Ausgabe 
5.10.1926
 
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Flugzeug Hai also teilte Tragdecks in gewohntem Sinne. Seitlich vom Rumpf sind nur ^wei kurze Querruder eingebaut, die aller­dings vom Laien meist für Tragdeckrudimente gehalten werden.

Der Start bzw. der Flug vollzieht sich folgendennaßen: Die durch den Motor angetricbene Zugschraube gibt dem Autogyro die Vor­wärtsbewegung. Der hierdurch entstehende Fahrwind setzt die horizontalen Flügel in Bewegung, und bereits bei 100 bis 120 Um­drehungen wird der Apparat von der Erde abgehoben. Es sind schon bei geringen Fahrgeschwindigkeiten erhebliche Auftriebskräfte vor­handen, während andererseits der Luftwiderstand des rotierenden Flügels sehr gering ist. Bei der Landung zieht der Pilot die Ma­schine kurz vor der Landestelle hoch, so daß sie sich aufbäumt, ein starker Geschwindigkeitsverlust entsteht, und bei stetig weiter rotie­renden Flügeln erfolgt eine fast senkrechte sanfte 'Landung. Im folgenden sind noch einige technische Daten zusammengestellt.

'Das Fluggewicht des gesamten Apparates beträgt 800 Kg., der Durchmesser des rotierenden Flügels 11 Meter. Mit einem Motor von 120 P. 8. hatte das Flugzeug eine Höchstgeschwindigkeit von 150 Km., eine geringste Fluggeschwindigkeit von 50 Km. und eine Landegeschwindigkeit zwischen 17 und 20 Km. Beim Landen kam der Apparat je nach dem Winde nach 1 bis 10 Meter zum Stehen. In London landete er nach dem Fluge senkrecht auf einer ausgeleg­ten Zeitung.

Sternhimmel.

Don Johannes Schlaf.

Lieber der Welt steht der vollentsachte Sternhimmel. Wir wissen, man bezeichnet sein Gebilde, benennt sie und hat sie mit Damen benannt, die ehrwürdig und geheimnisvoll durch die Jahrtausende gehen und bis auf den Heuligen immer beibehalten worden sind, man beobachtet und berechnet ihre Bewegungen, stellt Vermutungen an über ihre stoffliche Beschaffenheit, beschreibt die Bildungen und Vorgänge ihrer Oberflächen, bis hinaus zur fernsten, hauchgleich verglimmenden Milchstraße, man lotet diese Tiefen aus, und es ist das ein no-wendiger und gerechtfertigter Drang unseres Geistes: doch schließlich ist es wohl nichts gegen den Eindruck feines unmittel­baren, durch kein Wort zu bezeichnenden Anblickes.

Schau zu ihm hinauf, wenn er sich in der Klarheit eines späten, trocknen Herbsttages bietet. Hohe Bäume in der Nähe des Hauses stehen in einem großen, eintönig gleichmäßigem, fernen Brausen. And in ihm auch die endlosen Wälder auf den Bergen draußen, und in die Weiten hinein die Gefilde und Landbreiten, und eine gehiemnisvoll geisterhafte Gegenwart der Ozeane über den Erdball hin, und ist doch eine große Stille. Vielleicht ist die tiefste Stille das über alle Sinne hinaus gewaltige Braufen eines hohen Ein- und Ewigkeitstvnes, die Unmaßen ungeheure Ausschwingung eines göttlichen Punktes hinter den Dingen. Aber es ist dir wohl, es fei der Akkord seiner übersinnlich erhabenen Harfe.

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Das diamanten in sich vibrierende zuckende Gewimmel da-oben scheint wohl ein Ehaos, in welchem du zu vergehen meinst. Aber dein Blick verweilt ja, es hält, hält dich, du vergehst nicht, in deiner Andacht ist etwas, das dich hält, es muh wohl ein Gemäßes, ihm Gewachsenes fein.

