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von demgamle kulturland Tyskland" vorschwärmte, erzählte mir Schauergeschichten, wie die Roten mit Mord und Brand in Tammer- sors gehaust hatten. Heute deutet nur noch ein unscheinbares Zeichen darauf hin, daß auch jetzt noch in Tammerfors scharfe politische Spannungen bestehen: Das schöne Denkmal für die 1918 auf bürger­licher Seite Gefallen auf hoher Granitsäule eine schlanke nackte Jünglingsgestalt mit erhobenem Schwert trägt weder Namen noch Inschrift.

3.

Im Zuge zwischen Tammerfors und Abo. Jeder finnische Zug, auch ieder Schnellzug, macht alle paar Stunden einen halbstündigen Aufenthalt, damit die Fahrgäste im stets sehr großen, sehr hohen und sehr sauberen Wartesaal des hübschen einstöckigen und natürlich aus Holz gebauten Stationsgebäudes eine Mahlzeit einnehmen können. Viole kalte und warme Gerichte find fertig am Büfett zu haben, zu einem für unsere Begriffe ganz erstaunlich billigen Preise. Und draußen auf dem Bahnsteig stets das gleiche Bild: Hinter einer niedrigen Bank in langer Reihe aufmarjchiert 20 bis 30 Blondköpfe von fünf bis zehn Jahren, Jungens und Mädels, jeder setzt den rechten Fuß auf die Bank, hält auf beiden Armen ausgestreckt ein großes Tablett mit vielen kleinen Schalen voll Himbeeren oder Johannisbeeren nnb schreit aus Leibeskräften:Ms mark! Ms mark!" (Eine Finnmark find 10,6 Pfennig.)

In Abo, jetzt Ttirku, der alten Hauptstadt Finnlands, derWiege der finnischen Kultur". Sechs Jahrhunderte lag hier das Zentrum des Landes, bis im Jahre 1809 der russische Eroberer das kleine Heisingfors zum Range der Hauptstadt erhob, weil Abo zu weit von Petersburg lag und zu nahe an Stockholm. Wer aber mm erwartet, im Stadtbild von Abo etwa wie in dem von Lübeck oder Nürnberg auf Schritt und Tritt auf Denkmäler der Vergangenheit zu stoßen, der wird schwer enttäuscht: Die Stätte des Nordens find aus Holz erbaut, und bis tief ins 19. Jahrhundert wurde Abo rote alle Nordlandstädte mit der Regelmäßigkeit eines naturgesetz­lich bedingten Verhängnisses durchschnittlich alle 30 Jahre durch Feuer vollkommen vernichtet. So macht denn das heutige Abo, das trotz seiner 70 000 Einwohner zu neun Zehntel noch aus nur ein­geschossigen, hellfarbigen, schönen Holzhäusern besteht, einen funkel­nagelneuen Eindruck. In der granithügelbedeckten Uferlandschaft zu beiden Seiten des Auraslusses haben die Stadtarchitekten nach dem letzten großen Brande von 1826 ein mathematisch vollkommen ein­wandfreies Rechteck von 4 mal 2 Kilometer Seitenlänge abgesteckt und ohne jede Rücksicht auf die Bodengestaltung schachbrettartig auf­geteilt. Was in der Ebene ein Stadtbild von überwältigender Lang­weiligkeit erzeugt habe» würde, hat hier im Tal des Auraslusses ein städtebauliches Gebilde von höchst eigenartigen Wirkungen ge­schaffen. In mächtige!» Zuge schwingen diese breiten, geraden, lichten Straßen von Hügel zu Hügel quer durch das tiefe Tal, und ein Blick über die Aurabrücke hinweg in die in gewaltiger Steigung schnurgerade zum hochliegende» Kimstmuseum aufstrebende Au- rankatu zeigt, daß eme einfache von eingeschossigen uniformen Holz­häusern eingefaßte Straße eine in ihrer Art geradezu monumentale Raumgestaltung erzielen kann.

Wo die beiden Granitfelsen jede Straßenanlage verhindern, lagern sich schöne weite Parks mit wunderbaren Fernblicken in das rechtwinklige Netzwerk der Straßen ein.

Leider dringen auch schon in Abo Steinbaute» in immer größerer Zahl ein und zerstören seinen heute noch so schön bewahrte» fin­nische» Charakter. So eine vereinzelte, fünfstöckige, steinerne Miets­kaserne mit hohe» leeren Seitenwände» wirkt in einer Straße von lauter schöne» vollkomme» stileinheitlichen eingeschossige» Holzhäu­sern doppelt scheußlich.

