Gichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, öen 6. März Nummer zy
Trübes Wetter.
Don Gottfried Keller.
Es ist ein stiller Regentag.
So weich, so ernst, und doch so klar, Wo durch den Stimmer brechen mag Die Sonne weiß und sonderbar.
Ein wunderliches Zwielicht spielt Beschaulich über Bwg und Dal: Ratur, halb warm und halb verkühlt. Sie lächelt noch und weint zumal.
Die Hoffnung, das Derlovensein Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein, Sie zishn auf meinem Herzen Schach. Ich aber, mein bewußtes Ich, Beschau das Spiel in stiller Ruh, älnd meine Seele rüstet sich Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.
Spiegel, das Kätzchen.
Ein Märchen von Gottfried Keller.
Wenn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemüdjt hat oder angeführt worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwärts gebräuchlich, aber nirgends hört man es so ost tote dort, was vielleicht daher rühren mag, daß es in dieser Stadt eine alte Sage gibt über den Ursprung und die Bedeutung dieses Sprichwortes.
Dor mehreren hundert Jahren, heißt eS, wohnte zu Seld- toyla eine ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen, welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und niemandem, der es ruhig ließ, etwas zuleid« tat. Seine einzige Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel, beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit ha.reißen zu lassen. Es fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten Mäuse, welche sich in einem gewissen älmkreise des Hauses Betreten ließen, aber diese Dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt hatte, über diesen Llmkveis hinaus und erbat fich in diesem Falle mit vieler Höflichkeit von den Herren Nachbaren die Erlaubnis, in ihren Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es die Milchtöpfe stehen lieh, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche etwa an den Wänden hingen, sondern seinem Geschäfte still und aufmerksam oblag und. nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem Maus lein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann, und floh nicht v»r vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten Spaß gefallen und selbst ein bißchen an den Ohren zupfen, ohne zu kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von welchen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen entweder aus dem Wege, oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten.
Spiegel, so war der Name des Kätzchens wegen seines glatten und glänzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und beschaulich dahin, in anständiger Wohlhabenheit und ohne -Ueberhebung. Er saß nicht zu ost auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin, um ihr die Bissen von der Gabel weg» zufangen, sondern nur, wenn er merkte, daß ihr dieser Spaß angenehm war; auch lag und schlief er den Tag über selten auf /seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen Treppengeländer oder in der Dachrinne zu Hegen und sich philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Well zu überlassen. Nur jeden Frühling und Herbst einmal wurde dies ruhige Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen blühten oder die nttlde Wärme des Alteweibersommers die Dellchsnzeit nachäffte. Alsdann ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verlebter Begeisterung über die fernsten Dächer und sang die allerschönsten Lieder. Als ein rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die be
denklichsten Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im Hause sehen ließ, so erschien er mit einem so verwegenem burschikosen, ja llsderlichen und zerzausten Arrssehen, daß die stelle Person, seine Gebieterin, fast unwillig ausrief: Aber Spiegel! Schämst du dich denn nicht, ein solches Leben zu führen?" Wer sich aber nicht schämte, war Spiegel; als ein Mann von Grundsätzen, der wohl wußte, was er sich zur wohltätigen Ab- toechslung erlauben durfte, beschäftigte er fich ganz ruhig damit, die Glätte feines Pelzes und die unschuldige Munterkeit seines Aussehens wrederherzustellen, und er fuhr sich so unbefanger, mrt dem feuchten Pfötchen über die Nase, als ob gar nichts geschehen wäre.
