Herzen squaken mir doch noch ein Leben übrig blieb, das bisher nur auf kurze Zeit mich mit meinem Geliebten vereinte. Es ist allerdings ein tieftragisches Gluck, wenn Augenblicke lange Trennungen aufwiegen müssen, aber selbst, wenn meine letzte Hoffnung noch schwinden sollte, ein dauerndes Vereintsein zu erringen, glaube ich dennoch, Kraft zu behalten, um die kurzen Momente zu erfassen und zu genießen, die mein vielbewegtes Leben erhellen. Sie haben in Ihrem schönen Brief den geliebten Namen selbst ausgesprochen. Der Mann, der Ihrem Kopf war, was Ihr edles Herz in mir fand, dieser herrliche Mann ist eS, und der wundersame Zufall, der Sie uns beide zusammenstellen ließ, hat mich mit stürmischer Freude ergriffen. So mag Ihnen denn das Rätsel gelöst erscheinen, das meine in Schmerzen erblühte Liebe Ihnen sein mußte. Wie verwickelt dieses tragische Verhältnis ist, können Sie nicht ahnen, doch glaube ich noch an eine Möglichkeit, die aber mit saurem Kampf errungen werden muß und nach meinem Gefühl die einzige Versöhnung wäre für das herbe Leid, darunter viele leiden, am meisten die arme edle Frau, deren Glück ich zerstören mußte. Erstaunen Sie nicht ob der ■Untiefe, die das Leben hinter anscheinend glücklichen Verhältnissen birgt, verkennen Sie weder mich noch ihn! Wo Sie nicht alles begreifen, glauben Sie das Gute doch und lassen Sie mich für immer glauben, daß Sie nie irre an mir werden! Mein Herz ist unwandelbar, aber es ist nicht bloß dem Geliebten treu, es bewahrt auch seinen Freunden eine ivahre Zuneigung und -Innigkeit. Och werde Sie nie vergessen!"
Dem Brief war ein Gedicht von Johanna beigeschlossen:
Mir ist, als sei ein Zauber Wohl über mich gesprochen, Und wer ihn lösen wolle, Des Herz sei bald gebrochen. Mir ist, ich sei verwünschet, Wein armer Leib verfluchet, Ich könne nimmer finden Die Ruh', die ich gesuchet.
Und müsse rastlos wandern Mit einem toten Herzen, Und dürfe keiner Seele Vertrauen meine Schmerzen. Denn wer mir Liebe biete. Der sei dem Gram verfallen Und müsse ohne Friede Wie ich durchs Leben wallen!
Keller, der den Brief und das Gedicht mit Seelenspannung überflogen, stand zuerst wie erstarrt, dann warf er sich, von feinen Empfindungen überwältigt, aufs Bett, vergrub den Kopf in die Kissen und weinte wie ein Kind. Johannas dichterisches Schauen machte die Wahrheit offenbar: wer, wie er, das herrliche Mädchen hoffnungslos liebte, war dem Gram verfallen, mußte friedlos durchs Leben wallen. Und nun dies tragische Zusammentreffen: sie liebte Ludwig Feuerbach, den wundervollen Mann, dessen forschendem Geist er so unendlich viel verdankte, der ihn gelehrt, Menschen und Dinge in ihrer vollen Bestimmtheit zu fassen, der ihn zu geregeltem Denken geführt. Daß er sich's irur eingestand, er hatte vor Johanna Kapp stolziert wie ein Pfau. Und war viel zu unbedeutend, viel zu gering, die holde Mädchenblüte an sich zu fesseln. Immer wieder warf sein Hochmut Blasen auf. Wie hatte der Rektor in Zürich, der ihn aus der Industrieschule jagte, gesprochen: „Gib acht, Keller, du wirst noch einen Stein finden, der dir eine Beule in dein Gesicht drückt." Solche Steine hatte er seitdem viele gefunden, aber keinen, der ihn so niederschmetterte wie heut'. Das Unglück heftete sich an seine Sohlen. Ihm war befchieöen, statt Lilien und Rosen Disteln und Krötenblumen zu pflücken.