5.

Wissenschaft und Bildung stehen in diesem schwachbevölkerte» armen Bauernland des Nordens in einem 'Ansehen, das den Aus­länder immer wieder in Erstaunen setzt. Finnland ist arm, sehr arm, und dem Staat stehen nicht die Mittel zur Berfügung, alle seine Bildungsziele durchzuführe». Da greifen sofort private Ver­einigungen unterstützend ein und stellen die notwendigen Mittel be­reit. So verfügt Abo über einen Reichtum an Bildungsanstalten, der kam» seinesgleichen hat. Wo findet sich eine andere Stadt von 70000 Einwohnern, die wie 21 bo nicht weniger als sechs überfüllte Gymnasien und zwei Universitäten aufweisen kann? Beide Uni­versitäten, eine für finnisch Sprechende und eine für schwedisch Sprechende, werden rein aus private» Mitteln unterhalten: Die finnische Staatsumversität ist in Heisingfors.

6.

Wie Granitblöcke in einem Meer von Streichholzschachtel» liegen in diesem modernen Abo die beiden einzigen noch erhaltenen mittel­alterlichen Bauten der Stadt: Dom und Schloß. Der Bischof von Finnland und der König von Schweden baute» hier in der Landes­hauptstadt schon um 1300 ihre mächtigen Bauten aus dem unver­gängliche» Baumaterial, das alle Brände überdauerte, aus Granit, und so haben wir hier neben der Sandstein- und Backsteingotik des mitteleuropäische» Kulturgebietes die Gotik in einer dritten Aus­prägung alsGranitgotik". Das Dominnere wird feit drei Jahren restauriert, und unter der liebenswürdigen Führung des Restaura­tors Dr. Rinne klettere ich über die wüsten Trümmerhaufen der aufgeriffenen Grabgewölbe des Kirchenschiffes. Zu Hunderten liegen hier enggereiht die schlanken, langbeinigen Skelette der vornehmsten Geschlechter Finnlands aus vielen Jahrhunderten in ihren offenen verfallenen Särgen. Sie müssen ihren Platz, an dem sie einst ruhig und gesichert den jüngsten Tag abwarten zu können glaubten, dem

neuen Vetonfußboden opfern, werden sorgfältig anthropometnsch vermegen (fie sind übrigens zum überwiegenden Teil reine nordische Rasse) und in einem großen Sammelgewölbe beigesetzt.

Das Langhaus des Domes die ursprüngliche Kirchenanlage ift übrigens nicht anders als die ins Riesenhafte übersetzte Form der frühmittelalterlichen, finnischen Dorfkirche: Ein mächtiger recht- eckiger Raum ohne Apsis, die granitenen Seitenwände von schmalen Fensteröffnungen durchbrochen, die schweren Spitzbogengewölbe, ge­tragen von einer Doppelreihe dicker, quadratischer Granitpfeiler. Aber an dies von schwerem nordischen Geist erfüllte Langhaus icyließt sich dann ein jüngerer Backsteinchor in Edelster Hochgotik, der nur von einem Baumeister der großen norddeutschen Backsteindome erbaut sein kann (wahrscheinlich dem Erbauer des Chores der Ma­rienkirche zu Stargard in Pommern, dem er, wie mir mein Führer mitteilt, fast bis ins einzelne gleicht).

7.

Am entgegengesetzten Ende der Stadt, wo der Aurafluß in den Schärengarten" der Ostsee mündet, liegt das Schloß, die Zwing­burg Finnlands. Von den schwedische» Königen um 1300 zum Schutz ihrer finnischen Kolonie angelegt, hat cs unzerstört die Jahr­hunderte überdauert: Bis 40 Meter hoch ragen die Granitwände der beiden kolossale» Langhäuser und quadratischen Türme desalten Baues" von 1300 empor, während der östlich vorgelagerteneue Bau" von 1500 sich mit dicke» niedriaen Rundtünnen wuchtig in die Breite dehnt.