Allein dies gleichmäßige Leben nahm plötzlich ein trauriges Ende. Als das Kätzchen Spiegel eben in der Blüte seiner Jahrs stand, starb die Herrin unversehens an Altersschwäche und ließ das schöne Kätzchen herrenlos und verwaist zurück. Es war das erste Unglück, welches ihm widerfuhr, und mit jenen Klagetönen, welchs so schneidend den bangen Zweifel an der wirklichen und rechtmäßigen Ursache eines großen Schmerzes ausdrücken, begleitete es die Leiche bis auf die Straße und strich den ganzen übrigen Tag ratlos im Hause und rings um dasselbe her. Doch seine gute Natur, seine Dernunst und Philosophie geboten ihm bald, sich zu fassen, das Unabänderliche zu tragen und seine dankbare Anhänglichkeit an das Haus seiner toten Gebieterin dadurch zu beweisen, daß er ihren lachende!: Erben seine Dien5te anbot und sich bereit machte, denselben mit Rat und Tat Bei- zustehen, die Mäuse ferner im Zaume zu halten und überdies ihnen manche gute Mitteilung zu machen, welche die Törichten! nicht verschmäht hätten, wenn sie eben rächt unvernünftige Menschen gewesen wären. Aber diese Leute ließen Spiegel gar nicht zu Worte kommen, sondern warfen ihm die Pantoffeln und das artige Fußschemelchsn der Seligen an den Kopf, so oft er sich blicken lieh, zankten sich acht Tage lang untereinander, begannen endlich einen Prozeß und schlossen das Haus bis auf weiteres zu, so daß nun gar niemand darin wohnte
Da sah nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen Stufe vor der Hanstüre und hatte niemand, der ihn hineinließ. Des Nachts begab er sich wohl auf Amwegsn unter das Dach des Hauses, und im Anfang hielt er sich einen großen! Teil des Tages dort verborgen und suchte seinen Kummer zu verschlafen; doch der Hunger trieb ihn bald an das Licht und nötigte ihm an der warmen Sonne und unter den Leuten zu erscheinen, um Bei der Hand zu fein und zu gewärtigen, wo fich etwa ein Maul voll geringer Nahrung zeigen möchte. Je seltener dies geschah, desto aufmerksamer wurde der gute Spiegel, und alle seine moralischen Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf, so daß er sehr bald sich selber nicht ntehr gleichsah. Er machte zahlreiche Ausflüge von seiner Haustüre aus imd stahl sich scheu und flüchtig über die Straße, um manchmal mit einem schlechten unappetitlichen Bissen, dergleichen er früher nie angesehen, manchmal mit gar nichts znrückzuWren. Er wurde von Tag zu Tag magerer und zerzauster, dabei gierig, kriechend and feig; all sein Mut, seine zierliche Katzenwürde, seine Verminst und Philosophie waren dahin. Weim die Buben aus der Schalle tarnen so kroch er in einen verborgenen Winkel, sobald er sie komme» hörte, und guckte nur hervor, um aufznpasfen, welcher von ihn«, etwa eine Brotrinde toegtoürfe und merkte sich den Ort, tu» sie hinftel. Wenn der schlechteste Köter von weitem ankam, so sprang er hastig fort, während ex früher gelassen der Gefahr ins Auge geschaut und böse Hurrde oft tapfer gezüchtigt hatte. Dur wenn ein grober und einfältiger Mensch daherkam, bet» gleichen er sonst klüglich gemieden, BlieB er sitzen, obgleich das arme Kätzchen mit dem Reste seiner Menschenkenntnis den Lümmel recht gut erkannte: allein die Not zwang Spisgelchen, sich zu täuschen und zu hoffen, daß der Schllmme ausnahmsweise einmal eS fvrundsich streicheln und ihm einen Bissen darveichen werde. iln& selbst wenn er statt Beffest nun doch geschlagen oder t» ben Schwanz gekneift wurde, so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur Seite and sah dann noch verlangend nach der Hand, die «s geschlagen und gekneift, und welche noch Wurst ober Hering rödg.
Als der edle und kluge Spiegel so heruntergekommen war. sah er eines Tages ganz mager und traurig auf feinem Steinl und blinzelte in der Sonne. Da kam der Dtadthexeinneister Pineitz des WegeS, sah das Kätzchen und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich eS den Unheimlichen wohl kannte, saß Spiegelchen demüttg auf dem Stein und erwartete, was der Herr Pineiß etwa tun oder sagen würde. Als dieser aber begann und sagte: »Da, Katze! Soll ich dir deinen Schmer aBfaufen?“


