Ausgabe 
6.3.1926
 
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frt verlor es ine Hoffnung, denn es glaubte, der StzrdtHe^en- meister wolle es seiner Magerkeit wegen verhöhnen. Doch er­widerte er bescheiden und lächelnd, um «-8 mit niemand zu ver­derben:Ach, der Herr Pinei h belieben zu scherzen!" »Mit­nichten!" ries P meist, »es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmer vorzüglich zur Hexerei: aber er muh mir vertrags­mäßig und freiwillig von den werten Herreir Katzen abgetreten werden, sonst ist er unwirksam. Ich denke, toerm je ein wackeres Kätzlein in der Lage war, einen vorteilhaften Handel abzu- schlietzen, so bist es du! Begib dich in meinen Dienst; ich füttere dich herrlich Heraus,, mache dich fett und kugelrund mit Würstchen und gebratenen Wachteln. Auf dem ungeheuer hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das köstlichste Dach von der Welt ist für eine Katze, voll interessanter Gegenden und Winkel, wächst auf den sonnigen Hoheit treffliches Spitzgras, grün wie Smaragd, schlank und fein in den Lüften schwankend, dich einladend, die zartesten Spitz«: abzubeißen und zu geniesten, wenn tot dir an meinen Leckerbissen eine leichte Änverdaülichkeit zugezogen hast. So wirst du bei trefflicher Gesundheit bleiben und mir dereinst einen kräftigen brauchbaren Schmer liefern!"

Spiegel hotte schon längst die Ohren gespitzt und mit wässern­dem Mäulchen gelauscht; doch war seinen: geschwächten Verstände die Sache noch nicht klar und er versetzte daher: »Das ist soweit nicht übel, Herr Pmeiß! Wenn ich nur wüßte, wie ich alsdann, wenn ich doch, um Euch meinen Schmer abzutreteir, mein Leben lass«: must, des verabredete:: Preises habhaft werden und ihn geniesten soll, da ich nicht mehr bin?"Des Preises habhaft werden?" sagte der Hexenmeister verwundert,den Preis ge­nießest du ja eben in den reichlichen und üppigen Speisen, womit ich dich fett mache, das versteht sich von selber! doch wifl ich dich zu dem Handel nicht zwingen!" lind er machte Miene, sich von dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig und ängstlich:Ihr müht mir wenigstens eine mäßige Frist ge­währen über die Zeit meiner höchsten erreichten Rrmdheit und Fettigkeit hinaus, daß ich nicht so jählings von hinnen gehen mutz, wenn jener angenehme und ach! so traurige Zeitpunkt heran­gekommen mrd entdeckt ist!"

Es sei!" sagte Herr Pineist mit anscheinender Gutmütigkeit, »bis zun: nächsten Boflmond sollst du dich alsdann deines an­genehmen Zustandes erfreuen dürfen, aber nicht länger! Denn in den abnehmenden Mond hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen vermindernden Einfluß auf mein wohlerworbenes Eigen­tum ausüben würde."

Das Kätzchen beeilte ftH zuzuschlagen und unterzeichnete einen Vertrag, welchen der Hexer:meister im Vorrat bei sich führte, mit seiner scharfen Handschrift, welche sein letztes Besitz­tum und Zeichen besserer Tage war.

Du kannst dich mm zum Mittagessen bei mir einfiitden, Kater!" sagte der Hexer,Punkt zwölf Uhr wird gegessen!" Ich werde so frei sein, wenn Ihrs erlaubt!" sagte Spiegel und fand sich pünktlich um die Mittagsstunde bei Herrn Pineiß ein. Dort begann nun während einiger Monate ein höchst angenehmes Leben für das Kätzchen; denn es hatte auf der Welt weiter nichts zu tun, als die guten Mnge zu verzehren, die man ihm vorsetzte, den: Meister Bei der Hexerei.zuzuschauen, wenn es tnochte, und auf dem Dach: spazieren zu gehen. Dies Dach glich einem un­geheuren schwarzen Nebelspalter oder Dreiröhrenhut, wie man die großen Hüte der schwäbischen Bauen: nennt,

(Fortsetzung folgt.)

AlLe und neue VölkerbundsplLns.

Von Friedrich v. Oppeln-Dronikvwski.

