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war. Hastig trat er einen Schritt vor, sich kurz zu verbeugen; und es klang wie ein Kommando, als er sagte: Heute vor neun Jahren sei bei Gadebusch in Schwerin der Dichter Theodor Körner gefallen. Er habe sein BändchenLeier und Schwert" in der Hand; darin stände sein Lied von Lützows Jagd, das nicht so vergessen sein sollte. Er wolle es singen!

Ehe die anderen sich ihrer Verdutzung entschlagen konnten, hatte er schon begonnen. Da waren sie freilich erstaunt, was für eine markige Stimme dieser schweigsame Gast hatte, und wie klug er sie, ohne Sänger zu sein, in der Höhe und Tiefe gebrauchte. Mehr noch als dies wirkten die Worte des Liedes in der männlichen Kraft, die er ihnen gab; so däß die Lust, die eben noch voin Gemisch all der Arien und Liebhaberlieder erfüllt gewesen war, auf einmal reingefegt ivurde.

Kaum war die erste Strophe verklungen, und der Sänger hob schon sein Buch, nach der zweiten zu blicken, ehe er wieder begann, als der Herr im Frack ihm lebhaft abwinkte:Ditte noch einmal von vorn!" sagte er heftig,ich werde begleiten!" Und war die Gesellschaft der markigen Stimme erstaunt gewesen, so war sie es mehr dieser Begleitung: Hörner und Trommeln tönten ba aus den Saiten, als wenn es nicht mehr das Lied von Lützows wilder verwegener Jagd, sondern die schwarze Jägerschar selber wäre, die da heranbrauste.

So kam in all diese Herzen, denen das große Erlebnis in der täglichen Abhaltung ihrer Geschäfte und Vergnügungen schon eine halbe Vergessenheit war, noch einmal ein Hall der Tage zurück, da die Jugend ihr Leben hinwarf für die Befreiung, da auf den Bergen die Feuer brannten und in den Herzen der Haß gegen die welschen Bedrücker, da über dem einzelnen Volk und Vaterland waren. Lind wenn die wenigsten auch die Worte des Liedes wußten, den Chor kannten alle und stimmten erst zaghaft, dann immer begeisterter ein.

Sie hatten auf diese Weise das brausende Lied fast zu Ende gesungen, als den meisten unbemerkt die Tür aufgemacht wurde und ein alter Herr leise hereintrat, der auch ein neu» angekommener Gast sein mochte und durch den Gesang angelockt schien. @r, blieb zuerst an der Tür stehen und wollte tapfer den Chor mitfingen; bald aber sahen, die ihn bemerkt hatten, daß ihm die Rührung zu schaffen machte. Bei der letzten Strophe gab er seine vergebliche Haltung auf, so daß der weißhaarige Herr, als das Lied aus war, mit aufgestütztem Kopf am Tisch dasaß, sein Gesicht und auch wohl die Dränen in den Händen ver­bergend.

Aun hatten sie zwar das Lied zum Gedächtnis des gefallenen Dichters gesungen, und von der Wehmut dessen, der röchelnd vom Sonnenlicht schied, war ein Schatten in allen Herzen geblieben. Aber der weinende Mann lenkte die Gefühle auf die Väter und Mütter der Gefallenen zurück; so konnte der Kauf- mann aus Leipzig, Bem diese Wendung des Abends mit jeder Minute mehr mißfallen hatte, seinem Verdruß auf eine schick­liche Weise Luft machen:

Es sei gut und recht, des gefallenen Dichters zu gedenken, sagte er in die Schweigsamkeit der anderen Hinein und wußte seinen Worten einen würdigen Klang zu geben, trotzdem er sächselte. Schon, weil der Herr Theodor Körner sein Landsmann gewesen wäre, wolle er der letzte fein, ihm diese Ehre zu nehmen. Aber er hätte die Toten in Leipzig seinerzeit mit begraben Mehr als dreißigtaufend Tote, meine Damen und Herren!" zürnte er und- hob seinen Zeigefinger warnend dazu. Manche Straßen hätten so voll gelegen, daß man nicht durchkonnte vor Leichen und Blut. Bon den Verstümmelten gar nicht zu reden! Die Jagd habe in der Aähe anders ausgesehen als in der Ferne. Statt begeistert zu singen, sollten sie lieber mit diesem würdigen Herrn dasitzen und weinen oder das ganz abscheuliche Lied sobald als möglich vergessen!

