Eichener jamilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang l92b Samstag, -en 6. Februar Nummer \\
Geübtes Herz.
Voir Gottfried Keller.
Weise nicht von dir mein schlichtes Herz, Weil es schon so viel geliebet!
Einer Geige gleicht es, die genbet Lang ein Meister unter Lust und Schmerz.
And je länger er darauf gespielt. Stieg ihr Wert zum höchsten Preise! Denn sie tönt mit sicherer Kraft die Weise, Die ein Kundiger ihren Saiten stiehlt.
Also spielte manche Meisterin In mein Herz die rechte Seele, Nun ist's wert, daß man es dir empfehle, Lasse nicht den köstlichen Gewinn!
Am alten romantischen Ufer.
Novelle von Alfred Dock.
(Nachdruck verboten.)
Seit 'einer halben Stunde wanderte Doktor Hermann Hettner, Dozent an der Nuperto-Carola zu Heidelberg, in seinem Studierzimmer auf und ab, das eine geniale Anordnung offen-» barte, und hielt dem jungen Dichter Gottfried Keller aus Zürich ein Privatissimum über das Wesen der Novelle. Nach seiner Gewohnheit strich er zuweilen das widerspenstige nußbraune Haar zurück. Seine Augen leuchteten. Das ganze Gesicht war in Bewegung.
„Im Leben des einzelnen gewinnt die scheinbare Macht des Zufalls nicht selten eine dämonische Bedeutung. Aeber» raschende Wendungen und Verknüpfungen drängen den Schwankenden zur Entscheidung. Verwicklungen lösen sich in einer Weise, die man zuerst für unmöglich gehalten, hinterdrein als wahrhaft logisch erkennt. Die Novelle liebt es, auffallende Wendungen zum Vorwurf zu nehmen. Ihr Wert hängt davon ab, ob sie das Wunderbare, das Anerhörte, das sie durchwebt, den Charakteren der Menschen anzugleichen vermag, dergestalt, daß ein Gemälde von zwingender Plastik entsteht."
Quellfrisch sprangen die Worte über des Vortragenden Lippen. Plötzlich brach er ab und blieb vor Gottfried Keller stehen, der, die Hände auf den kurzen Beinchen, den großen Kopf vornübergebeugt, nahe dem Fenster sah.
„Herr Keller, wo sind Sie denn mit Ihren Gedanken? Ich glaube, Sie hören gar nicht zu?"
Keller schaute auf, rückte ein wenig verlegen an seiner Brille und sagte:
„Aber gewih, Herr Doktor, höre ich zu!"
Seine Miene überführte ihn des Gegenteils.
Hettner zog die Brauen hoch.
„Sie waren gestern abend beim Oechsle?" „Allerdings!"
„Also ein Jubiläumskater!"
„Keineswegs!"
Hettner lachte.
„Gottfried Keller, Freund und Musensohn, schlafen Sie sich ordentlich aus und »erheben Sie sich dann frisch ermannt!"
Keller, ohne ein Wort zu erwidern, stand auf, brückte Hettner die Hand und ging.
Drunten auf der Dreikönigsstrahe sprach er zu sich:
„Der Hettner ist ein prachtvoller Kerl! Ich gehör' zu seinen begeisterten Jüngern. Leider ist mir der Glanz seiner Rebe heut in nebelhaftem Dunst zerflossen."
Jubiläumskater! Ach, wie der gute Hettner sich täuschte! Kellers Anachtsamkeit hatte einen gewichtigeren Grund. Drüben über dem Neckar im „Waldhorn" hatte der Hofrat Christian Kapp sich seßhaft gemacht. Gottfried Keller war dort ein häufiger und, wie er glaubte, gern gesehener Gast. Johanna, des Hofrats geistreiche, viel umschwärmte Tochter, hatte des Dichters Herz gefangen genommen. Gemeinsam besuchten sie die Vorlesungen Ludwig Feuerbachs, der im Rathaus las. In ihrer Bewunderung für den Philosophen, für seine tiessittliche Persönlichkeit und seinen schrankenlosen Wahrheitssirm hatten sie einen Einklang gefunden. Johanna, der die Gabe verliebens war, ihr innerstes Erleben in schwungvolle Verse zu Neiden, hatte sich als feinfühlende Deurteilerin der Poesien Gottfried Kellers gezeigt. Der Strauch ihrer Freundschaft trug rote Rosen. Keller, von der neugewonnenen Kameradin entzückt, hatte ihr in emem leidenschaftlich bewegten Brief seine Liebe gestandm. Nm»
harrte er erregt, brennend vor Angeduld, ihrer Antwort. Zweifel fielen ihn an. Er hatte es »des öfteren erfahren: er war zu stachlicht, zu rauh, auf ein Frauenherz Eindruck zu machen. Den Schmachtenden, den Geleckten zu spielen, war ihm zuwider. Die Süßholzraspler stachen ihn aus. Verflucht, daß alles bei ihm so schroff heransfahren mußte! And doch, Johaima Kapp war viel zu klug, als daß sie nach derlei Aeußerlichkeiten den Wert eines Menschen bemaß. Vielleicht, daß sie's ahnte, wie ihn die Sehnsucht nach einem Wesen erfüllte, das mit ihm das seltsame Leben durchpflügte und mit seinem reinsten Wollen verschmolz. Er wiederholte sich, was er dem angebeteten Mädchen geschrieben. Ein Ausspruch Rousseaus fiel ihm ein: „Am einen guten Liebesbrief zu schreiben, muht Du anfangen, ohne zu wissen, was Du sagen willst, und endigen, ohne zu wissen, was Du gesagt hast." Beides traf bei Keller nicht zu. Er hatte in ledes Wort feine Seele gelegt. Es war keine flüchtige Neigung, die ihn überglühte, es war eine Liebe, die wurzeltief saß, eine Liebe, die keine Dornen scheute, die für die Geliebte alles tat.