Der Völkerbundsgedanke, der jetzt durch Deutschlands Beitritt zum Völkerbutch in ein neues Stadium tritt, ist keineswegs so neu, wie man vielfach glaubt. Er ist weder in den Köpfen Wilsons und Erzbrrgers entstanden, noch selbst in denen Kants und seines gekrönte:: Schülers, des Zaren Nikolai II., sondern er blickt auf eine Ahnenreihe zurück, auf die manches alte Geschlecht stolz fein könnte. Dur seine praktische Verwirklichung ist nagelneu wie ein Dricfadel, der alte Verdienste endlich offiziell abstempelt. Hätten nicht viele Geschlechter an ihm gearbeitet, sein Für und Wider debattiert, er wäre heute keine übernationale geistige Macht. Ein ideengeschichtlicher Rückblick auf fein Werden ist also heute am Platze.

Die für wenige Jahrhunderte in der Fax romana, dem Rö­mischen Weltreich, verwirllichte politische Einheit der antiken Welt wurde durch das Ehristentum und die Germane:: zerstört. Auf den Trümmern Roms erhob sich die Civitas dei, Augustins Gottesstaat, und das Heilige Römische Reich Deutscher Ration. Aber die erstere hat sich immer nur religiös und kulturell aus- gewirkt, :rnd die Weltherrschaft des Kaisertums hat nur in seinem Schöpfer, Karl dem Großen, für kurze Zeit tatsächlich be­standen. Das ganze Mittelalter ist von dem Kampf dieser beiden Mächte erfüllt, und die geistige blieb schließlich Sieger. Aber selbst als die Kaisermacht schon zmn Schatten verflüchtigt war, hat sie noch an der Idee der Weltherrschaft festgehalten.

Auf den: geistige:: und politisch.ru Trümmerfeld des Mittel­alters erhoben sich lebenskräitige souveräne Rationalstaaten, die ihre Prägung durch den fürstlichen Absolutismus, dairn durch die französisch: Revolution erhielten. Aber der alte Einheits­

gedanke Europas war auch jetzt «och nicht tot. Papst und Kaiser bestanden mit geschmälerter Wacht fort; die Glaubensspaltungen erweckten neue übernationale Solidaritätsgefühle; der Handel schuf gemeinsame Bande; der Humanismus und das römische Recht, später die Aufklärung, gaben der europäischen Kultureinheit eine neue Grundlage. Auf diesem Boden mtwickelte sich ein neuer Begriff der Societas gentium.

Völkerbunidspläne waren schon im Mittelaller entstanden, aber ihr Anlaß oder Vorwand war religiös gewesen. So be­fürwortete schon 1326 der französische Kronanwalt Pierre Dubois einen richtigen Völkerbund der Christenheit zur Wiedereroberung des soeben verlorenen Palästina, und später zeitigte die Türken­gefahr zahllose Kreuzzugspläne bis ins 18. Jahrhundert hinein. Daneben konstruierten die Katholiken, besonders die spanischen Jesuiten, seit dem 16. Jahrhundert den Begriff einer Völker­gemeinschaft, stellten die Idee eines gerechten Krieges im Gegen­satz zum ungerechte:: und forderten die Einberufung internatio­naler Kongresse zur Schlichtung politischer Streitigkeiten.

Reben diesen religiös-geistige:: Strönmngen, von ihnen be­fruchtet und teils mit ihnen verquickt, wirkte das neue weltliche Element immer stärker auf den Dölkerbundsgedanken ein. Hugo Grotius, der Begründer des Völkerrechts, ^zweckte mit seinem klassischen BucheDe jure belli et pacis" (1625) nicht nur eine Milderung der barbarischen Kriegsbräuche seiner Zeit, sondern er erhob gleichfalls die Forderung nach der Einberufung von Kongressen zur Schlichtung internationaler Streitigkeiten. So ist er der eigentliche Großvater des Völkerbundes geworden. Er steht an der Wiege der rechtlich-sittlichen Völkerbundsidee, die später in den Lehre:: des Aaturrechts eine mächtige Stütze fand und in Kants TraktatZum ewigen Frieden" (1798) gipfelt, auf den sich dann wieder Zar Aikostms II. bei der Einladung zur erst«: Friedenskonferenz im Haag berufen hat. Die Zwischenglie­der bilden die weltbürgerlichen Aufllärungsidsen, die derWelt- republik" in der frar^ösischen Revolution und der Pazifismus des 19. Jahrhrmderts. Aber Grotius ist auch her geistige Vater der zahlreichen europäischen Kongresse des 18. und 19. Jahr­hunderts zur Schlichtung oder Verhütung von Streitigkeiten, die mit dem .Friedenskongreß in ältrecht (1712/13) begannen und mit den obengenannten Haager Friedenskongressen endeten. Cs ist kein Zufall, daß Holland dabei stets eine Rolle gespielt hat. Aus das freie Meer und den Welthandel angewiesen, hatte dies Land von jeher ein Lebensinteresse an dem europäischen Frieden.

