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der Mutter beizustehn. Während der Tod des Vaters an der starken Natur seines Bruders ohne merkbare Erschütterung vorüberging, suhlte er selbst sich so elend, daß er nur mit Mühe und Not seiner Schulpflicht Genüge tat. Ein Jahr später bestand er sein Maturi- tätsexamen uiid bezog die Universität, Landwirtschast 31t studieren. Im nächsten Semester wurde er nach Haifte berufen. Das Leiden seiner Mutter hatte sich verschlimmert, sie wußte, daß es keine Rettung mehr für sic gab. Ihm, als dem Aeltesten, dein künftigen Gutsherrn, legte sie die Verhältnisse dar. Er sah, daß dank ihrer Tüchtigkeit alles wohlgeordnet, war. Wie eine Heldin schied sie von hinnen. Ihre letzten Worte waren: „Ich hab mein Haus beschickt, nun mach' ich ruhig die Augen zui" Er war noch reichlich jung, als er das Gut übernahm, aber er legte die Hand an den Pflug, vom festen Willen getragen, vorwärts zu kommen. Heute durfte er sagen, er sah seine Arbeit vom Erfolg belohnt, toein Bruder hatte sich für den Beruf des Kaufmanns entschieden. Er machte in Frankfurt seine Lehrzeit durch, ging dann nach Köln, von dort nach -Liirin. Mit zweiunddreißig Jahren wurde er in Berlin als Direktor eines großen industriellen Unternehmens verpflichtet. Ein stattlicher Mann, dem der Körper Kraft und Gewandtheit verlieh, gefiel's ihm, sich mit Ueberfeincrung zu kleiden. Mochten andere darüber lächeln, bei ihm gehörten solche Aeußerlichkeiten zum vollkommenen Lebensgenuß. Vor einiger Zeit hatte er gemeldet, der Aufsichtsrat seiner Aktiengesellschaft habe seinen Reformvorschlägen einen im- begreiflichcn Widerstand entgegengesetzt. Im Bewußtsein dessen, was er wolle und leiste, habe er kurzerhand seine Stellung gekündigt. Daraufhin hätten die Herren sich nicht nur zu seiner Ansicht bekehrt, sie hätten ihm auch sein Gehalt erhöht. Er schrieb weiter, er habe die Absicht gehabt, sich zu verloben, bod) sei er in letzter Stunde vor der Dame gewarnt worden, von der er sein Wohl und Wehe erwartete, und habe die Beziehungen zu ihr abgebrochen. Was die holde Weiblichkeit anlange, habe er ein ganzes Register erlebt, gemischt aus schlauer Berechnung, Liebreiz und Verstellungskünsten. Allmählid) gewinne der Grundsatz bei ihm die Oberhand: er liebe sie alle und heirate keine. Ihn, den Gutsbesitzer, hatten die Auslassungen seines Bruders verdrossen. Er hatte von den Frauen eine bessere Meinung. Hatte er es bod) int Elternhaus empfunden, daß das wahrhaft beglückende nnb erhaltende Element darin eine Frau war — seine Mutter.
Zuerst wollte er dein Bruder eine derbe Abfertigung erteilen, dann hatte er sid) eines anderen besonnen, hatte in seiner Antwort die Dinge übergangen. All die Jahre war kein Mißklang unter ihnen ausgekommen. Das gute Verhältnis sollte keinen Wandel erfahren. Dietrick) stand in Großstadtgewühl, betrachtete die Welt auf seine Weise. Ihm, den Landwirt, war das Leben auf dem Freihof zum Quell geworden, daraus ihm ein ruhiges Glück entsprang. Wenn er bis dahin gezögert hatte, eine Frau in sein Haus zu führen, mar's einzig aus dem Bedenken heraus geschehen, ob er die rechte wähle, die ländliche Stille und Arbeit mit ihm zu teilen.
Den Nachmittag über verließ Hans Weckerling seine Wohnung nicht unb legte sich am Abend früher zu Bett, als dies gewöhnlich der Fall war. In der 'Nacht nahmen ihm starker Husten und Stiche in der Brust den Schlaf. Er war der letzte, aus einer Erkältung viel Wesens zu machen. Da aber sein Zustand trotz aller Hausmittel, die er anwnndte, eher schlechter beim besser wurde, befahl er am anderen Morgen dem Kutscher, in die Stadt zu fahren und den Arzt zu holen. Der kam, behorchte und beklopfte den Kranken, stellte die Körpertemperatur fest und sagte:
„Sie haben Bronchialkatarrh, Hans. Sie bleiben nalürlid) im Bett. Die Sache hat weiter nichts zu bedeuten. Wir wollen aber vorsichtig sein. Sie brauchen in der nächsten Zeit eine fortgesetzte, aufmerksame Pflege. Dazu reichen die Kräfte der alten Frau Dick nicht aus. Ick) werde Ihnen eine Schwester schicken. Bis sie kommt und mitbringt, was ich Ihnen verschreibe, machen Sie feuchte Umschläge auf die Brust und erneuern sie alle zwei Stunden. Id) werde morgen früh wieder nack) Ihnen sehen."
