Gießener jamilienblätter
Unterhaltungsbeilage znm Siehener Anzeiger
Jahrgang (926 Samstag, -en 5. Juni Nummerns
Sehnsucht.
Bon Josef Frhrn. von Eichemdorff.
Ach,! wie ist es doch gekommen. Daß die ferne Waldespracht So mein ganzes Herz genommen, Mich um alle Ruh' gebracht!
Wenn von drüben Lieder wehen, Waldhorn gar nicht enden will, Weih ich nicht, wie mir geschehen, lind im Herzen bet' ich still.
Könnt' ich zu den Wäldern fluchten, Mit dem Grün in frischer Lust Mich zum Himmelsglanz aufrichten Stark und frei wär' da die Brust!
Hörnerklang und Lieder kämen Richt so schmerzlich an mein Herz, Fröhlich, wollt' ich Abschied nehmen, Zog' auf ewig wälderwärts.
Carl Maria von Weber.
(Zu seinem 100. Todestag.)
Von Prof. Dc. Sans Joachim Moser-Seidelberg.
Obwohl es ein ernster Gedenktag ist, der jeden noch um nationale Kunst und Kultur bemühten Deutschen tief angeht, so wird doch weit stärker als die trauernde Erinnerung an den von Tragik um- witterten Verlust jenes großen Meisters die dankbare Freude erwachen, an solchem Tag in des Jahres bliihenderZeit uns wieder einmal stolz bewußt zu werden, wie viel wir an ihm besessen haben. Und wie viel wir an ihm noch immer weiter besitzen: denn der Meister des „Freischütz" und des „Oberon" ist uns keine tote, bloß noch historisch zu wertende Größe, ist auch nicht nur etwa ein Bildungsbesitz für beschränkte Schichten von „Kennern und Liebhabern", sondern ist und bleibt unser größter und volkstümlichster Opern- jomponist zwischen Mozart und Wagner. War man vielleicht zeitweilig geneigt, den Vertoner der „Euryanthe" mehr als wichtigen Nachfahren des Einen und Vorläufer des Andern zu betrachten, so tritt doch immer klarer auch sein von ihnen unabhängiger Eigenwert hervor, seine gleichberechtigte Sonderheit, die ihm mit jenen r großen Dreigestirn der deutschen Musikdramatik bindet. Gerade jüngsten Schicksale seines berühmten Schmerzenskindes, der „Euryanthe", zeigen das wachsende Verständnis unserer Zeit tot die Eigentümlichkeit der Weberschen Muse — während man das Werk erst fast drei Menschenalter lang wegen seiner anfechtbaren Dichtung vernachlässigte und es dann zehn Jahre lang durch Be- arbeitungsexpertmente zu „retten" versuchte, ist man heute endlich so weit gekommen, Weber als Weber zu genießen und Setmine von Chezy auf sich beruhen zu lassen; wie mir «.Strauß kürzlich in Sachen der von mir geleiteten Gesamtausgabe von Webers-Werken kennzeichnend schrieb: „Mir ist „Euryanthe" unbearbeitet schön genug," And mm setzt sich das edle Werk anscheinend wirklich noch allgemein in der Argestalt durch. .
Aber es geht, wenn wir Webers als Gesamterschelnung gedenken, nicht nur um den führenden Meister der romantischen Oper in Deutschland, so gewiß auch die Herrlichkeiten des ,,Freischütz in seinem Lebenswerk am hellsten strahlen (falls nicht leichtfertige Bühnenleiter dies wahrhaft schwierige Werk als „todsicheren Ladenhüter des „stehenden" Spielplans bis zur Unkenntlichkeit verschlampen lassen!). Es wäre hinzuweisen auf den blendend eleganten Klavierkomponisten der „Aufforderung zum Tanz, des „Rondo brillant", des F-moll-Konzertstücks, auf den Urheber inniger und schelmischer Lieder zum Klavier oder zur Guitarre, zündender Chorlieder wie „Lützows wilde verwegene Jagd dann wäre dreier großer Messen zu gedenken, die neben denen Schuberts als wichtigste Belege romantischer Kirchenmusik stehen, feuriger Kantaten, frohgelaunter Bläserkonzerte, liebenswürdiger Kammer-
Fas?"noch mehr jedoch fesselt den Blick Wesen und Werden der nienschlichen Persönlichkeit. Nur vierzig Lebensjahre sind ihm vergönnt gewesen — aber welche Entwicklung ans dem Trüben m die Klarheit haben sie gebracht, und dies durch nichts als eiserne Selbsterziehung des Charakters. Der zwanzigjährige Weber: ein scharmanter junger Kavalier, mit gewiß idealistischem Wollen, ^r verstrickt in Theateramouren und Sofmtriguen, bedroht von halb hochstaplerischen Ehrgeizen seines wunderlichen Vaters,
die den Sohn schließlich an den Rand des Abgrundes führten. And dann, nach dem erschütternden Erlebnis der schuldlos erlittenen Stuttgarter Saft, die allmähliche Zügelung und Disziplinierung. Aus einer zweiten schweren Schilfals- und Seelenkrise in der Prager Zeit führte ihn schließlich als guter Engel seine nachmalige Braut und Gattin hinaus in die Gefilde eines wahrhaft beglückenden Familienlebens. Ein dämonisches Schicksal hat diesen Mann aber nicht nur privatmenschlich, sondern auch beruflich immer wieder zum Leben in Fechterstellung gebracht und als ritterlichen Degen zum Sieger werden lassen.