Dnrnoch war es kein Holländer, sondern ein französischer Mönch, kein Kaufmcrm:, sondern ein Gelehrter, Emeric Cruce, bei- in seine::: kürzlich wieder ausgegrabene::Nouveau Cynee die ge­meinsamen Handelsinteresfen als ein neues Band der Völker zuerst betont hat. Gr träumte von einem merkantilen Weltbürger­tum, lange bevor die Aufklärung em geistiges hinzufügte. Seine Bekanntschaft mit Grotius ist möglich, und wahrscheinlich hat sowohl Sullh wie Saint-Pierre (von denen gleich die Rede fein wird), sein Buch gekannt. Jedenfalls fuhrt von ihm eine Entwick-- llmgsreihe bis zu den merkantilen Dölkerbundsideen der Gng- länder Hume, Adan: Smith und Deniham.

Jdeengeschichtlich höchst eigenartig ist der Völkerbundsplan, den der Herzog von Sully, der bekannte Fincmzmimster Hein­richs IV. von Frankreich, in seinen Memoiren (1638) entwirft. Für diesen Plan soll der König bereits die Mehrzahl der euro­päischen Mächte gewönne:: haben, als er 1610 ermordet wurde. Erst die neuere Geschichtsforschung hat diese Behauptung als dreiste Mhstiftkation der Nachwelt entlarvt: Heinrich IV. plante nichts weniger als eineallerchristlichste Republik Europa", son­dern die Niederwerfung Habsburgs und die Aufrichtung der französischsn Vorherrschaft, wie seine lliachsvlger sie bis zu Napoleon I. und Poincare unentwegt angestrebt haben Aber das 18. Jahrhundert schenkte Sullys Fabeln Glauben, so besonders der Abbe Casiel de Saint-Pierre, der in seinemTraktat vom ewige:: Frieden" (1713) den ersten wohldurchdachten und genau formulierten Völkerbundsplan entworfen hat. älebrigens war er der letzte, der ihn mit einer christlichen Spitze gegen die Türkei versah. Davon abgesehen, ist er für die Zukunft grundlegend geworden.Er grenzt auch", wie ein neuerer Forscher sagt,tat­sächlich den Boden ab, auf dem sich nach ihn: die Diskussion über die Möglichkeit des ewigen Friedens bewegt hat." So ist Saint- Pierre der geistige Vater der Völkerbundsakte von 1919 ge­worden*).

Saint-Pierre war kein Stubengelehrter, sondern ein Mann der großen Welt und Teilnehmer an dem Atrechter Friedens­kongreß, der den Spanischen Erbfolgekrieg beschloß. And es waren die bitteren Lehren dieses damaligen Weltkrieges, die ihn zu feinem Traktat bestimmten, genau wie die furchtbaren Er­fahrungen des letzten Weltkrieges die Völkerbunds alte von 1919 gezeitigt haben. Zur Verwirklichung ist sein Plan freilich nicht gelangt: dazu waren die Geleise der europäischen Politik zu tief ausgefahren, die Wirkung«: der Kriege noch nicht so verheerend wie bei dem heutigen Aufgebot vonMillionenheeren und raffinierten Zerstörungsmitteln, Weltwirtschaft und Weltverkehr noch nicht sv entwickelt, daß ein Weltkrieg die ganze wirtschaftliche und geistige Struktur Europas in Frage stellte und die halbe Welt in Revolutionen sttirzte.

*) Ich habe dies grundlegende Werk 1922 in denKlassikern der Politik" (Berlin, R. Hobbing) gekürzt verdeutscht.