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das auf allen Tanzplätzen bsGspött ist, hier betrunken war und wie eine Sau sich im Kote wälzte, dort den Buben im Schoße sah oder sie um den Hals nahm, ich drehte ihr den ersten Tag den Hals um, und wenn ichs nicht vermöchte, so drehte ich mir selbst ihn ab."
„Olein, aber", sagte Grit, „sövli schlecht, und hab ich das nicht gewußt! Aber bist nit lätz beichtet, Anni? Man sagt gar viel in der Welt, die Leute sind gar schlecht heutzutage." „3a, Grit", sagte Anni, „selb ist wahr, und wer einem einen T für einen U machen kann, hat seine Freude dran, die besten Geilte nicht ausgenommen; aber was ich weih, ist wahr, selber gesehen hab ichs nicht, aber Leute haben es mir gesagt, die nicht lugen, und selbst Christen hat nichts dawidergehabt, als ich es ihm vorgehalten, und der Lausbub hat keinen Abscheu an solchen Dirnen, das ist, was mich am taubsten macht" „Das ist das best Zeichen," sagte Grit, „daß er nur den Narren mit ihnen treibt, darum hab nicht Kummer, Ernst macht er nicht aus der Sach." „Das weiht du nicht, Grit", sagte die Wirtin, „solch drNarretreiben hasse ich ver- slümert, zuletzt muh doch der der Narr sein, welcher andere dafür halten will; wie oft auch der Fuchs der Falle entrinnt, zuletzt gibt es ihn doch, es ist keiner so schlau, er findet am Ende eine noch Schlauere." „Weißt was, Anni," sagte Grit, „weis ihn an eilte andere hin im Ernst, so vergehn ihm die Flause mit Eisi auf dem Kabisgrat." „Weißt öppe eine Anständige, ein braves Meitli, wo Geld hat und eine Hausmutter gibt? Es sollte dein Schade nicht fein, Grit", sagte die Wirtin, „'s ist bös", sagte Grit, „es sind ihrer viele, die mannen möchten, und wo man meinen sollte, wie gut man es mache, wenn man sie anstelle, und hat mans getan, so kömmt einem das Rechte erst in die Obigen, und man möchte sich die Finger abbethen. Ängfraget mische ich mich in solche Sachen niemals, aber schon manchmal habe ich gemeint, ich wolle auch nicht mehr Bscheid und Antwort geben, wenn man mich fragt. Wie gut man es meint, so solle man doch immer alleine schuld sein, Wenns nicht gut geht, und dann kann man auch öppis Lützes meine, Habs ja grab erst erfahren. Aber weil du es bist, so will ich dir in Gottsname sagen, was mir gerade jetzt in Sinn gekommen ist; ich zweifle zwar, daß es viel abtragen wird."
„Olnni, Anni!" schallte es um des Hauses Ecke. „Wirst wohl warten, bis ich komme!" sagte unwillig die Wirtin. „Was ist dir in Sinn gekommen, Grit? Sags geschwind!" „Anni, Anni, komm doch recht, 's isch jemand da, sie wollen öppis z'esse", rief es. „Die können warten, werden wohl Weile haben, und aus der Haut ist noch niemand gefahren, toemt nicht gleich dagestanden ist, woran sie gedacht haben." Da kam der Stimme nach ein rüstiges Mädchen und sagte: „Dr tusig Gottswille komm! Es ist einer da, ich glaube, es sei der Amtsschreiber, und noch einer ist bei ihm, e Wüste, aber grufam so e Stolze und Herrschelige, vielleicht ists gar der Landvogt, die wollen was essen und Zapfenwein, sie seien pressiert, sagen sie, komm doch recht auf der Stelle!" „Ich wollte, sie wären an dsTüfels Kilbi! Was ich doch das Donnstigs Herrengeschmäus hasse, wo nichts kann als befehle und grämte über alles, was man ihne aufstellt. Sie haben die Olrt, immer das zu sein, wo sie nicht fein sollen, und kommen immer, wenn es einem am unbequemsten ist, wenn man sonst alle Hände voll zu tun hat, die Donnstige! Aber sag nnr nur noch geschwind, Grit, wen meinst?" fragte die Wirtin, indem sie ihren breiten Schoß von Bohnen und Bohnenfaden säuberte.