Er sprang auf. Schmerz prägte sich in seinen Zügen aus. Er preßte die Hände gegen die Augen. Sein Atem stockte. In dem Stübchen war's zum Ersticken heiß. Er hielt's hier nicht aus. Er mußte ins Freie.
Plötzlichem Antrieb folgend, zog er die Schelle.
Der Kutscher erschien.
„Herr Keller wünschen?"
„Güland", stieß der Dichter heraus, „sind Sie heute nachmittag schon bestellt?"
„Noch nicht", erwiderte der Kutscher, bah verwundert über des Hausgenossen verstörtes Gesicht.
„Gut", entschied Keller, „wir fahren nach Neckargemünd!" „Gleich?"
„Jawohl, gleich!"
Guland nickte. Entfernte sich.
Keller, nachdem er den schweren grauen Rock mit einer bequemen grünen Joppe vertauscht, begab sich in den Hof hinunter und schaute dem Kutscher zu, wie der die Schimmel vor die Halbchaise spannte.
Alsbald fuhren sie fort, flußaufwärts, am alten romantischen User entlang. Zur Rechten auf dem Jettenbühel stieg die deutsche Alhambra empor. In den Mauerritzen blühten späte Blumen. Immergrüner Efeu kletterte am roten Gestein hinauf. Der Himmel strahlte in hellem Blau. Aus weiter Ferne tönte Glockenklang.
Die Schimmel trabten lustig dahin. Das Handpferd, voller Uebermut, schlug hinten aus.
„Den Racker sticht der Hafer," sagte der Kutscher und machte ton seiner Peitsche Gebrauch
Bald kam der Talkessel von Neckergemünd in Sicht. Ringsum die Waldberge standen in leuchtendem Rot. In glitzernden! Wellen trieb die Elsenz ihr Wasser dem Neckar zu.
Im Städtchen vor dem Gasthof zum Anker machte der Wagen halt. Keller stieg aus, grüßte den 'Wirt, der in der Torfahrt stand, und ließ sich ins Herrenstübchen eine Flasche Roten bringen. Die stellte ein dralles Bauernmädchen mit einem „Wohl bekomm's!" auf den Tisch.
Ger Dichter saß in sich zusammengesünken, grübelte vor sich hin.
In seiner Mutter Haus der asten Grittli Krebser Leib- spruch war: „Potz Blumenherz, vergiß den Schmerz!" Es gab große und kleine Schmerzen. Der Schmerz, der ihm daS Herz zerriß, erschöpfte sich nie. Weinen? Nein. Seine Gedanken sollten nicht in Tränen ersticken. Es war klar, seine Eitelkeit hatte ihm wieder einen Possen gespielt. Johannas Lob war ihm in den Kopf gestiegen. Loben und Lieben war zweierlei. Worauf hatte er sich denn etwas einzubilden? Auf seine Gedichte, mit denen er selber unzufrieden war? Auf seinen Roman, der nicht fertig wurde? Und wie grenzenlos bescheiden war der große Mann, dem Johanna Kapp ihre Liebe geschenkt!
Krampfhaft hob sich des Dichters Brust. Er fühlte sich elend und matt. Aller Mut hatte ihn verlassen.
Sonst erfrischte der Wein ihm das Blut. Heute kostete es ihn Ueberwinöung, sein Glas zu leeren. Es war ihm, als ob er Gespenster sähe.
Unruhig rief er dem Kutscher, der nebenan in der Wirtsstube am Schanliisch^ stand-.
„Kommen Sie, Guland, trinken Sie ein Glas Wein mit mir!“ Der Kutscher kam, ließ sich Keller gegenüber nieder.
„Mit Verlaub!"
Der Dichter schenkte ihm ein.
