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meinem Freund gern einen ®efallen tat, ich halt' auch die Luise s^r gern!"
Er hielt inne, nahm wieder einen Schluck Wein. Darauf fuhr er fort.
„Ein Büchsenschuß weit von Straßburg liegt Ruprechtsau. Da war ein Fest. Gin großer Spektakel. Ich ging mit der Luise hin. Es war französisch Militär drunten. Ein Korporal würd' zudringlich gegen die Luise. LH gab ihm eine Watsch', daß er nur so torkeln tat. Mel Volk lief zusammen. Um ein Haar und sie hätten mich eingelocht, 's ging aber noch gut ab. Auf dem Heimweg hing sich die Luise in meinen Arm und war wunder- nett. Au fing ich an, mein Pate, der Gottlieb Süpfle in Heidelberg, hätt' sich zur Ruh gesetzt, und ich sollt' sein Fuhrgeschäst übernehmen. Ich wär' allein und bräucht' eine Frau. Ob sie's mit mir riskieren macht'. Und da sagt' sie „Ja!" Ich war froh bis in die Fingerspitzen. Sechs Wochen danach haben wir Hochzeit gehalten. Sie können mir's glauben, Herr Keller, solang Mr verheiratet sind, haben wir nichts miteinander vorgehabt, ist kein bös Wort zwischen uns gefallen. Aber ich hatt's bald heraus, unsere Eheschaft war eine Glock' ohne Hammer. Der Luise ihre Gedanken sind nach Straßburg gegangen zu ihrem Schwager, meinem Freund. Ich schätz', sie hat sich alle Mühe gegeben, ihr Herz auszuräumen. Sie konnt's nicht. Der Weinand sah drin. Und 's hätten ihn keine zehn Gaul' heraus gebracht. Seine Frau hat gekränkelt, hat lang im Bürgerhospital in Straßburg gelegen und ist ausgegangen wie ein Licht. Das ist ein halb Jahr her. Der Luise sah keiner nichts an. Ich hab's aber gemerkt, wie's in ihr würgen tat. Und ich war still. In so Sachen ist jed' Wort zuviel. Sie mußt's mit sich selber ausmachen. Wie ich gestern nacht von Schwetzingen kam, lag ein Brief von ihr da. Sie schrieb mir, sie tät’ mir für alles danken. Ich sollt' ihr ver- zeihen. Sie wär' zu ihrem Schwager nach Straßburg gemacht. Und käm' nicht wieder!"
So erzählte der Kutscher in seiner gehaltenerr Weise, ohne daß ihn auch Nur einen Augenblick seine philosophische Ruhe verließ.
„Und was gedenken Sie zu tun?" fragte Keller, der den Worten seines Hauswirts mit wachsender Spannung gefolgt war.
„'s ist ein harter Knoten, Herr Keller," antwortete Guland, „und er tut weh. Aber ich sag' mir, ich muß drüber weg. Das Leben ruft nicht allegar eijuchhei, es ruft auch oha! Man muß nicht zuviel davon verlangen. In so einer Lag', wie ich bin, ist's am besten, man guckt nicht rechts un& nicht links und geht feinen geraden Weg weiter!"
Keller, in dessen Gesicht sich seine Bewegung spiegelte, «eichte dem Kutscher über den Disch schweigend die Hand.
Bei Sonnenuntergang brach der Dichter aus. Indes der Kutscher die Pferde an die Tränke führte und danach vor die Ehaise spannte, schritt Keller vor dem „Anker" hin und her.^
Bewundernswert, sprach er zu sich, mit welcher Seelen grüße Guland sein Mißgeschick trug. Der konnte vielen ein Beispiel geben. Auch ihm, dem Dichter, der die Flügel hängen ließ. An solch gesundem Gemüt richtete man sich auf. Wie famos hatte der Wann sich ausgedrückt: „Das Leben ruft nicht allegar eijuchhei, es ruft auch oha! man darf nicht zuviel davon verlangen!" Uni) Keller setzte hinzu: „Das Leben schlägt Wunden, aber es Heist sie auch!"
Abends in seiner Stube sah der Dichter über dem Neckar im Zimmer des geliebten Mädchens einen Lichtstrahl blitzen. Er las noch einmal ihren Brief, und er meinte, daß er dessen Sinn erst jetzt recht erfasse. Wenn Johanna Kapp, die sich in solch tragische Liebe verwickelt sah, etwas verdiente, war's Mitgefühl, inniges Mitgefühl. Und schrieb sie's nicht? Ihr Herz war unwandelbar, sie würde ihm ihre Zuneigung bewahren, würde ihn nie vergessen. Dank schuldete er ihr für so viele reiche Stunden, ewigen Dank!
In Gedanken wandelte er über die aste Brücke. Und die Verse strömten ihm aus der Seele:
Schöne Brücke, hast mich oft getragen, Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen Und mit ihr den Strom ich überschritt. Und mich dünkte, deine stolzen Bogen Sind in kühnerm Schwünge mitgezogen, Und sie fühlten meine Freude mit.
Weh' der Täuschung, da ich jetzo sehe, Wenn ich schweren Leids vorübergehe, Daß der Last kein Joch sich fühlend biegt! Soll ich einsam in die Berge gehen Und nach einem schwachen Stege spähen, Der sich meinem Kummer zitternd fügt?
Aber sie mit andern: Weh und Leiden Und im Herzen andre Seligkeiten Trage leicht, die blühende Gestalt!
Schöne Brücke, magst du ewig stehen: Ewig wird es aber nie geschehen. Daß ein bessres Weib hinüberwallt!
Da er das Gedicht niedergeschrieben, fühlte er sich wie befreit. Er hatte sich selber wiedergefunden. Es war etwas Großes, einsam zu sein und im Herzen die heilige Flamme zu Hüten.