„Guten Abend, Frau Wirtin, guten Abend!" kam es um die Ecke, „ich muß sehen, wo Ihr stecket; wir möchten was essen, ein Fischlein oder sonst was Gutes, wie man es bei Euch findet, aber wir find pressiert, der Bruder von unferm Junker Landvogt ist bei mir, er ißt gern was Gutes. Was lebet Ihr geng, my liebt Frau Wirtin?" So sprach eine kleine, säbelbeinige Figur, blätter» natbichi und schwarzgelb im Gesicht und eine Schnupstrucke (Dose) in der Hand. „Soso, Herr Amtsschreiber", sagte die Wirtin, „so wie wir es gewohnt sind; es geht immer, wie es will, und nie, wie wir vollen", und machte dazu ein Gesicht, wie wenn fie des Herrn Amtsschreibers Schnupstrucke schlucken sollte. „Pardieu“, sagte der Herr Amtsschreiber, „klaget nicht! Wem die Fische in die Bahre (Netze) laufen ungejagt wie Euch, soll nicht klagen. Wollte wohl gerne mit Euch tauschen." „Ihr vexieret, wurdet Euch wohl noch besinnen, und von wegen den Fischen hat der Herr Amtsschreiber nicht zu klagen, die fettsten unb größten jagt man In seine Bahre, und wenn schon hie und da ein Hürlig (Seiner Fisch) sich zu uns verirrt, so ists ebe nume e Hürlig. e klyni Krott (Kröte), und nume Grät statt Fleisch Olber von wegen den Fischen, wie wollt ihr sie, gebacken oder an einer Sauce?" setzte die Wirtin rasch hinzu, um der Antwort auf ihren Hieb zuvorzukommen. „Beider Gattig, Frau Wirtin", sagte der Amtsschreiber, indem er eine Prise nahm, „wenn Ihr nämlich schöne große Flotellen habt und nicht nur Hürlig. Zuerst etwa ein halb Dutzend bon den schönsten — habt ihr pfundige? — an der Sauce und nachher eine Platte voll gebacken. Ihr macht sie ganz vortrefflich man ißt sie nirgends so, nur waren sie das letztemal etwas zu wenig gebacken, ein bißchen röster diesmal also; der Oberst ist ein Gourmand, und ich habe ihn expreß hierhergeführt. Er hatte hauptet, wir essen hier wie die Schweine, ich habe ihm gesagt, iS wolle ihn an einen Ort führen, wo man was kriege, was er weder en Holland noch in Frarckreich gefunden, darum wendet an.
<5rauOßttiiit! älitd apropos! In die Fischsauce vergesset nicht ein gut Glas Wein, das Brot brav geröstet und brav Zwiebelen; so einer alten Kriegsgurgel muß man die Sache stark machen, von wegen die sind von starkem Leder, älnd apropos! Das letztemal haben die Fische noch geblutet bei den Köpfen, eine Idee zu wenig waren sie, gebt also etwas weniges zu, von wegen die großen muß man etwas langer über dem Feuer haben als die kleinen."
„Wißt Ihr was, Herr Amtsschreiber," sagte die Wirtin, „kommt und kocht selbst, Ihr verficht das sicher viel besser als ich, Ihr könnt eS dann Punktum machen, wie es Euch recht ist. nüt für ungut!" „Potz, Frau Wirtin, potz, schon höhn! Ihr müßt mir da« nicht übel nehmen, es ist mir nicht wegen mir, und wenn ich nicht wüßte, wie Ihr eine vortreffliche Köchin wäret, so hätte ich den Oberst nicht hieherbringen dürfen. Aber eben wegen ihm möchte ich, daß alles perfekt wäre, daß er gar nichts auszusetzen fände, nicht ein Körnlein Salz zu viel, keins zu wenig. Es ist mir wegen der Ehre, daß er mir bekennen muß, man esse hier nicht wie die Schweine, sondern exquisit, Holland und Frankreich zTrotz. And schicket uns doch zwei Flaschen 1795ger Lacote, Ihr wißt wohl, von welchem ich meine, der Wein ist noch jung, aber er macht sich vortrefflich; zu den gebackenen bann schickt uns zwei Flaschen Neuenburger vorn ältern, er ist besser zu gebackenen Fischen als der Lacöte. Es ist mir daran gelegen, daß der Oberst heute eingesteht, wie einseitig und ungerecht er gewesen. Nicht wahr, Frau Wirttn, Ihr helft mir dazu und wendet an, was möglich ist? Es ist wegen der Ehre!" „Scheiße auf die Ehre!" dachte die Wirtin bei sich, sagte es aber nicht, sondern fragte nur: „Also nichts als Fische?" „Olein, gar nichts", sagte der Amtsschreiber, „möglich, daß bann später noch ein Stück guter Emmentaler nicht bös ist zu besserer OJerbauung.“ „älerfi, bring mir daS Schlüsselt zum Fischtrog und den Herren zwei Flaschen 1795ger!“ „Excusez, Frau Wirtin, wir wollen kommen und sehen, wie Ihr die Fische aus dem Tröge nehmt, das ist immer eine Sache, die mich sehr interessiert, Ihr glaubt es nicht." „Oberst", rief er. zum Fenster hinein, „kommt zum Fischtrog, sie wollen die Fische herausnehmen!"