Anter solchen Gedanken war Keller in der Hirschgasse angelangt, wo er hart am Neckar beim Kutscher Guland ein dürftig eingerichtetes, aber sauber gehaltenes Stübchen gemietet hatte. Guland, ein Wann in den Dreißigern, mit starkem viereckigem Kinn und einer Denkersalte zwischen den Augen, war nicht nur Kutscher, sondern auch Philosoph, der aus seinem grüblerischen Geist heraus das Leben als eine problematische Angelegenheit betrachtete und bei seinen Kollegen für einen Sonderling galt. Seine Frau, eine schlanke Blondine mit schönem Kopf und vollen Lippen, hatte sich des jungen Schweizers angenommen. Sie flickte seine Sachen, hatte erst kürzlich, da er äußerst unpraktisch war, auf feine Ditte hin ihm baumwollene Hemden und einen grauen Strapazieranzug zu verhältnismäßig billigem Preis besorgt. Keller erkannte ihre Bemühungen dankbar an. „In der Fremde", sagte er, „fließt das Wasser bergauf. Hier, Frau Guland, fühl' ich mich wie daheim!" „Ordnung", erwiderte sie lächelnd, „ist Ihre schwache Seite. Ich will sie aber deshalb nicht verkreischen. 's kann doch noch was Rechtes aus Ihnen werden!" Kinder waren Frau Guland versagt. Fuhr ihr Mann mit seinen beiden Schimmeln über Land, saß sie in der Küche, strickte und sang. Sie sang mit klangvoller Stimme sich selbst zur Freude. Kehrte Keller aus dem Kolleg zurück, hielt sie einen Schwatz mit ihm, foppte ihn wohl auch. „Ist's wahr, Herr Keller, was die Leut' sprechen? Wenn die Schweizer drei Schritt vorwärts machen, machen sie zwei wieder retour!" „Nicht alle", gab er belustigt zurück, „das sehen Sie an mir!“ Sie beneidete den Dichter, weil er schon weit herumgekommen war. Heidelberg war gewih nicht zu verachten. Hockte man aber immer hier, schlich die Zeit im Schneckengang. Sie seufzte, fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollte sie trübe Gedanken verscheuchen. Ihr Verkehr beschränkte sich auf die Nachbarsleute. Die hielten große Stücke auf sie. Hatte sie am Sonntag ihre Pflicht als Hausfrau erfüllt, erstieg sie mit federnden Schritten den Königsstuhl. Geschah es, daß sie droben, sich an der Rundsicht erlabend, bei klarem Wetter die Am» fchanzung von Straßburg und das Münster erblickte, breitete sie die Arme aus, und das Herz hüpfte ihr in der Brust.
Als Keller heute die Schwelle des Gulandschen Häuschens betrat, überreichte ihm »der Kutscher einen Brief. Der kam von Johanna Kapp. Der Dichter eilte in sein Stübchen, riß hastig »den Amschlag auf und las:
„Lieber, guter Freund! Ich bin so tief erschüttert, daß ich kaum weih, wie ich Ihnen schreiben soll, und doch drängt mich's dazu. Ihr lieber Brief hat mich furchtbar traurig gemacht. Ich möchte Ihnen danken und tu's aus vollem Herzen. Aber es kommt mir schrecklich vor, daß ich so viel Anheil anrichte. Es ist mir oft ganz unbegreiflich. In den letzten Tagen hab' ich wohl gefühlt, daß Sie mich gern haben, aber ich hielt es für eine schöne menschliche Teilnahme und hätte mich auch gefürchtet, etwas mehr zu glauben. Nun aber liegt der Reichtum Ihres schönen Herzens plötzlich vor mir in neuem Glanze, und ich hab' tief aufseufzen müssen. Ich hab' es Ihnen schon gestern gesagt, daß ich ebenso glücklich wie unglücklich, weil ich getrennt bin. aber geliebt! Als ich Ihnen vor acht Tagen meine Gedichte gab, da nahm ich mir innerlich vor, Ihnen nie den Namen dessen zu sagen, in dem mein Wesen aufgegangen ist. Es schien mir selbst Ihnen gegenüber eine Profan akion. Aber heut fühl' ich anders, auch anders wie gestern, da ich es Ihnen gegönnt hätte, aber doch um keinen Preis hätte sagen können. Jetzt aber sind Sie's gewiß wert, und ich fühl's, ich bin's Ihnen schuldig, damit Sie mich ganz begreifen und auch verstehn, wie nach so bitteren