Er gab dem Gutsherrn die Hand und ging. Auf dem Flur erwartete ihn die Haushälterin. Der eröffnete er: „Herr Weckerling hat Lungenentzündung. Er weiß es aber nicht. Er hat beträchtliches Fieber, und ick) fürdjfe, es wird noch steigen. Lassen Sie niemand zu ihm. Ich besorge eine Schwester. Das Herz ist in Ordnung. Id) hoffe, die Krankheit nimmt einen normalen Verlauf."
Nachdem der Doktor in die Stadt zurückgekehrt war, begab er sicki sofort ins Schwesternhaus, für Weckerling eine PflegeAn zu bestellen.
„In den letzten Wochen," gab ihm die Oberin Bescheid, „seit die Grippe so bösartig auftritt, bin id) ständig in Verlegenheit, wie ich ollen Ansprüchen gerecht werden soll. In diesem Augenblick kann ich Ihnen nur nod) die Probeschwester Luise zur Verfügung stellen. Sw hat einen Kursus in der Krankenpflege durchgemacht, ist'oewmidt und zuverlässig."
„Ich möchte sie sprechen", sagte der Doktor.
Sie Schwester Luise ward herbeiqerufen. Sie mochte zwanzig n' <£ud) ein PE Jahre mehr. Sie hatte eine schöngerundete Stirn. Ihre großen dunklen Augen hatten einen eignen Glanz. Um feinen Lippen prägte sid) ein Zug von Güte aus. Unter ihren Mitschwestern waren alle Stände und Bildungsgrade vertreten, bei ihr verrieten Gang und Haltung sofort die Tochter aus gutem Hause.
, ^rgt händigte ihr die Rezepte ein, die er dem Patienten ver- Kbrieben hatte, gab ihr die nötigen Anweisungen und bat sie, so rasck) als moglick) auf den Freihof zu fahren.
Eins Stunde später war Schwester Luise unterwegs. Auf dem Gefilde lag voller Sonnenglanz. Die fernen Berge umspielte nn[- diger Duft.
Schwester Luise verglick) die Landschaft, durck) die sie der Wagen führte, mit ihrer ostpreußischen Heimat. An Wasserläufen war in 6er gesegneten Wetterau fein Mangel, aber die Seen fehlten, die das Landschaftsbild im Osten so herrlich belebten. Es fehlte nod) mehr Man konnte die Fremde liebgewinnen, in der Stille wanderten die Gedanken sehnsuchtsvoll in die Heimat zurück.
Schwester Luise entstammte einer alten Ossiziersfamilie. Ihr Vater, als junger Leutnant ein lockerer Zeisig, war aus dem fröhlichen Rheinland nach Ostpreußen strafversetzt worden. In Bruuiis- berg, wo er während eines Manövers im Quartier lag, lernte er die Tochter eines Rechtsanwalts kennen und führte sie als seine Gattin heim. Sie ertrug mit Langmut ihres Mannes große und kleine Eigenheiten. Der Ehe entsprossen ein Junge und ein Mädchen. Der Sohn verließ mit zwölf Jahren das Elternhaus, um sick) in der Kadettenanstalt zu Köslin für die Laufbahn des Offiziers vorzubereiten. Luise, die Tochter, wuchs in einer kleinen Garnisonstadt heran. Ihr Bruder hatte eben sein Leutnantspatent erhalten, als ihr Vater, der Major, bei einer Felddienstübung mit seinem Pferde stürzte, daß er besinnungslos vom Platz getragen wurde und ein paar Stunden später verschied. Die Witwe blieb mit kärglichen Mitteln zurück. Es fiel ihr schwer, den Zuschuß aufzubringen, dessen ihr Sahn, wenn er standesgemäß leben wollte, bedurfte. Obwohl kein Wort der Klage über ihre Lippen kam, fühlte sid) Luise, die Tochter, wie die Verhältnisse einmal lagen, in ihrer Untätigkeit bedruckt. Sie hatte die Kraft und den Willen, etwas zu leisten. Als Pflegerin der Frau eines entfernten Verwandten, der nahe bei Wiesbaden eine Pfarrei inne hatte, trat sie die erste Stelle an. Der Entschluß reifte in ihr, sich ganz dem Dienste der barmherzigen Liebe zu weihen. Seit fünf Monaten war sie dem Diakonissenhaus einer heNtzcyen Kreisstadt zugefeilt. Die Welt, der sie angehörte, lag wie nn Dammer hinter ihr. Nur zuweilen in langen Nächten wurde die Vergangenheit in ihr wach. Allerlei Bilder fauchten vor ihr auf Die kamen und zerrannen. Nicht sich selbst, sondern für andere leben, ranr jetzt heiliges Gebot. Aus der Tiefe ihres Herzens brach ein Schatz verborgener Liebe hervor. Opfermutig Tag und Nackt Kranken und Elenden eine treue Helferin zu fein, erfüllte sie mit friedvoller Freudigkeit.