Hier ist das zujammenfaffende Bindend einer groß und ruhig gewölbten Flache. Du gewahrst den Unterschied von großen und kleinen Sternen, siehst die bestimmten, abgestuften Amlaufsbewe- gungen des Mondes und der Planeten, siehst nah beim Himmels­pol vorbei mitten hindurchgezogen, das Band der Milchstraße, siehst, wie die Ansammlungen gegen sie hin an Dichte zu-, und in beiden entgegengesetzten Dichtungen abnehmen; siehst Figuren: die herrliche, funkelnde Gestalt des Orion, die Siebengestirne des großen und des kleinen Wagens, das der Plejaden, den Winkel, den die Htz atzen machen, das W der Kassiopeia, den Sternhaufen des Haares der Berenika, die Spange der nördlichen Krone mit Stern Gemma in ihrer Mitte, das Gebilde der Seiet, die hingekniete Gestalt des Her­kules. Du siehst das Gesetz der waltenden, geistig dynamischen Grund­mathematik.

Dichte das Dohr hinauf und steh hinein.

Hier ist der seinem ersten Viertel nahe Mond. Du gewahrst, als schwebtest du weit draußen einsam im nächtlichen Daum über ihr, die große Halbfcheibe, siehst, wie sie vor dir langsam und ruhig gleitet. Du siehst hier und da bis zum weißen lichten Gelb in vie­lerlei Sorten von Grau schattiert große und kleinere Dundflecke, siehst die Dinggebirge mit ihren schwarzen Schlagschatten und ihrer.rau- hen Profilation, siehst geheimnisvolle Rinnen, Rillen und Runen, seltsame weiße hauchzarteFlockungen und arabeskenhaft ausgezweigte Ränder von'Hochlandmaffen, starre, weitausfchiehende, weihe Strah­lungsgebilde. Du siehst im Schwarz des Raumes, mit seinen zu bei­den Seiten in einer Linie hingereihten gelben Srabantenpünktchen die große, weißlich gelbe Scheibe Jupiters, mit hauchfeinen Tönun­gen von Lichtbraun, Dötlichbraun, Rosa, Blau, Violett, siehst einan­der parallel in bestimmtem Abstand von feinem Aequator hinge- zvgen seine beiden zart spinnwebgraueu Aequatorbänder, mit fei­nen, wie mit zartestem Bleistiftstrich hingehauchten Linien, Flecken, Buchtungen, Riffen drin, und gegen die beiden dunkleren Polkappen hin viele, einander parallel gehende, graue Linien, siehst wie diese Gebilde leise, langsam sich von dem einen Rand der Scheibe zum anderen Hinbewegen. Du siehst wie eine große Lichtorange Mars

mit dem weihen Segment seiner Polkappe, mit weihen und grauen Flecken. Du siehst in der Mitte seines Ringes den sahlglimmenden Saturn, siehst im Schwert des Orion, einen gehaucht phosphores­zierenden Fleck, den großen Orionnebel, in der Andromeda den glimmenden Linsenfleck des Andromedanebels, als einen talergroßen runden, bleich verschimmelnden Fleck den Ringnebel in der Leier, die krastblitzenden, in köstlichen Schnüren und Figuren gruppierten größeren, kleineren und feinsten Lichtpünktchen des Sternhaufens der Plejaden. And tauche hinein in die Geheirnniffe der Sternbil­der und der großen Lichtwolken der Milchstrahe, sieh endlos unab­zählbar Gewimmel von goldnen Pünktchen sich entfachen, jedes haarscharf licht eingezeichnet ins tiefe Schwarz des Raumes, steh es bestickt mit zartesten goldenen und diamantenen, grünen, blauen, roten orangefarbenen, lebendigen Edelsteinchen, sieh Winkel, Drei­ecke, Trapezchen, Vierecke, Parallelogramme, Häkchen, zierlichste Per- lenschnürchen; sieh bleiche Fleckchen fernst verglimmender Nebelchen. Oder nimm einen Krimstecher zur Hand und richte ihn auf Arktur oder Sirius, oder Prokhon. Antares, Spika, lah ihn ein wenig in der Hand hin und her zittern, oder bewege ihn mit kurzen Zuckun­gen in der Form der liegenden Acht, schwanke ihn ein wenig, und du siehst in den unbeschreiblichsten Spektralfarben die herrlichsten Edelsteinschnüre sich vor deinem Auge bewegen.