Als der Kaufmann aus Leipzig zu Ende war mit seiner Rede, strich er den schwarzen Schnurrbart zurecht; aber es sah keiner auf ihn, weil der alte Herr aufstand und abwehrend winkte. Doch ehe er noch ein Wort lagen konnte, fuhr ihm schon eine ältere Dame aus Potsdam dazwischen, die zu schlohweißen Haaren ein rotgesundes Gesicht hatte und blitzblanke Augen: sie wollte nie wieder Krieg; und was der Kaufmann aus Leipzig verdrießlich gesagt hatte, auch um der Dame aus Jüterbog willen, die ihn mit zehrenden Blicken ansah, dem wußte sie Schwung und Feuer zu geben. So daß dieselben Menschen, die eben noch begeistert den Chor zu der verwegenen Jagd Lützows gesungen hatten, nun eine nicht unedle Rede vernahmen, wie sich der einzelne aus seiner Volkheit befreien und aus der Dumpfheit seiner Süchte zur Menschenbrüderlichkeit empor­arbeiten müßte.

Die Dame von Potsdam war eine gescheite und auch wohl herzliche Frau; sie wußte das, was sie wollte, in Kuge und klare Worte zu fassen; und als sie zuletzt auf den Schmerz dieses Vaters hinwies, blinkten ihr selber die Tränen.

Der alte Herr hatte längst die Hand und den Kopf dazu sinken lassen; nun hob er sich in die Brust und wollte sein Wort sagen. Aber da kam ihm der Sänger dazwischen. Der hatte schon lange stirnrunzelnd gestanden; jetzt rückte er seine Binde zurecht und sagte mit seiner dunklen Kraft in die Stille hinein, darin! die hellen Laute der Dame verklangen: Er habe neun Jahre nachher und neunzehn Jahre vorher den Frieden erlebt; wäre nicht dieses einzige Jahr des Krieges gewesen denn beim zweiten habe er schon einen ^gesunden Arm zu wenig gehabt,

ihn hätte der Ekel am Leben gefressen. Oder ob das wohl eüw Mann hieße, dem nicht der Tod fein Lebensgesell wäre?

Er hatte scharf und bitter gesprochen; wie vorher sein Lied, war auch sein Wort aus einer anderen Luft hergefahren, als sie in Alepisbad wehte. Aber so leicht war die Dame aus Potsdam nicht zum Schweigen zu bringen:Seht diesen Greis und fühlt feine Tränen!" sagte sie schlicht und zeigte auf ihn, der längst keine Dräne mehr hatte und kopfschüttelnd vortrat, das Seine zu sagen. .

Aber auch diesmal gelang ihm das Wort nicht, weil nun noch der Herr im Frack ihm zuvorkam:Sollte nicht Krieg feilt, es gäbe keinen!" begann er und sah seiner schönen Frau in die staunenden Augen.Wir sehen die Welt aus unserem Wenschen- tag an und möchten die Sterne an unser Wohlleben stecken. Was aber groß ist, lebt nicht vom täglichen Brot. Hört doch das Lieb, wie es die Mädchen und Burschen im Dorf abends fingen! Die leiern nicht ihren Jungfernkranz ab: Liebe und Leid, bas weiß ihr Med wohl, halten das Dasein zusammen; und der Tod ist der Schatten des Lebens, ohne den es sein Licht gleichwohl verlöre. Wäre nicht Schmerz, wo bliebe die Fr>eude?"

Da aber war eis dem Kaufmann aus Leipzig genug:Wir sind hier kein Volk, mein geachteter Herr!" schnaubte er los. Un& wenn wir das Lied vom Jungserrckranz singen, so tun wir das, weil Musik darin ist. In dem Lied von der Wenschenjagd aber ist keine. Das sind Trommeln und Hörner, als hätten Sol­daten sich abends bei Tabak und Bier die Melodie selber ge­sungen !

