Der den Staatsmännern Frankreichs begegnete Saint-Pierres Projekt nur Hohn und Spott; Friedrich der Gröhe lieh es später mit beißender Ironie abfertigen. Aber selbst Philosophen Wie Leibniz und Voltaire, ja noch Rousseau, der es in einer Neu- bearbeitung herausgab, schüttelten den Kopf darüber. Das lag indes weniger an dem Grundgedaickn als an der Starrheit und den inneren Schwächen von Saint-Pierres System, das die Methode eines mathematischen Lehrbuches auf die Politik an- wandte und die Großmächte zum Spielball der Kleinstaaten machte, also das oberste Gesetz der Politik, das der Macht, einfach ausstrich. Für den heutigen Staatsmann hat es noch den besonderen Mangel, daß es die seit der französischen Revolution! entscheidende Nationalitäten frage überhaupt nicht berücksichtigt. Um die damaligen Herrscher für seinen Plan zu gewinnen, stellte Saint-Pierre ihn rein dynastisch ein. Aach ihm hätte das Haus Habsburg in alle Ewigkeit über Deutsche, Wallonen, Italiener, Ängarn und Slawen geherrscht, hätten Deutschland und Italien ewig bunte Konglomerate von Kleinstaaten gebildet, hätten Schweden, Polen und Engländer in deutschen Ländern geboten. Selbst die polnische Anarchie wäre verewigt worden. Keine Vereinigten Staaten von Amerika, kein Mexiko, keine südamerikanischen Freistaaten wären entstanden! Der Völkerbund schützte den Status quo mit allen Machtmitteln der Dundesexekutive. Die Ruhe eines Kirchhofes hätte geherrscht: nicht mit Olrrrecht erinnerte Leibniz angesichts dieses Planes an die Aufschrift einer Kirchhofs- Pforte: Pax perpetua.
Trotz digser offenkundigen Mängel seines Systems enthält Saint-Pierres Plan einen lebensfähigen Grundgedanken, und dieser hat nachhaltig weitergewirkt: das beweisen schon die mehrfachen Auflagen und Umarbeitungen seines Buches. „Die ganze Welt kannte es", sagt Lessing 1769 von ihm.
In der Folgezeit haben sich die Friedensprojekte und Bölker- bundspläne geradezu überstürzt, vornehmlich in Deutschland und Frankreich, wo die Aufklärungsideen und die Lehren des Naturrechts ihnen förderlich waren, And mit all den Einschränkungen, die Menschemratur und praktische Staatsweisheit erforderte, ist daraus schließlich die Dölkerbundsakte von 1919 geworden, mit der die Dölkerbundsidee nach 600 Jahren aus der Sphäre der Ideologie in die der praktischen Politik getreten ist. Vielleicht wird es noch eines weiteren Jahrhunderts voller Enttäuschungen,. Rückschläge und Machtkämpfe bedürfen, um ihr eine endgültige Gestalt zu geben, aber der erste entscheidende Schritt in die Wirklichkeit ist getan, und Deutschlands Beitritt zum Völkerbund bildet den zweiten.
Friedrich Ludwig Knapp der Vater Georg Friedrich Knapps. Don Amtsgerichtsrat Jäckel in Gießen.
