Ausgabe 
6.2.1926
 
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Honorars kein rechtes Vertrauen besah, der Barbar, so mutzte ich eventuell noch den Ertrag der ersten, dritten, fünften ufto. Auflage des zu veranstaltenden Separatabdruckes verschreiben, während die zweite, vierte, sechste usw. Auflage mir resp. meinen Erben. zugut kommen sollen, zu billiger Alimentation.

Punkto Alimentation: Es war nicht so gefährlich mit dem Fretzkörbchen, und Ihr habt meiner Prahlhanserei zu leicht ge­glaubt; auch hatte ich Dilthey in guter Vorahnung schon vorher eingeladen, mir zu helfen, und er ist dann auch gekommen, hat aber nicht der Mühe wert verzehrt. Jene Krebsbüchse ist jetzt noch nicht aufgegessen, soviel steckt darin.

Ihre beinah geschenkte singende Flasche, Fräulein Marie, hat niich sehr gefreut. Das ist eine allerliebste Art zu schenken uni> unterhält die Freundschaft. Ich toüts auch gleich erwidern, und ich schenk' Ihnen in gleicher Weife:

a) ein Paar hundertjährige Ohrenringe meiner Grohmutter, die ich aus meinem Schreibtisch liegen habe und mit denen ich beim Aovellenschreiben spiele, damit die Finger gelenk werden nach dem Aktenschreiben; sehr zierlich.

b) 1 Quart von meiner zu erwartenden ewigen Seligkeit, die um so grötzer sein wird, je mehr Seelenmessen Sie für mich lesen lassen.

c) 30 Photographien der Rottmannschen Landschaften in den Arkaden zu München, die ich neulich gekauft; kosten 120 Frank.

d) Eine große Rembraudtsche Radierung, der Tod Marias, gilt auf Auktionen über 100 Gulden, habe vor dreißig Jahren geschenkt bekommen.

e) Ein Exemplar des TrauerspielesSavonarola" von Gott­fried Keller, auf Pergament gedruckst, aus seiner, des Verfassers, eigener Haut. Das tönnen Sie natürlich erst nach meinem Tode bekommen . . .

Zürich, 22. Mai 1873.

Dilthey sehe ich nur etwa alle acht Tage, weil er gerade an spätem Abeird, wenn ich ausgehe, arbeitet. Er ist immer ein bißchen malkontent und unglücklich, weil er nicht genug Gipse (Abgüsse für die Sammlung) anschaffen kann, sich imRinder- knecht" ärgert oder ärgern läßt und tausend Sachen. Hat man ihn aber einmal beim Gläschen, so mutz er doch wieder lachen. Klein, der Gottesmann, zieht mit ungeheurem Pomp nach Gießen und jammert täglich imGambrinus" über die Formlosigkeit, mit der man ihn ziehen lasse. Er Weitz auchi noch nicht, ob er den Arnheimfchen Geldschrank, den er für seine Manuskripte und Hefte angeschasft, besser hier verkauft oder mitnimmt nach Gießen. Ich sagte gedankenlos, ich würde beides tun, worauf er mich schnöde ansah und wütend schwieg. . .

Im Herbst desselben Jahres besuchte der Dichter feine Freunde in Wien und machte auf der Rückreise einen Abstecher in das herrliche Salzburger Land und an die stillen, lieblichen Wasser des Mondsees, wo er eine Reihe interessanter Persönlich­keiten kennen lernte, darunter auch Frau Henriette Eller aus München. An sie, die ihn dort zu sehr alsalten Herrn" be­handelt hatte, schrieb er am 15. November 1873 von Zürich aus folgende launigen Zeilen:

Zürich, 15. Rovember 1873.

Hochverehrte Frau Eller! Fräulein Exner ist so gut gewesen, mir Nachricht aus Wien zu geben und hat mich hierbei angestiftet, auch einmal an Sie zu schreiben. Wenn ich Ihnen damit lästig falle, so halten Sie sich an die schlimme Urheberin des Atten­tats. Ich habe auch Ihnen für erfahrene Freundlichkeit ange­legentlich und herzlich zu danken und bitte auch die Fräulein Marie, meine siegreiche Rivalin im Kegelspielen, bestens zu grüßen. Ich habe die schöne schwarze Geldbörse, die sie mir geschenkt, sorglich aufbewahrt; das undeutliche Lorbeerkränzchen entspricht immer köstlicher der Undeutlichkeit meines Renommee; kurz, alles ist in bester Ordnung.

