Ausgabe 
5.10.1926
 
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Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Dienstag, den Z. Oktober "" Nummer 80

Liebeslied.

Bon Carl Ferdinands.

Alle Tag ist kein Sonntag, Alle Tag gibt's keinen Wein, Aber dir sollst alle Tage Recht lieb mit mir sein.

Und wenn ich mal tot bin, Söllst du denken an mich! Auch am Abend, eh' du einfchläfst. Aber weinen darfst du nicht.

Die Probeschwester.

Novelle von Alfred Bock.

Ueber dem Freihof webte der Friede des Feiertags. In den saüber gehn. aen, luftigen Ställen stand das Vieh behaglich kauend vor den gefüllten Raufen. Knechte und Mägde waren eben vom Kirchgang aus dem nahen Dorf zurückgekehrt. Trost der rauhen Oktoberluft hatten die Burschen ihre Tuchjacken abgelegt und schlen­derten, ihre Pfeifen rauchend, in Hemdärmeln über den Hof. Seit­wärts, wo Gefährte, Pflüge und Eggen standen, plauderten die Mädchen. Gleich würde es zum Essen schellen. Heut, am wonntag, gab's Sauerkraut und Schweinefleisch, danach gedämpfte Zwetschen. Alle kannten die Speisefolge. Schon lief ihnen das Wasser im Mund zusammen. Sie hatten einen gesegneten Appetit, in ihrem ausge­pichten Magen war Plast für sauer und süß.

Auch Hans Weckerling, der Gutsherr, hatte stch's in feinem Zimmer bequem gemacht. Er hatte die Woche über bärenmäßig ge­schafft. Gleich nachdem die Ernte eingebracht war, hatte er die Trockenlegung neu gekaufter versumpfter Ländereien in 'Angriff ge­nommen. Da er mit dem Wesen der Entwässerung völlig vertraut war, hatte er auf den Beistand eines Kulturingenieurs verzichtet und dadurch viel Geld gespart. Nun mar das Werk zum glücklichen Ende geführt.

Bald würde es sich zeigen, ob man dem trockenen, besser durch­lüfteten Boden ein gutes Erträgnis abgewann. In diesem Jahr hatte eine reichliche Ernte erhöhte Ausgaben wett gemacht. Reichtümer konnte man als Landwirt nicht mehr erwerben. Der Rusten war müßig, dach ständig und sicher. In den Städten mit ihren Fabrik­betrieben mochte es leicht geschehen, daß alles ins Stocken und Wanken geriet. Vor derlei Krisen blieb der Landwirt behütet. Die miitterlirf)e Erde ließ ihn nie ganz im Stich.

Der Gutsherr erhob sich und schritt in seinem ohne Prunk, ober mit Geschmack eingerichteten Arbeitszimmer auf und ab. In den letzten Tagen hatte er öfter beim Atmen Schmerzen im Rucken und in der Brust verspürt, doch waren die Beschwerden wieder ver­schwunden. Nun stellten sie sich aufs neue ein. Auch durchschauerte ihn ein Frostgefühl. Er mußte sich wohl erkältet haben.

Frau Dick, die Haushälterin, kam und meldete:Der Herr Braubach!"

Gleich darauf trat, den breittrüinpigen Hut in der Hand, ein hageres Männlein herein: Auf feinem wohlgebildeten Köpfchen ge­dieh eine Fülle gelockten Haares, das der Lebenswinter weiß gefärbt hatte. Er trug eine Brille, die sich auf dem winzigen Näschen wunderlich ausnahm. Hinter den großen Gläsern schauten ein Paar rehbraune Augen hervor.

Cs war der Agent und Gastwirt Friedrich Braubach. Er hatte auf der nahen Felsenburg die Wirtschaft gepachtet. Die überließ er Frau und Tochter und lief die Dörfer und Städtchen des Kreises ab. Er arbeitete, wie er sich ausdrückte, in Feuer und Leben. Das wollte besagen, er war Vertreter einer Feuer- und Lebensversiche- rungsgesellfchaft. Er machte auch Gedichte, die er vertrauten Freun­den vortrug. Sie handelten von Menschenwürde und Menschenrechten, waren von philosophischem Geist durchweht. Auf dem Freihof ging er feit vielen Jahren ein und aus. Er mar dem Gutsherrn gefällig, und da er Verstand hatte bis in die Fingerspitzen, ward manchmal sein Rat begehrt und befolgt. , ...

Guten Tag, Herr Weckerling!" begrüßte er den Gutsbesitzer. Ich war auf dem Hessischer Grund: die Arbeit soll den Werkmann loben. Das tut sie. Ich gratuliere!"

Danke", sagte Weckerling und bot Braubach, Platz zu nehmen.

Der redete weiter. . ,,

Ich mußte heut an Ihren Vater denken. Sie waren em Bürsch­chen von vier oder fünf Jahren, da wollte er die Aecker am ~tefen= weg trocken legen. Ich riet ihm zu Tonröhren. Er scheute die Kosten und meinte, offene Gräben täten'? auch. Ich stellte ihm vor, wie un­zweckmäßig das alte Verfahren war, vor allem, wieviel Kultur­

flächen die Gräben verschlangen,s war nicht möglich, ihn mnzu- stimmen."

Weckerling lächelte.