Dor einigen Tagen hat Herr Professor Dr. Mombert (im zweiten Blatte des Gießener Anzeigers vom 25. Februar) einiges über den am 20. Februar verstorbenen Georg Friedrich Knapp mitgefeilt und dabei erwähnt, daß er der Sohn des früheren Gießener Professors der chemischen Technologie Friedrich Ludwig Knapp gewesen sei Zum besseren Verständnis des Nachstehenden sei darauf verwiesen, was Meyers Konversationslexikon von letzterem sagt: er war am 22. Februar 1814 in Michelstadt geboren und. starb am 9. Juni 1904 in Braunschweig. Er erlernte 1832—35 die Pharmazie, studierte in Gießen und Paris, habilitierte sich dann in Gießen, erhielt 1841 die außerordentliche und 1847 die ordentliche Professur der Technologie daselbst, ging 1853 als Professor der technischen Chemie und Betriebsbeamter der Königlicher Porzellanmanufaktur nach München und 1863 als Professor der technischen Chemie an das Carolinum nach Braunschweig, 1889 trat er in den Ruhestand. K. hat mehrere Untersuchungen auf dem Gebiet der chemischen Technologie wie über die Schnellessigfabrikation, über antike Bronzen, hydraulischen Mörtel, Zinnbleilegierungen, namentlich aber sehr wichtige Arbeiten über die Lederbereitung geliefert; feine Hauptleistung war das vortreffliche .Lehrbuch der chemischen Technologie" (Braunschweig 1847, 2 Böe.; 3. Aufl. 1865—1875), das in bisher unübertroffener Weise Wissenschaft unö Praxis miteinander verknüpfte.
Ein Zufallsfund hat mir auf dem Speicher meiner Großeltern mütterlicherseits eine Reihe von Briefen des Vaters Justus Liebigs, auch einen Brief seiner Mutter, ein Schreiben Liebigs und viele andere Briefe aus der Liebigschen Familie in die Hände gespielt, die an meinen Großvater Johannes Jakob Hilß in Ortenberg und feine Frau, Luise geb. Liebig, die am 6. Juli 1814 in Darmstadt geborene, um 11 Jahre jüngere Schwester Justus Liebigs gerichtet sind. Der wunderbare Humor, den Herr Professor Dr. Mombert an Georg Friedrich Knapp hervorhebt, scheint ein Erbteil von Vaters Seite her zu sein, wie er auch in den nachstehenden Briefen, die ich im Wortlaut wiedergebe, in die Erscheinung tritt:
Am 9ten Nvbr. 1842.
Hochwohlgeborene
Hochzuverehrende
Insonderheit geschätzte Madame!
Mit wieviel Anrecht habe ich Zweifel in die Sicherheit Ihrer Zusage gesetzt. Wir haben das Fuder Wein (Johannes Jakob
Hilß war Eigentümer einer Bierbrauerei, Destillation, Essigfabrik und Weinhandlung) richtig und wohleonditioniert erhalten. Ich will mir als Tischwein keinen besseren wünschen, auch Elisen scheint er zu munden. Von wegen der Bezahlung erlaube ich mir Ihnen zwei Wege vorzuschlagen: einmal könnten Sie uns erlauben, uns den Betrag von unserem gemeinschaftlichen Papa Liebig anrechnen zu lassen; zum andern könnten Sie Ihren Herrn Gema! vermögen, mich um meinen schriftlichen Rath in Sachen der Essigfabrik zu bitten, welcher stets 2 Friedrichsd'vr kostet. In diesem Fall hätten Sie nur nötig, die 9 fl„ welche ich herausbekomme, mit nächster Gelegenheit hierher zu senden. Aebrigens wie Die es am liebsten sehen; im Fall keine besondre Ordre von Ihrer ebeiffo lieben als weißen Hand eintreff eit sollte, werden wir solches als eine Billigung des ersteren Vorschlags betrachten und durch Vater Liebig zahlen. — Die Kinderchen werden zusehends groß und stark und stolzieren in den neuen Kleiderchen wie Pfauen einher. Leider können wir sie wegen der herrschenden Kälte vor der Hand nicht in die Schule schicken. Die Kleinen sind Ihrer Frau Tante noch immer so zugethan und zum Zeichen, daß sie sie nicht vergessen haben, rufen sie immer „Hilß", wenn sie niesten müssen. Hier ist alles sündhimmeltheuer. Die Kartoffeln gelten Stück für Stück 3 fl„ die Maltersäcke voll nemlich.
Unterschrift fehlt.
