du brauchst ihn nötiger als ich und meine Brüder, drum geb ich dir das Geld von deinem Prinzen wieder, denn unser Friederich versorgt uns alle gut... drum lassen wir für ihn den letzten Tropfen Blut!
König Friedrich und die Musik.
Legenden von Friedrich Freksa.
Der Torgauer Marsch.
Das Tageslicht verblich hinter den Dunstschleiern. — Grau und schattenhaft erschienen die Waldzüge und Hohen, dichte Bebet quollen aus dem feuchten Movrgrund, aber dumpf scholl aus dem Ungewissen immer noch das Brüllen der Feldkanonen,.riefen Hörner und Trommeln zum Sammeln, zum Angriff, schnitt oas Peletvnfeuer durch die dicke Luft. Groß und geisterhaft glitten Schatten von Reitern über die Ebene, fern verklang das Hammern von Hufen, über den vereisten Boden quoll ein Rufen: Vivat Fridericus, Vivat imperatrix! übers Feld.
Der blutige fünfte Novembertag des Jahres 1760 war zu Ende. Keine Feldherrnkunst vermochte einen Erfolg mehr zu erringen, große Teile der beiden ineinander verbißenen Armeen blieben auf dem Dlachfeld. Mensch und Tier waren zu erschöpft, um sich auf Höhen, in Dörfer zurückzuziehen. Deiwachtfeuer loderten auf, deren blutiges Licht, purpurnen Tüchern gleich, durch den Nebel den frierenden und verwundeten Soldaten wintte, und heranschleppte sich alles, was nicht mehr weiter konnte oder mochte. Husaren, Kürassiere, Linieninfanterie, Oesterreiche^ Preußen, Panduren, Kroaten. Die harte Kälte zwang die Manner, sich aneinander zu kauern. Sie versprachen einander auf Handschlag, gefangen sollte am anderen Tage bleiben, wessen Armee die t>a- taille verloren.
Die kleine Kirche zu Elsnig war in ein großes Lazarett um- gewandelt worden. Stroh war aus die Kirchenbänke und den Boden geschüttet, und durch die Reihen der Verwundeten gingen Feldscherer und verbanden, suchten nach Kugeln oder amputierten zerschmetterte Glieder. Drei große Feuer 6rannten und verbreiteten neben der Wärme dicken, beizenden Raiich, der seinen Abzug durch die von Kanonenkugeln zerschmetterte Decke des Chores
einem kargen Schlummer. .
Ein kalter, llarer Morgen brach an. Der König hatte sich erhoben und ließ sich von zwei Mann die starren Glieder reiben. Da drang von außen Getümmel herauf, Rufe wurden taut, Huf« hämmerten Über dem Boden, und endlich brach sich dauernd der Ruf Bahn: „Vivat Fridericus! Victoria! Vivat! Vivat!
Offiziere, Generale eilten mit freudigen Gesichtern durch di« Kirche die Verwundeten richteten sich auf. Schon wußte ein ledor, daß dem General Sieten die Umgehung geglückt war, daß DaunS Armee geschlagen und in Auflösung die so tapfer Derteibigtert Süptitzer Höhen verlassen hatte Der König gab Desthl. Kurz, klar freudig. Der Bann der Nacht war gebrochen. Als er sich vor der Kirche aufs Pferd schwingen wollte, meldete der Kornett vom Regiment Garde, die Noten wären parat. Der Komg griff
Über den Estrich ausbreitete.
„Laß Er sich nicht ärgern, Haake", bemertte der König ruhig zu dem sich Über die Ordonnanz erregenden Kürassierobersten, „es schadet der Kirche auch dieser Tintenfleck nicht mehr viel!" Die Generale zogen sich zurück, und der König blieb allein. Er hüllte sich in seinen Pelz, denn ein starker Luftzug brach durch das zertrümmerte Dach Sein linker Arm ruhte auf der zweiten Pauke. Aus der Kirche herauf drang leise das Schnarchen der Schläfer und das Auf- und Abwandeln der wachhabendem Husaren. Der Wind rieb sich an den zerschmetterten Dachsparren, sing sich in den Wölbungen und drückte auf die Pfeifen der Orgel. Seltsame Laute durchwoben den Raum. Der in Gedanken versunkene König trommelte einen Rhythmus zu diesen Töne«. Seltsam abgewandt von dieser Umgebung erschienen die scharfen ' Weichheit nahm dem Gesicht die Härte.