Aber wie geht es Ihnen? haben Sie den Winter wohl und wacker angetreten? Hoffentlich, wie wir als vernünftige ältere Leute tun wollen.

Was mich betrifft, so habe ich mich reichlich mit guten Fla­nellsachen versehen, auch ein Paar dicke Pelzhausstiefel machen lassen und huste und geifere bis jetzt nut mäßig. Ein schönes schweres Schwein ist geschlachtet, auch ein hinlängliches Sauer­kraut eingetan, so daß ich auf Weihnachten die Schar meiner Enkelkinder mutig erwarten kann.

Ist so das Leibliche nach Umständen leidlich bestellt, so fehlt es auch dem moralischen Dasein, nach Maßgabe der Jahre und unwürdigen Verdienstes, nicht an mancherlei aufmuntern­der Förderung. Es ist mir die Präsidentschaft des Dchutz- aufsichtsvereins für entlassene Sträflinge übertragen worden, ferner habe ich das Quästorat des Vereins gegen Tierquälerei übernommen, fürchte aber, ich werde die Kosten selbst tragen müssen bei der Nachlässigkeit der Mitglieder; und doch sollte gerade dieser Verein seine Wirksamkeit nicht aufgeben, nament­lich im Hinblick auf das um sich greifende Schinden wehrloser alter Esel. Aber nicht nur Vorsteher, sondern auch Gegenstand der Tätigkeit rühmlicher Vereine bin ich geworden. Nachdem ich der Gesellschaft für Belohnung alter treuer Dienstboten den seligen Hinscheid meiner Herrschaft, der Leidenschaft, angezeigt, dm ich für vlerundfünfzigjährige treue Knechtesdienste mit einer Tubemen Sabotiere prämiiert worden, mit welch«: ich mich jetzt in die Beschaulichkeit zurückziehe. Ich habe auch bereits ein gutes Schnupftabakrezept, welches ich Ihnen mitteile: zwei Dritt­

teile Makuba, ein Drittel rapS double fin de Versailles und drei frische Kakaobohnen (aber nicht mehr!) dazwischen gelegt ich jag Ihnen! Den Tabakvorrat konserviert man jetzt nicht mehr in alten Bierkrügen, sondern in hermetischen engllfchen Tee­büchsen, und man stellt diese am besten in einem kühlen Zimmer hinter das Fenster, ja nicht in den Keller. Statt der Kakao­bohnen können Sie auch ein bißchen Vanille nehmen als Dame, aber mit höchster Vorsicht..

An Marie Exner, der Schwester des Wiener Freundes, schreibt er über seine neue Bekanntschaft vorn Mondsee:Der Frau Eller habe ich wirklich geschrieben, und zwar aus Rache dafür, daß sie mich bei jenem gloriosen Maskensest am Mondsee »als ältere Leut" vor der Zeit ins Bett spedieren wollte, als Alter an eine Alte und habe sie dabei mir im Alter gleich­gestellt und von Sauerkraut, Schnupftabak und bergt, geplau­dert. Allein ich fürchte, solche Burnmelspätze klebt sie nicht, und am Ende hat sie es jenes Mal noch gut mit mir gemeint Ich toill ihr dafür gelegentlich einen ätherischen, hochgestimmten Brief schreiben. Schicken Sie ihr aber diesen gegenwärtigen Brief nicht wieder; dergleichen kann einem leicht abhanden kommen und als Autograph usw. unter fremden Menschen her­umgeboten werden und Hierfür schreibt man nicht an gute Freunde. Sie kennen die böse Welt noch nicht. . .