Der Wirtin Gesicht ward wie eine glühende Kugel. „Jetzt glaube ich bald auch es sei kein Teufel mehr, oder er sei afe alte und nichts mehr nutz, sonst hätte er das Herregschmäus genomme, ehe es hiehergegabelt," brummte sie bei sich und schoß mit Schlüssel und Bährli fort, wie es ihr bei ihrer Dicke niemand zugetraut hätte.
Der Herr Oberst, eine steife Figur, aber glatt rasiert, wie sie damals noch waren, und der Amtsschreiber vermochten ihr nicht nachzubeinlen, schon war der Trog offen und das erste Opfer gefallen, als sie ihre Olafen in das Dunkel des hoffnungsreichM Troges stoßen konnten, in welchem die Wirtin wieder mit kundiger Hand ihr Dährchen spazieren ließ; ein schöner Fisch lag schon im großem Teller, den Uerfi nachgebracht hatte nebst einem kleinem Teller für die Backfische. „Das sind miserable Fische," sagte der Oberst, als die Wirtin das Bährli mit mehreren Fischen herauö- zog, vor sich h'.ilegte, während sie nach einer mächtigen Forelle griff und mit starkem Daumen ihr das Genick brach, „miserable Fische sinds! In Holland hat man sie ganz anders, zwei Schich lang hat man sie und zwanzig Pfund schwer, solche miserable Kreaturen sieht niemand an. Das werden die fürs Backen sein?" „Au contraire," sagte der Amtsschreiber, „das sind die für en sauce, Ihr glaubt nicht, was die für zartes Fleisch haben, Colonel, ganz anders als so zwanzigpfündige Klötze. Ich war auch in Holland und Weitz, was das für grobes Fleisch ist bei solchen Fischen, es Hat Faden wie bei uns das gröbste Stierest- sleisch" „Gerade das ist das beste," sagte der Oberst, „es scheint nur grob auf dem Teller, im Munde aber ists fein unb zart wie ein blanc-manger.“ „Du tout, Colonel, probiert erst das Fleisch, bann werdet Ihr anders reden. Aber, Frau Wirtin, Ihr leset wirllich nicht gut aus," sagte der Olmtsschreiber. dem es angst ward, „seht dort die zwei in jener Ecke, das sind zwei prächtige Stück, die nehmt, das sind wahrhaftig pfundige oder nz«hr!" Olber kurios wars, die Wirtin konnte diese Prachtstücke nicht fangen. Sie fuhr wie wild im Tröge hemm, zog heraus, sagte: „Das ward ihn fein!“, brach einer stattlichen Forelle das Genick, ehe der Amtsschreiber rufen konnte: „Wartet, wartet, das ist keiner von den zweien, dort find fie ja noch!"
So ging es, während bet Oberst über die Miserabilltawn schimpfte und erst Holland rühmte, dann Frarckreich noch mehr, bis wirklich schon sechs Opfer auf dem Deller lagen und der AmÄ- schreiber noch immer rief: „Da, da, Frau Wirttn, da find sie noch, die rechten, gebt mir doch die Dähre, es nimmt mich doch wunder, ob die nicht zu fangen feien." „Olber, Herr Amtsschreiber, es find schon sechs da," antwortete die Wirtin. „Alnb wären es zwölfe, >as ist jetzt gleich," sagte der Amtsschreiber, „gebt mir die Bahre!", griff darauf und fuhr damit rasch ins Wasser, wild darin herum, aber von seinen zwei Fischen konnte er keinen fangen, sie fuhren herum wie Blitze, und Blitzen nachzufahren, lehrt man befannt» ich in Schreibstuben nicht. Der Herr Amtsschreiber kam in Gusel (Eifer, Hitze), spritzte sich, achtete es nicht, da fiel ihm die Parücke ins OBaffer; wie das zuging, konnte er nie begreifen, aber im Eifer, wie er war, drückte er sie erst recht hinein, ehe er sie hec- ausfischte mit dem Bährli. l Fortsetzung folgt.)
Vchtistleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Derlag der Brühlfchen Aniv^Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen,