Er hat's halt auf seine Weise gut machen wollen. Da fällt mir was ein. Sie waren in alles hier eingeweiht und können mir vielleicht Auskunft geben. Ich habe in diesen Tagen einen Stoß Akten aus den siebziger Jahren gefunden. Mein Vater hat damals eine Menge Prozesse geführt. Wie kam er dazu?"

Braubach nahm seine Brille ab und begann mit dem Taschen­tuch die Gläser zu putzen.

Ja, wie kam er'dazu! Wer mit ihm geschäftlich zu tun hatte und sich als Biedermann aufspielte, dem glaubte er. Merkte er, daß er betrogen war, wollte er fein Recht und ging ans Gericht. Hie und da mag er gewonnen haben, meist zog er den Kürzeren. Nun sollte man meinen, daß er nach mancherlei trüben Erfahrungen nicht mehr so vertrauensselig war. Er blieb der alte, ließ sich immer wieder etwas vorfackeln und mußte hinterher den Schaden bezahlen. Ich hab auf Ihren Vater große Stücke gehalten, ober darüber war ich mir klar, ein rechter Landwirt und gar ein Geschäftsmann mar er nicht."

Braubach fetzte seine Brille wieder auf und steckte das Taschen­tuch ein. Da der Gutsherr schwieg, fuhr er fort:

Ich vergeß es nicht, in Friedberg hatten die Landwirte aus dem Kreis eine Versammlung. Es sollen wichtige Beschlüsse gefaßt wer­den. Ich hatte damals in Muschenheim zu tun. Wie ich heimging, guckt' ich auf dem Freihof herein. Der Herr Weckerling, dacht' ich, wird in Friedberg fein. Da rief er mir zu:Braubächelchen, wohin?" Was," jagt ich,Sie find nicht in Friedberg?"Nein," sagt er, treten Sie doch näher!" Er ging mit mir in die blaue Stube droben.Der Pfarrer Müller in Staden," sagt er,hat mir seine neueste Violinsonate geschickt. Die wollen wir heul' probieren. Es sind verteufelt schwere Figuren darin, aber ich krieg sie heraus." Nun holte er feine Geige herbei und fing an zu spielen. Er war wie verwandelt. Seine Muskeln spannten sich, die Finger packten das Griffbrett wie Bänder von Eisen. Der Bogen flitzte über die Saiten. Der da spielte, war ein Künstler!"

Ja, er war ein Künstler", wiederholte der Gutsherr.Und daß er sich nicht ausbilden konnte, daran war die Engherzigkeit meiner Großeltern schuld."

Der Agent senkte den Blick und seufzte.

Ich will mich mit Ihrem Vater nicht vergleichen, aber ich kann auch ein Lied davon fingen, was es heißt, in der Tagesfron stehen und inwendig spüren, daß man zu was Besserem geschaffen ist!"

Er stand auf, trat ans Fenster und nahm dann seinen Platz wieder ein.

Sie waren noch zu jung, Herr Weckerling, Sie wissen's nicht, wie Ihr Baier unter dem Zwiespalt gelitten hat. der ihm das Leben zerriß. Eine Zeitlang ist er wie gemütskrank gewesen. Er bildete sich ein, er könnte das Gut nicht mehr halten, wollte es ver­kaufen. Daß Sie jetzt als Herr auf dem Freihofe fisten, verdanken Sie Ihrer Mutter. Das roar eine tapfere, finge Frau. Sie hot tnirs einmal anvertraut, was sie durchgemacht hat. Sie war schon leidend, sie hat's unterdrückt, hüt alles'daran gesetzt, ihren Mann aufrecht zer erhalten. Sie tats mit blutendem Herzen und hat's gezwungen. Ihresgleichen gab's und gibts nicht wieder. Daß ich einen Stein bei ihr im Brett hakte, darauf bin ich heut noch stolz!"

Der Gutsherr preßte des Alten Hand und sagte:

Wahre Freundschaft ist nur unter guten Menschen. Bleiben Sie mir, was Sie den Eltern waren: ein treuer Freund!"

Draußen rief bie Schelle zum Mittagbrot. Weckerling lud Brau­bach ein, mit ihm zu speisen. Der Agent lehnte ab, er müsse weiter.

Dem Gutsberrn mundete das Essen nicht, kaum, daß er die Ge­richte berührte, die seine Haushälterin auftrug.

,Jch dachte, der Appetit käme, wenn Sie die guten Sachen vor sich sähen", sagte sie mit betrübter Miene.Sie müssen sich ver­dorben haben," . _.

Nach Tisch streckte sich Weckerling auf feinem Liegesessel aus. Die Unterhaltung, bie er mit. bem Freund gepflogen, hatte viele iveh- mütiqe Erinnerungen in ihm wachgerufen. Zu jener Zeit, da fein Bister in schwere Krankheit verfallen war, besuchte er mit seinem um drei Jahre jüngeren Bruder bas Gymnasium in Friedberg. An einem stürmischen Dezembertag hielt der Peter vom Frechos mit der Halbchaise vor der Schule und holte sie beide. Der Mebizmalrak Lorenz, faate er, fei schon seit Mittag draußen, es stände schlecht mit dem Herrn. Sie trafen den Vater noch lebend, er kämpfte den leisten Kampf. Um Mitternacht hätte er ausgelitten. Sie führten die Mutter in bie Fremdenstube und drangen darauf, daß sie dem ermatteten Körver Ruhe gönnte. Dann gingen fie wieder in das Sterbezimmer Und gelobten einander, in brüderlicher Liebe zufammenzuhalten und