Abo Stott ist die steingewordene Geschichte Finnlands. Die mäch­tigen Schloßhauptleute, die hier residierte!!, die Raroe Jngevaldsson, Bo Jonsson Grip, Klas Flemming und wie sie sonst hießen, waren die eigentlichen Herren Finnlands. Hier war es, wo einer von ihnen 1521 die Anführer des von Gustav Wasa gegen ihn gesandten Be- lagerimgsheeres bei einem Ausfall gefangen nahm und angesichts ihrer Leute draußen oben an der Mauer des Schlaffes aufhängen ließ.

Heute birgt Abo Slott in 70 Räumen eine wundervolle Samm­lung vollständiger Zimmereinrichtungen von der Renaissance bis zum Biedermeier.

8.

Langsam wandere ich durch den warme» Abend über breite lichte Straßen zu meinem Quartier, dem schönen HotelHamburger Börs" am riesengroßen quadratischen Alexanderstarg, dem Haupt- marktplatz von Abo. Im schattigen Hotelgarten spielt schon die abend­liche Jazzmusik und draußen aus der Köpmansgatan promenieren zu de» Klängen in dichten Reihen schlank, blond und blauäugig, aber die schmalen Gesichter merkwürdig ernst und kühl, die Backfische von Abo.

Das Windmühlsnflugzeug.

Von Harry F. H. Schmidt.

Auf dem Berliner Zentralflughafen wurde zum erste» Male in der deutschen Oeffentlichkeit ein neuer, für die Flugpraxis sehr aus­sichtsreicher Flugzeugtyp vorgeführt. Es handelt sich um den Autogyro, das Windmühlenslugzeug, das von einem spanischen In­genieur Don Juan de la Cierva vor einem Jahre konstruiert wurde. Um die Bedeutung dieser Erfindung erfassen zu können, müssen wir uns kurz die Vorteile und Nachteile unserer heutigen Flugzeuge vergegenwärtigen.

Der Hauptvorteil des modernen Flugzeuges ift feine hohe Ge­schwindigkeit, worauf seine sich stets steigernde Verwendung als Verkehrsmittel beruht. Es ist heute durchaus möglich, mit einem Flug­zeuge Geschwindigkeiten bis zu 400 Km. in der Stunde zu erzielen. Diesem Vorzug steht der Nachteil gegenüber, daß derartige Appa­rate eine gewisse Mindestgeschwindigkeit aufweifen müssen, um sich überhaupt in der Lust halte» zu könne», da ja der Auftrieb von der Geschwindigkeit abhängig ist. Diese Geschwindigkeit beträgt je nach dem Flugzeugtyp 60 bis 100 Km./Stde. und mehr und macht sich besonders beim Landen unangenehm bemerkbar, da das Flug­zeug mit dieser hohen Landegeschwindigkeit aus den Boden aufsetzt. Würde der Pilot diese Geschwindigkeit unterschreiten, so würde das Flugzeug einfach durchsacken. Diese sogenanntenDifferenzen der Geschwindigkeiten" also bei hoher Fahrgeschwindigkeit eine mög­lichst geringe Landegeschwindigkeit, recht groß zu gestalten, ist das Ziel des Flugzeugkonstrukteurs. Es kommt also vor alle» Dingen darauf an, die Landegeschwindigkeit auf den dritten oder vierten Teil des heute übliche» Wertes herabzudrücken durch Anwendung der sog. Schlitzflügel und des Fleitner-Rotorprinzips und anderer Einrichtungen, die aber alle noch in den Anfängen stecken.

Ei» gänzlich neuer Typ ist in den Hubschraubern geschaffen, die außer der Zugschraube über dem Flugzeug eine oder mehrere horizontal liegende Hubschrauben besitzen, die es ermöglichen, senk­recht zu starten. Derartige Flugzeuge haben schon größere Flüge gemacht, doch läßt ihre Betriebssicherheit und ihre Betriebswirtschaft­lichkeit recht viel zu wünschen übrig.

Ein Mittelding zwischen dem bekannten Flugzeugtyp und einem Hubschrauber ist das neue Windmühlenflugzeug. Wie das erste hat es Fahrgestell, Rumpf, Leitwerk, Motor und Zugschraube, wie der letztere erhält es seinen Auftrieb durch eine rotierende Tragfläche. Diese hat die Form von vier großen Windmühlenflügeln, die an einer leicht nach hinten geneigten senkrechten Achse gelenkig befestigt sind und auf Kugellager ruhen. Infolge der Zentrifugalkraft nehmen die Flügel eine horizontale Stellung ein. Mit dem Motor des Flugzeuges stehen diese Flügel in keinerlei Verbindung. Das