Er zündete sein Lämpchen an, trat an den Wandschrank und langte das Manuskript des „Grünen Heinrich" hervor. Dann setzte er sich hin und arbeitete bis in die tiefe Nacht hinein mit Macht an seinem Roman.
In der Trauer.
Don Gottfried Keller.
Ich kenne dich, o Unglück, ganz und gar und sehe jedes Glied an deiner Kette. Du bist vernünftig, zum Bewundern klar, als ob ein Denker dich geordnet hätte.
Nicht mehr noch weniger hat mir gebührt, mir ist gerecht die Schale zugemessen: und dennoch hab' ich Bittrer sie verspürt, als niemals ich getrunken noch gegessen.
Jetzt aber bring ich leichter sie zum Muni als einst die müde Seele noch wird wissen: der quellenklare Perltrank ist gesund, ich lieb ihn drum mit dürstendem Gewissen.
Aus launigen Briefen des Züricher Staatsschreibers.
Wer den ganzen Menschen Gottfried Keller in allen seinen Wesenszügen kennen lernen will, muß neben seinen Werken auch zu seinem Briefwechsel greifen, der den Dichter Zelt: seines Lebens mit den intereffanteften seiner Zeitgenoßen innig verband. Albert Köster, der uns in seinen Keller-Vorlesungen (bei Teubner in Leipzig) vielleicht das schönste und schlichteste Bild des Dichters gezeichnet hat, schreibt über Keller als Brref- schreiber: „In einer Zeit, die so kurzsichtig ist, die Kunst deS brieflichen Austausches, diesen unmittelbarsten Ausdruck der Persönlichkeit, verkümmern zu lassen, hat Keller sich noch als Plauderer alten Stils bewährt. Er schrieb nicht aus Pfücht- gefühl, nicht dutzendweise und geschäftsmäßig, sondern wartete für den Brief wie für ein Kunstwerk gern die gute Stunde ab. Und jedem Empfänger dieser Briefe gab er einen eigenen Ton an. Das alte „Schreibe, wie du sprichst", hat er, wie jeder gute Briefschreiber, verfeinert zu einem „Schreibe, wie du zu diesem einen Menschen sprechen würdest" .... In seinen Briefen war er bei sich selbst zu Hause und konnte schon einmal ein freimütiges Wort wagen in der Zuversicht, daß der Empfänger des Briefes es nicht gleich unter die Leute bringe. . . . In die Briefe Gottfried Kellers muh Einkehr halten, wer die Arlstela dieses Mannes verkünden will." .
Eine der köstlichsten Perlen aus dem reichen schätz, den uns der Züricher Staatsschreiber in seinem Briefwechsel hinterlassen hat, sind seine Briese, die er mit Bem jungen Wiener- Professor Exner und seiner Schwester Anfang der siebziger Jahre ausgetauscht hat. In einem der neuen „Bücher der Rose des Verlages Wilhelm Langewiesche-Brandt (Ebenhausen bei München) hat Ernst Hartung die schönsten Briefe Gottfried Kellers zu einer packenden Lebensgeschichte des Meisters zusammengestellt. Auch die Briefe an (Spier haben hier ihren gebührenden Platz erhalten. Kemien gelernt haben sich die beiden auf dem Kommers, mit dem am 19. Juli 1869 die Arv gehörigen der Universität und des Polytechnikums in Zürich unter lebhafter Beteiligung weiter Kreise Kellers SO Geburtstag geziemend feierten. Ein junger Professor von 28 -wahren war der Mann damals, mit dem Keller bis zu seinem Lode eine besonders nahe Freundschaft verbinden sollte. Exner war als Sohn eines Philosophiepvofessors in Prag geboren unb, nach kurzer Ausbildungszeit in Wien, Heidelberg und Berlin, 1867, also als Siebenundzwanzigjähriger, als ordentlicher ^ro- fessor für römisches Recht nach Zürich berufen worden. Schon 1872 folgte er einem Rufe nach Wien, und nun entspann sich ein Briefwechsel, dem wir die reizvollsten Briefe des Dichters verdanken. Zu einer wirklichen Freundschaft wurde die Bekanntschaft mit (Spier, als im Sommer 1872, kurz vor der Ueberfieölung des Professors nach Wien, seine Schwester Mar t e, die nachmalige Frau von Frisch, sich zu kurzem Besuche in Zurich aufhielt. Im Januar 1873 schreibt der Dichter an feinen gelehrten Freund:
Zürich, 31. Januar 1873.
Verehrter Herr Professor! Ich habe nun Ihre »Kritik des Pfandbegriffes" durchgelesen und komme, Ihnen meinen pflichtschuldigen und eifrigen Dank abzustatten für die freundliche Zusendung. Aufs neue hab' ich die Weisheit Gottes bewundert, der alles so schön und mannigfaltig geschaffen und die verschiedensten Dinge in die Welt gesetzt hat, an denen sich die guten Gaben der Menschen, Scharfsinn, Fleiß, logisches Ingenium usw erproben können. Ueber die wissenschaftliche Sette ^chres Wertes will ich mich an anderer Stelle aussprechen, in einer gelehrten Abhandlung oder Rezension. Dazu bin ich folgendermaßen gekommen: Als ich mich eines Abends nicht von dem Buche trennen konnte, nahm ich es mit ins Wirtshaus und las dort mit solcher Begeisterung, daß ich unversehens eine ungeheure Zeche und zu wenig Geld hatte: da verpfändete ich dem Wirt Ihren „Pfandbegriff" und das Honorar eines Aufsatzes, den ich darüber zu schreiben versprach. Weil er aber zu der Große dieses