Güland nahm einen Schluck und sagte:
„'s wird mtit bald kalt! Ich hab' Ihnen um sechs Gulden ein halb Klafter Holz gekauft, 's ist Ihnen doch recht?"
„Ja, 's ist mir recht," versetzte Keller.
„Sie werden entschuldigen," redete Guland weiter, „wenn's bei mir im Haus in den nächsten Tagen ein bißchen durcheinander geht. Ich hab' meiner Schwester nach Laudenbach geschrieben. Ich denk', sie wird Donnerstag hier sein. Bis ich eine Hilfe hab', soll sie mir die Wirtschaft führen."
„Ihre Schwester soll Ihnen die Wirtschaft führen?" rief Keller. „Und Ihre Frau?"
„Meine Frau ist gestern abend nach Straßburg gefahren."
„Das erste, was ich höre. Sie hat mir ja gar nicht Adieu gesagt."
„Mir auch nicht, Herr Keller!"
Des Dichters Brauen zuckten in die Höhe. Er schlug, mit der geballten Faust auf den Tisch.
„Donner und Wetter! Was hat sie denn für Spinnhuinpeln! im Kops?"
Der Kutscher senkte den Blick.
„Das ist eine eigne Geschichte, Herr Keller!"
„Erzählen Sie!"
„Ich weiß wirklich nicht, ob's den Herrn Keller interessieren tut!"
„Erzählen Sie!" drang der Dichter in seinen Hauswirt.
Guland nippte nachdenksam an seinem Glas. Dann hob er an:
„Ich muß neun Jahr zurücklangen. Wir haben schon einmal darüber gesprochen, daß ich in Straßburg Aufsichter über das Fuhrwesen in den Herknerschen Tuchfabriken war. Dadurch, daß mein Jugendfreund Weinand das Restaurant Mesange in der Meisengah' gekauft halt', bin ich nach Straßburg gekommen. Ich hatt' an zwanzig Leut' unter mir. Mein Prinzipal war ein gerechter Mann. Ich hatt' mich nicht zu beklagen. Mein Freund hatt' eine Frau aus Kandern, 's war eine brave Frau und eine gute grau. Wie ihre Eltern starben, nahm mein Freund feine Schwägerin zu sich. Und 's dauert' nicht lang, da brannt' er lichterloh. Gr litt drunter. Sie können sich's vorste-llen: seine grau noch mehr. Damals kam er zu mir und sagt': „Hermann, wir zwei haben immer treue Freundschaft gehalten. Ich hab' kein Geheimnis vor dir. Ich steck' in einem Schwirbel, ich weiß mir nicht mehr zu helfen." Und da hat er mir die Sach' mit seiner Schwägerin erzählt. „Hast du was mit ihr angestellt?" fragt' ich ihn. „Nein," spricht er, „ich hab' nichts mit ihr ange- siellt, so wahr ich hier vor dir steh!" „Das ist mir lieb," sagt' ich, „ein schlecht Leben rächt sich!" „Meine Schwägerin," spricht er, „hat kein's daheim. Hier darf sie nicht bleiben, sonst könnt' doch noch ein Unglück passieren. Mensch ist Mensch-, Wo soll sie hin! Nu hab' ich mir'S überlegt. Du hast im Sinn, nach Heidelberg zu gehn, kommst in ein gemacht Bett. Nimm meine Schwägerin mit!" „Philipp," sagt' ich, „ich glaub', bei dir rappelt's im Oberstübchen. Als was soll ich dann deine Schwägerin mitnehmen?" „Sie ist tüchtig," spricht er, „und gescheit. Du kannst dir keine bessere grau wünschen!" „So," sagt' ich, „da liegt der Has' im Pfeffer. Auf den Stupp kann ich dir feine Antwort geben. Ich weih ja auch gar nicht, ob mich die Luise will." „'s kommt auf eine grag’ an,“ spricht mein Freund. Ich red' nicht aus dem Weg, Herr Keller, 's war nicht nur, daß ich