Köstlich schildert der Dichter einen Besuch bei zwei wohl nicht mehr ganz jugendlichen Damen in einem Briefe an Marie Syrier.Der Frau T. habe ich ihre Sünden für einmal aus­gelöscht, da so artig für sie gebeten wird. Ich habe ihr auch vor acht Tagen Ihren Gruß gebracht, was mir aber fast übel ^kommen wäre. Ich erhielt schwarzen Kaffee und starken Kognak vorgesetzt, alles ganz gut, bald jedoch kam Fräu­lein QJ-, die Sie gewiß kennen, und nun war ich mutterseelen­allein mit den beiden Tigerkatzen eingeschlosfen und keine menschliche Hilfe in der Nähe. Nur in einem entlegenen Zimmer lag der alte kranke Vater, der mir natürlich nicht beispringen konnte, wenn mein Jammergeschrei ertönte. Zum Glück ver­fielen sie zunächst auf bas Kognaksaufen. Frau B. goß als Nenommistin gleich ein Gläschen hinunter; Fräulein P. dagegen lehnte sich in ihrem Stuhle zurück, schlug die Deine über­einander und hielt, auf den einen Arm gestützt, mit dem ge­bogenen andern Arm und zwei Fingern bas Glas in der Höhe ißrer Augen vor sich hin, famos! Sie sah akkurat aus wie eine etrurische Dame auf dem Wandgemälde einer antiken Grab- kammer, wo die Toten als in schönem Lebensgenüsse sitzend, aogebildet sind. Es war nun eine Weile ganz still; bald aber erschienen mir die Damen wie zwei Schatten aus der Unter* weit, welche warmes Hammelblut trinken müssen, um zu etwas AU kommen. Ihre Blicke schienen sich glühend und gierig auf meine unglückliche Korpulenz zu richten, ich begann zu ahnen, daß sie mich für einen fetten Schöps hielten, der zum Abschlachten gut fei. Frau 3C. näherte sich ihrem Spiegeltischchen, wo sie ein elegantes Kästchen stehen hatte. Als ich neulich einen Blick hineingeworfen, hatte ich bemerkt, daß 10 scharfe stählerne Klauen dann find, scheinbar 10 Fingerhüte, zu jedem Finger einen. Diesem Kästchen trat sie nahe und mir der Schweiß auf öer Stirne. In dieser Not ertönte plötzlich die Stimme ihres Mannes, der nach Hause kam, und ich war gerettet und echappierte augenblicklich, werde auch nie mehr allein hin­gehen, Sie mögen sagen, was Sie wollen. . .

-3m Sommer 1875 bezog Keller eine neue Wohnung auf demBürgli", über die er den Wiener Freunden folgende anschauliche Schilderung macht:

»3n meine Wohnung lebe ich wie ein König, weiteste Aussichten und Wolken, ganze Heerscharen. Das Haus hat großes Ausgelände, Bäume, Riesenlinden, die mir dicht vor dem Fenster stehen. Wenn ich nur darin zu Hause bleiben könnte den ganzen Tag. Aber ich muß rennen wie ein Jagdhund, es fehlt nur, daß ich noch belle unterwegs! Abends aber bleibe ich fast immer zu Hause und schreibe am offenen Fenster, während der weiße See im Mondschein schimmert, wenn's nämlich Voll­mond ist. Aber auch wenn nur einzelne Sterne über dem See oder Gebirge stehen, ist es schon, und alles so still ist und nur meine Torheit wach und laut ..."

Wie glänzt der helle Mond.

Von Gottfried Keller.

Wie glänzt der Helle Mond so kalt und fern, Doch ferner schimmert meiner Schönheit Stern!

Wohl rauschet weit von mir des Meeres Strand, Doch weiterhin liegt meiner Jugend Land!

Ohn' Rad und Deichsel gibt's ein Wägelein, Drin fahr' ich bald zum Paradies hinein.

Dort sitzt die Mutter Gottes auf dem Thron, Auf ihren Knien schläft ihr felger Sohn.

Dort sitzt Gott Vater, der den hell'gen Geist Aus seiner Hand mit Himmelskörnern speist. In einem Silberschleier sitz ich dann llnd schaue meine weißen Finger an.

Sankt Petrus aber gönnt sich keine Ruh, Hockt vor der Tür und flickt die alten Schuh'.

Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. Druck und Verlag öer Brühl'schen Univ.-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.