Als der Kaufmann aus Leipzig seinem Unmut Lust gemacht hatte, wußte er nicht, was der Herr im Frack sich herausnahm, daß er so fröhlich lachte.Hat nicht", fragte die schöne Fraü von der Seite und lachte mit,ein gewisser Carl Maria trott! Weber beide Lieder gemacht?" Gr fühlte sich offen verhöhnt von diesen hochmüügen Gästen; und weil ihm, übel gereizt seit dem Lied, das Schlimmste geschah, daß einer den Kaufmann Lebrecht aus Leipzig nicht ernst nahm: schrie er den fröhlichen Lacher an und war blaurot vor Zorn.

So fand der fröhlich begonnene Abend in Alexisbad ein peinliches Ende; und nur, weil der Herr im Frack sich beherrschte: er habe gewiß nicht über etwas gelacht, das einem der Anwesen­den nahetreten könnte, sondern über ein Kuriosum, das ihn allein anginge! blieb ein häßlicher Streit abgewehrt. Aber weder die Stimmung des Jungfernkranzes noch die der wilden ver­wegenen Jagd wollte zurückkommen; und wiederum, wie das immer so geht, war mit der Stimmung bald auch die Gesellschaft verflogen.

Als sie zuletzt noch, zu fünfen unschlüssig dastanden, der alte Herr und der Sänger, das fremde Paar und die Dame aus Pots­dam, wollte der Sänger wieder Boden gewinnen:Da haben sie nun", wandte sich sein Sarkasmus gegen die Dame,ein Bild der Brüderlichkeit unter den Menschen,. die aus ihrer Volkheit befreit sind! Der Mensch ist kleines Getier; aus Liebe und Hatz kann er nichts machen, wenn er sich selber nicht los wird!"

So müßte immer Krieg sein?" fragte die Dame a«S Potsdam gereizt, und weil ihr der weinende Greis die einzige Hilfstruppe schien, wies sie noch einmal auf ihn, als wollte ffe sagen: Hier steht, der für mich zu zeugen bereit ist!

Da hatte der alte Herr endlich das Wort, aber er schien seiner nicht ebenso mächtig zu sein wie die Dame. Mit einem dankbaren Blick hob er die Hände gegen den Sänger, als wollte er ihn an der Brust nehmen; sein Gesicht, das die Spuren der Rührung noch zeigte, versuchte zu lächeln, aber er brachte auch das nicht heraus.Es tut mir leid," sagte er endlich und fand noch Zeit, sich artig nach links und rechts zu verbeugen, daß seine Absicht, nach so viel Mihlichkeiten etwas Scherzhaftes M sagen, deutlich wurde:es tut mir leid, daß mir so gleichsam der Apfel des Paris in die Hand gedrückt worden ist!"

Da aber war es dem Sänger genug:Wir handeln hier nicht mit Aepfeln!" sagte er grob. Und weil er sich sogleich schämte, aus seiner sarkastischen Rolle gefallen zu feta, brauste er auf und war dem Kaufmann aus Leipzig nicht eben unähnlich, als er den alten Herrn und die Dame zugleich mit seiner ein­zigen Faust anfuhr:In diesen Armen habe ich Theodor Köv- ner gehalten, als er kalt wurde von einer Kugel. Was sollen mir da die Reden von Frieden und Krieg? Ist er gestorben für das, was jetzt ist, oder für das, was wir waren? Hätte ihm einer gesagt, daß alte Herren bei seinem Lied weinen würde», oder Damen erbost wären, weil sie lieber den Jungfernkranz wänden: er hätte sich wieder lebendig gelacht trotz feiner Kugel. Es hat mir das Herz abgerissen, als er blaß wurde, aber ich habe seitdem keine Stunde gehabt, die nicht vor jener kniefaklen müßte, so Heilig war sie im Tod; und soll dem Leben hier seine Suppen rühren!"

Die Binde war ihm gerutscht, daß die Linke schlaff und leblos herabhing, indessen die Rechte sich über der keuchenden Brust in den Kleidern verkrallte, als wollte er seine Nacktheit herausreißen.

So hören Sie doch!" klagte der alte Herr; aber der Wütende konnte nicht hören.Ich habe Worte genug, zu erstickens" keuchte er noch und warf sich mit langen Schritten hinaus.

..Da haben Sie", sagte die Dame aus Potsdam und wies Hinter ihm Her mit ihrer rundlichen Hand, daß 6er Doppel ring ihrer Witwenschaft glänzte,da haben Sie Mars bei der Arbeit