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Die Sterne sprechen. Lah weiße Kumuluswolken zwischen ihnen hinziehen, so ists ein besonderes und anderes, als wenn du sie zwischen Flockengewölk erblickst, und ein anderes ists, wenn sie zwischen zeriffenem Sturmgewvlk hervorzittern. Immer sagen sie dann ein besonderes Wort, das du fühlst, das etwas in dir genau zu unterscheiden weiß. Immer hat der abnehmende Mond, selbst bei klarem Himmel, etwas Tränenverschwommenes, Trübsinniges, manchmal Anheimliches. And ein anderes ists, wenn er als eine haarfeine Silbersichel lieblich in einem apfelgrünen Abendhimmel steht. And immer anders sind die Spiele des zunehmenden, oder der vollgerundeten Scheibe bei Auf- und Niedergang, über Baum- maffen, über Häusern, oder wenn sie groß und golden zwischen Sturmwolken dahinjagt; und ein anderes sind die krokusfarbenen, gelben, weinrötlichen, perlmutterfarben opalisierenden Farben, die er hinter Flvckengewölk stehend weckt. Ein anderes ist Saturn, wenn er weit nach Mitternacht in einsamer Nachtstille plötzlich sich fahlglimmend über dem First eines Hausdaches heraufschiebt, ein anderes der schöne, strahlende Jupiter über feierlich massig geballten Baumwipfeln, oder der rote Mars, wenn er, bei seinem Aufgang, groß und rund und fast erschreckend, wie ein fünfter, kleiner Mond dem fernen Horizontrand aufsteht. Hehr und freundlich am Sommer­abendhimmel über wogenden, in ihrer Reife knisternden Getreide­feldern die weiße Spika mit ihrem blauweißem Wechsellicht. Oder der blutrot und grün, bös zuckende Antares im Skorpion. Oder das Wort des kraftfunkelnden Orion mit feinen drei Gürtelsternen, feiner Keule und seinem Schwert, in seiner strahlenden Pracht. And ein anderes das Wort der Zirkumpolarsterne: des Großen Bären des Orpheus, der Kassiopeia. Ein anderes das Wort der wenigen großen Sterne des Sommerhimmels, ein anderes das der Sterne des Herbst- und das der Sterne des Winterhimmels. Ein anderes das der Sterne der noch hellen Abenddämmerung, wenn sie, einer nach dem anderen, hervortauchen aus dem sich verdunkelnden Blau: ein anderes das, mit welchem sie, einer nach dein anderen bleich und fröstelnd im Zwielicht des Sonnenaufgangs erlöschen, und das des allerletzten großen Sternes, der, wenn im Morgentau der erste Sang der Droffel und des Kuckucks sich erhebt, im Glast ertrinkt.

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Wie das ist, wenn sich plötzlich, unversehens, aus der großen kraftblitzenden Ruhe da oben, die man ewig regungslos meint, mit einer Bewegung, im schönen lichten Dogen, groß, leicht, sicher, eine Sternschnuppe, ein Meteor, loslöst, für Sekunden dahinfährt, lautlos wieder erlischt! Der Eindruck der Stille, man ist versucht zu sagen: Diskretion, mit der sich die unermeßlichen Dorgänge da oben vollziehen!

Oder das plötzliche Auftauchen eines Kometen aus der uner­gründlichen, stillen Tiefe gegen uns daher. Zu beobachten, wie sich ein nur im Fernrohr wahrnehmbarer, noch schweifloser Komet als eine dunstverschwommene, hauchfeine Ballung merkbar durch ein Sternbild dahinbewegt. Es ist ein Eindruck, der einem ganz un­willkürlich, wenn man ihn so im Rohr verfolgt, mit seinem unheim­lich fahl in sich glimmenden Licht unterm Herzen ein etwas unbe­hagliches, feines Kribbeln verursacht.

Die Rosen blühen, es singt eine Droffel. Zu Feierabend sitzen wir auf der Bank vor der Haustür. Die Dämmerung ist herein- gebrochen, die Kronen der Obstbäume hinten im Grasgartsn zeich­nen sich als fast schon schwarze Silhouetten gegen den blaßblauen Himmel ab. Ein Heimchen schrillt. An den Rosenbüschen hin ziehen grüngol&ige Pünktchen wunderliche im Zickzack gehende Bvgen- linien.

lieber den Bäumen aber steht wie ein weißgolgider kleiner Mond einsam sunkelnd die Abendstern gewordene Venus.

Es gibt nichts Schöneres, als so dazusihen und gestillten Herzens zu ihr hinaufzusehen. Bis dann ein Stern nach dem anderen aus der blauen Tiefe hervortritt und sie nun aus dem großen Himmels­heer mit goldener Herrlichkeit hervorstrahlt.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck der BrüHl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.