Knapps Frau schreibt auf den folgenden Seiten (wobei rein familiäre Mitteilungen an die Schwester der Briefschreiberin weggelassen werden):
Liebe Louise!
Was wirst Du denken, daß wir so lange mit dem Schreiben gezögert? Der Vater war hier und noch vieles andere, was Arsache war, uns davon abzuhalten.
Nach Deiner Abreise lachten wir noch oft über HilßenS desperaten Brief um seine verlorene Frau. Dem Vater erzählten wir davon und er wollte sich krank lachen. Das war ein schlagender Beweis;, wie lieb Dich Dein Mann hat.
Was sagtest Du denn zu Karls glänzendem Examen mit Note I?
Jettchen kam vergnügt von der Reise, ebenso Agnes und Justus. Justus brachte mir von England eine herrliche gewirkte Shawl mit, auch habe ich von einem bekannten Fabrikanten zwei Kleider für mich und zwei für die Kinder, Woll- mousseline und Jakonett. Ich hatte einen glücklichen Herbst. Die Kleidchen von Dir sind gar zu nett und stehen den Bündeln so gut!
Der Wein ist köstlich und ich möchte keinen besseren Tischwein wünschen.
Ich würde gerne P. einladen, aber so lange ich die Amme habe'), kam ich nicht dran denken. Ich schlafe eben mit den Kindern und der Amme oben wo Karst) gewohnt hat.
Adieu Louise, grüße Alles und behalte lieb Deine
Am 10. Nov. 42. S(lise),
Im Jahre 1846 war Friedrich Ludwig Knapp mit Frau und Kindern offenbar zu längerem Besuche bei den Ortenberger Verwandten, worüber ein Dankbrief der Elise Knapp an ihre Schwester Luise Auskunft gibt. Es heißt darin weiter: „Von der Dürre und dem Mangel an Kartoffeln und Salat habt Ihr keinen Begriff; selbst mit Geld in der Hand ist nichts zu haben. Heute essen wir Dohnen für 6 Kr., und weil dies nur zwei Hände voll kleiner harter Schoten sind, muhte Lisbeth noch für 6 Kr. Kartoffeln dazu holen, um nur knapp genug zu haben. Die Gurken sind klein und krumm und kosten Steinen Batzen, dafür haben sie die halbe Länge von Euren Salat- gurten. Von Häuptern oder gar Wirsing wissen selbst Liebigs nichts. Ihr wißt nicht, wie gut Ihrs habt. Fritz ist schon in voller Thätigkeit an seinem Buch")."
Diesem Briefe fügt Friedrich Ludwig Knapp folgende Zeilen bei:
Hochverehrteste Frau Oekonomieräthin und Schwägerin!
Derselben nehme Gelegenheit sofort pflichtschuldigst zu melden, daß ich mit der sämmtlichen Bagage hier unbescholten ange- kommen bin und untertoegS mehr Staub, als sonstwas gegessen habe, ©rahtlfere Ihnen von Herzen zur Ruhe, die mit unserer Jlbfahrt bei Ihnen eingetreten fein mag. Dankbarst für so viele genossene Freundschaft mb stets bereit Ihnen nebst Gemahl (ist zu grüßen!) mit jeder Summe«) darleihungsweise unter die Arme zu greifen
empfiehlt sich zu geneigtem Zuspruch
Ich.
i) für den am 7. März geborenen Georg Friedrich.
i) der Bruder, als. er sich zu dem Examen vorbereitete, von welchem im Briefe die Rede ist.
’) offenbar dem oben erwähnten Lehrbuch der chemischen Technologie. , r
«) Das Humoristische liegt besonders in dieser Stelle: der damalige Extraordinarius, dem es pekuniär fo ging, wie fein ominöser Name sagt, bietet dein wohlhabenden Schwager em unbegrenztes Darlehen an! Wie oben erwähnt, erhielt Knapp erst im folgenden Jahre die ordentliche Professur.