Gegen Abend traf Schwester Luise auf dem Freihof ein und übernahm sogleich die Wartung des Kranken. Der lag mit fieber- glänzenden Augen, klagte über Atemnot und Schmerzen im Kopf. Ju der Nacht phanfafierfe er. Die Schwester kam nicht von seinem Bett. Frühmorgens schon war der Arzt zur Stelle. Er nahm die Schwester beiseite und sagte:
„Es ist eine Lungenentzündung der schwersten Form. Es bleibt bet meinen Anordnungen. Ick) lege Gewicht darauf, daß der Patient viel frische Luft erhält. Ich komme heut noch einmal wieder."
In den nächsten Tagen hing das Leben des Gutsherrn an einem Fcidchem Die ganze Kunst des Arztes war barauf gerichtet, bösartige Nebenkrankheiten zu bekämpfen. Die Schwester ging ihm voll Eifer unb Geschick zur Hanb. Das Fieber wollte und wollte nicht weichen. Endlich nach sechs langen bangen Wochen trat eine Wendung zum Besseren ein. Der Kranke selbst hafte die Empfindung, daß das Sdjmcrfte überstanden fei. l Fortsetzung folgt.)
Herbit in Finnland.
Von Dr. Hans Paul R 0 l o f f, Hamburg.
A b 0 (Turku), im Oktober.
1.
Bahnfahrt durch Finnland. Jin 40-Kilomefer-Tempo zuckelt der Schnellzug Helsinki — Tampere (Helsingfors — Tainmerfors) mit leinen breiten russischen Wagen durch die sonnige Landschaft. Diese Landschaft ist merfroürbig. Man fährt bauernb in einer nicht sehr breiten Walblichfung durch ein recht „buckliges" Land. Ueberall, besonders wenn der Wald einmal an die Bahnlinie heranfrilf, die charakteristischen Rundhöcker des Granits, glatt gefd)liffen durch die Gletscher der Eiszeit. Und in der Waldlichtung auf sehr dünner Humusdecke Wiesen und Felder in kleinen Stücken mit vielen einzelnen Holzhäusern, rot oder silbergrau verwittert. Anfangs wartet man noch darauf, daß man endlich einmal aus dem Walde heraus- kommf, aber schließlich geht es einem auf: Finnland ist heute noch nichts anderes als ein einziger, riesiger, 340 000 Quadratkilometer großer Wald, ein Wald, breiöicrtel fo groß wie Deutschland, und das bebaute Land, Aecker und Wiesen, liegt in dem riesigen Wald verstreut als kleine Lichtungen, die nod) nicht ein Zwölftel feiner Fläche ausmachen.
2.
Tampere (Tainmerfors), Finnlands Industriestadt, inmitten zahlloser Seen unb enblojer Wälder. Aber eine sehr eigenartige Jndu- ftrieftabt, eine Fabrikstadt ohne Mietskasernen und rauschende Schornsteine. Die Fabriken treiben die unendlichen Wasserkräfte des Landes, die „weiße" Kohle der unzähligen „forfe" und „kofkis" der Strom- schnellen, und die Straßen strecken sich wie in jeder echt siinischcn Stadt breit unb licht unb schnurgerade über Tal unb Hügel, besetzt mit schönen, eingeschossigen, hellfarbigen Holzhäusern, die sich so gleidjen wie ein Ei dem andern. Hier war im Kriege 1918 der Haupfsitz der Roten Garden, im der alte Stationsvorsteher aus Mm kleinen Nest hinten beim Ladogasee, der mit mir nach lammerfoxs zum Kongreß der „christlichen jungen Männer" fuhr und mir soviel