kam, hatte die Flüssigkeit den Fluß, den sie haben Mite. Der König machte sich daran, musikalische Themen auf den Notenlinien zu entwickeln, ruhig, als säße er daheim zu Sanssouci t* der Bibliothek und stände nicht nach unentschiedener Schlacht vor einem zweiten, vielleicht härteren Tage. Endlich hatte er btt Arbeit beendet. Er wintte dem Lubhusaren. „Trag Gr das zu» Kornettbläser des Regiments Garde. Nehm' Er die Tinte mtt. Morgen, wenn ich das Regiment dem General Zielen vorsiihrt, sollen seine Kerle das blasen!" „ ...
Danach verschränkte der König die Arme und uberueß sich
Züge, eine vergeistigte -----...
Plötzlich wandte er sich um und wintte dem Leibhusaren.
„Schaff' Er mir Notenpapier und etwas Tinte", befahl et. Der grauköpfige Husar schritt sporenklirrend in die Sakristei und kam nach einiger Zeit mit altem, stockfleckigem Notenpapier, dessen eine Seite beschrieben war, zurück. Tinte hatte er nicht gefunden!
„Krüger, Er ist Husar. Er schafft mir etwas tote Tinte", sagt« der König. „Gr wird etwas finden!"
Der Husar schlug die Hacken zusammen und kam bald mtt gefülltem Tintenfaß zurück. Der König probierte:
„Zu dick, Krüge?', enffchied er. .
Abermals begab sich der Husar auf die Suche. Als er wieder- kam, hatte die Flüssigkeit den Fluß, den sie haben sollte Der
suchte. Die Kerzen des Altars brannten. Eine Gruppe von Generalen stand zusammengedrängt beisammen und flüsterte leise miteinander, während sie Blicke auf eine dunkle, in einen Pelzmantel gehüllte Gestalt sandte, die auf einer silbernen Kesselpauke des Regiments Gardedukorps saß und die andere Pauke al» Schreibtisch benutzte. Ein Tintenfaß stand zur Rechten des Schreibers, der rastlos und schnell den leise knirschenden Gänsekiel üb« das rauhe Papier gleiten ließ. Endlich legte der Schreiber di« Feder aus der Hand und wandte den Kopf den wartenden Offizieren zu. Große, strahlende, blaue Augen aus einem harten, abgearbeiteten Gesicht zielten nacheinander forschend auf einen jeden der wartenden Herren, die getroffen verstummten: „Messieurs, Ordre de Bataille für morgen, lautet wie heute", sagte eine klare Stimme.
Unter den Generalen erhob sich ein Murmeln, und ein« ließ verlauten: „Euer Majestät, noch keine Nachricht von Zielen!"
„War auch zu provohieren, da der Nebel dick ist tote Milchsuppe. Lassen Sie die Majore und Hauptleute sammeln, wozu sammeln ist, und vergessen Sie selbst den Schlaf nicht. Bor neuer Datallle ist Schlaf Pflicht für den Soldaten, tote Bravour In der Bataille selbst. Da, meine Herren, nehmen Sie Einzel- instruktion! Ordonanz, such' Er auf Torgau zu diese Ordre dem Obersten Schulenburg zu Überbringen, und wenn Er ihn bis zum Morgen sucht. Bon soir!“ Der König schüttelte, ohne auf* zustehen, seinen einzelnen Heerführern die Hand.
„Kerl, was stampft Er ins Gelag hinein", begann eine Stimme zu wettern. ®ie Ordonanz war Dorgetreten, hatte das Schreiben an Schulenburg in Empfang genommen und mit den Reiierfporen da- Tintenfaß umgerissen, so daß sich ein dicker, schwarzer Streifen,