Es waren die traurigen Jahrzehnte, in Venen zwar das deutsche Schwert den Korsen und seine Soldateska zum Lande hatte hinaus- treiben können, die deutschen Fürsten aber nicht entfernt daran dachten, auf ihren Opernbühnen nun auch — was das gesamte Volk ersehnte und erwartete —, der deutschen Art und Kunst zu ihrem Rechte zu verhelfen. Nichts ist bezeichnender dafür, als daß König Friedrich Wilhelm III. beim Pariser Einzug 1814 sich den französischen Soskapellmetster Gasparo Spontini für Berlin verpflichtete — der dann auch ivirklich zwanzig Jahre auf der preußischen Sofoper gelastet hat; in Wien, Dresden, München war's nicht besser — man glaubte dem Prunkbedürfnis nur mit italienischer Oper Genüge tun zu können und erklärte selbst die größten deutschen Leistungen — Zauberflöte, Fidelio — für bloß bürgerliche Ware zweiter Güte. Webers letztes, reifstes Jahrzehnt hat dem rastlofen Kampf gegen dtefe unwürdigen und ungerechtfertigten Vorurteile gedient, und leider ist es kaum zweifelhaft, daß die in diesem Ringen immer wieder erduldeten Bosheiten, Zurücksetzungen, Kränkungen seitens kleinlicher Dresdener Schranzen dazu beigetragen haben, feine kostbare Lebenskraft vorzeitig zu untergraben. Schließlich spitzte sich der Streit um das Sausrecht auf den deutschen Opernbühnen auf die Frage zu, ob unter den lebenden deutschen Komponisten einer sei, der neben Spontinis Ausstattungsopern etwas Gleichwertiges oder gar Aeberlegenes zu stellen habe. Weber hat mit dem überwältigenden Erfolg des „Freischütz" die Antwort gegeben und den Sieg des musikalischen Deutschland entschieden.
And siegreicher Kämpfer ist er noch in den letzten Nöten geblieben: als der bereits Todkranke daran denken mußte, Frau und Kinder nicht unversorgt zu hinterlassen, hat er noch mit heldenhafter Selbstüberwindung die Verpflichtung durchgeführt, für London den „Oberon" zu vertonen und an Ort und Stelle die ersten zwölf Aufführungen persönlich zu leiten. Danach ist er zusammengebrochen und am 5. Juni 1826 nachts still und einsam im ftemden Land hinübergeschlummert, ein Ritter ohne Furcht und Tadel. So gedenken wir nicht nur eines herrlichen schassenden Künstlers, sondern auch eines wahrhaft verehrungswürdigen deutschen Menschen.
Lützows wilde verwegene Jagd.
Novelle von Wilhelm Schäfer.
In Alexisbad an der Selke sahen einmal am Abend die Gäste und trieben, was in den Bädern der Brauch ist, wenn draußen die Regen die Wege weich gemacht hat und die Büsche noch triefen. Die ein Kartenspiel liebten, hockten bei Tabak und Bier seitab in der Schenke: die aber geselliger waren, hatten sich im Musikzimmer versammelt. And weil Badegäste sogleich sanglustig werden, wenn nur einer die Tasten zu schlagen versteht, kam es auch hier, daß sie ihre Stimmen versuchten. Ein Fräulein aus Jüterbog, das einen scharfen Sopran hatte, wußte die neuesten Schlager und schreckte nicht vor Koloraturen zuruck, indessen ein Kaufmann aus Leipzig nachhalf mit gutgemeinten! Akkorden. Dazwischen sangen die Damen und Herren im Ehor. und es wurde so ftöhlich wie immer, wenn die Musik, ihrer schwereren Dinge vergessend, der leichten Geselligkeit dient.
Nun sah aber abfeit der wärmenden Sänger ein Paar, das erst rum Abend gekommen und der Geseflschaft noch unbekannt war. Es schien an solcher Musik nicht eben Gefallen zu haben: denn der Herr, sauber im Frack, runzelte manchmal die Stirn: und als sie bald den Jungernkranz wanden, der seit dem „Freischütz- in Berlin das beliebteste Trällerlied war, sah er die sthone Frau neben sich vielsagend an und rang fast die Hände, wahre:» sie mit gequälter Schelmerei dazu lachte.
Als jedoch der Kranz ausgewunden, Überdies das Repertoire das aschblonden Fräuleins aus Jüterbog ziemlich erschöpft war, so daß eine Pause eintrat und die Stühle schon ruckten, als ob ein Tanz drohte, stand ein Herr auf, der dislang mit überein ander geschlagenen Deinen unter dem Licht des Fensterv gesessen und gelesen hatte. Er trug den linken Arm tn D<V Dinde, und die meisten wußten, daß er ein Beamter an Der Regierung in Magdeburg, namens Zenkers, und kriegsverletzt


